Sexuelle Orientierung im Job relevant?

vom 28.01.2019, 05:11 Uhr

Laut einer Umfrage soll jeder zweite Homosexuelle dem Chef verschweigen, wenn er in einer gleichgeschlechtlichen Partnerschaft lebt. Ich habe mich ehrlich gesagt gefragt, warum man sein Privatleben überhaupt vor dem Chef ausbreiten muss. Findet ihr, dass man seine sexuelle Orientierung bzw. sein Privatleben in dem Sinne vor dem Chef ausbreiten und thematisieren muss? Wie handhabt ihr das denn? Meine Chefin weiß bis heute nicht, dass ich mit meinem Partner zusammen lebe. In meinen Augen ist das einfach nicht relevant für meine Arbeitsleistung. Wie seht ihr das?

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» Täubchen » Beiträge: 32547 » Talkpoints: 4,61 » Auszeichnung für 32000 Beiträge



Es sollte keine Rolle spielen, aber leider ist die Gesellschaft vielleicht doch nicht immer so tolerant wie sie es gerne wäre. Einem homosexuellen Chef wird vielleicht weniger zugetraut und immerhin hat dieser dann auch eine Stellung in gewissen Kreisen, wobei da aber vielleicht gar nicht jeder so von homosexuellen Menschen überzeugt ist. Das muss ja nicht immer so sein und sicherlich sind auch viele tolerant, aber ich kann schon verstehen, warum man damit nicht immer so hausieren gehen möchte.

Ich finde eine sexuelle Orientierung total egal. Es soll einfach jeder glücklich werden so wie er es mag und ich würde einen homosexuellen Chef auch nicht kompetenter oder inkompetenter finden als einen heterosexuellen Chef. Das wäre ja auch lächerlich, da die Sexualität nichts über die Qualität der Arbeit aussagt.

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» Ramones » Beiträge: 39721 » Talkpoints: 0,89 » Auszeichnung für 39000 Beiträge


Ich denke, dass es hier weniger darum geht, sein Sexleben dem Chef unter die Nase zu reiben, sondern eher darum, dass man beiläufig erzählt, dass man am Wochenende mit seinem Ehemann Minigolfspielen war oder dass frau mit ihrer Freundin 14 Tage Lesbos gebucht hat. Die sexuelle Orientierung stellt schließlich einen wichtigen Teil der Identität dar und nicht nur ein sorgsam abgekoppeltes Modul der eigenen Persönlichkeit, welches strikt hinter der verschlossenen Schlafzimmertür ausgelebt wird, während man sonst den geschlechtslosen Roboter ohne Privatleben gibt.

Bei Heterosexuellen ist es ja zumindest auf meinem Planeten ganz normal, dass auch die Kollegen wissen, Herr Meier ist verheiratet und hat zwei Kinder, Frau Müller ist Single und für Frau Schmidt müssen wir eine Karte besorgen, weil die im August standesamtlich heiratet. All dies ist für homosexuelle oder sonstwie abweichende Leute absolut nicht selbstverständlich. Und natürlich ist es für den Job nicht relevant, aber das müssen die KollegInnen und Vorgesetzten eben auch so sehen.

Und in unserer Gesellschaft spielt es oft eine sehr viel größere Rolle, wer es mit wem treibt, als dass der Herr Meier in der Registratur einen tollen Job macht. Und nicht überall herrscht sensible, politisch korrekte und gendergerechte Feinfühligkeit. Sonst dürften kleine Buben ja heute schon rosa tragen und mit Puppen spielen, ohne dass es heißt: "Hast du keine Angst, dass er schwul :uebel: wird?"

» Gerbera » Beiträge: 7913 » Talkpoints: 0,26 » Auszeichnung für 7000 Beiträge



Täubchen, wenn du mit irgendwelchen Studien kommst, dann nimm wenigstens die richtigen Werte. Die Untersuchung umfasst 20 Länder und da hat im Durchschnitt jeder zweite seine Homosexualität nicht verschwiegen. In Deutschland trifft das auf nur 37 Prozent zu, obwohl 85 Prozent gern offen damit umgehen würden. Und es geht auch nicht darum, dem Chef zu sagen, dass man schwul oder transsexuell ist, oder das den Kollegen in großer Runde zu verkünden.

Es sind doch die kleinen Dinge, die die sexuelle Orientierung verraten. Da stehen Bilder der Kinder auf dem Schreibtisch, beim Plausch im Pausenraum wird erwähnt, dass man am Wochenende mit der Freundin auf dem Weihnachtsmarkt war, oder dass man dann Urlaub braucht, wenn der Mann auch welchen hat, weil man auf die Malediven will. Beim Begleitprogramm, früher Damenprogramm genannt, erwartet man einen gegengeschlechtlichen Partner.

