Zu viele Adjektive im Text = Schlechter Stil?

vom 01.10.2014, 07:57 Uhr

Wie schon in einem anderen Beitrag erwähnt, arbeite ich gerade mal wieder an meinem Schreibstil, da ich mich da beständig verbessern möchte.Da hier einige Leute sind, die auch gerne schreiben, stelle ich einfach mal die Frage, die mit gerade durch den Kopf geht. Um meinen Stil zu trainieren lese ich gerade auch Sachtexte über das Schreiben. Einer der Hinweise in so einem Text war, man solle möglichst wenig Adjektive nutzen. Ich finde das geradezu paradox.

Ich bin als Grundschullehrerin auch im Bereich Schriftspracherwerb und Schreibunterricht für Kinder ausgebildet. Da lehrt man den Kindern genau das Gegenteil. Einige Unterrichtsstunden werden darauf verwendet, den Kindern nahe zu bringen, möglichst treffende Adjektive zu suchen, um einen Text mit lebendigen Beschreibungen auszustatten.

Andererseits liest man nun, dass Erwachsenen geraten wird, Adjektive möglichst sparsam einzusetzen. Ich frage mich, warum dann Kindern serienmäßig genau das Gegenteil gelehrt wird? Wozu der Aufwand?

Ich bin mir auch nicht ganz sicher, ob der Tipp wirklich stimmt. Natürlich ist folgender Satz grauenvoll überfrachtet, den ich als Beispiel konstruiere: Die leicht gelblichen Blätter der starken Birke vor meinem sauberen Fenster schimmerten in warmen und herbstlichen Farbtönen. Natürlich ist so ein Satz so weit überfrachtet, dass man ihn nur noch holprig lesen kann. Wenn ich aber alle Adjektive und sonstigen beschreibenden Wörter streiche, dann steht da nur noch ein farbloses Etwas wie: Die Blätter der Birke vor meinem Fenster schimmerten. Nicht, dass das nicht auch etwas aussagt, aber es geht eben ganz schön viel verloren.

Vielleicht zeigt das Beispiel, wo mein Problem liegt. Sicher sollte man nicht mit Gewalt Adjektive überall hin schreiben, wo sie verzichtbar sind. Dass man Wörter sowieso nur dann setzt, wenn sie einen Zweck erfüllen und tatsächlich etwas aussagen sollen, das ist mir auch klar. Ich verstehe nur nicht, warum das Beschreiben mit vielen Adjektiven trotzdem schnell mit schlechtem Stil gleich gesetzt wird. Vielleicht kann mir ja jemand von Euch den Unterschied zwischen dem Konsens im Schulunterricht und den Empfehlungen an Autoren erklären. Oder haltet ihr das etwa für Quatsch?

Benutzeravatar

» trüffelsucher » Beiträge: 12454 » Talkpoints: 5,55 » Auszeichnung für 12000 Beiträge



Im Schulunterricht werden den Schülern die Grundlagen des Lesens und Schreibens beigebracht. Deshalb leuchtet es mir durchaus ein, dass hier andere Vorgaben herrschen als bei Erwachsenen, die an ihrem Schreibstil feilen, um fesselnde, gut lesbare Texte hervorzubringen. In der Regel hat man in der Grundschule noch keinen besonders riesigen Wortschatz, sodass es in meinen Augen nur logisch ist, erst mal in die Breite zu streuen und seine Fantasie schweifen zu lassen, bevor es an die Feinheiten von Stil und Ausdruck geht. Adjektive lassen sich zudem einfacher für Beschreibungen einsetzen als beispielsweise Metaphern oder sonstige Stilmittel für Fortgeschrittene.

Das ist ja das Schöne an der Literatur: Wenn ein Kind darüber schreibt, wie es mit Mama und Papa Drachen steigen lassen war, gelten ganz andere Regeln, als wenn ein Erwachsener einen nicht unerträglichen Roman oder eine Kurzgeschichte veröffentlichen und am Ende noch dafür bezahlt werden will.

