Schulen lieber digitalisieren oder renovieren?

vom 10.02.2019, 10:00 Uhr

Es ist ja bekannt, dass Schulen in Deutschland zunehmend digitalisiert werden sollen und mehr Technik in Form von Tablets und Computern zum Einsatz kommen soll. Dafür bekommen die Schulen eine Finanzspritze vom Bund, um dies umzusetzen. Oft wird aber kritisiert, dass das Geld doch viel lieber dafür eingesetzt werden sollte, die Schulen zu sanieren bzw. zu renovieren, da diese teilweise sehr baufällig sind und es einfach notwendig ist. Wie seht ihr das? Meint ihr, dass man die Schulen schon digitalisieren sollte oder findet ihr es wichtiger, wenn die Gebäude endlich renoviert und saniert werden? Wie würdet ihr die Prioritäten hier setzen?

Benutzeravatar

» Täubchen » Beiträge: 33305 » Talkpoints: -0,78 » Auszeichnung für 33000 Beiträge



Sehe es auch so, dass das Hauptproblem der Schulen sicher nicht die Digitaltechnik ist. Es bringt auch eher wenig, die Schulen maximal modern auszurüsten und Tablets und Laptops zu verteilen, die Software zu verschenken und die Tafeln durch moderne Beamer zu ersetzen.

Zum einen müssten Lehrer wissen, was und warum sie einsetzen und entsprechend unterrichten. Zum anderen wird oft vergessen, dass das dann nur als Hilfsmittel dienen soll - und es nicht darum geht, darüber zu unterrichten, wie Computer eingesetzt werden! Ganz zu schweigen davon, dass es schlicht Beschwerden darüber gibt, dass z.B. ein großer Teil der Auszubildenden gar nicht Ausbildungsfähig sind oder Studienanfängern Grundlagen fehlen. Das hat nichts mit fehlendem Know How in Sachen "Digitalisierung" zu tun. Viel mehr fehlt es an der Fähigkeit, Texte zu verfassen, zu verstehen, Grundlagen der Mathematik einzusetzen oder aber Themen selbständig zu erarbeiten. Also das, was die Schule eigentlich leisten sollte.

Wenn jetzt Geld für Schulen da sein sollte, dann sollte zunächst in die grundlegende Bildung investiert werden. Also kleinere Klassen und mehr Lehrer um zu verhindern, dass z.B. Unterricht ausfällt oder Schulstoff gestrichen werden muss. Wenn es hier keine Probleme mehr gibt, dann kann man über solche Extras nachdenken. Vorher aber vielleicht die Grundlagen ermöglichen und aufhören, in den Klassen undurchdachte Experimente an den Schülern und Lehrern durchzuführen.

» derpunkt » Beiträge: 9898 » Talkpoints: 88,55 » Auszeichnung für 9000 Beiträge


Das ist in der Tat ein großes Problem, aber es sollte nicht entweder oder heißen, sondern es sollte beides ermöglicht werden. Es kann ja nicht sein, dass die Kinder in kaputten Gebäuden unterrichtet werden, es kann aber auch nicht sein, dass sie keinen Computer bedienen können und dann gar nichts in der Berufswelt machen können.

Sowohl beim Gebäudebau als auch bei der Technik zu sparen macht keinen Sinn, wenn man Fachkräfte haben möchte, dann sollte man auch in die Kinder investieren. Gerade wenn die Gebäude verkommen sind, hat man das ja auch lange genug schleifen lassen.

Benutzeravatar

» Ramones » Beiträge: 46686 » Talkpoints: 7,06 » Auszeichnung für 46000 Beiträge



Warum nicht beides? Es ist ja eine Schande - einerseits sollen die Kinder und Jugendlichen bis obenhin mit kapitalistisch verwertbarem Wissen vollgestopft werden, um damit später die Reichen noch reicher zu machen, andererseits haben sie in vielen Schulen nicht mal isolierte Fenster und durchgängig funktionierende Klos.

Angeblich wohnen wir doch nach wie vor in einem derart reichen Land. Deswegen leuchtet es mir absolut nicht ein, wieso Schulen die Wahl haben sollen zwischen Schimmel an der Decke und Laptops einerseits oder regendichten Dächern und dem guten, alten Overhead-Projektor andererseits. Auf "Digitalisierung" (was auch immer damit gemeint ist) zu verzichten und wieder Schiefertafeln zu verwenden, damit vom gesparten Geld die marode Heizung ausgetauscht wird, kann jedenfalls die Lösung nicht sein.

