Wie hoch ist eure Bereitschaft auf Verzicht ausgeprägt?

vom 07.09.2022, 16:22 Uhr

Heute ging es im Bundestag mal wieder hoch her und Oppositionsführer Merz hat die aktuelle Politik der Bundesregierung schwer kritisiert und einen Kurswechsel verlangt. Kanzler Scholz warf Merz im Gegenzug eine Spaltung der Gesellschaft vor in der es einen hohen Zusammenhalt sowie auch eine Bereitschaft auf Verzicht gäbe. Ich könnte solche Feststellungen nicht unterschreiben und sehe da viel Wunschdenken drin. Meine Bereitschaft auf Verzicht ist nahezu aufgebraucht und was den Zusammenhalt in der Gesellschaft anbelangt, da sehe ich auch ein etwas widersprüchliches Bild. Wie sehen denn eure diesbezüglichen Wahrnehmungen und Empfindungen aus?

Benutzeravatar

» Lupenleser » Beiträge: 815 » Talkpoints: 539,28 » Auszeichnung für 500 Beiträge



Lupenleser hat geschrieben:Meine Bereitschaft auf Verzicht ist nahezu aufgebraucht ...

Mich würde interessieren, auf was du verzichtest, und ob dir das Mehr, was du sonst hättest, wert ist, einem diktatorischen Angreifer eines anderen Landes und Massenmörder freie Hand zu geben. Es gab schon andere Zeiten, etwa die Ölkrise, als wir in unserer Wohnung mit sieben Personen damals auch nur ein Zimmer heizten, oder Zeiten hoher Arbeitslosigkeit vor Schröder von vier Millionen, in denen die Leute auf mehr verzichten mussten als heute und es keine Rettungspakete gab.

Ich hoffe, dass die Menschen weiterhin gegen Putin zusammenstehen und trotz Verzichts auf ihre Urlaubsreise der Ukraine weiterhin helfen. Ich sehe noch kein Auseinanderdriften der Gesellschaft. Ein sehr kleiner Teil spaltet sich ab, aber das ist nicht die Mehrheit, sondern ein winziger Splitter. Allerdings wünsche ich mir mehr Appelle und Erklärungen von Scholz und Steinmeier.

» blümchen » Beiträge: 4517 » Talkpoints: 75,18 » Auszeichnung für 4000 Beiträge


Wahrscheinlich ist mein Umfeld ein anderes als deines, basierend auf deinen Aussagen, die du hier tätigst, bin ich mir sogar ziemlich sicher, dass das so ist. Jedenfalls ist "Verzicht" in meinem Umfeld schon seit Jahren ein Thema und die Bereitschaft auf gewisse Dinge zumindest zeitweise zu verzichten ist tatsächlich relativ ausgeprägt.

Aber die Frage ist doch erst mal, was mit "Verzicht" überhaupt genau gemeint ist. Es ist inzwischen relativ leicht auf tierische Produkte zu verzichten. Es ist auch leicht ein halbes Jahr lang auf "Shopping" zu verzichten wenn der Kleiderschrank aus allen Nähten platzt. Es ist aber nicht so leicht auf das Auto zu verzichten wenn sich die Fahrzeit zur Arbeit dann verfünffacht. Und es hat sicher auch niemand Lust im Winter auf eine ausreichend geheizte Wohnung zu verzichten.

Ich sehe noch kein Auseinanderdriften der Gesellschaft. Ein sehr kleiner Teil spaltet sich ab, aber das ist nicht die Mehrheit, sondern ein winziger Splitter.

Und diese "Spaltung der Gesellschaft" ist auch das Wunschdenken von denen, die genau das für ihre Ziele brauchen. Als Opposition ist es immer gut wenn man so etwas herbei redet um damit den politischen Gegner zu diskreditieren und natürlich um der armen gespaltenen Gesellschaft sich selber als Lösung des vermeintlichen Problems zu verkaufen.

Benutzeravatar

» Cloudy24 » Beiträge: 26891 » Talkpoints: 167,17 » Auszeichnung für 26000 Beiträge



Absichtlich ohne ins Politische abzudriften, verzichten konnte ich schon immer ganz gut. Und angesichts der, sagen wir, allgemeinen Weltlage erscheint es mir auch immer sinnvoller, das sinnlose Hamsterrad des Konsums nicht immer mehr und mehr anzutreiben, bis uns das ganze Elend endgültig um die Ohren fliegt.

Ich finde es generell interessant, darüber nachzudenken, was "Verzicht" eigentlich bedeutet. Wenn jemand beispielsweise ein Faible für teure Schuhe hat und dennoch beschließt, 200 Paar sind genug, kann man das durchaus als Verzicht ansehen, weil sich die Person bewusst entscheiden konnte. Wenn jemand mit sehr schmalem Geldbeutel beispielsweise seit 10 Jahren nicht mehr im Urlaub weggefahren ist, weil es einfach finanziell nicht ging, ist das in meinen Augen kein "Verzicht". Genauso gut könnte ich behaupten, auf einen Privatjet oder eine Segeljacht zu "verzichten".

