Rente mit 67 richtig?

vom 29.03.2010, 08:51 Uhr

In den Medien gibt es zur Zeit einen heftigen Streit zwischen Arbeitsministerin Ursula von der Leyen und Ver.Di-Chef Frank Bsirske. Von der Leyen will den Starttermin für die Einführung der Rente mit 67 auf 2012 festlegen und nicht weiter verhandeln. Bsirske stellt sich momentan voll dagegen mit dem Einwand, das Vorhaben der Arbeitsministerin wurde noch viel zu wenig überprüft.

Einerseits muss man angesichts der zunehmend schlechter werdenden Lage schon sagen, dass es sinnvoll sei , die ältere Generation länger arbeiten zu lassen, da es die Rentenkassen in Zukunft immer leerer werden. Andererseits gibt es kaum Personen, die es bis in dieses hohe Alter schaffen zu arbeiten. Außerdem versperren diese dann evtl. die Aufstiegsmöglichkeit der jungen Generation, die von unten in den Betrieben nachkommt.

Gibt es eventuell einen Kompromiss, den die Regierung eingehen könnte oder sollte es doch bei dieser radikalen Entscheidung bleiben?

» Christoph.Killersreiter » Beiträge: 19 » Talkpoints: -2,91 »



Beide Seiten haben sicherlich Recht mit ihren Argumenten. Nur da die Rente mit 67 wohl beschlossen scheint, muss man halt auch einen Zeitpunkt festlegen, ab wann sie eingeführt werden soll. Und manche Betriebe werden sicherlich froh sein, wenn ihnen die alten Arbeitnehmer noch erhalten bleiben, weil einfach nicht genügend Nachwuchs vorhanden ist.

So wie vor ein paar Jahren noch Unmengen an Bewerbern für Lehrstellen vorhanden waren, finden viele Betriebe gar keine bzw. zu wenig Azubis. Und nicht jede Stelle kann man mit Berufsfremden besetzen. Selbst eine gute Einarbeitung ist da nicht ausreichend dafür.

Wobei ich persönlich von Ver.Di auch nicht gerade die beste Meinung habe. Wenn man allein die teilweise sehr überzogenen Forderungen bei Tarifverhandlungen sieht. Würde da mit sinnvolleren Zahlen zu Beginn verhandelt müsste man nicht immer ewig streiten und sogar streiken.

» Punktedieb » Beiträge: 16554 » Talkpoints: 85,63 » Auszeichnung für 16000 Beiträge


Christoph.Killersreiter hat geschrieben:Andererseits gibt es kaum Personen, die es bis in dieses hohe Alter schaffen zu arbeiten.

Zu keinem Zeitpunkt dieser Reform ist es darum gegangen, dass ein Arbeitnehmer im Normalfall bis zum 67igsten Lebensjahr am Erwerbsleben teilnimmt. Es ist ein Ammenmärchen, wenn das Gegenteil erzählt wird. Dann sollte man einfach dafür sorgen, dass die Quote der Personen, die heute (!) schon bis zum Rentenalter (65 Jahre) arbeiten sollen, erhöht wird. Wie viele Leute machen denn die Jobs bis zum Renteneintritt? Und wenn es heute schon unvorstellbar ist, dass die Leute regelmäßig bis 65 arbeiten, wieso sollte es dann beim erhöhten Alter von 67 klappen?

Die Idee war ja nicht, die Rentenkassen durch die längeren Einzahlungszeiten zu füllen (es geht ja jeder davon aus, dass trotz allem die Leute eher aus dem Berufsleben gedrängt werden). Vielmehr ist die Idee die, dass durch höhere Abschläge, welche denn zu rechtfertigen sind, die Belastung auf der Ausgabenseite sinkt. Denn wenn man zu früh in Rente geht, kann man ja nicht erwarten, die vollen Bezüge zu erhalten.

Diese betriebswirtschaftliche Sicht der Dinge hat schon etwas menschenverachtendes und eigentlich kann sie nur von jenen gut geheißen werden, die davon ausgehen, davon nicht betroffen zu sein bzw. eben von denen, die gar nie wirklich von der Rente abhängig waren. Die nächste Stufe kann dann eigentlich nur noch das "sozialverträgliche Frühableben" sein. Sobald der Arbeitnehmer mehr kostet als er einbringt, sollte er im idealen Fall das Zeitliche segnen.

Es ist der Job und die einzige Existenzberechtigung der Gewerkschaften, sich für ihr Klientel einzusetzen. Das schließt eben auch die Rente mit ein und im Moment sehe ich nur die Gewerkschaft als große gesellschaftlich signifikante Gruppe (außer vielleicht noch "Die Linke"), welche sich eben für die Belange der Arbeitnehmerschafft einsetzt.

Punktedieb hat geschrieben:Wenn man allein die teilweise sehr überzogenen Forderungen bei Tarifverhandlungen sieht.

Das kann man nur schreiben, wenn man glaubt, dass es bei Verdi ein paar Leute gibt, die allein im Elfenbeinturm zusammen sitzen und die Forderungshöhe auswürfeln. Wenn man sich aber mal damit beschäftigt, wie die Forderungen zustande kamen, dann sieht man ein, dass das Wort "überzogen" hier schlicht unangebracht ist!

