Organspende - Nicht für Menschen die es selbst verschulden?
Das Thema Organspende ist in diesem Forum eigentlich ja schon zur Genüge diskutiert worden, falls jemand sich dafür interessiert, sind hier noch eine interessante Threads:
Grund dafür Organe bei Organspende auszuschließen zu wollen?,
Was haltet ihr von Organspende?,
Organspende - aber nur an eine bestimmte Person?. In diesem Thread soll es aber um einen ganz bestimmten Sachverhalt gehen, nämlich darum, wie es sich mit der Tatsache verhält, wenn man Menschen Organe spenden soll, die selbst an ihrer Situation Schuld sind.
Ich habe mich vor kurzem in meinem Bekanntenkreis zu dem Thema unterhalten. Eigentlich sind die meisten Menschen, die ich kenne dazu bereit Organe zu spenden und haben auch einen Organspendenausweis. Als wir das Thema letztens angebrochen haben, war auf einmal eine Person, von der ich das nicht erwartet habe, total gegen die Organspende und hat mehrfach betont, dass sie nicht wolle, dass man ihr nach dem Tod Organe entnimmt. Die besagte Person war auch erstaunt darüber, dass ich und andere einen Spendenausweis haben, offenbar hielt sie das nicht für eine Selbstverständlichkeit. Prinzipiell ist mir das egal, wenn jemand kein Spender sein möchte, dann ist das auch ok. Als Ersatzlager herhalten möchte eben nicht jeder und da die Erde ohnehin überbevölkert ist, ist das meiner Meinung nach kein Muss.
Die Person gab einen bestimmten Grund an, warum sie sich so vehement dagegen wehrte, sie fände den Gedanken unerträglich, dass das Organ an eine Person gehen könnte, die selbst an ihrer Situation Schuld ist. Damit hat er gezielt Raucher gemeint, die eine neue Lunge brauchen, weil sie ihre eigene kaputt gemacht haben, so wie beispielsweise auch Alkoholiker, die eine neue Leber brauchen oder Drogenabhängige, die ebenfalls Organspenden brauchen. Ehrlich gesagt habe ich mir darüber gar keine so großen Gedanken gemacht, als ich meinen Spendenausweis angefertigt habe, bisher habe ich mir in Gedanken immer vorgestellt, dass meine Organe mal an einen totkranken jungen Krebspatienten gehen würden, der heilfroh ist, dass er weiter leben darf.
Das ist vielleicht ein bisschen naiv und gemein, dass gebe ich zu, aber ich habe mir stets vorgestellt, dass ich damit jemandem das Leben retten würde, der wirklich noch viel vor sich hat und der eine Krankheit hat, für die er nichts kann oder verunglückt ist. Zugegebenermaßen ist mir der Gedanke jetzt aber auch ein bisschen zuwider, dass man mich nach meinem Tod auseinander nehmen würde, nur weil irgendein undisziplinierter und verzweifelter Mensch meinte, sein Leben lang rauchen zu müssen. Als Ersatzteillager für eine solche Person möchte ich tatsächlich nicht herhalten. Meine Bedenken haben sich in solche Dimensionen gesteigert, dass ich jetzt tatsächlich am Überlegen bin, ob ich den Organspendenausweis nicht doch aus meinem Portemonnaie nehmen soll.
Ich hätte eigentlich nicht gedacht, dass es mal so weit kommen würde, aber wenn ich mir die Sache so durch den Kopf gehen lasse, dann hat mein Bekannter eigentlich schon recht. Meine Organe gehören nun mal mir und es ist durchaus eine angenehme und schöne Vorstellung auch mit allen wieder beerdigt zu werden. Ich wäre bereit ein Organ herzugeben, für jemanden, der es wirklich braucht, aber wenn ich wüsste, dass diese Person nicht krank ist, sondern einfach eine neue Lunge braucht, weil sie ihr ganzes Leben lang gepafft hat, dann ist mir der Gedanke doch zuwider und dann würde ich meine Organe doch lieber behalten.
