Lockerung der Arbeitszeiten-Vorschriften sinnvoll?

vom 08.01.2017, 15:06 Uhr

Ich habe gelesen, dass Frau Nahles wohl eine Lockerung der ihrer Meinung nach zu starren Arbeitszeiten-Vorschriften fordert. Mit diesem Gesetz soll dann mehr Flexibilität ermöglicht werden, was die Gestaltung der täglichen Arbeitszeit angeht. So stimmt ihr der Arbeitgeberverband Gesamtmetall zu und der Sprecher meinte, dass es doch sehr positiv wäre, wenn man beispielsweise bis 16 Uhr arbeiten könnte, anschließend das Kind von der Kita holt, es zu Hause bespaßt und ihm Essen macht und wenn es im Bett ist, könnte man ja wieder zur Arbeit flitzen und die restlichen Arbeitsstunden nachholen. Klick.

Da ich keine Kinder habe, kann ich nicht sagen, wie sinnvoll eine solche Regelung für die Eltern oder alleinerziehenden Mütter und Väter hier wäre. Was meint ihr dazu? Haltet ihr so eine Lockerung der Arbeitszeiten-Vorschriften für sinnvoll oder ist das eher unsinnig? Könntet ihr euch später am Tag noch dazu aufraffen, noch einmal zur Arbeit zu fahren und die restlichen Stunden abzuleisten oder wäre euch das auch wegen den Arbeitswegen und dem damit verbundenen Aufwand zu viel des Guten? Welche Vorteile und Nachteile seht ihr in so einer Gesetzesänderung?

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» Täubchen » Beiträge: 18135 » Talkpoints: 0,04 » Auszeichnung für 18000 Beiträge



Ich war früher sehr oft im Urlaub in den Niederlanden, und dort waren die angesprochenen Arbeitszeitmodelle schon lange Wirklichkeit. Und die Holländer waren absolut zufrieden damit. Seltsamerweise konnten sich Deutsche, die ich darauf ansprach niemals damit anfreunden.

Ich gebe mal ein Beispiel. Am Strand kannte ich zwei Niederländer. Der eine arbeitet halbtags, lebte recht bescheiden und der andere hatte einen Mercedes, was in den Niederlanden damals wegen der Luxussteuer recht ungewöhnlich war. Er kam mal zur Mittagszeit im Anzug an den Strand und sagte, dass er ein wenig Mittagspause mache. Er war ein guter Freund des anderen. Als ich den ärmeren fragte, ob er nicht neidisch sei auf den reicheren Freund, antwortete er mir, dass der sich den Mercedes doch redlich verdient habe, denn er würde ja 60 Stunden die Woche arbeiten. Er selbst wiederum habe eben viel Freizeit und könne den ganzen Tag am Strand liegen.

Diese Einstellung traf ich in den Niederlanden immer wieder an. Entweder Freizeit oder Geld. Man kann es selbst entscheiden. Und die Holländer tun dies auch bereitwillig. Die Deutschen, die ich darauf ansprach hatten eine vollkommen andere Einstellung. Bei ihnen zählte immer nur das Geld. Sie wollten nicht einsehen, dass man weniger verdient, wenn man weniger arbeitet. Oder besser gesagt, sie waren nicht bereit auf Geld zu verzichten der Freizeit willen.

Ich fände es sehr gut, wenn man von den starren Arbeitszeitregeln wegkommen würde. Ich würde lieber weniger arbeiten und mehr Freizeit haben.

» Freidenker28 » Beiträge: 750 » Talkpoints: 1,02 » Auszeichnung für 500 Beiträge


Täubchen hat geschrieben:So stimmt ihr der Arbeitgeberverband Gesamtmetall zu und der Sprecher meinte, dass es doch sehr positiv wäre, wenn man beispielsweise bis 16 Uhr arbeiten könnte, anschließend das Kind von der Kita holt, es zu Hause bespaßt und ihm Essen macht und wenn es im Bett ist, könnte man ja wieder zur Arbeit flitzen und die restlichen Arbeitsstunden nachholen.

