Warum so viele Tote durch Behandlungsfehler in Kliniken?

vom 21.01.2014, 21:06 Uhr

Diese heute veröffentlichte Zahl von etwa 19.000 Toten im Jahr, welche alleine nur durch Behandlungsfehler in Klinken versterben, hat mich schon ein wenig geschockt. Waren das denn schon immer so viele die Jahr für Jahr irgendwelchen Behandlungsfehlern zum Opfer fielen? Schon alleine die Tatsache dass dies die offizielle Zahl ist und die tatsächliche womöglich noch um einiges höher liegt, lässt ja unzählige Fragen offen. Was meint ihr denn zu diesen Zahlen, habt ihr da irgendeine Erklärung für derartigen Klinikpfusch?

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» schraxy » Beiträge: 1085 » Talkpoints: 52,15 » Auszeichnung für 1000 Beiträge



Unter diesen 19.000 Toten sind viele Tote, die durch MRSA gestorben sind. Vielleicht hast du schon von den gefährlichen, resistenten Keimen gehört. Bei etwa 600.000 Infektionen starben immerhin 15.000 Patienten durch diesen Keim, weil es kaum noch eine Gegenmaßnahme gibt. Diese Zahlen sind nicht vom letzten Jahr, deshalb weiß ich nicht, wie es da aussah. Es gibt in diesem Forum mehrere Threads, die sich damit befassen. Vielleicht hast du in einem Krankenhaus schon einmal die Vorsichtsmaßnahmen gesehen, die sich vor der Tür zum Krankenzimmer befinden. Wichtig ist vor allem das Hände desinfizieren. Diese Keime befinden sich überall an Klinken, Bettgestellen, Kitteln, natürlich nicht nur in Krankenhäusern. Wichtig ist auch, dass das OP-Besteck einwandfrei steril ist. Selbst mit einer Spritze kannst du angesteckt werden.

So erging es dem Handballer, Holger G., der sich aufgrund einer Verletzung beim Spiel eine Spritze geben ließ. Mit welchen Maßnahmen er den Keim losgeworden ist, weiß ich nicht.

Wenn du nun von den 19.000 Toten die 15.000 abziehst, die durch schlechte Hygiene sterben mussten, bleiben zwar noch genug über, um entsetzt zu sein, aber es hört sich wenigstens etwas besser an. Es waren nicht immer so viele. Aber sie sind im Laufe der Jahre auf diese Zahl angewachsen. Deshalb wird auch immer wieder gewarnt, auch hier im Forum, dass manche Ärzte viel zu viel Antibiotikum sofort bei jeder Kleinigkeit verschreiben. Dadurch gibt es immer mehr resistente Keime.

Richtig ist, dass man Angst haben muss, ins Krankenhaus zu gehen, um operiert zu werden. Denn hier geht es um offene Wunden, wo sich die Keime schnell festsetzen können und nicht heilende Wunden verursachen oder aber der Keim wandert weiter durch den Körper.

» Cid » Beiträge: 20027 » Talkpoints: -1,03 » Auszeichnung für 20000 Beiträge


Ich vermute mal, dass es früher schon genauso viele (wenn nicht mehr) Behandlungsfehler gab. Nur wurden diese nicht öffentlich bekannt. Dass auch Ärzte fehlbar oder einfach mal schlecht in ihrem Job sind, wird meiner Ansicht nach erst in den letzten Jahren wirklich thematisiert. Früher galten sie oft nur als die "Götter in Weiß" und waren praktisch unangreifbar.

Heutzutage lassen sich die Menschen einfach nicht mehr so viel gefallen und hinterfragen auch mal die Diagnosen bzw. Entscheidungen der Ärzte. Durch das Internet haben sie viel mehr Möglichkeiten, sich selbst über Behandlungsmöglichkeiten zu informieren und sich medizinisches Fachwissen eigenständig anzueignen. Früher war es ja oft so, dass die Ärzte ihre Patienten kaum aufklärten und nur unverständliche lateinische Fachbegriffe auf Rezeptblöcke und Überweisungsscheine kritzelten, die für einen medizinischen Laien kaum entzifferbar bzw. interpretierbar waren. Heute lassen sich das viele Patienten eben nicht mehr gefallen.

