Werden Ärzte immer schlechter oder weniger einfühlsam?

vom 28.12.2017, 12:39 Uhr

Ich wohne in einer kleinen Stadt in Sachsen. Wir haben ein Krankenhaus, in das ich letztens eingeliefert wurde wegen Verdacht auf Blinddarmentzündung. Der erste Arzt der mich untersuchte, war extrem genervt und unfreundlich. Da ich eh schon große Angst in Krankenhäusern habe, macht es das überhaupt nicht besser.

Natürlich hat der Arzt raushängen lassen, dass er null Verständnis für meine Angst hatte. Auch in der Gynäkologie, wo alles intimer und privater ist, gibt es immer null Verständnis und es sind immer alle genervt. Kennt ihr das oder ist das nur in unserem Krankenhaus so? Ich will nicht alle pauschalisieren, aber es gibt schon viele dort die so sind.

» Zaara » Beiträge: 113 » Talkpoints: 57,91 » Auszeichnung für 100 Beiträge



Es ist leider so, dass es einen Ärztemangel gibt und die Ärzte, die eben arbeiten nicht selten einen mehr als 24 Stunden Tag haben. Und man muss glaube ich kein Intelligenzbolzen sein um heraus zu finden, dass Schlafmangel unfreundlich und auch aggressiv macht.

Deshalb wundert es mich nicht, dass es viele mürrische Zeitgenossen im Gesundheitswesen gibt. Mir würde es da sicher nicht anders ergehen. Deshalb denke ich, dass man hier nicht so urteilen sollte über einen Beruf, den man selber niemals ausgeführt hat. Klar ist es für den Patienten auch nicht fein, wenn man unfreundlich behandelt wird.

Im Vordergrund steht aber die Hilfe des Arztes. Und geholfen hat er ja wohl, so wie ich aus dem Thread heraus gelesen habe. Außerdem ist es eben leider so, dass viele Menschen wegen jeder Kleinigkeit ins Krankenhaus gehen und den Verdacht auf Blinddarm haben sicher auch viele Laien, obwohl es sich um etwas anderes handelt.

Wenn dieser Arzt jetzt schon an diesem Tag drei Verdacht auf Blinddarm hatte und sich alles als Fake heraus stellte, dann ist es natürlich noch mehr nachvollziehbar, warum dieser genervt und unfreundlich ist.

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» nordseekrabbe » Beiträge: 8538 » Talkpoints: 53,27 » Auszeichnung für 8000 Beiträge


Lustigerweise hatte ich von einer Schlecker Filiale, die es bei mir in der Nähe gab, genau den gleichen Eindruck. Die Verkäuferinnen waren immer genervt und schlecht gelaunt und man wurde als Kundin behandelt, als wäre es eine absolute Zumutung, dass man seinen Einkauf bezahlen möchte.

Ich glaube das Arbeitsklima hat mit der Branche gar nicht so viel zu tun, sondern damit, wie die Arbeit organisiert ist, wie man sich im Team versteht, wie man als Mitarbeiter wertgeschätzt wird und so weiter.

Ich habe schon Ärzte erwischt, die wenig Zeit hatten, aber noch nie jemanden, der wirklich unfreundlich zu mir war. Obwohl ich in einem Fall extrem genervt war und nicht gerade freundlich reagiert habe, als mir eine Ärztin gesagt hat, dass ich nicht entlassen werde.

Ich gehöre allerdings nicht zu der Sorte Patienten, die sich anstellen und aus jeder Spritze ein kleines Drama machen. Unter Umständen wird man schon anders behandelt wenn man sich ohne Betäubung nähen lässt als wenn man am liebsten eine Vollnarkose für die drei Stiche haben würde. Das kann ich natürlich nicht beurteilen.

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» Cloudy24 » Beiträge: 22030 » Talkpoints: 75,22 » Auszeichnung für 22000 Beiträge



Ah, mal wieder ein "früher war alles besser"-Thema. Die werden wohl nie alt! :wink: Ich kann hier natürlich auch nur Anekdoten mit Gegen-Anekdoten beantworten, und das beweist oder widerlegt bekanntlich gar nichts. Aber ich kann mir eben auch vorstellen, dass die Arbeitsbedingungen für Ärzte heutzutage je nach Branche nicht immer besonders rosig sind, und dass sich das auch auf die Stimmung niederschlägt, auch wenn ich hier nicht weiß, ob das "früher" anders war. Außerdem könnte ich mir vorstellen, dass die Ansprüche der Kundschaft heute auch andere sind als vor ein paar Jahrzehnten, als noch die "Schwarzwaldklinik" im Fernsehen lief, und der strenge, taffe Oberarzt und die warmherzige Schwester das Idealbild darstellten.