Wie denkt ihr darüber, habt ihr euch schon mal Gedanken darüber gemacht, wer eure Organe bekommen könnte, wenn ihr einen Organspendenausweis bei euch tragt? Ist es euch egal, wer eure Organe bekommt, weil es euch dann nach eurem Tod ohnehin nicht mehr zu interessieren braucht? Würde sich eure Einstellung zu dem Thema ändern, wenn ihr wüsstet, dass die Person, die eure Organe bekommt, selbst daran schuld ist, dass diese Transplantation nötig ist?
Ich selbst habe einen Organspendeausweis. Wer diese nach meinen Ableben bekommt, darüber habe ich mir zuvor noch keine Gedanken gemacht. Ich denke aber nicht das es mir zusteht, zu entscheiden wer das Recht auf Leben hat und wer nicht. Selbst wenn ein undisziplinierter Raucher, wie du sie so schön beschimpfst, meine Lunge bekommen sollte, wäre ich doch zufrieden ein Leben gerettet zu haben. Es ist zu deiner Information überhaupt nicht bewiesen das rauchen Krebs verursacht. Hast du dein Haus schon mal verlassen? Dein Fenster geöffnet? Dann Glückwunsch! Bei den ganzen Schadstoffen die n der Luft herumfliegen hast auch du die Chance Lungenkrebs zu bekommen.
Mein Onkel hat sein Leben lang nie geraucht. Er war auch sicher nicht undiszipliniert. Sein halbes Leben hat er in der Armee gedient und er hat dennoch Lungenkrebs bekommen. Wer sind wir also zu sagen Leute die rauchen verdienen es nicht gerettet zu werden weil sie dies ja angeblich selbst verschuldet haben? Du beleidigst Junkies und Alkoholiker. Weißt du warum sie Drogen nehmen oder Alkohol trinken? Manch einer hatte vielleicht ein einschneidendes Schicksalsereignis und wusste sich nicht besser zu helfen. Hatte möglicherweise niemanden der sich sorgt und unterstützt. Warum sollte diese Person kein Recht auf das Leben haben? Weil er nicht in deine kleine perfekte Welt hineinpasst?
Hast du schon einmal etwas von einer sogenannten Warteliste gehört? Denkst du nicht das die Ärzte sehr wohl und gründlich überlegen, wer für eine Organtransplantation infrage kommt? Wie kannst du dir das Recht herausnehmen über Leute zu urteilen, dessen Hintergrundgeschichte du nicht einmal kennst? Du bist ganz sicher auch nicht perfekt. Du benutzt Parfums und Deodorants. Diese sind voll mit Schadstoffen. Du benutzt chemische Reinigungsmittel. Auch diese sind voll mit Schadstoffen. Du fährst ein Auto oder Bus und Taxi. Pure Schadstoffe!
Um auf deine Frage zurückzukommen. Ja, ich werde meinen Organspendeausweis weiterhin behalten und, wenn es dann soweit ist, mit ruhigen Gewissen sterben. Selbst wenn es nur eine "minderwertige" Person ist deren Leben ich damit rette.
Ich bin ebenfalls der Meinung, dass man über den Lebensstil anderer Menschen nicht urteilen darf. Es gibt viele Gründe, warum man raucht, Alkohol trinkt oder Drogen nimmt. Und selbst, wenn es sich um einen vergnügungssüchtigen Mittzwanziger handelt, der jede Droge ausprobieren will, um Spaß zu haben. Ich habe nicht das Recht zu bestimmen, dass sein Leben weniger wert ist als das einer 60jährigen, die ehrenamtlich behinderten Kindern Märchen vorliest.
Man weiß ja auch nie, was aus einem Menschen noch wird. Solange man noch nicht tot ist, steht noch alles offen. Vielleicht ändert der Junkie sein Leben und tut noch viel Gutes. Vielleicht dreht die 60jährige durch und erschießt mehrere Menschen. Was ein Mensch geleistet hat, was er in seinem Leben bewirkt hat, kann man erst sagen, wenn er gestorben ist.
Mir ist es egal, wer nach meinem Tod meine Organe bekommt. Ich lebe dann nicht mehr. Ich habe einen Organspendeausweis, weil ich hoffe, dass andere Menschen auch einen Ausweis haben und ich so in den Genuss einer Lebensverlängerung kommen kann, falls ich ein neues Organ brauche. Da kann ich dann auch nur hoffen, dass derjenige, dessen Organ zu mir passt, einen Ausweis hatte und nicht im Voraus und ohne mich zu kennen über mein Leben geurteilt hat.