Auch finde ich nicht, dass "Verzicht" immer nur negativ belegt und als eine Art Opfer angesehen werden muss, oder dass etwas "weggenommen" wird. Die schon erwähnten tierischen Produkte fallen mir hier ein. Hier ist Verzicht in meinen Augen tatsächlich Einstellungssache.

» Gerbera » Beiträge: 10571 » Talkpoints: 4,12 » Auszeichnung für 10000 Beiträge



Ich denke, dass jeder Mensch was anderes unter "Verzicht" versteht, weil es ganz unterschiedliche Levels des Lebensstandards gibt. Mein vergleichsweise simpler Wohnstandard dürfte bei vielen Leuten wohl in die Kategorie Verzicht fallen, da ich nur in einer kleinen Wohnung wohne, kein Auto besitze und auch nur ziemlich wenige Sachen besitze. Wenn ich mich doch mal aufraffe, um neue Kleidung oder Schuhe zu kaufen, dann fällt das meistens weniger unter "Luxus", sondern unter "Notwendigkeit".

Allenfalls meine Reiseaktivitäten könnte man als Luxus verbuchen, aber immerhin fahre ich meistens mit der Bahn.

Benutzeravatar

» lascar » Beiträge: 3778 » Talkpoints: 688,38 » Auszeichnung für 3000 Beiträge


Ich befinde mich bereits aus gesundheitlichen Gründen im vorzeitigen Ruhestand. Wenn ich es nicht längst könnte, müsste ich mich daher in Verzicht üben. Das ist allerdings kein Problem für mich, ich kann mich meinen individuellen Möglichkeiten sehr gut anpassen. So habe ich mir jetzt auch schon einen genauen Plan gemacht, diesen Winter Heizkosten einzusparen, bzw. die Kosten auf dem jetzigen Level zu halten.

Das bedeutet für mich Verzicht auf Komfort, denn ich habe gerne mindestens 22 Grad in meinem Wohnzimmer. Wohl oder übel habe ich nun beschlossen, die Raumtemperatur auf 19 Grad zu reduzieren. Das Wohnzimmer ist der einzige Raum, den ich beheize. In den anderen Räumen wird keine Heizung aufgedreht. Küche erwärmt sich über den Wohnraum, da ich keine Tür im Wohnzimmer habe.

Bad darf 17 Grad haben, denn ich bin eingeschworene Kaltduscherin. Der Habeck und der Kretschmann würden mich feiern. :D Die Bereitschaft zur Einsparung von Heizgas ist bei mir nur aus Kostengründen vorhanden. Lieber ziehe ich mir eine warme Strickjacke über, als dass ich eintausend Euro in der Jahresabrechnung nachzahlen müsste. Hin und wieder eine Tasse Suppe und ein warmer Tee sind alle Male kostengünstiger als eine Horrorrechnung.

Meine Bereitschaft auf Verzicht entspringt also weniger meinem Naturell als der Einsicht und Vernunft. Man muss eben das beste aus der Situation machen. Mich beruhigt allerdings, dass die Multis weiterhin so gut an der Armut vieler Menschen verdienen.

Benutzeravatar

» Quasselfee » Beiträge: 2143 » Talkpoints: 30,45 » Auszeichnung für 2000 Beiträge


blümchen hat geschrieben:
Lupenleser hat geschrieben:Meine Bereitschaft auf Verzicht ist nahezu aufgebraucht ...

Mich würde interessieren, auf was du verzichtest, und ob dir das Mehr, was du sonst hättest, wert ist, einem diktatorischen Angreifer eines anderen Landes und Massenmörder freie Hand zu geben.

Ich bin zwar nicht Lupenleser aber ja, mir ist das Mehr an Lebensqualität für mich und mein Umfeld wichtiger als mit sinnloser Selbstgeißelung bis zum propagandierten Sieg der Ukraine durchzuhalten. Es ist mir schlicht egal, was mit der Ukraine geschieht, so wie es mir und der deutschen Politik weitestgehend schlicht egal war, was für Kriege in den letzten zwanzig Jahren auf der Welt so stattfanden.

Bei keinem anderen Konflikt hat man ein ähnliches Schauspiel gezeigt wie in diesem oder der Bevölkerung einen ähnlich schweren Verzicht / extra Belastungen aufgenötigt. Wäre der Angreifer nicht Russland, sondern die Vereinigten Staaten, würde dieser Konflikt, wie so viele andere auch, nur ein weiterer auf der Liste sein, unabhängig davon ob Angriffskrieg, Kriegsverbrechen, Verbrechen gegen die Menschlichkeit usw. oder nicht.

blümchen hat geschrieben:Es gab schon andere Zeiten, etwa die Ölkrise, als wir in unserer Wohnung mit sieben Personen damals auch nur ein Zimmer heizten, oder Zeiten hoher Arbeitslosigkeit vor Schröder von vier Millionen, in denen die Leute auf mehr verzichten mussten als heute und es keine Rettungspakete gab.