Ich bin auch der Meinung, dass zu viele Adjektive den Eindruck erwecken, als wäre der Verfasser eines Textes in besagtem Grundschulstadium stehen geblieben, als es noch ein Extralob für Wörter wie "kunterbunt" gab. Viele Adjektive sagen zudem nicht sonderlich viel aus, etwa, wenn es heißt: der kleine Käfer oder das scharfe Messer. Wenn ich, um bei diesem Beispiel zu bleiben, ein scharfes Messer in meinem Text bräuchte, würde ich eher dynamisch vorgehen und vielleicht schreiben: Sie prüfte die Klinge des Messers an ihrer Fingerspitze und nickte zufrieden. Und Käfer sind in unseren Breiten immer klein.

Wenn man mit zu vielen Adjektiven um sich wirft, lenkt man meiner Meinung auch von der Kernaussage des Satzes oder Textes ab. Normalerweise gibt es ja einen Fokus, auf den die Aufmerksamkeit gelenkt werden soll. In deinem Beispiel wüsste ich jetzt nicht, ob du mich auf die Birke, die Blätter, das Fenster oder den Herbst aufmerksam machen möchtest. Wenn dieser Satz Herbststimmung vermitteln sollte, wäre das gründlich schief gegangen.

Unter anderem deswegen bin ich der Meinung, dass man Adjektive nicht durch die Bank verteufeln sollte, aber sie sollten wie jedes Stilmittel bewusst eingesetzt werden und nicht willkürlich über den Text verteilt werden, weil sie eine simple Möglichkeit zur Beschreibung darstellen, die schon in der Grundschule vermittelt wird. Der einfachste Weg ist nicht immer der beste, gerade wenn man einen gewissen Anspruch an seine Texte stellt.

» Gerbera » Beiträge: 9100 » Talkpoints: 0,90 » Auszeichnung für 9000 Beiträge


Wahrscheinlich ist damit gemeint, dass man nicht ZU viele Adjektive verwenden soll. Die Dosis macht ja bekanntlich das Gift. Ich finde nicht, dass eine gute Verteilung von vielen Adjektiven von schlechtem Stil zeugt.

Wenn man sehr wenige verwendet, muss man die Beschreibung ja irgendwie anders formulieren, etwa durch einen Nebensatz. Ob sich die Formulierung "die Sonne, die hell strahlt" besser anhört als "die strahlend helle Sonne", hängt ja auch vom restlichen Satzteil ab. Im Nebensatz könnte man noch mehr Informationen dazufügen. "Die Sonne, die hell durch das sauber geputzte Fenster strahlt", hört sich wahrscheinlich besser an, als "die hell durch das sauber geputzte Fenster strahlende Sonne".

Vielleicht ist der Ratschlag so gemeint, dass man ein Substantiv nicht mit zu vielen Adjektiven behängen sollte.

» blümchen » Beiträge: 1333 » Talkpoints: 50,74 » Auszeichnung für 1000 Beiträge



In der Grundschule geht es ja aber erst mal darum, dass die Kinder überhaupt lernen was Adjektive überhaupt sind und wie sie eingesetzt werden. Wenn ein Kind mit so etwas wie "das grüne Gras" ankommt würde man sagen schön, das Kind hat verstanden wies geht. Wenn ein Autor so etwas schreiben würde wäre das überflüssig, weil die Farbe des Grases höchstens dann erwähnt werden muss wenn sie von der grünen Norm abweicht.

Außerdem würde sich mir als Autorin die Frage stellen, wie viel ich dem Leser überhaupt "vorschreiben" will und wie viel ich seiner Phantasie überlassen möchte. Denn das schöne am Lesen ist doch, dass bei jedem Leser ganz eigene Bilder im Kopf entstehen. Funktioniert deine Birkenszene zum Beispiel genauso gut wenn ich mir vorstellen, dass das Fenster ein bisschen staubig ist und davor eine Spinne ihr Netz aufgebaut hat? Wenn ja muss ich nicht wissen, dass das Fenster in deiner Vorstellung sauber ist.

Benutzeravatar

» Cloudy24 » Beiträge: 25340 » Talkpoints: 97,26 » Auszeichnung für 25000 Beiträge



Ähnliche Themen

Weitere interessante Themen

^