Können traumatische Erlebnisse das Erbgut schädigen?

vom 07.04.2012, 12:52 Uhr

Ich habe mich neulich mit einer Bekannten über traumatische Erlebnisse gesprochen und sie meint, dass solche Erlebnisse sich auch auf das Erbgut schlagen können. Wenn beispielsweise ein Kind missbraucht wurde, kann es sein, dass die Kindeskinder irgendwann selber zum Täter werden, weil dieses traumatische Erlebnis von dem Vorfahren das Erbgut geschädigt hat. So kann auch ein Kind, welches geschlagen wurde Kinder bekommen, die auch schlagen.

Was haltet ihr von dieser Theorie, dass das Erbgut geschädigt wird? Angeblich hat meine Bekannte das irgendwo gelesen und meinte, dass die Kindeskinder dennoch zum Täter werden können, wenn das Opfer nie gezeigt hat, dass es Opfer war. Das traumatische Erlebnis des Vorfahren hätte angeblich das Erbgut dahingehend verändert, dass die "Rache" durch die Kindeskinder verübt wird.

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» Diamante » Beiträge: 41749 » Talkpoints: -4,74 » Auszeichnung für 41000 Beiträge



Solche Erlebnisse werden sich nicht auf das Erbgut ausschlagen. Es kann sein, dass durch diese Erlebnisse die Schwangerschaft gestört ist und der Stress sich dann auf das Kind überträgt. So kann dieses nervöser werden als andere, wie es ja auch beim Rauchen oder beim Trinken in der Schwangerschaft der Fall ist. Kinder werden nicht automatisch Täter, wenn der Vater auch ein Täter ist und etwas verbrochen hat. Das hat immer mit dem sozialen Umfeld etwas zu tun.

Gibst Du Kindern keine Beschäftigung und keine Zukunftsperspektiven, laufen sie auf jeden Fall mehr Gefahr, etwas anzustellen, als andere, die sozial gefestigter aufwachsen können. Gutes Beispiel ist die Schauspielerin von Miss Marple, Margaret Rutherford. Ihr Vater war ein Mörder und ihre Mutter war physisch krank und in einer Nervenanstalt. Sie selber wurde bei der Tante untergebracht, wo sie aufwachsen durfte. Was ist aus ihr geworden? Ein lustiger Mensch, der mit beiden Beinen auf der Erde steht und Erfolg hatte. Sie hat zwar nie Kinder gehabt, war aber dafür glücklich verheiratet und eine fantastische Schauspielerin.

» davinca » Beiträge: 2246 » Talkpoints: 1,09 » Auszeichnung für 2000 Beiträge


Nach den bisherigen Kenntnissen in der Genetik stehen unsere Gene angeblich immer fest und sind durch keine äußeren Einflüsse zu verändern, also auch nicht durch traumatische Erlebnisse. Allerdings ist die Genforschung noch lange nicht an ihrem Ende angelangt und ich las erst vor kurzer Zeit etwas genau darüber, dass sich die Gene im Laufe eines Menschenlebens doch verändern würden - allerdings sehr langsam, also wäre hier eher von konstantem Missbrauch als einzelnen traumatischen Erlebnissen als Quelle auszugehen, wenn denn überhaupt.

Auch wenn ich keine Wissenschaftlerin bin, halte ich die eingangs angesprochene Theorie doch für ziemlich weit hergeholt. Auch wenn sich möglicherweise das Erbgut eines Menschen verändert, so ist ja noch nicht mal feststehend in wie weit überhaupt unser Verhalten durch die Gene und nicht bloß durch Modifikation, also äußere Einflüsse wie Erziehung etc. bestimmt wird. Es gibt zwar viele Theorien über Dinge wie das "Sucht-Gen", also wer es hat neigt leichter dazu Raucher, Alkoholiker oder sonst wie süchtig zu werden, aber selbst das ist ja noch kein Garant dafür, dass der Mensch deswegen jemals mit diesem Verhaltensmuster beginnt. Von einer Art "Gewalt-Gen" oder ähnlichem habe ich dagegen noch nicht mal etwas gehört und kann mir das auch nur schwer vorstellen, da gerade das soziale Verhalten, um das es ja dabei geht, doch extrem von den äußeren Einflüssen abhängig ist.

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» Taline » Beiträge: 3594 » Talkpoints: 0,75 » Auszeichnung für 3000 Beiträge



Das Erbgut kann nicht durch traumatische Erlebnisse verändert werden. Dann müssten ja traumatische Ereignisse das Erbgut in den Eizellen ändern und zwar spezifisch so, dass dieses Trauma dort codiert wird. Das müsste aber auch für freudige Ereignisse gelten. Eine Frau kommt schon mit 40 000 Eizellen zur Welt, die später nacheinander in den Menstruationszyklen heranreifen. Damit stehen die Erbanlagen, die die Kinder von der Mutter haben, schon bei der Geburt der Mutter fest. Im Gegensatz dazu werden beim Mann die Samenzellen dauernd neu produziert.

Aber auch hier wird der Einfluss von Erfahrungen auf die Erbanlagen der Samen von der Wissenschaft nicht anerkannt. Ich halte es auch nicht für glaubwürdig. Individuelle Erfahrungen sind viel zu komplex, als dass sie in den Erbanlagen dauernd codiert werden könnten. Diese vielen Änderungen wären auch zu fehleranfällig, es könnte kein Leben daraus entstehen. Feste Erbanlagen sind ja schon Jahrmillionen von Jahren getestet und einzelne Mutationen, die immer mal wieder stattfinden, sind nicht zielgerichtet, sondern immer zufällig. Im Leben stellt sich erst heraus, ob es von Vorteil ist oder nicht. Die Theorie, dass Erfahrungen Einfluss auf die Gene haben, widersprechen der Evolutionstheorie und sind wissenschaftlich überhaupt nicht anerkannt.

» anlupa » Beiträge: » Talkpoints: Gesperrt »

Zuletzt geändert von Gio am 05.06.2012, 22:03, insgesamt 1-mal geändert. Zeige Beitragsversionen


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