Vor Jahren bin ich auch mal über einen längeren Zeitraum hinweg falsch behandelt worden. Auf Grund einer Unterleibsgeschichte (sehr ungünstig lokalisiertes Myom) litt ich ständig unter starken Schmerzen und Dauerblutungen. Ich wurde immer schwächer und war kaum noch arbeitsfähig. Mehrere Gynäkologen behaupteten stur und steif, dass eine Operation nicht möglich wäre und behandelten mich daraufhin mit verschiedenen Hormonen, die alles nur noch schlimmer machten. Durch die Nebenwirkungen litt ich am Ende noch unter einer Vielzahl von anderen gesundheitlichen Beeinträchtigungen, die ich so vorher noch nie gekannt hatte. Das war eine richtige Tortur, vor allem, weil die Gynäkologen stur und steif behaupteten, das hätte ursächlich absolut nichts miteinander zu tun. Sie bestritten hartnäckig jeglichen Zusammenhang und bestanden auf eine Fortsetzung der hormonellen Behandlung. Auch, dass selbst nach Monaten keinerlei Besserung eintrat, sondern die Schmerzen und Blutungen sogar noch zugenommen hatten, brachte sie nicht zum Umdenken. Am Schluss wurde mir sogar noch eine Hormonspirale eingesetzt, die angeblich keinerlei Nebenwirkungen haben und die Blutungen unverzüglich stoppen sollte. Das Gegenteil war der Fall. Ich kam mir vor, wie eine Verrückte, die unter Wahnvorstellungen leidet. Mir wurde immer wieder gesagt, ich solle noch etwas Geduld haben, alles werde besser. Wurde es aber nicht. Ich war am Ende ein körperliches und psychisches Frack.

Meine Rettung war damals das Internet. Ich habe dort unzählige Erfahrungsberichte von ähnlich gelagerten Fällen gefunden, auf ausländischen medizinischen Websites recherchiert und so gemerkt, dass ich alles andere als ein Einzelfall war. Am Ende habe ich Kontakt zu Gynäkologen aus Österreich aufgenommen, die sich intensiv mit dieser Thematik auseinandergesetzt hatten. Sie rieten mir, mir die Hormonspirale unverzüglich entfernen zu lassen, da diese bei der spezifischen Lage meines Myoms sogar kontraindiziert wäre und zu schweren Komplikationen führen könnte. Auch bestätigten sie, dass die von mir geschilderten zusätzlichen Beschwerden eindeutig mit den künstlich hervorgerufenen Hormonveränderungen zusammenhingen und nach Entfernung der Spirale wieder verschwinden würden. Des Weiteren erfuhr ich, dass eine operative Entfernung durchaus möglich sei.

Ich sprach dann bei einem Myom-Spezialisten der Berliner Charité vor, der mir nach der Voruntersuchung ohne Weiteres und sofort einen OP-Termin gab. Bei meiner Gynäkologin holte ich mir dann nur noch das Überweisungsformular ab und ließ mich auf keinerlei Diskussionen mehr ein. Ich hatte den Eindruck, dass es ihr sogar peinlich war. Die minimal invasive Operation verlief ohne jegliche Komplikationen. Dabei wurde mir auf meinen Wunsch auch gleich die verhasste Spirale entfernt. Schon kurz danach waren die Schmerzen weg und bereits ein paar Tage später hörten die Blutungen auf, was nach einem monatelangen Martyrium ein unglaubliches Hochgefühl bei mir auslöste. All die anderen Beschwerden waren auch wie weggeblasen. Genau, wie es mir die Ärzte aus Österreich vorhergesagt hatten. Seitdem verläuft mein Zyklus wieder ganz regelmäßig.