Punktedieb hat geschrieben:Würde da mit sinnvolleren Zahlen zu Beginn verhandelt müsste man nicht immer ewig streiten und sogar streiken.

Und den Beweis ist ja allein durch die Betrachtung der Reallohnentwicklung in der BRD erbracht. Die Zurückhaltung der Arbeitnehmer bringt schließlich allem am Standort Deutschland Vorteile. :lol:

» derpunkt » Beiträge: 9891 » Talkpoints: 86,42 » Auszeichnung für 9000 Beiträge



Wenn weniger als 20 Prozent es bis zum Renteneintrittsalter von 65 Jahren schaffen, was soll dann überhaupt eine solche Entscheidung? Es ist doch ein Witz, dass die Banken Milliarden bekommen, wenn sie sich verzockt haben und hier wird eine absolut unrealistische Entscheidung getroffen, die von irgendwelchen Annahmen ausgehen, die kaum realistisch sind.

Vor allem wird hier eine Entscheidung von denjenigen getroffen, die es nicht wirklich betrifft und denen kaum Hartz IV droht. Solche Entscheidungen kann man eben einfacher treffen. Sonst sähe das Gesetz sicher anders aus.

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» Juri1877 » Beiträge: 6579 » Talkpoints: 9,45 » Auszeichnung für 6000 Beiträge



@derpunkt: Wenn sich die Gewerkschaften dabei mal mit dem Erhalt von Arbeitsplätzen befassen würden, dann hätten sie in meinen Augen auch diese Daseinsberechtigung, wie sie allgemein gesehen wird. Aber ich sehe es direkt vor der Haustür, wie die Gewerkschaften zum Streik für höhere Löhne aufgerufen haben, aber dann ihren Hintern nicht bewegt haben, als es um die Schließung des Standortes ging.

Und es sollte auch bekannt sein, dass jede Lohnerhöhung über dem Angebot des Arbeitgebers wieder einen Stellenabbau nach sich zieht. Nur das sagen die Gewerkschaften dann natürlich nicht freiwillig. Im Gegenteil man freut sich im Stillen, weil man ja durch seinen Gewerkschaftsposten auf der sicheren Seite ist. Und je weniger Konkurrenz bei den nächsten Wahlen, desto sicherer ist der eigene Arbeitsplatz.

» Punktedieb » Beiträge: 16554 » Talkpoints: 85,63 » Auszeichnung für 16000 Beiträge


Juri1877 hat geschrieben:Wenn weniger als 20 Prozent es bis zum Renteneintrittsalter von 65 Jahren schaffen, was soll dann überhaupt eine solche Entscheidung?

Ganz einfache Erklärung. Bei eurer Betrachtung vergesst ihre die zweite Seite der Medaille. Es geht ja nicht nur darum, wie lange man arbeitet, sondern eben auf der anderen Seite auch darum, wie lange man Rente bezieht.

Ehrlicherweise muss man ja sogar schon zugeben, dass auch das Renteneintrittsalter steigt, aber es steigt eben auch die Lebenserwartung. Das heißt eben, dass man länger Rente bezahlen müsste, wenn man das reguläre Renteneintrittsalter nicht anheben würde. Damit würde man ohne die Einnahmenseite wesentlich zu stärken, die Ausgabenseite massiv belasten. Es gibt also im Grunde zwei Möglichkeiten dieses Ungleichgewicht zu beseitigen. Entweder man sorgt dafür, dass mehr Geld reinkommt, was aber schwierig ist ohne die Beitragssätze zu verändern oder man versucht eben die Ausgabenseite anzugehen. Und das ist eben relativ einfach indem man den Bezugszeitraum versucht zu ändern. Wenn man ein oder zwei Jahre lang weniger Rente ausbezahlen muss, spart das eben viel Geld für die Rentenkasse.

Rein mathematisch betrachtet, finde ich das jetzt auch nicht mal wirklich ungerecht. Wenn man jetzt mal größere Zeiträume betrachtet, liegt der Anteil mit Erwerbstätigen, die auf Grund längerer Ausbildungszeiten erst später in das Berufsleben eintreten und damit erst später anfangen einzuzahlen, heute höher als früher. Dennoch wird der Durchschnitt der Bevölkerung heute älter als früher. In Summe ergibt das also bei weniger einnahmeseitiger Beitragsjahre einen längeren Bezugszeitraum. Diese Differenz zu früheren Zeiten muss man ja irgendwie lösen, wenn man nicht noch weiter das Rentenniveau senken will, als man es eh schon tut.

» Klehmchen » Beiträge: 4701 » Talkpoints: 714,92 » Auszeichnung für 4000 Beiträge


Wahrscheinlich kommt demnächst noch die Rente mit 73. Wir sehen doch gerade bei der Flüchtlingskrise, dass zig Milliarden auf einmal da sind. Es geht vieles wenn man will. Nur fehlt der Wille und nicht das Geld.