Denn auch ich bin nicht Mutter Theresa und habe in meinem Leben ausnahmslos altruistisch gehandelt. Je nachdem, wo der Maßstab angesetzt wird, würde ich durchfallen. Und das würde jeder von uns bei diesem oder jenem Maßstab. Daher bevorzuge ich die medizinische Herangehensweise. Wenn das Organ passt und der Empfänger damit eine Chance erhält, soll er es bekommen. Moralische Urteile stehen niemandem zu.
Ich habe bewusst keinen Organspenderausweis. Aber mein Mann und meine Mutter wissen, dass sie mich freigeben dürfen. Allerdings will ich das eben nur, wenn vorher meine Familie informiert worden ist und nicht, dass meine Organe schneller verteilt sind, als meine Familie von dem Ereignis überhaupt in Kenntnis gesetzt worden ist. Allerdings ist es mir dann reichlich egal, ob meine Leber an mehrere Patienten aufgeteilt wird und warum sie eine neue Leber beziehungsweise eine Teilspende benötigen.
Aber wer nun meint, dass ein Alkoholiker einfach mal so eine neue Leber bekommt, der sollte sich mit dem Prozedere erst mal beschäftigen. Bevor man nämlich auf die Warteliste kommt, vergeht mindestens ein Jahr. Bleiben wir dabei mal beim Thema Alkohol. Der betroffene Patient muss mindestens ein halbes Jahr ohne Alkohol leben. Dabei darf er schon alle viertel Jahre in der Klinik erscheinen, wo es die Transplantation eventuell geben wird.
Nach diesem halben Jahr muss der Patient zu einem niedergelassenen Psychologen, der dann ein Gutachten erstellt. Das ist auch nicht innerhalb von zwei oder drei Terminen erledigt, sondern benötigt seine Zeit. Danach geht es in eine psychiatrische Klinik, wo ein zweites Gutachten erstellt wird. Wenn diese beiden Gutachten für den Patienten positiv ausfallen, gehen die nächsten Untersuchungen los.
Das heißt, dass man mindestens zwei Wochen in der Klinik verbringt, wo Transplantationen durchgeführt werden. Da wird dann ein wirklich großer medizinischer Check up gemacht. Alles was da auffällig ist, muss abgeklärt beziehungsweise noch vorher behandelt werden. Und erst danach wird man auf die Warteliste aufgenommen. Die vierteljährlichen Kontrolluntersuchungen gehen in dieser Zeit natürlich weiter. Vor allem um zu schauen, dass wirklich kein Alkohol mehr getrunken wird.
@Punktedieb: Das mag ja alles schön und gut sein, aber letztendlich ändert es doch nichts an der Tatsache, dass die Person die besagte Leber niemals brauchen würde, wenn sie sich nicht so leichtsinnig dem Alkoholkonsum hingegeben hätte. Das sie bei Transplantation einer neuen Leber auf den Konsum verzichtet, ist meiner Meinung nach ja wohl das Mindeste. Dennoch würde ich, hätte ich die Wahl, meine Leber lieber an jemanden spenden, der sie nicht absichtlich kaputt gemacht hat, sondern eine Krankheit oder einen Unfall hatte. Aber die Wahl hat man ja nun leider nicht.
Das könnte natürlich passieren, das jemand ein Organ bekommt, das er selbst zerstört hat. Aber eigentlich finde ich die Einstellung völlig bescheuert. Ganz ehrlich, wenn ich sterbe, und jemand anderes kann leben, dann bitte schön. Der Geschädigte wird wohl hoffentlich daraus gelernt haben, das er seinen Organen nichts gutes getan hat. Und vielleicht haben diese Personen ja auch Familie und noch kleine Kinder. Zu mal glaube ich wirklich, das es sich zum größten Teil nicht um selbstverschulden handelt.
@Crispin: Gerade bei der Leber sieht man zwar das momentane Verhalten beziehungsweise das aus der jüngsten Vergangenheit. Aber was machst du mit Menschen, wo noch andere Ursachen vorhanden waren? Mein Vater hat sein Bier nach dem Feierabend genossen. Doch er hatte auch als Kind eine Geldsucht und selbst falsche Ernährung und die Gene können die Lebererkrankung hervorrufen. Willst du solche Menschen wirklich auf den Alkohol reduzieren?