Was wäre wohl geschehen, wenn ich die Sache nicht selbst in die Hand genommen hätte? Seit dieser Erfahrung bin ich wirklich nicht mehr so leichtgläubig und vertrauensselig, wenn Ärzte mir etwas aufschwatzen wollen. Zudem gibt mir die zunehmende Verbandelung von Ärzteschaft und Pharmaindustrie zu denken. Bei der Hormonspirale, die ja zudem auch noch sehr teuer ist, handelt es sich beispielsweise um ein weltweites Milliardengeschäft, mit dem deutsche Pharmakonzerne riesige Gewinne einfahren. Auf den offiziellen Websites der Herstellerfirma werden sie als Wundermittel angepriesen, während Nebenwirkungen und Gegenanzeigen gerne bagatellisiert und als seltene Einzelfälle abgetan werden. Da fragt man sich doch, ob da wirklich immer zum Wohle der Patientinnen oder eher zum Wohl des eigenen Geldbeutels entschieden wird?

» ANNA67 » Beiträge: 114 » Talkpoints: 0,00 » Auszeichnung für 100 Beiträge



Naja die Zahlen stammen von 2007 und wurden bisher nur von einer Krankenkasse so in den Raum gestellt. Andere Krankenkassen haben sich dazu bisher noch nicht geäußert. Daher halte ich die Zahl für nicht korrekt. Und man sollte auch nicht vergessen, dass diverse Behandlungen auf den Aussagen der Patienten beruhen. Mir selbst ist eine Situation bekannt, was ein Unfallopfer auch eine falsche Medikation hätte bekommen können.

Da wusste niemand von den Kollegen welche Medikamente der Mann regelmäßig nehmen muss. Er selbst hat es noch der Notärztin damals sagen können. Ohne diese Aussage wäre er noch direkt am Unfallort verstorben, weil er dann die falsche Spritze bekommen hat. Allerdings kann man solche Vorfälle dann auch nicht als Behandlungsfehler deklarieren, wenn man gewisse Fakten einfach nicht zur Verfügung hat.

Ich gehe aber stark davon aus, dass man bei dieser Zahl genau solche Fälle mit drin hat. Dass daran dann aber Ärzte keine Schuld haben, kann man ja dabei geflissentlich verschweigen. Man hat aber eine Schlagzeile, die genau das bewirkt, was man wollte. Die gute und umsichtige Krankenkasse deckt Dinge auf, was das Vertrauen der eigenen Versicherten stärken soll.

» Punktedieb » Beiträge: 17970 » Talkpoints: 16,03 » Auszeichnung für 17000 Beiträge



@Punktedieb, ich bin selbst ein gebranntes Kind. Die Zahl 2007 sagt mir sehr viel. Im Oktober 2007 ist meine linke Ferse von einem unvorsichtigen Autofahrer überrollt worden an einer Parkplatzausfahrt. Mit dem Krankenwagen kam ich ins Krankenhaus, wurde geröntgt und verarztet, Mein Bein hatte sich verdreht und das Knie tat ebenso weh. Nach drei oder vier Tagen besah sich der Chefarzt die Ferse, machte ein bedenkliches Gesicht und ging nach draußen.

Einen Tag später ging alles ganz schnell. Die Nachbarin wurde verlegt, die Ärzte und Schwestern kamen nur noch vermummt herein und der Chefarzt sagte mir, ich hätte den Staphylococcus aureus (MRSA) Die Wunde wurde täglich verbunden, heilte nicht, obwohl die Ärzte alles versuchten. Dann wurde ich nochmals operiert und Haut wurde verpflanzt. Die Wunde heilte, aber nicht ganz. Nach acht Wochen wurde ich entlassen, angeblich keimfrei, musste aber jeden Tag zum Verbinden. Ich ging an Krücken und konnte keinen Schuh tragen.