Und all das muss ein Mensch, der nicht heterosexuell ist, tunlichst verschweigen, wenn er sich nicht outen möchte. Der darf sich nicht verplappern, muss ewig offiziell Single sein oder einen "normalen" Partner als Alibi anschleppen. Und das ist eben so, weil die sexuelle Orientierung eigentlich total egal ist, praktisch aber große Nachteile haben kann.

Denn auch heute muss man eben mit Mobbing und einer stark gehemmten Karriere rechnen, wenn man nicht "normal" ist. Ein simples Beispiel: Ein guter Bekannter war bis vor 12 Jahren der aufsteigende Stern eines Kreditinstituts. Er hat jahrelang brav den Hetero gespielt. Dann hat er es nicht mehr ausgehalten, den Partner zu verleugnen, außerdem wurde der Heiratsdruck zu groß. Nach dem Outing war die Karriere vorbei. Er hat heute einen sozialen Beruf. Und wie stark haben sich Vorstand und Führungsetage seitdem wohl verändert? Genau, gar nicht!

» cooper75 » Beiträge: 11372 » Talkpoints: 457,53 » Auszeichnung für 11000 Beiträge



Täubchen hat geschrieben:Findet ihr, dass man seine sexuelle Orientierung bzw. sein Privatleben in dem Sinne vor dem Chef ausbreiten und thematisieren muss?

Na ja, wenn man sein Privatleben nicht völlig verschweigen will, bleibt einem letztlich ja gar nichts anderes übrig, oder? Was erzählt man denn sonst, wie und mit wem meine seine Wochenenden und Urlaube verbringt? Soll man als Homosexueller standhaft behaupten, man wäre Single und würde alles allein oder mit Kumpels unternehmen, um den Chef und die Kollegen nicht mit der sexuellen Orientierung zu belästigen? Man sagt zwar "sexuelle Orientierung", aber es hat in diesem Fall eigentlich nichts mit der Sexualität zu tun, sondern mit der allgemeinen Lebensgestaltung und der Partnerschaft bzw. dem Familienstatus.

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» lascar » Beiträge: 1500 » Talkpoints: 356,87 » Auszeichnung für 1000 Beiträge


Mein Privatleben war bei meiner Einstellung kein Thema und ich gehöre auch nicht zu den Leuten, die ihr Privatleben groß im Berufsleben thematisieren. Aber in dem Moment, in dem ich ich meinem Chef sage, dass ich den späten Termin am Freitag übernehmen kann weil mein Partner eh arbeiten muss und ich deshalb an dem Abend nichts geplant hatte, sage ich doch schon "ich bin in einer heterosexuellen Beziehung".

Man muss doch nichts groß "ausbreiten", die harmlose Small Talk Frage, was jemand am Wochenende gemacht hat, reicht doch oft völlig aus um zu wissen wie der aktuelle Beziehungsstatus aussieht.

Oft sind es ja diese kleinen Unterhaltungen, die Menschen, die sich nicht in einer heterosexuellen und/oder monogamen Beziehung befinden anstrengend finden, weil sie selbst bei solchen banalen Themen wie Urlaubsplanung nie offen mit ihren Kollegen sein können. Oder eben das Gefühl haben nicht offen sein zu können.

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» Cloudy24 » Beiträge: 22919 » Talkpoints: 132,39 » Auszeichnung für 22000 Beiträge


Cloudy24 hat geschrieben:
Oft sind es ja diese kleinen Unterhaltungen, die Menschen, die sich nicht in einer heterosexuellen und/oder monogamen Beziehung befinden anstrengend finden, weil sie selbst bei solchen banalen Themen wie Urlaubsplanung nie offen mit ihren Kollegen sein können. Oder eben das Gefühl haben nicht offen sein zu können.

Insbesondere dann, wenn die übrigen Kollegen viele Details über ihre privaten Unternehmungen und Urlaube erzählen, fällt es natürlich auch dann auf, wenn beispielsweise ein Homosexueller versucht, seine sexuelle Orientierung nicht zum Thema zu machen. Wenn er sich also bedeckt hält und nur vage über seine Urlaube und Wochenenden berichtet, wundern sich wahrscheinlich die Kollegen auch, und fragen sich, warum man so geheimnistuerisch bleibt.

Somit kann man es eigentlich gar nicht richtig machen. Erzählt man offen von seinem Leben, gibt es Vorwürfe, man würde die sexuelle Orientierung anderen Leuten "unter die Nase reiben". Hält man sich zurück und sagt nichts, gilt man vielleicht als Eigenbrötler, der nichts von sich erzählen will. Bliebe noch als dritte Alternative, sich eine heterosexuelle Beziehung zu erfinden. Das ist aber auch anstrengend, und man muss aufpassen, dass man sich nicht verrät und nicht verplappert.

