Warum ist die Einsicht zur Alkoholabhängigkeit so schwer?
In meinem Bekanntenkreis sind ja so ein paar „Spezialisten“ unterwegs die schon morgens an der Trinkhalle stehen und sich die ersten Biere und Schnapspullis einverleiben. Bezeichnet man sie jedoch dann als Alkoholiker, weisen sie derartige Titulierungen brüskiert zurück. Dann kommt immer die alte Leier: Sie bräuchten es nicht und könnten jederzeit mit dem Trinken aufhören. Na ja, sollen ja alle machen was sie wollen, nur warum fehlt denn einer derartigen Klientel in fast allen Fällen die Einsicht zur eigenen Alkoholabhängigkeit?
Kennt ihr solche Fälle vielleicht auch aus eigenen Wahrnehmungen und habt eine Antwort darauf warum sich Alkoholabhängige gern mit derartigen Beschwichtigungsversuchen herausreden anstatt ihr Trinkverhalten mal realistisch zu analysieren? Meint ihr man kann ihnen bei dieser Einsicht behilflich sein oder sind derartige Personen schon derart Wahrnehmungsgestört dass da ganz andere Maßnahmen ergriffen werden müssen?
Die meisten Trinker erkennen leider ihr Problem nicht, weil sie auch noch andere Probleme haben. Diese Probleme verdecken leider in der Tat das so genannte Trinkverhalten der betreffenden Person. Die betreffende Person will natürlich ihre anderen Probleme lösen, allerdings macht sie es mit Alkohol. Und die Probleme verschwinden auch für eine kurze Zeit. Und genau an diesem Punkt bekommt der Alkoholiker sein Verhalten bestätigt, denn die Probleme verschwinden ja erst einmal aus seiner Sicht.
Jede Sucht ist für den Betroffenen schwer zu erkennen, weil sie ihm ja zuerst einmal hilft und kurzzeitig zufrieden macht. Ich habe mir auch immer eingeredet, dass ich mit dem Rauchen jederzeit aufhören könne, aber als ich es dann schließlich wirklich wollte, hat es mehrere Versuche gebraucht, bis es geklappt hat. Solange die Leute nicht aufhören wollen zu trinken, können sie sich leicht einreden, dass sie es schaffen würden. Aufhören will man dann erst, wenn es einem ganz dreckig geht, und das kann sich eine Weile hinziehen.
Ich finde der eiserne Wille ist eine der Voraussetzungen, damit man bei der Bewältigung der Sucht auch einen Erfolg spürt. Man kann nämlich den Willen des Menschen nur beeinflussen und das reicht leider bei vielen Menschen einfach nicht aus. Nur so ungefähr 25-30 Prozent der betroffenen Personen können ihr Suchtproblem auch realistisch als ein Problem auch erkennen.
Bis man eine Sucht zugeben kann, ist es ein langer und schwerer Weg. Eine Sucht ist ja keine leichte Sache und man muss es sich dann auch erst mal eingestehen. Man bekämpft mit dem Alkohol ja auch einige Probleme und um zuzugeben, dass man ein Problem mit dem Alkohol hat, muss man sich dann auch die anderen Probleme eingestehen. Ebenso ist es ja mit anderen Süchten. Die Drogensucht verhält sich da genauso wie die Sucht nach dem Rauchen. Eine Sucht eingestehen heißt an Problemen zu arbeiten und das ist nicht leicht.
Ich glaube, dass die mangelnde Einsichtsfähigkeit sowohl damit zu tun hat, dass der Alkohol -im Empfinden der Betroffenen- beim Ertragen anderer Probleme hilft, als auch damit, dass Alkoholismus eine zumeist verachtete Erkrankung ist, die einen in seinem sozialen Umfeld herabsetzen kann. Paart man dann auch noch die Unterschätzung des eigenen Trinkverhaltens mit dem eigenen Anspruch keine Schwächen zu zeigen, fällt es leicht, das Problem komplett zu verdrängen, Ausreden und Ausflüchte zu finden und damit absolut uneinsichtig zu sein.
Ich musste leider auch schon die bittere Bekanntschaft mit einem Alkoholiker machen, der mich sehr, sehr viel Energie gekostet hat, bevor ich es aufgab ihm helfen zu wollen. Dieser Mann hat in seinem Leben einige Rückschläge erlitten, sah sich grundsätzlich als Opfer in allen Situationen und betäubte seinen Schmerz mit alltäglichem Trinken.