» Gerbera » Beiträge: 10493 » Talkpoints: 1,91 » Auszeichnung für 10000 Beiträge



Es ist beides wichtig. So viel Geld sollte da sein, um sowohl die Räumlichkeiten instand zu halten beziehungsweise erst instand zu setzen als auch ein sicheres Schulnetz mit E-Mailadressen für die Lehrer, Eltern und Schüler, einem Konferenzsystem, das den Datenschutzbestimmungen genügt, und Material für alle Fächer zustande zu bringen und jeden Schüler mit einem Tablet oder Laptop zu versorgen.

Bis vor zwei Jahren war ich noch der Meinung, Schüler in der Schule von Computern möglichst fernzuhalten, weil ich den persönlichen Unterricht besser finde. Aber die Coronakrise hat ja gezeigt, dass man auch für einen vernünftigen Fernunterricht sorgen muss. Es fand in meiner Vorstellung bis vor zwei Jahren nicht statt, dass Schulen über längere Zeit immer wieder geschlossen werden.

@Ramona, damit, dass man den Kindern beibringt, wie sie das Betriebssystem und die Anwenderprogramme eines Rechners bedienen, bereitet man sie nicht auf das Berufsleben vor. Bis die Kinder in den Beruf einsteigen, ist das alles voll veraltet. Die Anwendungsprogramme werden eh völlig andere sein. Ich habe in der achten Klasse auf Wunsch meines Vaters einen Schreibmaschinenkurs belegen müssen, weil das ja für das Berufsleben wichtig sei. Das war völlig sinnlos.

Ein mit allen Sinnen stattfindender Physik-, Mathe- und Chemieunterricht ist viel wichtiger. Da bekommt man gewisse Grundlagen, die sich wenig ändern, wenn man später in einem technischen Bereich arbeiten möchte. Eine Lernsoftware benutzen zu können, ist völlig irrelevant für ein späteres Berufsleben. Als Steuerberater muss man später völlig andere Programme bedienen können als ein Jurist, ein Arzt oder sonstwas. Wahrscheinlich ist dann die künstliche Intelligenz eh so weit, dass man nicht mehr viel tun muss. als irgendetwas, was eh selbsterklärend ist.

» blümchen » Beiträge: 4385 » Talkpoints: 0,02 » Auszeichnung für 4000 Beiträge


Sind das nicht unterschiedliche Zuständigkeiten? Bundesmittel und Ländermittel? Und ist es nicht so, dass seit Jahren mehr Mittel zur Verfügung stehen als von den Schulen abgerufen werden? Von daher macht die Argumentation für mich nicht so wahnsinnig viel Sinn.

Aber ganz generell würde ich Renovierungsarbeiten schon priorisieren. Es ist wohl unbestritten, dass jeder gerne ordentliche, saubere Toilettenanlagen und ein Dach hat, in das es nicht rein regnet. Aber einiges von dem Zeug, das Schulen unter dem Thema "Digitalisierung" verkauft wird ist schon eher unnötig. Kann man machen, muss man aber nicht.

Ich fände zum Beispiel die Digitalisierung von Schulbüchern total interessant. Spart Ressourcen, spart Kosten und die Kinder müssen nicht so viel Zeug durch die Gegend schleppen weil sie alle Bücher auf ihrem Tablet dabei haben. Aber braucht man irgendwelche "schlauen" Tafeln im Unterricht? Nicht unbedingt.

blümchen hat geschrieben:@Ramona, damit, dass man den Kindern beibringt, wie sie das Betriebssystem und die Anwenderprogramme eines Rechners bedienen, bereitet man sie nicht auf das Berufsleben vor. Bis die Kinder in den Beruf einsteigen, ist das alles voll veraltet. Die Anwendungsprogramme werden eh völlig andere sein.

Es geht aber eigentlich gar nicht darum zu lernen wie man mit einem ganz bestimmten Programm klar kommt sondern wie man ganz generell mit Software umgeht. Unsere Windows Rechner auf der Arbeit wurden zum Beispiel vor Kurzem ersetzt und weißt du was? Ich habe vorher noch nie mit Windows 11 gearbeitet und ich habe trotzdem keine Einweisung oder irgendwas in der Art gebraucht.

Ich habe mich kurz umgeschaut um zu sehen was neu ist, wo die wichtigsten Funktionen untergebracht sind und dann konnte es los gehen mit den persönlichen Einstellungen und dem Installieren meiner Programme. Glaubst du das wäre so einfach gewesen wenn ich nicht schon mit den Vorgängerversionen gearbeitet hätte?

