Notfall-Studium durchziehen obwohl damit unglücklich?

vom 21.11.2018, 10:49 Uhr

Ich habe kürzlich den Partner einer Bekannten kennengelernt wobei wir da natürlich darauf gekommen sind, was er so beruflich macht. Es hat sich dann herausgestellt, dass er Wirtschaftsinformatik studiert, aktuell im 5. Semester und so gar keine Freude an diesem Fach hat(te). Es hat sich herausgestellt, dass er sich nur deswegen für Wirtschaftsmathemtik eingeschrieben hat, da er die Einschreibungsfristen für seinen Traum - Sportwissenschaften - verpasst hat.

Um ehrlich zu sein verstehe ich so gar nicht, wie man in so einem Fall das Studium dann so weit durchziehen kann, gerade wenn man damit so gar nicht glücklich ist und es eher frustriert und so gar nicht dem eigenen Traum entspricht. Würdet ihr ein Notfall-Studium durchziehen, an dem ihr so gar keine Freude habt? Oder hättet ihr zu einem späteren Zeitpunkt noch einmal versucht, in euer Wunsch-Fach reinzukommen?

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» Täubchen » Beiträge: 33305 » Talkpoints: -0,78 » Auszeichnung für 33000 Beiträge



Manchmal ist das eben so. Ich kann im Wunschberuf nicht in einem Bereich arbeiten, der mit ansatzweise zusagt. Alle Alternativen funktionieren auch nicht. Also habe ich mich umorientiert und etwas anderes studiert, das ich gut kann. Aber ich finde es zum Brechen. Ich habe halt danach entschieden, dass das Schmerzensgeld für den Job so hoch ist, dass ich meine Freizeit nach meinen Wünschen gestalten kann. Was hätte ich sonst tun sollen?

» cooper75 » Beiträge: 12722 » Talkpoints: 374,67 » Auszeichnung für 12000 Beiträge


Es kommt eben auf die individuellen Werte an. Es gibt viele tatsächliche oder vermeintliche "Traum-"Jobs oder Studiengänge, die sich in der Realität als Rohrkrepierer herausstellen oder zwar Spaß machen und persönlich erfüllen, aber eben auch einem Armutsgelübde gleichkommen. Als Geisteswissenschaftlerin kenne ich beispielsweise etliche Anekdoten von teilweise sogar promovierten HistorikerInnen und dergleichen, die sich mit VHS-Kursen und Stadtführungen zum Spottpreis gerade so über Wasser halten.

Wenn man sich angesichts der Gesamtsituation also sagt: lieber einen drögen, gut bezahlten Job und dafür ausreichend Geld und Freizeit für Leidenschaften, ist das für mich absolut legitim. Es kann nicht jeder für seinen Beruf "brennen", für manche ist es eben ein reiner Broterwerb. Und ein anständiges "Schmerzensgeld" hat wie erwähnt durchaus handfeste Vorteile, angefangen damit, im Idealfall mit Teilzeit über die Runden zu kommen und nicht sein ganzes Leben dem schnöden Mammon opfern zu müssen.

» Gerbera » Beiträge: 10676 » Talkpoints: 0,30 » Auszeichnung für 10000 Beiträge



Bei mir ist es auch so gewesen. Ich habe damals Informatik studiert und bis zum "bitteren Ende" durchgezogen, obwohl es mich eigentlich nicht begeistert bzw. interessiert hat. Leider habe ich mich damals von meiner Familie und meinem sozialen Umfeld unter Druck setzen lassen, die ziemlich streng darauf bestanden hatten, nach dem Motto "Was man angefangen hat, muss man auch zu Ende bringen."

Ob es eine gute Entscheidung war oder nicht, lässt sich schwer sagen, da ich ja nicht weiß, was aus mir beruflich geworden wäre, wenn ich eines meiner Lieblingsfächer studiert hätte (meine Tendenz ging eher in Richtung Sprachen oder Kulturmanagement). Spätestens zu Coronazeiten hätte ich vielleicht Probleme bekommen oder wäre arbeitslos geworden, als damals die meisten Kulturbetriebe schließen mussten, während ich im IT-Beruf nicht um meinen Job fürchten musste. Richtig zufrieden bin ich aber eigentlich trotzdem nie geworden, da die IT einfach nicht wirklich meinen Interessen und Talenten entspricht.