Nachdem ich nicht mehr ins Krankenhaus musste, ging ich zu meiner Ärztin. Vorsichtshalber bat ich sie, einen Abstrich zu machen. Und siehe da, der MRSA-Keim war noch da! Ich ließ mir einen Termin beim Chefarzt geben. Als ich kam, war dieser in Urlaub und der Oberarzt sollte mit mir sprechen. Der ließ sich verleugnen und schickte einen jungen Assistenzarzt aus einer anderen Abteilung. Dieser sprach mich barsch an, riss mir das Pflaster ab und sagte, da wäre nichts und wollte gehen. Die dabei stehende Schwester sah schon in eine andere Richtung. Dann wurde auch ich laut, denn mit offener Wunde konnte ich so nicht gehen. Er herrschte die Schwester an, Pflaster zu holen, ließ sich aber auf kein Gespräch ein und verschwand dann einfach.

Mein nächster Weg war zum Rechtsanwalt. Ferner rief ich in der Uniklinik in Münster an und fragte Herrn Professor Friedrichs, was ich machen könnte( Er hat jetzt in den NL. die Leitung einer Hygieneabt. Übernommen). Dieser nannte mir einen Arzt in Hamm, der sich mit MRSA auskannte. Dann bin ich immer dorthin gefahren. Da der Keim aber hartnäckig war, hat er mir am Ende zwei verschiedene Antibiotika aufgeschrieben. Beide zusammen haben den Keim bezwungen aber auch bewirkt, dass ich nach der letzten Einnahme mit Nierenversagen ins Krankenhaus kam. Dort wurde ich mit Kortison wieder hochgepäppelt. Die Nebenwirkungen des Kortisons habe ich heute noch.

Welches Vertrauen kann ich noch in Ärzte haben? Du wirst mit deinen Problemen, die sie durch schlechte Hygiene verursacht haben, einfach alleine gelassen und kannst selbst sehen, wie du klar kommst. Ich wage es nicht, mein Knie, das noch an den Unfallfolgen leidet, operieren zu lassen, weil ich einfach Angst habe.

Mit solchen Fällen hat es viele Todesopfer gegeben, weil die Keine auch Organe schädigen und man sie dann kaum noch los wird. Diese Todesopfer sind aber in der Statistik enthalten.

» Cid » Beiträge: 20027 » Talkpoints: -1,03 » Auszeichnung für 20000 Beiträge


Bei meiner OP in der Charité, war ich auch sehr schockiert davon, wie die Toiletten auf der Station aussahen. Wenn man gerade aus der Vollnarkose aufgewacht ist und sich nur mit Ach und Krach auf den Beinen halten kann, ist das besonders schlimm. Man möchte sich am liebsten nirgendwo festhalten oder aufstützen. Und das in der Gynäkologie! Zum Glück war ich nur ganz kurz im Krankenhaus und alles lief gut. Ich möchte aber nicht länger auf so einer Station liegen. Wenn der Körper von Operationen oder Krankheiten ohnehin schon geschwächt ist, weiß man wirklich nicht, was man sich da einfängt.

Ich möchte nicht einmal dem Personal einen Vorwurf machen. Die sind einfach total überlastet. Da bleibt so viel auf der Strecke. Als ich schon bald nach dem Aufwachen aus der Narkose entlassen wurde, wurden mir noch nicht einmal die kleinen Schläuche entfernt, die von der OP noch mit Nadeln in meinen Armen steckten. Eine Schwester sagte mir kurz und bündig, ich könne jetzt nach Hause gehen und verschwand sofort wieder. Sie sagte, sie brauchen das Bett für die nächste Patientin. Ich war noch ganz benommen und lief dann ins Schwesternzimmer, um die Nadeln rausnehmen zu lassen. Ich musste mehreren hektisch rumrennenden Schwestern hinterherlaufen, bis das dann eine mal schnell im Stehen so nebenbei erledigte. Ich fragte mich schon, ob man so was denn heutzutage als Patient selbst erledigen muss?