Vielleicht hat sich also auch die Mentalität gewandelt, und während es früher als normal galt, jemandem mit ein paar barschen Worten die Schulter wieder einzurenken, erwartet man heute menschliche Wärme und anständige Umgangsformen, und keine "Götter in Weiß", die mit den Leuten umspringen, wie sie wollen. Das halte ich jedoch sogar eher für eine positive Entwicklung, wenn sich die Leute nicht mehr alles gefallen lassen, nur weil irgend ein Trottel Medizin studiert hat und seinen Job offensichtlich hasst.

Aus persönlicher Erfahrung muss ich jedoch eher sagen, dass die heutigen Ärzte auf mich eher einen einfühlsameren Eindruck machen als vor 25 Jahren, als ich ein Kind mit Angst vor dem Zahnarzt war, oder ein paar Jahre später, als mir eine selten dämliche Gynäkologin einen vom Pferd erzählt hat. Ich könnte mir auch vorstellen, dass es heutzutage gerade bei sensiblen Fachbereichen wie Kinderärzten oder in der gefürchteten Zahnmedizin die Ärztinnen und Ärzte anders ausgebildet werden als noch vor ein paar Jahrzehnten, als es noch hieß "Stell dich nicht so an!". Aber man kann natürlich immer jemanden erwischen, der gerade einen schlechten Tag hat oder generell nicht besonders geschickt im Umgang mit Menschen ist. Daraus würde ich nicht auf eine gesamte Berufsgruppe schließen.

» Gerbera » Beiträge: 7481 » Talkpoints: 14,04 » Auszeichnung für 7000 Beiträge



Ich finde es auch immer schwierig, so etwas aufgrund einer einzelnen Situation wirklich zu beurteilen. Ich war zum Glück noch nicht im Krankenhaus, aber auch allgemein habe ich schon einige Ärzte kennengelernt, die ziemlich genervt wirkten und ich könnte mir wirklich vorstellen, dass das einfach am Ärztemangel und der damit verbundenen Überlastung der einzelnen Ärzte liegt.

Wenn man immer im Stress ist und nie wirklich weiß, wie man die Arbeit schaffen soll, dann wird man unzufrieden im Beruf und reagiert sicher auch schon mal genervt bei Leuten, die in dem Moment nicht wirklich etwas dafür können. Das macht einen Arzt in meinen Augen nicht unbedingt zu einem schlechten Arzt, aber schön wäre es natürlich schon, wenn etwas mehr Einfühlungsvermögen den Patienten gegenüber da wäre. Aber ohne viel Zeit für den einzelnen Patienten ist das wohl nicht so leicht.

» Barbara Ann » Beiträge: 26493 » Talkpoints: 52,04 » Auszeichnung für 26000 Beiträge


Ich denke, dass deine Erfahrungen aufgrund deiner in manchen Situationen als ängstlich durchschimmernden Persönlichkeit begründet liegen. Versteh mich nicht falsch, ich habe selbst teilweise echte Panik in und vor Krankenhäusern und Ärzten, vor Diagnosen und Krankheiten, aber genau daher weiß ich auch, dass viele vom medizinischen Personal nicht damit umgehen können und man besser beraten ist, wenn man versucht, einen gelassenen Eindruck zu machen und sein Anliegen kurz, knapp und sachlich zu schildern.

Die überwiegende Mehrheit reagiert gereizt oder hilflos auf ängstliche oder in ihren Augen vermeintlich hypochondrische Patienten, die die Notaufnahmen und ihre Zeit mit aus ihrer Sicht belanglosen Nichtigkeiten oder psychosomatischen Wehwechen belegen. Wenn ich aber die Ärzte aus meiner Kindheit und Jugend mit denen von heute vergleiche, liegen dort trotzdem Welten dazwischen. Die Ärzte von früher waren im besten Fall freundlich-väterlich-nachsichtig, im häufigeren Fall dominant und bestimmend, teilweise sogar herablassend.

Viele wollten keine mündigen und informierten, sondern dankbare und devote Patienten, die zu den Halbgöttern in Weiß heraufsehen und möglichst bitte keine Fragen stellen. Schmerz und Unangenehmes hatte man klaglos zu ertragen, selbst als Kind. Da gab es dann meistens Zahnärzte, die ohne Spritze gebohrt haben und selbst Kinder wurden fiesen Untersuchungen wie einer Blasenspiegelung unterzogen, ohne dass es eine Narkose gegeben hätte. So etwas gilt heute als schwerwiegender traumatisierender Kunstfehler, noch in den achtziger Jahren war es ganz normal.

Das einzige, was mir im Gegensatz zu vor vielleicht zehn bis fünfzehn Jahren auffällt, ist die Tatsache, dass die Ärzte unter viel größerem finanziellen, zeitlichen und personellen Druck sehen. Das ist aber nicht der einzelnen Person, sondern der fatalen Entwicklung im Gesundheitswesen zuschreibbar.

