Review und Filmtipp:

vom 30.10.2009, 22:51 Uhr

Ich würde gerne eine kleine Abhandlung über den sehr gelungenen Film "What Dreams May Come" (Deutscher Titel: "Hinter Dem Horizont") schreiben. Der Film ist aus dem Jahre 1998 und leider relativ unbekannt. Da er jedoch zu meinen Favoriten im DVD-Regal gehört, möchte ich den Versuch unternehmen euch dafür zu begeistern.

Inhalt: Die Hauptperson Chris (gespielt von Robin Williams) verliebt sich im wahrsten Sinne des Wortes "unsterblich" in die Künstlerin Annie, die er auf einem Urlaubstrip kennen lernt. Die beiden heiraten, bekommen zwei Kinder und führen ein scheinbar perfektes Zusammenleben bis zu dem Tag, an dem beide Kinder bei einem Autounfall um ihr Leben kommen. Eine kurze Zeit später verstirbt auch Chris an den Folgen eines Verkehrsunfalls.

Chris findet sich in einer Art Traumwelt seiner Fantasie wieder, die man auch als "Himmel" bezeichnen könnte. Für ihn erscheint sein neuer Lebensraum als Teil eines romantisches Bildes, in welchem Annie ihre erste Begegnung, ein wunderschöner Ort der Schweizer Alpen, auf Leinwand dargestellt hatte. Er hat jedoch Probleme gewisse Details zu erkennen, da sein Fantasiegebilde nur solche Dinge darstellen kann, die er auch selbst begriffen und akzeptiert hat. So erkennt er zum Beispiel seine beiden Kinder, die er an dem wunderlichen Ort trifft, vorerst nicht.

Währenddessen verfällt Annie in tiefe Depression und beginnt symbolisch ihr Kunstwerk des ersten Treffens zu zerstören. Diese Handlung zeigt sich auch in Chris' Fantasiewelt, sodass er um ihr Wohl fürchtet. Scheinbar sind die beiden nicht nur ein gutes Paar gewesen, sondern auch Seelenverwandt. Einige Wochen nach dem Tod ihres Ehemannes begeht Annie Selbstmord und kommt in eine Art "Hölle". Ein Ort an dem sie nicht weiß wo sie ist, nicht versteht was sie getan hat, nicht erkennt wer sie wirklich ist und dazu verdammt ist auf ewig ihr Schicksal zu erleiden.

Chris möchte nicht akzeptieren, dass er seine geliebte Frau nicht wiedersehen darf und begibt sich auf die Suche nach ihr. Begleitet wird er von seinem Sohn in Gestalt eines früheren Vorgesetzten und einem Führer der Nachwelt. Die drei müssen auf ihrer Reise durch die "Unterwelt" einige Gefahren überwinden, die hauptsächlich aus Täuschungen bestehen, in denen Chris glaubt seine Frau gefunden zu haben, jedoch immer wieder irrt. Schlussendlich erreicht er die echte Annie.

Er begegnet ihr in einem verfallenen, düsteren Haus und bemüht sich passende Worte für ein solch groteskes Wiedersehen zu finden. Sie kann ihn jedoch gar nicht erkennen und bleibt in ihrem Wahn aus Angst und Verwirrung gefangen. Erst als Chris aufgibt und beschließt selbst ein tragisches Ende in der Hölle zu erleiden, erinnert sich Annie zurück. Diese Szene ist ein wichtiges Schlüsselereignis für eine Interpretation der Geschichte und stellt den Klimax der Handlung dar. Im Verlauf des Gesprächs gibt es einige Rückblenden in die Vergangenheit der beiden Charaktere, sodass klar wird, warum diese nicht in einem "Paradies", sondern in einem Chaos gelandet sind.

Nach dem Tod der Kinder kämpfte Annie mit ihrem Lebenswillen und hätte beinahe Suizid begangen. Chris bemühte sich nach Kräften eine starke Schulter für sie zu sein, doch im Endeffekt wollte sie statt einer Hilfeleistung die Scheidung. An dieses Ereignis erinnert sich Annie während der Klimax-Szene in der Hölle zurück, da Chris' Entschluss seinen Rettungsversuch aufzugeben antithetisch zu seinem Verhalten im Leben steht.