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» lascar » Beiträge: 1500 » Talkpoints: 356,87 » Auszeichnung für 1000 Beiträge



lascar hat geschrieben:Bliebe noch als dritte Alternative, sich eine heterosexuelle Beziehung zu erfinden. Das ist aber auch anstrengend, und man muss aufpassen, dass man sich nicht verrät und nicht verplappert.

Und das kann sehr merkwürdige Folgen haben. Mein Vater ist gestorben, als ich drei Jahre alt war. Als ich etwa sechs Jahre alt war, begann meine Mutter mit einem anderen Mann auszugehen. Ich habe den nur einmal bei einem gemeinsamen Ausflug in den Zoo gesehen und sonst später nur auf gesellschaftlichen Veranstaltungen gesehen, zu denen ich mitgeschleift worden bin.

Ich was zwölf oder dreizehn Jahre alt, als wir wieder auf so einer Veranstaltung zusammen rumstanden. Ich habe immer angenommen, meine Mutter wollte mich erst vor einem vielleicht wechselnden Partner und später eben vor einem Stiefvater schützen. Also erklärte ich den beiden, dass er von mir aus auch bei uns vorbeikommen könnte und ich auch nichts gegen eine Heirat hätte. Schließlich würde ich immer selbstständiger und meine Mutter müsste wegen mir doch nicht allein bleiben.

Die Gesichter waren unbezahlbar. Selten haben mich zwei Erwachsene so perplex angesehen. :D Und so erfuhr ich, dass die beiden seit Jahren keine Beziehung haben, auch wenn es so aussieht und so aussehen soll. Denn der nette Herr war eben nicht an Frauen interessiert. Aber mit einem Mann an seiner Seite wäre seine Karriere gegessen gewesen. Er hatte einen Lebenspartner, aber offen zueinander gestanden haben beide erst, als sie in Rente gegangen sind.

» cooper75 » Beiträge: 11372 » Talkpoints: 457,53 » Auszeichnung für 11000 Beiträge


cooper75 hat geschrieben:Denn der nette Herr war eben nicht an Frauen interessiert. Aber mit einem Mann an seiner Seite wäre seine Karriere gegessen gewesen. Er hatte einen Lebenspartner, aber offen zueinander gestanden haben beide erst, als sie in Rente gegangen sind.

Interessante Geschichte... Ja genau, so in etwa ist es bis vor wenigen Jahren gewesen, wenn man als Homosexueller beruflich irgendwie erfolgreich sein wollte. Da blieb einem kaum etwas anderes übrig, als solche Szenarios zu erfinden und umzusetzen, um den Schein zu wahren.

Manche mögen das nach wie vor anders sehen, aber ich persönlich schätze die gegenwärtige neue Offenheit sehr. Beispielsweise habe ich einen schwulen Kollegen, der damit nicht nur offen umgeht, sondern auch noch seinen Lebenspartner in einer benachbarten Abteilung hat. Der kommt auch regelmäßig bei uns im Büro vorbei, und alles ist völlig selbstverständlich.

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» lascar » Beiträge: 1500 » Talkpoints: 356,87 » Auszeichnung für 1000 Beiträge


Ich gehe davon aus, dass es in einigen Bereichen leider bis heute noch so ist. Man denke nur an die ganzen katholischen Einrichtungen. Nach dem Tod des früheren Chefs meiner Mutter wurde der langjährige Oberarzt nur kommissarischer Leiter, bis ein neuer Chefarzt gefunden war. Denn der Oberarzt hat sich dummerweise scheiden lassen und mit einer Krankenschwester zusammengelebt. Ohne diese Frau zu heiraten, konnte er seine Stelle behalten, aber eine Beförderung war ausgeschlossen. Geheiratet wurde dann erst, als er eine eigene Praxis hatte.

Wenn das schon so ist, und da wird sich nicht so viel geändert haben, denn bei solchen Positionen kann man vielleicht nicht von verkündungsnah, aber ganz sicher von Vorbildfunktion sprechen, dann wird es wohl bis heute keinen offen homosexuell lebenden Chefarzt geben. Damals war es schon fast ein Wunder, dass der "Freund" meiner Mutter unverheiratet Chefarzt geworden ist. Man tolerierte so gerade, dass er kein fremdes Kind aufziehen möchte, aber eine stabile Beziehung führt. Was natürlich auch eine sehr christliche Haltung ist. :uebel:

» cooper75 » Beiträge: 11372 » Talkpoints: 457,53 » Auszeichnung für 11000 Beiträge


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