Bei diesem Vorschlag werden nur drei ganz entscheidende Punkte vergessen. Zum einen ist das nur für diejenigen praktikabel, die quasi um die Ecke von der Arbeit wohnen und einen recht kurzen Arbeitsweg haben, denn sonst frisst die doppelte Fahrtzeit viel zu viel Zeit auf, als das dies Modell für den Arbeitgeber als auch die Familie einen Vorteil aufweist. Man stelle sich das mal bei einem Anfahrtsweg von ca. 1 Stunde vor, dann wäre man quasi 4 Stunden pro Tag nur mit pendeln beschäftigt und das frisst auch Energie und Konzentrationsfähigkeit.

Zum anderen muss auch die abendliche Betreuung zu Hause sicher gestellt sein, denn man kann ein Kind bis zu einem gewissen Alter ja auch nicht einfach alleine zu Hause lassen, auch wenn es schläft.

Der dritte Aspekt ist, das dies in vielen Berufen gar nicht möglich ist, alles was in irgendeiner Form mit Kundenbetreuung und Erreichbarkeit in Verbindung steht oder auch mit bestimmten Öffnungszeiten wird schon sehr schwierig das mit solchen Modellen vollständig abzudecken. Denn es ist ja dann nicht nur ein Mitarbeiter der so ein Modell haben möchte, sondern in der Regel mehrere und dann stelle man sich einfach mal vor, das zwischen 14-18 Uhr niemand erreichbar ist, weil grad alle sich um die Kinder kümmern. Das kann dann auch bei den Kinderlosen zu sehr viel Unmut führen.

Alles in allem, finde ich das ganze noch etwas kurzsichtig gedacht. Generell bin aber durchaus für eine Flexibilisierung der Arbeitszeiten oder auch der Arbeitsorte sofern der entsprechende Beruf dies zulässt, denn beides kann für alle, egal ob Eltern oder nicht eine wahnsinnige Erleichterung im Alltag darstellen und man ist so dann auch viel motivierter während der Arbeit, weil man vieles andere nicht mehr im Hinterkopf hat, weil es einfacher zu organisieren und erledigen ist.

Wenn ich mal einen Tag Homeoffice hatte, dann war ich tatsächlich sehr produktiv, egal ob es die Arbeit anging oder alles was ich nebenbei erledigt hatte. Sei es das Auto erst in die Werkstatt zu bringen, eine Waschmaschine anzustellen und dann zu arbeiten oder auch Arzttermine wahrzunehmen, wo ich dann mehrere auf einen Tag legen konnte ohne das diese an einzelnen Tagen abgearbeitet werden mussten, mit dem ständigen Blick auf die Uhr, das ich ja eigentlich los müsste und hoffentlich bloß nicht im Stau stehe. Genauso geht es sicherlich vielen Familien auch, die die Kinderbetreuung mit unter einen Hut bekommen müssen und das dann eben täglich. Es würde eine Menge Stress und Druck reduzieren.

Leider haben viele Chefs und Firmen einfach noch nicht verstanden, das man nicht immer seine Schäfchen im Blick haben muss, damit diese produktiv arbeiten, denn produktive und motivierte Arbeit geht auch von anderen Orten, als dem Büro in der Firma. Gleiches gilt dabei dann eben auch für Arbeitszeiten, stur von morgens seine 8 Stunden abzuarbeiten kann weniger produktiv sein, wie wenn man zwischendurch mal 2-3 Stunden Pause macht und dann wieder weiter arbeitet.

Ich für meinen Teil hätte auch niemals ein Problem damit, etwas weniger zu arbeiten und für mehr Freizeit dann eben auch weniger Geld zu verdienen, denn Freizeit ist häufig sehr viel mehr wert als ein gutes Gehalt.

» StarChild » Beiträge: 1322 » Talkpoints: 1,36 » Auszeichnung für 1000 Beiträge



Freidenker, so locker, wie du es gerne hättest, ist es in den Niederlanden nicht. Dort darf 45 Stunden pro Woche und 9 Stunden am Tag gearbeitet werden und maximal 2080 Stunden pro Jahr. Im Schnitt ist deshalb nur eine Arbeitszeit von 40 Stunden pro Woche drin. 60 Stunden kannst du gerne arbeiten, wenn du selbstständig bist.

