Organspende - Nicht für Menschen die es selbst verschulden?
@Crispin: Vielleicht solltest du dich mit der Thematik mal genauer befassen. Ein Alkoholiker ist ein Mensch der gar nicht ohne sein Bier oder härtere Alkoholika auskommt. Meinem Vater wurde von zwei Psychologen, die sich nicht kannten, bescheinigt, dass er definitiv kein Alkoholiker war. Und es gab bei meinem Vater drei mögliche Ursachen für den Leberschaden. Wie gesagt, selbst eine Gelbsucht kann dafür für verantwortlich sein.
Nun stellst du dich hin und willst einem Mensch der in seinem Leben auch öfter Alkohol getrunken hat, die Organspende verweigern. Merkst du eigentlich noch wie verachtend deine Einstellung ist, weil du gar nicht bereit bist mögliche andere Ursachen in Betracht zu ziehen, geschweige denn sie zu akzeptieren. Ich habe das Ganze live mit meinem Vater erlebt. Es ist kein Spaziergang bis man überhaupt für die Warteliste zugelassen wird. Wer es dorthin schafft, trotz dass man ihm eine Mitschuld geben könnte, der muss wirklich sein Leben von Grund auf geändert haben.
Was aber echte und medizinisch nachgewiesene Alkoholiker sind, sind auch eine ganz andere Liga. Und da kenne ich nur zwei Menschen, die es wirklich dauerhaft geschafft haben trocken zu bleiben. Die meisten, wie bei anderen Suchtkranken auch, schaffen den Absprung nur kurzzeitig oder gar nicht. Und diese Menschen sind schon davon ausgeschlossen ein Spenderorgan zu bekommen.
Und man muss sich dabei auch vor Augen führen, was diese Menschen für ein Leben nach der Transplantation haben. Diese Patienten gehen nicht mit den entsprechenden Medikamenten einfach nach Hause und freuen sich über ihr neues Organ. Viele brauchen danach sehr lange auch psychologische Betreuung, müssen die ersten Monate selbst zu Hause mit Mundschutz herum laufen. Dürfen nicht mal Wurst vom Metzger essen, bis die Ärzte sagen, dass sie halbwegs wieder ein normales Leben führen dürfen.
Was heißt denn Schuld? Ein Alkoholiker ist ja nicht schuld an seiner Krankheit. Mit dem Begriff Schuld würde ich bei Organspenden nicht hantieren. Wer soll denn die Schuld feststellen? Soll ein Arzt festlegen, wer aus seiner Sicht moralisch einwandfrei gehandelt hat und daher als Erster auf eine Liste kommt? Es ist gut so, dass die Listen ohne Ansehen der Person aufgestellt werden. Alles andere würde dem Grundgesetz widersprechen: Die Würde des Menschen ist unantastbar. Jeder Mensch hat eine Menschenwürde, die er allein aus seinem Menschsein bezieht und die von nichts anderem abhängig ist.
Das ist wirklich eine interessante Frage und ehrlich gesagt habe ich mir darüber bisher auch noch nie Gedanken gemacht. Ich habe mir auch einen Organspendeausweis in das Portemonnaie gesteckt, finde den Gedanken, nach dem Tod "ausgenommen" zu werden aber bereits grundsätzlich recht befremdlich.
Wenn ich mir vorstelle, dass meine Organe an eine Person gehen, die ihre Krankheit bzw. schlechte gesundheitliche Situation selbst verschuldet hat, bekomme ich tatsächlich wenig Lust, mich als Organspender zur Verfügung zu stellen. Ich selbst achte auf einen gesunden Lebensstil, rauche nicht, trinke nur wenig Alkohol und treibe regelmäßig Sport. Wenn ich dann auf der Straße Menschen sehen, die trotz Raucherhustens eine Zigarette nach der anderem im Mund haben oder die bereits vormittags das erste Bier trinken, um auf ihren Pegel zu kommen, bin ich regelmäßig angewidert und wäre keinesfalls bereit, einen solchen Menschen zu unterstützen, und sei es mit meinen Organen.