» ANNA67 » Beiträge: 114 » Talkpoints: 0,00 » Auszeichnung für 100 Beiträge


@Cid: Ich kann zwar deinen Unmut verstehen, aber den Keim kann man sich auch außerhalb von Krankenhäusern einfangen. Außerdem ist die Ansteckung damit kein direkter Behandlungsfehler. Und dass Wunden schlecht verheilen gab es auch schon vor der Entdeckung von MRSA, was man aber auch nicht zwangsläufig als Behandlungsfehler hinstellen kann. Es gibt immer Menschen, bei denen eine Wundheilung schlechter verläuft, wie im Durchschnitt.

Trotzdem gehe ich davon aus, dass die genannten Todesfälle durch explizite Behandlungsfehler wesentlich weniger sind, als von der AOK behauptet wird. Und Behandlungsfehler sind nun mal etwas anderes, als mangelnde Hygiene. Wobei man auch oft genug beobachten kann, dass zum Beispiel Toiletten erst geputzt worden und trotzdem sehen sie aus, als wenn da mehrere Tage nichts sauber gemacht worden wäre.

Ehrlich gesagt, kann man das dann auch nicht dem Reinigungspersonal anlasten, sondern den Patienten und deren Besucher, die meinen sich wie die Axt im Wald verhalten zu müssen. Ich kenne ja nun auch mehrere Krankenhäuser und weiß das dort ordentlich sauber gemacht wird. Hier bei uns werden im Klinikum sogar die Räume täglich geputzt, die gar nicht benutzt worden sind.

» Punktedieb » Beiträge: 17970 » Talkpoints: 16,03 » Auszeichnung für 17000 Beiträge



Was du sagst, ist richtig. Den Keim kann man sich überall einfangen. Aber das Putzen von Toiletten und Räumen hat zwar auch mit Hygiene zu tun, aber nicht mit dem, was ich erlebt habe. Bevor es zur Operation kam, musste ich ja täglich zum Verbinden ins Krankenhaus. Der damalige diensthabende Arzt versuchte durch eine Drainage etwas zu retten. Dabei trug er nicht einmal die vorgeschriebenen Plastikhandschuhe. Auch die Schwester, die den Verband abmachte, hatte keine Handschuhe. Wie es im OP aussah kann ich nicht sagen, weil ich narkotisiert war.

Du hast selbst geschrieben, dass man sich die Keime überall zuziehen kann, was stimmt. Deshalb sollten ja auch Handschuhe angezogen werden. Dass der Keim aus dem Krankenhaus ist, ist sicher, denn meine Wunde war zwar blau und schwarz, aber nicht offen. So konnte kein Keim eindringen. Was ANNA67 geschrieben hat, kann man auch nicht als normal abtun. Änderungen in Krankenhäusern sind dringend erforderlich.

» Cid » Beiträge: 20027 » Talkpoints: -1,03 » Auszeichnung für 20000 Beiträge


@Cid: Ich kann deine Aussagen nur bestätigen. Meine Mutter hat vor vielen Jahren (noch in der ehemaligen DDR) mal eine Spritze in den Knöchel bekommen (Solche Spritzen bekam sie damals regelmäßig von ihrem Orthopäden). Danach fuhren wir in den Urlaub. Schon im Zug begann ihr Knöchel ungewöhnlich anzuschwellen und im Inneren zu klopfen. An unserem Urlaubsort verschlimmerte sich dann binnen weniger Stunden alles dermaßen, dass wir sie sofort ins Krankenhaus brachten. Ihr Fuß war knallrot und sah aus wie ein Ballon.

Die Ärzte pumpten sie mit Schmerzmitteln voll, wodurch sie schließlich kaum noch essen konnte. Sie schauten sich den Knöchel immer nur entsetzt an und wussten nicht so Recht, was sie tun sollten. Außer Kühlen und Tabletten gegen die Schmerzen fiel ihnen wohl nichts ein. Es war dann schon alles total voller Eiter und meine Mutter nahm im rasanten Tempo ab, ganz abgesehen von den Schmerzen und ihrer psychischen Verfassung. Wenn ich mich recht erinnere, ich war ja damals noch ein Kind, wurde sie am Ende doch noch aufgeschnitten.