Die flexibleren Arbeitszeiten, die Arbeitgeber hier fordern, das sind doch eher Verträge mit null Stunden. Aufteilungen der Zeiten, die dem Arbeitnehmer den Tag richtig vermiesen. Seit den sechziger Jahren haben wir keine Steigerung der Arbeitsstunden, die pro Jahr geleistet werden. Wir haben nur mehr Arbeitnehmer, die sich dieses Kontingent teilen. Längere Arbeitszeiten sind wenig Ziel führend.

» cooper75 » Beiträge: 9511 » Talkpoints: 176,34 » Auszeichnung für 9000 Beiträge



Mich stören meine starren Arbeitszeiten schon. Dass ich pünktlich zu einer bestimmten Zeit da sein soll und zumindest offiziell bis zum Feierabend bleiben muss, auch wenn ich eher fertig bin, ist durchaus hinderlich. Früher hatte ich einen Job, da musste ich bestimmte Gutachten erstellen und die waren zeitlich nicht gebunden. Es war also egal, ob ich das meinetwegen um 10 oder um 15 Uhr gemacht habe, so lange die am Tagesende alle fertig waren.

Und ich fand das toll und habe es auch ausgenutzt. Ich kam meistens viel später früh und bin zwischendurch auch mal weg, etwa wenn ich zur Sparkasse musste. Dafür habe ich dann die Mittagspause durchgemacht. Diese freie Zeiteinteilung war super. Schade, dass dann die Abteilung geschlossen wurde.

Bei meinem aktuellen Job kann man das leider nicht so machen, weil ich feste Termine habe und die mit Terminen anderer abgestimmt und innerhalb festgelegter Öffnungszeiten angeboten werden. Zudem habe ich einen langen Weg zur Arbeit; ich könnte zwischendurch nicht mal eben schnell heim fahren.

Es wäre mir aber lieb, wenn man nicht so darauf pocht, dass ich nicht eher gehen darf, wenn ich fertig bin und dass ich mir das dann als Minusstunden aufschreiben müsste. Denn damit werde ich dafür bestraft, dass ich schneller arbeite als andere. Na gut, ich mache dann meistens noch was Privates oder rufe jemanden an. Manchmal hau ich auch eher ab und es merkt keiner. Aber es wäre mir schon lieb, wenn man das offiziell dürfte.

» Zitronengras » Beiträge: 8355 » Talkpoints: 15,97 » Auszeichnung für 8000 Beiträge


Zitronengras, was haben denn deine Zeiten mit den für manchen Arbeitgeber angeblich zu starren Vorschriften des Arbeitszeitgesetzes zu tun? Gleitzeit, Arbeitszeitkonten und viele andere Dinge, die dir entgegenkommen würden, wären doch möglich, wenn dein Arbeitgeber wollte.

» cooper75 » Beiträge: 9511 » Talkpoints: 176,34 » Auszeichnung für 9000 Beiträge


Ja, aber er will halt nicht. Man kann sich Gleitzeit wünschen, aber der Arbeitgeber kann das einfach ablehnen. Ich habe kein Anrecht darauf. Wäre es gesetzlich so geregelt, dass der Arbeitgeber das auf Wunsch des Mitarbeiters ermöglichen muss, ob er will oder nicht, wäre es schon anders.

» Zitronengras » Beiträge: 8355 » Talkpoints: 15,97 » Auszeichnung für 8000 Beiträge



Das kannst du aber nicht gesetzlich regeln, weil es in ganz vielen Bereichen aus betrieblichen Gründen nicht möglich ist. Das entscheidet immer der Arbeitgeber. Was Arbeitgeber sich hier wünschen, das sind Dinge, die Arbeitnehmer oft stark benachteiligen.