Ich frage mich ja, ob es rechtlich möglich wäre, entsprechende Einschränkungen für eine Organspende zu machen. Zwar klingt das erstmal diskriminierend, aber schließlich liegt die Entscheidung, ob man überhaupt zur Organspende bereit ist, bei jedem selbst. Auf dem Organspendeausweis gibt es eine solche "Auswahlmöglichkeit" ja bisher nicht, man könnte aber sicher einmal darüber nachdenken. Problematisch könnte letztlich aber natürlich die Abgrenzung sein- ab wann müsste man sagen, ein Mensch hat seine Krankheit selbst verschuldet?!
Ein noch größeres Problem, welches sich mir bei der vorliegenden Frage stellt, betrifft schließlich die Situation, dass man als Angehöriger vor der Entscheidung steht, ob Organe gespendet werden sollen oder sogar tatenlos zusehen muss, wie von einem geliebten Menschen Organe entnommen und einem todkranken Menschen eingepflanzt werden, der sein halbes Leben lang mehr oder weniger bewusst ungesund gelebt hat. Als Angehöriger wäre eine solche Situation für mich sicher noch viel belastender, jedenfalls kann ich mir derzeit nicht vorstellen, ohne weiteres damit leben zu können, wenn die Organe eines Familienmitglieds oder eines guten Freundes einem Menschen helfen sollen, der tendenziell ohnehin unbelehrbar ist. Dies wäre ja tatsächlich ein ganz anderer Fall, als wenn die Organe einem jungen Krebspatienten eingesetzt werden und insoweit noch einen "richtigen" Nutzen haben.
Alles in allem ist die aufgeworfene Frage für mich persönlich kaum zu beantworten. Ich werde meinen Ausweis zwar erstmal nicht aus dem Portemonnaie nehmen. Trotzdem hoffe ich natürlich, niemals als Organspender in Frage zu kommen, sondern so lange zu leben, dass meine Organe letztlich niemand mehr haben möchte. ![]()
Katara hat geschrieben:Ich frage mich ja, ob es rechtlich möglich wäre, entsprechende Einschränkungen für eine Organspende zu machen. Zwar klingt das erstmal diskriminierend, aber schließlich liegt die Entscheidung, ob man überhaupt zur Organspende bereit ist, bei jedem selbst.
Das bezweifel ich sehr. Zum einen wäre das viel zu kompliziert, weil jeder da einen anderen Maßstab hat. Während der eine einem Biertrinker, wie er hier schon erwähnt wurde - der Vater, der als Kind Gelbsucht hatte und dem dann das für andere harmloses Feierabendbier zum Verhängnis wurde - sicherlich noch ihre Organe spenden würden, würden andere auch diesen Mann ausklammern.
Also das ist absolut nicht zu machen. Selbst mit einer sehr langen Kriterienliste, welche Personenkreise man als Empfänger seiner Organe akzeptieren würde und welche nicht, gäbe es immer wieder potentielle Empfänger, die da nicht richtig einzuordnen wären. Ich denke, es ist schon schwierig genug, die Kriterien auf das Medizinische zu beschränken. Da müssen ja auch schon etliche Faktoren übereinstimmen.
Und mal ganz ehrlich, das wäre nicht diskriminierend. Das wäre eine menschliche Katastrophe. Meine vegan lebende Mutter beispielsweise hat ihren Organspendeausweis weggeworfen, weil sie nicht will, dass ein Fleischesser ihre Organe bekommt. Vielleicht wollen andere, dass nur Väter und Mütter ihre Organe bekommen. Manche machen eine Einschränkung bei Motorradfahrern, andere bei zu schnell fahrenden Autofahrern.
Ich finde es widerlich, andere Menschen so einzuordnen und ihnen Leben aufgrunddessen zu verweigern. Man kann das Leben eines anderen nicht beurteilen. Vielleicht wäre man selber Alkoholiker oder Raucher geworden, wenn man seine Eltern oder seine Schicksalsschläge gehabt hätte. Ja, der Mensch ist vernunftbegabt und es ist eine Entscheidung, mit dem Rauchen anzufangen. Aber will man wirklich jemanden als nicht würdig abstempeln, weil er mit 15 angefangen hat zu rauchen und nicht mehr aufhören konnte.
