Schaustellerin Aloisia Wagner - geboren ohne Arme und Beine

vom 19.01.2014, 01:20 Uhr

Im Zeitraum um die vorletzte Jahrhundertwende herum traten viele Leute in Kuriositätenkabinetten auf Rummelplätzen auf. Viele dieser menschlichen "Kuriositäten" waren Personen mit aus damaliger Sicht merkwürdig anzusehenden Körperbehinderungen. Einerseits kann man es fragwürdig und unmenschlich finden, körperbehinderte Personen zu begaffen und dafür Eintrittsgelder zu bezahlen, andererseits hatten Menschen mit extremen körperlichen Behinderungen damals keine anderen Möglichkeiten, sich ihr Leben zu finanzieren, und ein wirkliches Sozialsystem, von dem sie hätten leben können, gab es damals auch noch nicht. Ihnen blieb also kaum twas Anderes übrig, als sich so einer Show anzuschließen.

Nun habe ich von einer dieser Schaustellerinnen von damals gelesen, genauer von Aloisia Wagner, die unter dem Künstlernamen Violetta auftrat. Nach Auftritten in verschiedensten Freakshows in Europa gelangte die gebürtige Deutsche letztendlich auf den Rummelplatz von Coney Island, welches in New York gelegen ist. Seit den 1920er Jahren trat sie dort auf, unter Anderem als Sängerin. Vermarktet wurde sie unter verschiedenen Begriffen wie "lebender Torso", "Frau ohne Unterleib" oder "halbe Frau". Aloisia Wagner wurde nämlich ohne Arme und Beine geboren und hatte daher das Aussehen eines einzelnen Torsos mit Kopf. Als Show-Star war sie wohl sehr beliebt und fand mit der Zeit auch einen Mann, mit dem sie eine jahrelange glückliche Ehe geführt haben soll.

Violetta, die entweder 1906 oder 1907 in Bremen geboren sein soll, konnte angeblich nur mit ihrem Mund eine Nadel einfädeln und damit nähen, sich eine Zigarette ohne Hilfe anzünden, und sich selber die Haare bürsten. Ich kann mir nicht so wirklich vorstellen, wie das nur mit dem Mund klappt, allerdings finde ich es sehr bewundernswert. Allgemein empfinde ich es als enorm bewundernswert, wie eine Frau, die mit derartig schweren Behinderungen auf die Welt gekommen ist, wohl trotzdem sehr gut im Leben zurecht kam und auch einen ausgeprägten Lebenswillen und Lebensmut hatte.

Mich würde interessieren, ob hier zufällig jemand eine Ahnung hat, ob über Violetta jemals ein Buch publiziert wurde. Vielleicht weiß hier auch jemand, ob man irgendwo Zeitungsartikel aus der damaligen Zeit, in denen diese Thematik behandelt wird, lesen kann? Oder gibt es vielleicht andere gute Bücher zu diesem Thema, die Ihr empfehlen könnt? Vielleicht kommt Aloisia Wagner in irgendeinem Buch über den Rummel von Coney Island genauer vor? Ich habe bisher leider nur einige wenige Online-Quellen gefunden, und der Inhalt hält sich bei allen leider relativ in Grenzen.

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» Wawa666 » Beiträge: 7277 » Talkpoints: 23,61 » Auszeichnung für 7000 Beiträge



Hast du diese Beschreibung eines ihrer Auftritte bereits gelesen? Aber ich gebe zu, auch nach dem Lesen kann ich mir immer noch nicht vorstellen, mir nur mit Lippen und Zunge eine Zigarette anzumachen. Erwähnung fand sie wohl auch in diesem Buch. Irgendwann wollte ich mir auch mal den Film "Freaks" von Tod Browning ansehen. Ich denke aber nicht, dass Violetta darin mitspielt.

Ich finde es auch sehr bewundernswert, wie Menschen wie Violetta ihr Leben meistern und dabei glücklicher sind als so manche, die alles haben - körperlich und materiell. Als Jugendliche habe ich das Buch "Mein linker Fuß" gelesen. Christy Brown wurde fast vollständig gelähmt geboren. Die Ärzte rieten der Mutter, ihn einfach in eine Ecke zu legen, die Zeit würde das Problem schon bald erledigen. Unfassbar! Sie hat sich aber liebevoll um ihn gekümmert und er hat bald bewiesen, dass sehr viel Leben in ihm steckte. Bei Violetta war es wohl ähnlich. Ihre Eltern haben sie zur Selbständigkeit erzogen, statt sie zu bemitleiden.

Und zu dem Thema, dass es ihre einzige Möglichkeit war, als Darsteller in diesen Shows aufzutreten: Zwergenwerfen. Viele Kleinwüchsige verdingen sich ihr Geld damit, dass sie sich dafür zur Verfügung stellen, entweder so weit wie möglich oder auf eine Zielscheibe geworfen zu werden. Seit vielen Jahren wird es aber mal hier und mal dort verboten. Viele Kleinwüchsige sind über die Verbote alles andere als erfreut. Die Gesetzgebung will ihnen helfen, entzieht ihnen bei dem Versuch aber jede Lebensgrundlage.