Es geht beispielsweise um eine Aufweichung der Arbeitszeit von 8 Stunden täglich. Eigentlich geht das jetzt schon, der Industrie reicht das aber nicht. Bei Bedarf soll länger gearbeitet werden dürfen. Die gesetzliche Ruhezeit zwischen Feierabend und Arbeitsbeginn soll deutlich lockerer behandelt werden.

Gut dagegen ist ein Recht auf Home Office oder das Recht von Teilzeitarbeit auf Vollzeit zu wechseln. Aber das geht den Arbeitgebern eben alles nicht weit genug. Die möchten die beiden letzten Punkte nicht und dafür Verträge mit null Stunden ohne Einschränkungen, wie es sie in Großbritannien gibt, oder Modelle mit Rufbereitschaft bei denen nur die Arbeitszeit bezahlt wird. Letzteres hat beispielsweise die Caritas versucht. Als Einkaufshilfe für Senioren hast du ganztags Bereitschaft, bezahlt wird nur, wenn du angefordert wirst und eben nur für die Arbeitszeit. :wall:

» cooper75 » Beiträge: 9511 » Talkpoints: 176,34 » Auszeichnung für 9000 Beiträge


Flexibilität hat vielleicht immer Vor- und Nachteile. Ich fände es halt schön, wenn man einfach nur danach gehen könnte, ob ich jetzt fertig bin und dann fahre ich heim oder ob noch was zu erledigen ist und ich mich nicht an starre Zeiten halten muss. Man kann die festen Termine ja auch so legen, dass ich vorher und nachher Dinge habe, die ich flexibel abarbeiten kann.

Die ganze Büroarbeit kann man ja eigentlich immer mal abarbeiten, dafür muss ich ja nicht unbedingt früh um 9 Uhr da sein. Das wäre sogar etwas für das Home Office. Wobei ich ja nicht nach Zeit bezahlt werden, sondern es gibt ein Festgehalt. Also ich wöllte auch nicht nach Zeit bezahlt werden. Das tut mir auch leid für andere, bei denen der Arbeitgeber die Flexibilität gegen den Arbeitnehmer interpretiert. Aber trotzdem kann ja ein Abrücken von klassischen Arbeitszeiten auch Vorteile haben.

» Zitronengras » Beiträge: 8355 » Talkpoints: 15,97 » Auszeichnung für 8000 Beiträge


Auch wenn du monatlich Betrag X erhältst, rechnet der Arbeitgeber logischerweise auf einen Stundenlohn um. Nach Arbeitszeit wird jeder bezahlt. Wenn Du Deine Arbeitszeit halbierst, zahlt dein Arbeitgeber dein bisheriges Gehalt auch nicht einfach in voller Höhe weiter.

Alles, was du dir wünscht, das ist doch bereits problemlos möglich. Du kannst ergebinsorientiertes Arbeiten vereinbaren, du kannst das Home Office haben, du kannst Gleitzeit haben. Das gibt das Gesetz alles her. Was jetzt geplant ist, das ist bis auf die Punkte Home Office und Voll- statt Teilzeit als Rechtsanspruch alles machbar. Da hilft dir keine Gesetzesänderung, da musst du mit deinem Arbeitgeber verhandeln. Das würde ein Gesetz auch nicht ändern, weil der Arbeitgeber immer betriebliche Gründe anführen kann.

Da aber von den geplanten Änderungen sowieso nur Unternehmen mit Tarifvertrag und Betriebsrat betroffen sind und die Arbeitnehmer zustimmen müssen, merkst du von Änderungen sowieso nichts, außer den wechselst zu so einem Arbeitnehmer.

Übrigens ist auch das ergebnisorientierte Arbeiten, das dir so gut gefallen würde, mit ziemlichen Tücken verbunden. Die meisten Unternehmen bürden ihren Mitarbeitern dann nämlich bis zum Fristende mehr Arbeit auf, als zu schaffen ist. Deshalb leistet der Arbeitnehmer dann permanent unbezahlte Überstunden. :whistle:

» cooper75 » Beiträge: 9511 » Talkpoints: 176,34 » Auszeichnung für 9000 Beiträge


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