Frauen in eurem Umfeld wirklich empathischer als die Männer?

vom 02.01.2022, 23:19 Uhr

Kürzlich hörte ich von einem Bekannten den Spruch "Empathie, das ist doch eh so ein Frauending", aber ist es das wirklich? Sich in die Gefühlslage von Mitmenschen hineinzuversetzen und entsprechend zu reagieren, fällt das Frauen tatsächlich leichter als Männern?

Es ist wohl so, dass ca. 10 Prozent der Fähigkeit erblich bedingt ist, wobei da das Geschlecht anscheinend keine Rolle spielt. Aus psychologischer Sicht ist es allerdings wohl tatsächlich so, dass Frauen bei EQ-Tests deutlich besser abschneiden als Männer. Langzeitstudien zeigen sogar, dass der Empathievorteil der Frauen mit dem Alter weiter zunimmt.

Klar ist aber auch, am meisten wird Empathie durch Erfahrungen in der eigenen Kindheit, Erziehung, Kultur und anderen sozialen Faktoren beeinflusst. In meiner Kindheit & Jugend war es tatsächlich auch oft so, dass sich darüber amüsiert wurde, wenn ein Junge/Mann z. B. wegen einer Filmszene weinen musste, beim weiblichen Geschlecht wurde das als völlig normal angesehen.

Wie seht ihr das, sind die Frauen in eurem Umfeld tatsächlich empathischer? Woran liegt das eurer Meinung nach? Liegt es u.a. auch daran dass schon früh kommuniziert wird Männer "müssen" stark sein?

» EngelmitHerz » Beiträge: 2774 » Talkpoints: 32,31 » Auszeichnung für 2000 Beiträge



In meinem Umfeld ist es so, dass sich Frauen mehr für andere Menschen interessieren und in Gesichtsausdrücke und Verhaltensweisen mehr hineininterpretieren. Ich habe aber auch Männer kennengelernt, die empathisch sind. Allerdings kennen ich mehr Männer, die nicht so auf Gefühlsregungen anderer reagieren oder kürzer reagieren und sich nicht so viele Gedanken darum machen.

Ich denke, dass das mehr angeboren als antrainiert ist. Meine Söhne sind diesbezüglich sehr unterschiedlich, obwohl ich sie gleich erzogen habe. Sie mussten keine harten Männer sein und durften auch weinen. Mein jüngster Sohn ist sehr empathisch. Er hat bei bestimmten rührenden Filmszenen immer die Hände vor die Augen gehalten, während es die anderen anscheinend überhaupt nicht berührte. Er hat die Überempfindlichkeit wahrscheinlich von mir geerbt. Das ist für mich die einleuchtendste Erklärung.

Es ist für mich auch verständlich, dass Frauen im Durchschnitt in vielen Situationen empathischer sind als Männer, weil sie ja ein Gefühl für die Ausdrücke ihrer Babys brauchen. Es war halt früher so, dass die Frauen im hauptsächlichen Körperkontakt zu den Säuglingen waren. Allerdings gibt es schon bei den Affen sehr empathische Männer. Ich schaue mir gerne Gorillafilme an. Der Silberrücken dort ist sehr empathisch.

» blümchen » Beiträge: 3604 » Talkpoints: 27,06 » Auszeichnung für 3000 Beiträge


Soweit ich weiß, hat Empathie nur sehr bedingt etwas damit zu tun, ob man bei schnulzigen Filmen auf die emotionale Manipulation anspringt, oder sie durchschaut. Und ich finde auch nicht, dass Empathie die durch und durch positive Eigenschaft ist, als die sie immer dargestellt wird. Zumindest reime ich mir hier etwas zusammen, wirklich Ahnung vom Thema hat hier doch sowieso niemand.

Generell habe ich allerdings auch nicht den Eindruck, dass Empathie viel mit dem Geschlecht an sich zu tun hat. Die Erziehung spielt eben auch eine Rolle: Wenn du vor lauter "Buben weinen nicht" keinerlei Beziehung zu deiner eigenen verkrüppelten Gefühlswelt entwickeln konntest und nur Wut und Arbeit kennst, wie sollst du dann verstehen, wie es anderen Leuten in bestimmten Situationen innerlich geht?

Für mich heißt Empathie schlicht und einfach, dass man kapiert hat, dass die anderen Leute keine Hologramme oder Automaten sind, deren einziger Zweck es ist, Aufgaben für andere zu erfüllen. Ich kenne beispielsweise Frauen, die sich, würde man zu Wort kommen und sie fragen, sich für top mitfühlend und empathisch halten - was sie selbst, ihren Mann und ihre beiden Kinder angeht.

Schon bei der weiteren Verwandtschaft ist es aus und vorbei, und der Rest der Welt ist bestenfalls Lakaien. Da heißt es nur: "Die Bäckereiverkäuferin war schon wieder total behindert!" (im Sinne von, hat sich beim Wechselgeld vertan) oder "Oma stellt sich schon wieder blöd an mit dem Smartphone!" oder "Wieso kriegen die ganzen Flüchtlinge die tollen Wohnungen und sogar ein eigenes Fahrrad? Wir im Osten damals hatten auch nüscht!"

Und andererseits kann man auch total empathisch und achtsam atmend die Leute in Grund und Boden manipulieren. Ich dachte beispielsweise von mir selber auch jahrelang, ich sei an der Empathiefront etwas unterentwickelt, weil ich bei rührseligen Filmen nicht heule. Mittlerweile ist mir gedämmert, dass ich mich in vielen Fällen sogar sehr gut in die Lage anderer Leute versetzen kann. Aber das macht mich definitiv nicht zu einem besseren Menschen. Verstehen heißt noch lange nicht gutheißen, und wenn man die Motivationen und emotionalen Defizite und Bedürfnisse anderer durchschaut, wäre es oft recht einfach, ihr Verhalten zum eigenen Vorteil auszunutzen. Aber ich habe schließlich auch einen gewissen Anstand.

» Gerbera » Beiträge: 10064 » Talkpoints: 2,00 » Auszeichnung für 10000 Beiträge



In meiner Umgebung sind Frauen tatsächlich oftmals empathischer als Männer, allerdings natürlich nicht immer, ich kenne durchaus auch Männer, die empathischer reagieren als Frauen.

Ähnlich wie Gerbera bin ich der Meinung, dass Empathie nichts mit den Empfindungen beim Schauen eines Films zu tun hat, sondern viel eher damit, wie sie mit ihren Mitmenschen umgehen. Eine manipulierende Person ist meiner Meinung nach deshalb nicht empathisch. Sie kann zwar ihre Mitmenschen gut lesen, aber sich nicht unbedingt in sie hineinversetzen, was für mich ein wichtiger Bestandteil von Empathie ist. Meiner Meinung nach ist Empathie etwas selbstloses, Manipulation dagegen etwas, was man für sich tut.

Dass Frauen und Männer häufig unterschiedlich gut mit Empathie zurecht kommen, hat sicher viel mit Erziehung, aber auch mit angeborenen, evolutionstechnischen Themen zu tun. Frauen haben sich schon früher um die Kindererziehung gekümmert, da ist Empathie wichtiger als auf der Jagd, wofür die Männer zuständig waren. Deshalb benötigen Frauen andere Fähigkeiten als Männer. Auch wenn es heute nicht mehr so ist, wird es vermutlich noch lange dauern, bis solche Themen abgehakt sind.

» Twilight-Girlie » Beiträge: 390 » Talkpoints: 29,51 » Auszeichnung für 100 Beiträge



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