Du würdest es wahrscheinlich machen, weil man den Alkoholkonsum erst einstellt, weil eine Erkrankung vorliegt. Aber das ist alles etwas kurzsichtig, was wohl daran liegt, dass du in deinem Umfeld niemanden hast, der wirklich betroffen war. Und ich gebe ehrlich zu, dass die wenigsten Menschen die vom Alkohol abhängig sind, ihrer Gesundheit zu liebe damit aufhören. Damit kommen sie gar nicht erst auf die Warteliste und demzufolge würden solche Menschen schon deinem Denken genügen, da sie keine Spenderorgane bekommen.
@Punktedieb: Es geht mir wirklich nur um Fälle, wo bestimmte Organe quasi fahrlässig zerstört wurden. Wenn jemand über einen längeren Zeitraum Alkoholiker war, dann ist das so ein Fall, unabhängig davon, was die Person vorher für Erkrankungen hatte. Für das Rauchen gibt es meiner Meinung nach auch keine Entschuldigung. Wenn jetzt dein Vater ein Bier nach dem Feierabend trinkt, dann ist er vermutlich auch Alkoholiker, aber von einem Bier nach dem Feierabend bekommt man so schnell keinen Leberschaden.
Bei Menschen wo der Leberschaden wirklich durch Alkoholismus hervorgerufen worden ist, sieht man das in der Regel auch. Ehrlich gesagt kann ich solches Verhalten einfach nicht ernst nehmen, vielleicht liegt da mein Fehler. Mir ist unbegreiflich, wie man sich so kaputt machen kann und dann noch darauf hoffen kann, dass andere das dann quasi für einen wieder hinbiegen.
Ich bin ja sonst oft der Meinung, dass man Dinge nicht so eng sehen sollte, aber in diesem Fall muss ich Crispin mal zustimmen. Wer Drogen nimmt oder jahrelangen Alkoholmissbrauch betreibt, der ist irgendwie selber schuld daran, wenn er davon krank wird. Klar kann es irgendwelche Umstände geben, die es wahrscheinlicher machen, dass jemand alkoholkrank wird, aber wir haben alle einen Verstand und können Dinge auch mal überdenken. Wir sind nicht, wie Tiere, einfach nur Opfer irgendwelche Umstände oder irgendwelcher Triebe und Instinkte.
Generell hat zwar keiner das Recht, zu bestimmen, wer mehr wert ist oder wer weniger wert ist. Aber hier geht es ja um die eigenen Organe, also um etwas, das einen das ganze Leben begleitet hat und nicht um eine Büroklammer, die man mal eben jemandem schenkt, der zwei Blätter zusammenheften will. Man gibt im Prinzip das Letzte her, was nach dem Tod noch irgendwie zu einem gehört und dass man dann nicht möchte, dass jemand das Organ bekommt, der seine eigenen mehr oder weniger absichtlich kaputt macht, ist schon nachvollziehbar.
Man sollte also kranken Menschen Hilfe abschlagen? Wo will man denn dann daran festmachen, ob man es selber verschuldet hat. Wenn man durch eine psychische Erkrankung abhängig von Tabletten, Drogen und Alkohol geworden ist und dadurch seine Organe schädigt, sollte man keine Organe bekommen? Was ist, wenn man aber gar nicht mehr im Nachhinein feststellen kann, ob man diese Abhängigkeit durch eine psychische Erkrankung bekam?
Drogenabhängige, Alkoholiker und Tablettensüchtige sind auch kranke Menschen. Wenn die dann die Organe kaputt haben, sollte man ihnen keine Organe geben und sie einfach übergehen und sterben lassen? Ich sehe ein, wenn man sagt, dass diese Leute erst mal eine Therapie machen müssen. Aber man kann ihnen doch die Hilfe nicht verwehren. Mit welchem Recht? Durch eine Krankheit wie diese Sucht sind sie krank geworden. Ich kenne eine Frau, wo der Arzt nach der Blutabnahme meinte, dass sie dringend mit dem Alkohol trinken aufhören sollte. Denn die Leber ist sehr geschädigt und die Frau hat im Leben noch nie Alkohol oder Drogen genommen und auch Tabletten hat sie nicht missbraucht.
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