Welche Gewohnheiten älterer Generationen bewahren?
Ich habe vor kurzem einen Podcast gehört, indem thematisiert wurde, dass uns die Fähigkeit Glück zu erkennen in der heutigen Zeit auch deswegen ein bisschen verloren geht, weil wir zu schnelllebig leben. Die ältere Generation hätte das noch besser können etwas bewusst zu erleben, echte lebenslange Freundschaften zu pflegen und die Fähigkeit im Moment zu verweilen.
Es wurde dann von Gewohnheiten bzw. Ritualen gesprochen, die wir jüngeren Menschen wohl als veraltet oder langweilig ansehen, die jedoch so viel Mehrwert für unser Leben hätten.
Aufgezählt wurde als Beispiel, dass ältere Generationen immer noch gerne zu Papier und Stift greifen und Botschaften einfach auf Zettelchen schreiben, Briefe, Postkarten & Co. verschicken. Diese handgeschriebenen Botschaften wären viel mehr Wertschätzung anderen gegenüber, als schnell verfasste Textnachrichten oder Sprachnachrichten.
Eine weitere bekannte Gewohnheit der älteren Generation ist das "aus dem Fenster schauen". Ob man dabei tatsächlich aus dem Fenster auf die Straße schaut oder einfach im Garten sitzt und Vögel beobachtet ist dabei irrelevant, der Gedanke dahinter sei es einfach mal "nichts zu tun". Solche Momente wären so wertvoll um Energie zu tanken, würden jüngere Generationen allerdings nicht mehr wirklich bewusst nutzen.
Und da gibt es noch die Alltagsroutinen, die ältere Generationen gerne haben und nicht davon abweichen möchten, ob Putztag, Badetag, Spaziergehrunde, Sonntagsfrühstück oder der Spieleabend.
Welche Gewohnheiten oder Routinen haben eure Eltern oder Großeltern, die ihr bewundert, gerne übernehmen würdet oder sogar übernommen habt? Was sollten sich junge Menschen generell von den älteren Generationen abschauen? Gibt es Routinen/Gewohnheiten die einfach nicht mehr zeitgemäß sind? Ist es tatsächlich unseres schnelllebigen Alltags geschuldet, dass gewisse Gewohnheiten der älteren Generation so nicht mehr stattfinden?
Für mich ist das ganze Geschwätz nur eine verbrämte Version von "Früher war alles besser". Wenn man kein Telefon oder wie jetzt im 21. Jahrhundert ein Smartphone hat, ist man gezwungen, Briefe und Zettelchen zu schreiben, aber wieso sollte einen das damals "glücklicher" gemacht haben?
Und aus dem Fenster zu starren hat wenig mit "seligem Nichtstun" zu tun als entweder mit harter Langeweile oder dem tiefen Drang, das Leben und Treiben der Nachbarn auszuspionieren und scharf zu be- und zu verurteilen.
Auch die genannten Putzroutinen sind eher der Tatsache zuzuschreiben, dass bis vor nicht allzu langer Zeit ein "Waschtag" tatsächlich den ganzen Tag eingenommen hat, Hilfe von außen erfordert hat und brutal anstrengend war. Badetag dito, gerade wenn man das Wasser auf dem Herd warm machen musste und dann die Familie der Reihe nach in dieselbe Brühe geklettert ist. Mir ist diese Form der Nostalgie generell vollkommen fremd.
Was für eine Ironie, dass in dem Podcast ausgerechnet auf den Wasch- und den Badetag referenziert wurde, wenn man doch explizit die gute alte entschleunigte Zeit betonen möchte. Dumm Tüch, auf gut Hochdeutsch. So richtig dummes Zeug, was da gelabert wurde. Das Leben war doch früher genauso stressig, wenn nicht teilweise oder größtenteils viel härter und komplizierter als heute.
Heute habe ich die Wahl, ob ich meine Waschmaschine benutzen möchte oder in alte Zeiten zurückfalle und mir Holzzuber und Schaufel zulege, um meine Wäsche dann dort einen ganzen Tag lang einzuweichen, auszuklopfen, kaputt zu wringen, um mich hinterher so richtig schön erschöpft zu fühlen und meine zerschundene Haut wieder in den Griff zu bekommen. Wer nicht völlig den Verstand verloren hat, macht das natürlich nicht, genauso wenig wie die Wiedereinführung des Badetags mit Feuer und Bottich in Erwägung zu ziehen.
Und ganz ehrlich, es gibt auch heute noch sehr viele Leute, die spazieren gehen, sich zum Spieleabend treffen, ja selbst Häuser werden immer noch geputzt. Nur dass wir jetzt einfach mehr Möglichkeiten und Wahl haben, vieles damals wurde aus Ideenlosigkeit (Rentner im Fenster!), Notwendigkeit oder sogar Not geboren, Stichwort die fehlende Waschmaschine oder die Abwesenheit eines Badezimmers. Auch die Höherwertigkeit eines hin geklierten Zettels im Abgleich mit einer wohlfeil verfassten Textnachricht oder Mail sehe ich nicht zwangsläufig. Kein einziger meiner hochprofanen Bankzettel aus der Schulzeit hat überlebt, sehr wohl habe ich aber noch einige Chat Logs aus den Nuller Jahren.
Würde ich meinen Groß- oder Urgroßeltern zur damaligen Zeit diese Thesen zeigen können, hätten die vermutlich nur ungläubig gelacht. Was sind das für romantisierte Vorstellungen? Der reale Alltag von Leuten in jüngeren oder mittleren Jahren in der Mitte des letzten Jahrhunderts und früher war genauso von Arbeit und Notwendigkeiten bestimmt wie heute, wenn nicht sogar noch sehr viel stärker. Für stundenlanges im Garten sitzen und mit wehenden Haaren durch Holunderbüsche zu streifen und verträumt den Vöglein nachzuschauen, waren keine Kapazitäten vorhanden.
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