Immerhin ist das Rauchen auch eine Sucht. Ebenso wie Alkohol. Natürlich ist es leicht, Reden zu schwingen, dass man dann einfach damit aufhören soll. Aber niemand, der nicht lange geraucht oder getrunken hat, kann beurteilen, wie schwer es ist. Und es ist für jeden Raucher und Alkoholiker noch einmal anders.
Katara hat geschrieben:Ein noch größeres Problem, welches sich mir bei der vorliegenden Frage stellt, betrifft schließlich die Situation, dass man als Angehöriger vor der Entscheidung steht, ob Organe gespendet werden sollen oder sogar tatenlos zusehen muss, wie von einem geliebten Menschen Organe entnommen und einem todkranken Menschen eingepflanzt werden, der sein halbes Leben lang mehr oder weniger bewusst ungesund gelebt hat.
Man erfährt nicht, wer die Organe bekommen hat. Somit stellt sich dieses Problem gar nicht.
Zumindest erfährt man nicht sofort wer die Organe bekommt beziehungsweise bekommen wird. Erst wenn der Empfänger die Familie des Spenders kennenlernen will, wird nach zwei Jahren der Kontakt behutsam hergestellt. Und da kann man als Spenderfamilie (auch wenn nicht unbedingt die richtige Bezeichnung ist) den Kontakt verweigern.
Ich denke aber auch, wer nicht direkt mit der Thematik betroffen ist, hat sowieso eine komplett andere Denkweise. Und es gibt nicht umsonst sehr viele Menschen auf der Warteliste, die ein gesundes Leben geführt haben. Es kann eben jeder Mensch durch Krankheit oder Unfall davon betroffen sein, dass ein neues Organ gebraucht wird.
Gerade bei der Leber, wo ja sogar eine Teilspende ausreicht, ist es ja so, dass sich dort viele Medikamente niederschlagen, die eben auf Dauer auch einen entsprechenden Leberschaden verursachen können. Spontan fällt mir da die Pille ein, die nach einer sehr langen Einnahme die Leberwerte negativ beeinflusst. Wer dann also über Jahre keine Blutkontrolle hatte, wo das auffallen kann, wird vielleicht auch irreparable Schäden davon tragen.
Crispin hat geschrieben:@Punktedieb: Es geht mir wirklich nur um Fälle, wo bestimmte Organe quasi fahrlässig zerstört wurden. Wenn jemand über einen längeren Zeitraum Alkoholiker war, dann ist das so ein Fall, unabhängig davon, was die Person vorher für Erkrankungen hatte. Für das Rauchen gibt es meiner Meinung nach auch keine Entschuldigung. Wenn jetzt dein Vater ein Bier nach dem Feierabend trinkt, dann ist er vermutlich auch Alkoholiker, aber von einem Bier nach dem Feierabend bekommt man so schnell keinen Leberschaden.
Bei Menschen wo der Leberschaden wirklich durch Alkoholismus hervorgerufen worden ist, sieht man das in der Regel auch. Ehrlich gesagt kann ich solches Verhalten einfach nicht ernst nehmen, vielleicht liegt da mein Fehler. Mir ist unbegreiflich, wie man sich so kaputt machen kann und dann noch darauf hoffen kann, dass andere das dann quasi für einen wieder hinbiegen.
Wie ist dein Standpunkt eigentlich zu Menschen, welche zum Beispiel fünf Jahre lang geraucht haben und anschließend ihre Sucht bekämpft haben und keinen Glimmstängel mehr angefasst haben? Es gibt ja auch Menschen, die zum Beispiel von harten Drogen weggekommen sind, genauso wie beim Alkohol. Es gibt Personen, welche vielleicht sogar durch Naivität zu Drogen gegriffen haben, damit sie ihre Probleme ganz weit weg schieben können und anschließend eben daraus gelernt haben. Ich frage dich einfach aus Neugier aber trotzdem denke ich, wenn der Gedanke für dich unerträglich ist, dass du einer Person ein Organ spendest, welche es nicht "verdient" hat, dann solltest du es vielleicht ganz bleiben lassen.
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