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» lascar » Beiträge: 3852 » Talkpoints: 698,97 » Auszeichnung für 3000 Beiträge



Prinzipiell würde ich immer sagen, dass man seiner Intuition folgen sollte und im Zweifel das Studium abbrechen. Hier muss ich jedoch sagen, dass das fünfte Semester - davon ausgehend, dass es ein reguläres Bachelorstudium ist - relativ spät ist und schon so viel "geschafft" wurde, dass ich es wohl in diesem Falle auch durchziehen würde. Das Studium ermöglicht einem, auch wenn man den Fachbereich dann wechselt, trotzdem einige Türen.

Ich denke, dass es als so junger Mensch auch wirklich schwierig ist den Druck von allen Seiten gerecht zu werden. Ich kenne einige Personen, die sich beispielsweise nur aufgrund des NC's für einen anderen Studiengang entschieden haben. Das war häufig auch eine Kostenfrage und auch viel Zwang von den Eltern bzw. sonstigem sozialen Umfeld. Ich denke solche Themen sollten auch bereits zu Schulzeiten viel mehr thematisiert werden.

» bambi7 » Beiträge: 1117 » Talkpoints: 4,88 » Auszeichnung für 1000 Beiträge


Ich finde das wirklich schwierig. Es kommt ja auch auf die Umstände an und was man jetzt unter Notfall-Studium zu verstehen hat. Ich meine wenn einem gar nichts anderes übrig bleibt, ist das alle mal besser als nichts zu machen. So kann es ja sein, dass es von den Noten her einfach auch auf Jahre nicht für das Wunschstudium reichen wird.

Genauso gibt es ja Fachrichtungen, wo es schwer vorherzusagen ist, ob man nach einem erfolgreichen Studium auch einen Arbeitsplatz bekommt oder zumindest nur schlecht bezahlt wird und dann womöglich etwas anderes aufgibt für seinen Wunsch und dann davon nicht leben kann.

Genauso ist halt die Frage wie weit man mit seinem Notfallplan ist. In dem von dir geschilderten Fall, wäre es ja jetzt nicht so dramatisch gewesen einfach ein Jahr später anzufangen. Dann hätte man halt 1 Jahr irgendwas studiert und nebenbei etwas gejobbt, wenn das Notfallstudium doch blöd ist und wäre dann zum Wunschstudium gewechselt. Wenn ich aber kurz vor dem Abschluss wäre, dann würde ich das schon eher durchziehen, einfach um etwas in der Hand zu haben, wenn es dann mit dem Wunschstudium doch nicht so klappt.

Es kann ja auch sein, dass man nach 1-2 Jahren plötzlich merkt, dass man sich unter seinem Traumstudium was ganz anderes vorgestellt hatte und es sich als völliger Rohrkrepierer entpuppt.

Und dann ist es sicherlich auch immer eine Frage ob das "Schmerzensgeld" das man mit dem dann ungeliebten Job verdient nicht hoch genug ist um damit einiges kompensieren zu können. Wenn man dadurch mehr Freizeit gewinnt und sich da auch alle möglichen Hobbys leisten kann, dann kann das ja auch ein adäquater Ausgleich für den drögen Job sein.

» Klehmchen » Beiträge: 5467 » Talkpoints: 1.003,02 » Auszeichnung für 5000 Beiträge


Er hat eine Einschreibefrist verpasst und hätte sich quasi für den nächsten Studienbeginn in seiner Wunschrichtung einschreiben können? Und das ist der einzige Grund, warum er dann etwas anderes studiert hat? Wenn dem wirklich so ist, dann einem der Mann nur leid tun, dass er diesen Weg gewählt hat. Das ist für mich kein Notfallstudium, sondern einfach unüberlegt.

Unter einem Notfallstudium verstehe ich eine Studienrichtung, die man wählt, weil der Wunschberuf wegen diverser Gründe gar nicht möglich ist. Als Beispiel fällt mir da spontan Lehramt für Sport ein, wenn man die Sportprüfung nicht geschafft hat und damit eine andere Fachrichtung wählen muss.

» Punktedieb » Beiträge: 17418 » Talkpoints: 39,25 » Auszeichnung für 17000 Beiträge



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