Außerdem habe ich schon von Danny Ramos Gomez und seinem Bruder Larry aus Mexiko gelesen. Sie haben den Gendefekt Hypertrichosis, sind also sogenannte Wolfsmenschen. Als Kinder waren sie auch Teil einer "Freakshow," aber später arbeiteten sie einfach als Artisten auf dem Trapez.

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» Bienenkönigin » Beiträge: 9457 » Talkpoints: 21,72 » Auszeichnung für 9000 Beiträge


Danke für die tollen Hinweise, Bienenkönigin. Den Bericht habe ich eben gelesen und nach dem Buch "American Sideshow" von Marc Hartzman werde ich mich mal umsehen. Vielleicht bekomme ich es irgendwo ausgeliehen oder sogar kostengünstig antiquarisch zu kaufen. Interessant wäre es auf jeden Fall.

Wie man sich nur mit dem Mund eine Zigarette anzünden kann, kann ich mir nun schon etwas besser vorstellen. Schwierig ist es natürlich trotzdem, und sicher, wenn man darin noch ungeübt ist, möglicherweise auch etwas gefährlich. Also zumindest eine Gefahr, sich am Streichholz zu verbrennen, sehe ich schon. Und mit dem Mund zu nähen, ist mit einer spitzen Nadel anfangs sicher auch nicht so angenehm. Aber ich finde es toll, wenn jemand auf diese Weise möglichst eigenständig leben können möchte, und das dann auch wirklich schafft. Bewunderswert ist es wirklich, auf jeden Fall! Und ich denke auch, dass die Eltern Violetta auch sehr gut dabei geholfen haben.

Übrigens denke ich mir heute leider auch noch oft, dass körperbehinderte und auch geistig behinderte Kinder es teilweise weitaus weiter bringen könnten und auch glücklicher sein könnten, würden sie eine ausreichende Förderung erhalten. Dass man sie einfach als Kleinkinder irgendwo liegen und sterben lässt, kommt in Mitteleuropa zum Glück heute normalerweise nicht mehr vor. Aber trotzdem ist es dann später oft der Fall, dass man sie wenig fördert oder allgemein so sehr in Watte packt, dass sie sich kaum weiterentwickeln können.

Da muss ich immer an meine Grundschulzeit denken. Ich war auf einer Grundschule mit "Integrationsklassen", also Klassen, wo auch behinderte Kinder mit am normalen Unterricht teilnahmen. In der Praxis rannten einige der geistig behinderten Kinder dann allerdings nur wild durch die Gegend und niemand traute sich, einzugreifen. Nicht einmal im Unterricht zum Hinsetzen ermahnen wollten die Lehrer sie, und auch sonst wurde schön weggesehen. Auf dem Pausenhof habe ich das selber mal mitbekommen, dass ein Kind mit geistiger Behinderung wirklich durch die Gegend rannte und wahllos andere Kinder schlug. Ich sagte das der Lehrerin, in der Hoffnung, dass sie mal eingreifen würde, und was bekam ich von ihr zu hören? Sinngemäß nur: "Ach, lass den armen Behinderten doch! Der ist doch schon gestraft genug!" Das war meines Erachtens auch eine einfache Art des Sich-selbst-Überlassens, was sicherlich für die Förderung dieser Kinder nicht gerade gut war. Ja, ich frage mich wirklich, was für ein Potential diese Kinder gehabt hätten, hätte man sich irgendwie um sie gekümmert, und sie nicht einfach völlig ignoriert!

Das mit dem Zwergenwerfen sehe ich schon ein wenig kritisch, weil dabei auch eine gewisse Verletzungsgefahr bestehen kann. Wobei ein erwachsener Mensch sich dafür auf jeden Fall freiwillig melden können sollte. Jeder "normalgroße" Mensch darf ja selbst auch freiwillig an riskanten Dingen teilnehmen, also sollte auch ein etwas kleinerer Mensch das genauso dürfen. Rechtlich sollte es ja keinen Unterschied geben, egal, welche Körpergröße man nun hat. Also wenn ein erwachsener Kleinwüchsiger an so einer Veranstaltung teilnehmen möchte, dann ist das sein gutes Recht.

Bisschen mehr Gedanken würde ich mir eher darüber machen, wieso es offenbar für manche normalgroßen Menschen als lustig gilt, Kleinwüchsige zu werfen. Das kann ich nicht so recht verstehen. Außerdem ist es natürlich traurig, wenn kleinwüchsige Menschen offenbar Probleme haben, eine gewöhnliche Arbeitsstelle zu finden. Gerade im Büro sollte es ja eigentlich ziemlich egal sein, wie groß man ist. Oder aber beispielsweise als Übersetzer. Und es gibt eigentlich so viele Berufe, wo es egal ist, wie groß oder klein man ist. Es dürften eher Vorurteile und Fälle von Diskriminierung sein, die dafür sorgen, dass Menschen, die irgendwie "anders" sind, besonders die, die optisch auffallen, bei Bewerbungsgesprächen häufiger durchfallen, als "gewöhnlich" aussehende Leute.

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» Wawa666 » Beiträge: 7277 » Talkpoints: 23,61 » Auszeichnung für 7000 Beiträge



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