Beide Beispiele sind "passiert", das erste war außerhalb unserer Verantwortung und das zweite in seinen Auswirkungen längst nicht so dramatisch. Die jetzige Situation war allerdings absehbar und wurde herbeigeführt. Herbeigeführt durch Sanktionen die ganz schnell ins leere gelaufen sind. Russland war für Deutschland ein zuverlässiger und preiswerter Energielieferant und genau dieses Russland hat keine Probleme damit die Energie, auf die wir "freiwillig" verzichten, auf dem Weltmarkt loszuwerden.

blümchen hat geschrieben:Ich hoffe, dass die Menschen weiterhin gegen Putin zusammenstehen und trotz Verzichts auf ihre Urlaubsreise der Ukraine weiterhin helfen.

Mit dem Verzicht auf die Urlaubsreise ist es nicht getan, bei der Entwicklung der Energiepreise wird sich ein viel zu großer Teil der Bevölkerung auch zwischen Essen, Heizen und Strom entscheiden müssen. Mir scheint das du mit dem Wort Verzicht auch eine wie auch immer geartete romantisch naive Realität verbindest. Der selbstlose Verzicht um das große Böse aus dem Osten zu besiegen.

Billige Energie ist die Grundlage unserer Wirtschaft und allem was daran hängt, bricht sie weg haben wir Probleme, ganz große Probleme sogar. Für Privatpersonen, für Firmen und nicht zuletzt auch für die Sozialkassen wird es schwieriger wenn die Energiekosten steigen. Und so wie sie im Moment steigen wird die Belastung für viel zu viele zu hoch sein. Privatinsolvenzen, Firmenpleiten oder Abwanderung ins Ausland, Verarmung großer Teile der Gesellschaft und ein ausbluten der Sozialkassen aus der Notwendigkeit heraus, die Energiekosten für die ärmsten der Armen zu übernehmen.

Und das alles aus der Freiwilligkeit heraus, auf sichere und billige Energie zu verzichten, um einen Stellvertreterkrieg zu führen.

blümchen hat geschrieben:Ich sehe noch kein Auseinanderdriften der Gesellschaft. Ein sehr kleiner Teil spaltet sich ab, aber das ist nicht die Mehrheit, sondern ein winziger Splitter.

Der Splitter dürfte die kleine Schicht der Menschen sein, denen Mehrausgaben in astronomischer Höhe nicht das finanzielle Genick brechen. Der Rest verarmt gemeinsam.

blümchen hat geschrieben:Allerdings wünsche ich mir mehr Appelle und Erklärungen von Scholz und Steinmeier.

Alle Jahre wieder, durchhalten bis der Russe geschlagen ist.

» RavenThunder » Beiträge: 1296 » Talkpoints: 5,04 » Auszeichnung für 1000 Beiträge



Ich könnte zu jedem Satz von dir etwas sagen, mag aber im Moment nicht, weil ich dich und deinen Hintergrund nicht persönlich kenne. Man kann außerdem in wenigen Sätzen keine sinnvolle Diskussion führen.

RavenThunder hat geschrieben:Beide Beispiele sind "passiert", das erste war außerhalb unserer Verantwortung und das zweite in seinen Auswirkungen längst nicht so dramatisch.

:think: "passiert", "längst nicht so dramatisch"? Das sehe ich ein bisschen anders. Ich weiß nicht, wie alt du bist, ich war damals schon erwachsen und habe die Zeit bewusst erlebt. Die Ängste waren groß, Deutschland zögerlich. Hätten wir die Araber gegen Israel aktiv unterstützen sollen, um in unserer Wohnung nicht zu frieren? Hier ein interessanter Artikel aus dem Spiegel von 1973 aus der damaligen Sicht.

» blümchen » Beiträge: 4517 » Talkpoints: 75,18 » Auszeichnung für 4000 Beiträge


blümchen hat geschrieben:"längst nicht so dramatisch"?

Vier Millionen Arbeitslose sind längst nicht so dramatisch wie die jetzige Situation in der wir langfristige Schäden erwarten dürfen.

» RavenThunder » Beiträge: 1296 » Talkpoints: 5,04 » Auszeichnung für 1000 Beiträge


Konkreter bitte: Welche langfristigen Schäden, die wir damals nicht erwarten mussten? Meinst du Klimawandel? Club of Rome hat sein Buch "Grenzen des Wachstums" 1972 veröffentlicht. Ich stand schon oft gedanklich vor dem Abgrund mit mehr Ängsten als heute (natürlich subjektiv), Kalter Krieg mit realer Gefahr von Atomkrieg direkt über Deutschland, Waldsterben, Tschernobyl, vergiftete Lebensmittel, Ozonloch, das ist das erste, was mir so einfällt. Das heißt nicht, dass ich die heutige Situation als nicht schlimm empfinde, aber zurzeit bin ich eher optimistischer eingestellt als die meisten Medien.

» blümchen » Beiträge: 4517 » Talkpoints: 75,18 » Auszeichnung für 4000 Beiträge


Ähnliche Themen

Weitere interessante Themen

^