Anfangs habe ich mir nicht viel dabei gedacht, als mir aber sein allmählicher körperlicher Verfall auffiel sprach vorsichtig darauf an, dass er nicht gesund aussehe und jederzeit zu mir kommen könne, wenn er bei irgendetwas Hilfe bräuchte und sich für nichts schämen brauche. Er bedankte sich dafür und fing langsam an sich zu öffnen. Leider kam auch da immer nur die Aussage, dass er ja ein so schweres Leben habe und alle anderen an seiner Situation Schuld seien. Nachdem er mir dann ankündigte, Weihnachten allein sein zu müssen und den Abend dann wohl in einer Kneipe zu verbringen, bot ich ihm an, dass wir etwas zusammen unternehmen, damit er sich nicht sinnlos voll laufen lässt. Nachdem er sich erst freudig dafür bedankte, fiel ihm eine halbe Stunde später ein, dass ich ja eigentlich eine böse Stalkerin bin, die auf ihn steht und ihm Probleme einredet, die er gar nicht hat. Und weil er im Suff nicht mehr in der Lage war, mir dies in flüssigem Text vorzutragen, setzte er einen Freund auf mich an.
Das Gespräch zwischen dem Freund und mir war sehr aufschlussreich, da auch dieser schon seit Jahren versucht zu helfen, aber immer wieder grandios scheitert, indem ihm das selbe vorgeworfen wird wie mir. Ich habe dann den Kontakt endgültig beendet und hoffe inständig, dass er trotz seines fortgeschrittenen Alters irgendwann einmal aufwacht und zur Vernunft kommt, auch wenn ich daran -nach allem was ich erlebt habe- nicht mehr wirklich glauben kann.
Einem Menschen mit Alkoholproblemen kann man nur helfen, wenn er sich helfen lassen möchte, ansonsten kämpft man gegen Windmühlen.
Die meisten Suchtkranken Menschen (nicht nur Alkoholsüchtige) verdrängen ihr Suchtproblem, weil sie sich sonst eine Schwäche und einen Kontrollverlust eingestehen müssten. Wer macht das schon gerne? Also versucht ein Süchtiger erst einmal alles, um das Suchtproblem zu verdrängen. Das funktioniert meiner Meinung nach so lange, bis sie körperlich und gesellschaftlich total abgestürzt sind und ihnen keine Lebensqualität mehr übrig bleibt. Meistens sind dann die Partner weg, die Kinder weg, das Haus oder die Wohnung weg, der Job weg und so weiter und so fort. Oft kommen noch Schulden dazu und dann sieht man erst recht keinen Grund mehr mit dem Trinken aufzuhören.
Wenn ein Suchtkranker erst einmal so weit ist, dann wird er sich entscheiden müssen, ob er eine Therapie macht und der Sucht den Kampf ansagt oder ob der sich Tod säuft. Und ich glaube, der Schritt zur Therapie ist der Schlimmste, weil wie oben schon gesagt, muss man dann vor sich und anderen zugeben, dass man Schwach ist und versagt hat und Hilfe braucht. Dabei liegt in dem Zugeben, dass man Hilfe braucht eigentlich die wahre Stärke!
Leider ist der Alkoholismus in unserer Gesellschaft immer noch sehr verpöhnt und wird nicht als Krankheit anerkannt. Dabei ist es ein Gift, dass überall öffentlich erhältlich ist. Wer in unserer Gesellschaft bei Feiern und Festlichkeiten keinen mit trinkt wird oft als Außenseiter behandelt und fühlt sich ausgeschlossen. In anderen Ländern ist dies noch schlimmer als in Deutschland. Dort ist man kein Mann, wenn man nicht mindestens eine halbe Flasche Wodka am Tag trinkt. Das dies in eine Sucht führt ist klar.
Mittlerweile sind auch immer mehr junge Menschen betroffen, die sich lieber in den Alkohol flüchten, als ihre Probleme anzugehen und diese lösen zu wollen. Diese Entwicklung macht mir einige Sorgen und Kummer.
Link dieser Seite https://www.talkteria.de/forum/topic-208104.html
Ähnliche Themen
Weitere interessante Themen
- Junge Generation kennt deutsche Wörter nicht mehr 4042mal aufgerufen · 18 Antworten · Autor: anlupa · Letzter Beitrag von Wibbeldribbel
Forum: Alltägliches
- Junge Generation kennt deutsche Wörter nicht mehr
- Ungerechte / ungleiche Freundschaft 2160mal aufgerufen · 6 Antworten · Autor: merlinda · Letzter Beitrag von Hufeisen
Forum: Alltägliches
- Ungerechte / ungleiche Freundschaft
- Spazieren - In der Stadt oder auf dem Land? 2697mal aufgerufen · 19 Antworten · Autor: damomo · Letzter Beitrag von bambi7
Forum: Freizeit & Lifestyle
- Spazieren - In der Stadt oder auf dem Land?
- Was fasziniert euch an amerikanischen Serien 3422mal aufgerufen · 16 Antworten · Autor: Federmäppchen · Letzter Beitrag von mittenimleben7
Forum: Film & Fernsehen
- Was fasziniert euch an amerikanischen Serien
- Was unternehmt ihr noch alles mit euren Eltern? 2541mal aufgerufen · 9 Antworten · Autor: Prinzessin_90 · Letzter Beitrag von mittenimleben7
Forum: Familie & Kinder
- Was unternehmt ihr noch alles mit euren Eltern?