Benutzeravatar

» Cloudy24 » Beiträge: 26845 » Talkpoints: 155,56 » Auszeichnung für 26000 Beiträge


Cloudy24 hat geschrieben:Glaubst du das wäre so einfach gewesen wenn ich nicht schon mit den Vorgängerversionen gearbeitet hätte?

Glaubst du tatsächlich, dass es in 20 Jahren, wenn Ramonas Kinder ins Berufsleben eintreten, noch Windows gibt, so wie wir es seit ein paar Jahren kennen? :lol: Schon jetzt sind Betriebssystemsoftware und Anwendersoftware oft schon sehr intuitiv bedienbar, aber es ist noch Luft nach oben. In spätestens zehn Jahren wird man dem Computer sagen: "Jetzt sag mir mal, wieso der Drucker mein Dokument nicht ausdruckt und reparier dich gefälligst."

Ich bin da sehr optimistisch, weil ich noch aus der Zeit der Lochkarten und Lochstreifen stamme und wir staunend vor dem BS2000 standen, in dem man tatsächlich etwas eingeben konnte und auch eine Antwort bekam, ein sogenanntes Dialogsystem. Daher habe ich mitbekommen, wie exponentiell schnell die Entwicklung voranschreitet.

» blümchen » Beiträge: 4385 » Talkpoints: 0,02 » Auszeichnung für 4000 Beiträge



Zunächst einmal muss ich festhalten, dass ich nicht generell gegen einen digitalen Umgang mit entsprechenden technischen Geräten an Schulen bin. Jedoch sollten wir hier auch den Hinblick der Gesundheit nicht außer acht lassen sowie die allgemeine gesellschaftliche Entwicklung. Ich erkläre auch gerne wieso.

Gerade die frühe Prägung des Hirns ist nachweislich wichtig für Kinder, um von der körperlichen Mobilität bis zu dem Erlernten eben viel Input zu bekommen. Dies funktioniert förderlich für das Hirn eben nur, wenn das Kind zig verschiedene Dinge kennenlernt, ausführt, scheitert, neu beginnt, vielleicht mal aufgibt usw. Im Hirn bilden sich so ständig neue Synapsen und verkapseln sich mit unseren Nerven, was nachweislich zu einer verbesserten Auffassungsgabe im Alter führt, aber auch nachweislich die Risiken an Demenz zu erkranken verringert. Ich könnte da jetzt zu speziell und fachlich biologisch drauf eingehen, aber lassen wir das.

Wenn wir nun genau diesen Prozess in Kindergärten, Horte und Grundschulen mit digitalisierten Medien unterbinden, dann hat dies einen entscheidenden Nachteil. Denn das Gehirn eines kleinen Kindes bis zu einem Jugendlichen befindet sich in der Entwicklung. In der Kindheit sind deswegen auch ideale Voraussetzungen der Zweisprachigkeit gegeben, aber eben auch das Lernen die Welt mit den Händen zu fühlen, zu schmecken, zu hören und zu sehen. All das sind wichtige Faktoren für die kindliche Entwicklung. Sport, Musik und Sozialität derweil für die Jugendlichen und damit auch für das Hirn!

Wenn wir in diesem Prozess nun die Kinder schon vor dem Smartphone setzen, damit Mama und Papa Ruhe haben, ständig vor der Glotze sitzen lassen oder eben die digitalen Medien einführen, dann ist das Hirn nachweislich nicht produktiv genug, um später gesundheitliche Risiken wie Demenz, eine schlechte Auffassungsgabe, weniger Bildung & Co vermeiden zu können.

Kinder haben also an diesen Medien überhaupt nichts zu suchen! Gar nichts! Weder ein wenig noch sonst was. Jugendliche sollten dies auch nur behutsam kennenlernen und keinen Fall zig Stunden am Tag das Smartphone in der Flosse haben, vor dem PC versuchen zu zocken, sich mit Freunden ständig unterhalten usw. Der Nachteil ist entscheidend.

Es ist auch im Übrigen aus neurobiologischer Sicht, wissenschaftlicher Sicht und ärztlicher Sicht bewiesen, dass diese Kids/Jugendlichen mit den digitalen Medien meist nicht gut umgehen und damit im Alter Bildungslücken, Lerndefizite und Erfahrungsdefizite mit sich bringen. Ich empfehle hier u.a gerne mal Manfred Spitzer (glaube so hieß der).