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» Juri1877 » Beiträge: 6579 » Talkpoints: 9,45 » Auszeichnung für 6000 Beiträge



Ich persönlich finde das Alter schon grenzwertig. Es mag ja sein, dass die Lebenserwartung der Menschen steigt, aber pauschal lässt sich das eben auch nicht an jedem deutlich fest machen. Erkrankungen und Krankheiten mit einbeziehend, die Umwelteinflüsse und das Alter sowie die Art des Jobs reichen da mal aus, um zu erkennen, dass einige viel zu früh von uns gehen müssen und dann von der Rente 0,0 hatten.

Es wirkt bei Rente mit 67 eben so, als wenn man es fast darauf anlegt, dass die Leute sowieso irgendwie schnell sterben und nicht viel von der Kohle haben. Um jetzt mal sehr gemein zu sein. Natürlich verstehe ich Klemchen sein Argument, dass es eben auch darum geht, wie lange dann eine Rente entsprechend bezogen wird.

Doch mein Problem ist, dass diese Menschen Jahrzehnte eben eingezahlt haben. Also ist es so oder so ihr gutes Recht, aus dem „goldenen Töpfchen“ jetzt ihren wohlverdienten Anteil daraus auch zu erhalten. Ganz egal, ob das 10-30 Jahre ist. Sie haben es eingezahlt, um den Staat fette Steuern zu schenken und sich später zur Ruhe setzen zu können und nicht mit 70 noch Zeitungen austragen zu müssen.

Und das die Rentenkassen leer sind und man vielleicht in der Vergangenheit deswegen, wer schlechtes denken mag, das Rentenalter angehoben hat, ist nicht das Problem der Leute. Die haben eingezahlt und wenn man die berufliche Situation in Deutschland nicht lohnenswert getreu dem Motto „arbeiten lohnt sich“ oder „arbeiten zahlt sich aus“ gestaltet, dann ist man selbst Schuld, wenn junges Gemüse kein Bock mehr hat. Für mich hat jeder Rentner sein Geld, was er eingezahlt hat, auch verdient. Egal, ob die Lebenserwartung steigt oder nicht. Deswegen finde ich das Alter gelinde gesagt, etwas zu hoch.

Ich habe mich aber mal folgendes gefragt. Wäre es nicht möglich, es zu staffeln? Sagen wir mal, dass man ab 60 Jahre 30 % Rente bereits bekommt, und weniger arbeiten kann. Eben auch gemäß den Betroffenen, die schon körperlich auch wirklich leiden. Dann eben mit 65 Jahren die 60 % erreichen und dann ab 67 die komplette Rente. Vielleicht wäre solch ein Konzept, auch wenn es gerade irgendwie kompliziert klingt ( war jetzt auch nur mal ein schneller Gedanke ohne nachzudenken ) auch nicht die dümmste Lösung.

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» Kätzchen14 » Beiträge: 4947 » Talkpoints: 6,39 » Auszeichnung für 4000 Beiträge


Eigentlich ist es doch übersichtlich. Aktuell finanziert jeder Rentenversicherungspflichtige einen halben Rentner. Da kommt nicht viel Rente bei rum und die Belastung für Erwerbstätige ist hoch. 1960 haben sich noch sechs Erwerbstätige einen Rentner geteilt.

Dazu kommt, dass die Leute immer länger leben. Früher gab es sechs bis neun Jahre Rente, heute sind es 20 Jahre. Und ab nächstem Jahr gehen die Babyboomer in Rente. Dann hat jeder Erwerbstätige mehr als einen halben Rentner zu finanzieren. Da hilft halt nur länger durchhalten oder Abschläge hinnehmen. Oder man stellt das Rentensystem um. Aber das will auch keiner.

Das niederländische Modell ist z.B. sehr solidarisch, aber hierzulande findet man es ungerecht. Österreich funktioniert nur mit Zuwanderung und würde aufgrund der hohen Beiträge zum Aufschrei führen. In Italien bekommt nur Rente, wer mindestens 20 Beitragsjahre hat und auch erst mit 67.

» cooper75 » Beiträge: 11649 » Talkpoints: 523,72 » Auszeichnung für 11000 Beiträge


Aktuell zahlt die Rentenversicherung jährlich 250 Milliarden Euro aus. 2030 sollen es 400 Milliarden Euro werden. Davon sind schon heute fast 100 Milliarden Bundeszuschuss. Der BDI hat mit 2,3 Billionen Euro bis 2050 für den Klimawandel berechnet. Das sind 70 Milliarden im Jahr. Das 2-Prozent-Ziel für die Bundeswehr wird uns 40 Milliarden im Jahr kosten. Der Bundeshaushalt liegt bei 350 Milliarden Euro. Die Länderhaushalte dürften zusammen bei der gleichen Summe liegen. Wir werden uns fragen müssen, ob wir angesichts der mangelnden Hilfe beim demographischen Wandel die Flüchtlingshilfe besser direkt in die Rentenkasse investieren. Ansonsten darf schon mal jeder den Rotstift zücken und sagen, wo er ansetzen würde.

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» Juri1877 » Beiträge: 6579 » Talkpoints: 9,45 » Auszeichnung für 6000 Beiträge


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