Als wir vom "Urlaub" zurück kamen, ging meine Mutter auf Krücken und ihr Knöchel war steif. Das gesamte Bein war extrem dünn geworden und kaum noch beweglich. Der behandelnde Arzt im Krankenhaus hatte ihr prophezeit, sie werde nie wieder richtig laufen können. Unter vier Augen sagte er ihr dann noch, es handle sich um eine durch eine Infektion verursachte Gelenkentzündung, die irreversible Schäden (dauerhafte Versteifung des Gelenks) hervorgerufen habe. So etwas resultiere meist aus Hygienefehlern. Möglicherweise sei die Spritze nicht steril gewesen. Allerdings sage er ihr das nur im Vertrauen und würde das vor Zeugen jederzeit abstreiten.

Meine Mutter war dann dauerhaft krank geschrieben. Die weiter behandelnden Ärzte gingen davon aus, dass sie mit großer Wahrscheinlichkeit nie wieder richtig laufen und somit auch nicht mehr in ihren Beruf zurückkehren könne. Da wir sehr abgelegen wohnten und kein Auto hatten, war sie nur ans Haus gefesselt. Und selbst da hatte sie Schwierigkeiten, sich mit ihren Krücken fortzubewegen, denn es war ja alles andere als behindertengerecht gebaut.

Gegen den Rat ihrer Ärzte begann sie dann, täglich unter Schmerzen Übungen zu machen. Zum Glück ist sie ein ziemlicher Dickkopf und war früher auch mal sehr sportlich. Zwischendurch verlor sie auch mal die Hoffnung und wurde richtig depressiv. Aber dann fing sie wieder an, weiter zu machen. Nach vielen Monaten zeigten sich tatsächlich allmählich Verbesserungen und irgendwann konnte sie wieder ohne Krücken laufen und sogar wieder arbeiten. Ich bin wirklich sehr, sehr stolz auf sie! Hätte sie den Ärzten geglaubt und gleich resigniert, hätte sie das niemals geschafft.

Meine Mutter hatte nicht einmal einen Hass auf den Orthopäden, durch dessen Fehler sie beinahe für immer gehbehindert geblieben wäre. Sie sagte sogar immer, das dieser Arzt total überlastet war und das Wartezimmer vor Patienten überquoll. Aber sie kann bis heute nicht akzeptieren, dass Ärzte nicht zu ihren Fehlern stehen und auch "keine Krähe der anderen ein Auge aushacken will." Natürlich ist ihr Vertrauen in die Ärzteschaft auch nachhaltig getrübt.

Ich finde, solche Mindeststandards wie das Sterilisieren medizinischer Geräte, das Tragen von Gummihandschuhen und die Benutzung von Einwegspritzen sollten, bei allem Zeitmangel, grundsätzlich eingehalten und auch viel strenger kontrolliert werden. Man fragt sich wirklich, wie so was in Zeiten von AIDS heute überhaupt immer noch vorkommen kann?

» ANNA67 » Beiträge: 114 » Talkpoints: 0,00 » Auszeichnung für 100 Beiträge


@ANNA67, das ist ja furchtbar, was deine Mutter mitmachen musste. Bei ihr war es also wohl auch die nicht sterile Spritze, genau wie bei Holger G., von dem ich anfangs schrieb. Er hat übrigens den Arzt verklagt auf Schadensersatz. Das dürfte bei ihm richtig teuer für die Versicherung werden. Den Arzt, der deiner Mutter das gesagt hatte, kann ich gut verstehen. Wenn er das öffentlich sagen würde, könnte er nie wieder praktizieren. Leider gibt es das große Schweigen der Ärzte.

Von dem damaligen Unfall habe ich noch Wasser im Knie, was die Krankenhausärzte vorher abgetan haben. Das hat an den Knochen für eine beschleunigte Arthrose gesorgt, wie mir ein Arzt sagte. Ohne eine Arthroskopie oder OP werde ich das nicht los.

» Cid » Beiträge: 20027 » Talkpoints: -1,03 » Auszeichnung für 20000 Beiträge


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