Im Übrigen habe ich irgendwann die Tage eine Studie, glaube von Havard oder so gelesen, dass es in den USA nachgewiesen werden konnte, dass der Lerneffekt mit digitalen Geräten unbedeutend war. In Südkorea haben indes sogar schon Gesetze dazu geführt, dieses ständige Daddeln usw. zu verringern, weil die Suchtrate auch hoch ist. Teilte mir eine Kollegin mit, die aus diesem Land kommt.

Digitale Medien helfen nur dann, wenn ein vorheriger ausgiebiger Lern- und Entwicklungsprozess gegeben war. Dann stört es nicht, wenn man mit 18 Jahren auf einmal Informatiker wird usw. Das hat keinen Einfluss mehr in dem Sinne, weil alles vorherige entwicklungs- und lerntechnisch perfekt abgelaufen ist. Wer jedoch diesen Entwicklungs- und Lernprozess für das Hirn ständig mit neuen Medien stört, der wird sich umgucken, welche Probleme gegeben sind.

Wenig in der weiterführenden Schule damit umgehen lernen, in Ordnung. Damit lernen, dies fast schon voraussetzen usw. Absolutes No-Go!

Benutzeravatar

» Kätzchen14 » Beiträge: 5942 » Talkpoints: 13,47 » Auszeichnung für 5000 Beiträge


Zum bildschirmfreien Lernen im Silicon Valley habe ich einen interessanten Artikel gefunden. Ich würde es nicht ganz so streng sehen, Kinder komplett von Bildschirmen fernzuhalten, aber ich bin auch gegen einen digitalisierten Unterricht. Aber Lehrer sollten doch eine eigene E-Mail-Adresse haben und Schüler sollten im Krankheitsfall Material auf ihrem Schul-Laptop, den sie von der Schule gestellt bekommen, erhalten können.

Aber dauerhaft und für den Normalfall ist ein Unterricht mit allen Sinnen, vor allen Dingen, wenn die Kinder klein sind, das einzig Sinnvolle. Ich habe im Fernsehen mal von einem Versuch gehört, wo gezeigt wurde, dass Kinder, die mit der Hand mitschreiben statt den Text am Bildschirm zu sehen, sich die Dinge viel besser merken.

Wie man am besten lernt und Leistung bringt, zeigen die Arbeitsplätze bei Google. Dort spielen die Mitarbeiter zum Beispiel in ihren Pausen Scrabble und andere Spiele nicht am Bildschirm, sondern mit Anfassen an einer Wand. Es gibt gemütliche Sitzecken, Fitnesscenter und Arbeitsplätze, die man im Stehen oder Sitzen wählen kann. Im Klassenzimmer müssen die armen Kinder die ganze Zeit still sitzen. Im Headquarter in Kalifornien gibt es eine Riesenrutschbahn. Überhaupt sieht es dort aus wie auf einem Kinderspielplatz. Es wäre toll, wenn auch Schulen so aussehen würden.

» blümchen » Beiträge: 4385 » Talkpoints: 0,02 » Auszeichnung für 4000 Beiträge


blümchen hat geschrieben:
Cloudy24 hat geschrieben:Glaubst du das wäre so einfach gewesen wenn ich nicht schon mit den Vorgängerversionen gearbeitet hätte?

Glaubst du tatsächlich, dass es in 20 Jahren, wenn Ramonas Kinder ins Berufsleben eintreten, noch Windows gibt, so wie wir es seit ein paar Jahren kennen? :lol: Schon jetzt sind Betriebssystemsoftware und Anwendersoftware oft schon sehr intuitiv bedienbar, aber es ist noch Luft nach oben. In spätestens zehn Jahren wird man dem Computer sagen: "Jetzt sag mir mal, wieso der Drucker mein Dokument nicht ausdruckt und reparier dich gefälligst."

Das glaube ich nicht. Ich kenne noch Windows 3.11, was vor Win 95 kam und es sieht zwar heute schicker aus und hat mehr Funktionen, aber wer damals mit Word gearbeitet hat, wird sich auch mit dem heutigen Word zurechtfinden. Und das ist über 27 Jahre her. Da hat keine Revolution stattgefunden. Du wirst auch in 10 Jahren nicht mit deinem Drucker reden, außer natürlich du hast Halluzinationen.

» vde » Beiträge: 445 » Talkpoints: 25,85 » Auszeichnung für 100 Beiträge


Ähnliche Themen

Weitere interessante Themen

^