» Verbena » Beiträge: 3382 » Talkpoints: 0,00 » Auszeichnung für 3000 Beiträge


Wenn man unter Stress steht, wird doch jeder pampig, mal ehrlich. Patienten sehen oft gar nicht, wie viel Stress Ärzte wirklich haben. Es gibt genug Studien zu dem Thema, die sich mit der Arbeitsbelastung, Stress, Missbrauch von Medikamenten und Alkohol sowie Suizid unter Ärzten beschäftigen. Da sieht man mal wie viel Stress Ärzte wirklich haben, was ja oft leider am System liegt und nicht an den Ärzten selbst. Daher würde ich nicht den Ärzten die Schuld geben, sondern dem ganzen System, das die Ärzte zu diesem Verhalten zwingt.

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» Täubchen » Beiträge: 30012 » Talkpoints: 4,28 » Auszeichnung für 30000 Beiträge



Grundsätzlich glaube ich auch das die Ärzte in der heutigen Zeit unter einem wahnsinnigen Zeitdruck stehen und jede Menge Stress haben. Sie sind überarbeitet und natürlich auch frustriert weil Sie den Patienten oftmals nicht die Behandlung zu Teil werden lassen können die Sie verdienen. Außerdem sind Sie sicher auch manchmal von den Patienten genervt. Wenn ich mir oft ansehe wie viele Menschen oft wegen Bagatellen in die Notaufnahme fahren oder wegen jedem Zwicken nach einem Arzt rufen wird mir ganz anders. Das die Ärzte da auch einmal genervt sind ist doch Verständlich.

Und Außerdem: Ärzte sind auch nur Menschen. Jede Verkäuferin, jeder Handwerker und jeder Pfleger ist mal genervt und wird pampig. Natürlich sollte es nicht sein aber so etwas ist doch einfach nur menschlich. Ich weiß das jetzt viele wieder sagen werden das man sich dann „einen anderen Job suchen sollte“ wenn man genervt von Menschen ist. Aber das ist völliger Schwachsinn. Nur weil man einmal, wie der Arzt aus deinem Beispiel, pampig ist muss das nicht bedeuten das man den ganzen Tag so ist bzw. das einem seine Arbeit nicht Spaß macht.

Andererseits gibt es natürlich (egal in welcher Branche) auch Menschen die einfach nur gemein sind und für die Einfühlungsvermögen ein Fremdwort ist. Diese Menschen sind aber Gott sei Dank selten und ich denke nicht das die Ärzte heutzutage schlechter oder weniger einfühlsam sind als früher.

» Anijenije » Beiträge: 2433 » Talkpoints: 150,16 » Auszeichnung für 2000 Beiträge


Ich glaube nicht, dass man das so pauschalisieren kann. Zumal ja die Frage ist wie man besser oder schlechter beurteilen will. Früher gab es in vielen Fachbereichen ja weniger Möglichkeiten, dafür konnten die Ärzte gefühlt alles. Da gab es dann auch nicht den Bauchchirurgen, den Orthopäden, den Handchirurgen oder den Neurochirurgen, sondern den Professor, der alles operiert hat, was durch die Tür kam. Wenn dann aber etwas schief ging, dann war es halt schicksalshaft.

Das hat sich denke ich heute doch wahnsinnig verändert. Zum einen spezialisieren sich die Ärzte viel mehr, was aber auch auf Grund der veränderten Ausbildung, des größeren Wissensstandes und der OP-Techniken oft nicht mehr anders geht. Auf der anderen Seite steigt aber auch enorm die Anspruchshaltung. Viele sehen sich eben nicht nur als Patienten, sondern eben auch als Kunden. Für die Kassenbeiträge wird Erste-Klasse-Medizin erwartet und das zum Service eines Hotels.

Es gibt aber eben zum einen Ärzte, die sind keine Verkäufer, sondern einfach irgendwelche Kauze, die auch mal mürrisch sind, aber trotzdem ihre Arbeit gut machen. Und irgendwann ist man manchmal auch einfach genervt, wenn der Hausarzt zum vierten Mal am Tag eine Blinddarmentzündung einweist, die keine ist, weil er keine Zeit hatte, sich mal richtig mit dem Patienten zu beschäftigen. Oder man ist eben überarbeitet, gerade Abends oder Nachts ist man manchmal dann auch einfach überarbeitet und will eigentlich nur so schnell es geht wieder ins Bett und spart sich alle unnötigen Worte.

Aber das dürfte eben in vielen Berufen so aussehen. Es gibt eben immer mehr Arbeitsverdichtungen in den meisten Berufen. Und dann darf eben nicht vergessen, dass noch immer der Großteil der Klinikärzte eben nicht nur 40 Stunden pro Woche arbeitet, sondern eben oftmals durch Dienste und Rufdienste noch immer bei 60-80 Stunden pro Woche liegt. Das geht eben nicht an allen spurlos vorbei.

» Klehmchen » Beiträge: 4264 » Talkpoints: 540,27 » Auszeichnung für 4000 Beiträge


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