Über die Geschichte verteilt finden sich auch Hinweise auf das Verhältnis zu seinen Kindern. Seine Tochter erschien ihm in der Nachwelt als junge, asiatische Frau, da er seinen Kindern einmal erzählt hat, asiatische Stewardessen seien sehr schlau, hübsch und anmutig, woraufhin die Tochter diesem Bild nacheifern wollte. Sein Sohn stellte sich ihm im Himmel als Abbild eines Vorgesetzten aus Lebenszeit dar, was auf ein gestörtes Verhältnis zwischen Vater und Sohn hinweist.

Nachdem Chris versteht, was all diese Symbole und Fantasiegebilde ihm zeigen wollen, akzeptiert er den Tod seiner Geliebten und seiner selbst erst richtig. Plötzlich und unerwartet erwacht die gesamte Familie in einem "echten Paradies", welches der idealisierten Manifestation der ersten, glücklichen Begegnung der beiden Liebenden entspricht.

Interpretation: (Nur subjektiv, darum offen für Diskussionen.) Die Geschichte stellt trotz ihrer teilweise Klischee belasteten Bilder eine völlig andere Lebenssicht dar, als sie auf den ersten Blick vermuten lässt. Chris erscheint zu Beginn als Held im Leben und heroischer Retter im Himmel. Er liebt seine Frau und seine Kinder, verhält sich immer gut gegenüber den Menschen und behält seine Liebe über den Tod hinaus.

Das alles ist jedoch nur ein abgenutztes, verklärtes Bild. In Wirklichkeit hat Chris es nie geschafft, seine Kinder wirklich für das anzuerkennen, was sie waren. Er hatte Erwartungen an ihre Art zu leben, die nicht erfüllbar waren. So war sein Anspruch an schulische Leistungen höher, als sein Sohn sie erreichen konnte. Außerdem wollte er zwar seiner Frau Unterstützung anbieten, fand jedoch, durch seine eigene Stärke und der damit verbundenen Überlegenheit, keinen Zugang zu ihrer Gefühlswelt. Er zeigt Vertrauen nur gegenüber solchen Menschen, denen er eine gewisse Kompetenz zuschreibt, so also seinem Vorgesetzten. Vermutlich möchte der Sohn diese Autoritätsperson, während der Reise in die Hölle, darstellen, da ihr Chris vertraut. Der Sohn fand sich selbst also immer unterdrückt, trotz der ehrlich gemeinten Liebe seines Vaters.

Chris muss aus den Geschehnissen heraus erkennen, dass er seine gesamte Wahrnehmung im Leben getrübt hatte durch den Versuch alles richtig zu machen. Dieses Verhalten löste Druck und Zwänge aus, die in der auf die Spitze getriebenen, künstlerischen Weiterführung der Konfliktproblematik zu einem totalen Chaos führten.

Bewertung: Ich finde die Geschichte des Films sehr ansprechend, da sie neue Ansätze der Lebensanschauung verfolgt und zu einem wirklich tiefen Nachdenken anregen kann. Zudem ist die cinematographische Umsetzung sehr schön, wofür der Film auch mit einem Oskar ausgezeichnet worden ist. Die Animationstechnik ist sehr künstlerisch und liegt "nah am Herzen des Betrachters".

» Hephaistos » Beiträge: 102 » Talkpoints: 6,67 » Auszeichnung für 100 Beiträge



Von diesem Film habe ich noch nichts gehört und ich danke dir für die ausführliche Beschreibung. Einerseits scheint der Film sehr interessant zu sein und ich kann mir schon vorstellen, ihn mir mal anzuschauen, wenn er mal im Fernsehen läuft.

Aber gleichzeitig klingt die Beschreibung auch sehr kompliziert und das ist ein Punkt, der mir nicht so gut gefällt, weil ich mich auf einen Film zwar schon konzentrieren möchte, aber nicht so sehr, dass ich Bedenken haben muss, etwas zu verpassen, wenn ich mal einige Sekunden nicht schaue.

» Barbara Ann » Beiträge: 28018 » Talkpoints: 83,16 » Auszeichnung für 28000 Beiträge


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