Geschlechterrolle stört Wohlbefinden der heutigen Männer?
In einer emanzipatorischen Rede thematisierte Emma Watson, dass sich viele Männer in ihrer Geschlechterrolle nicht wohl fühlen. Als Konsequenz regt sie wohl an, dass man die Geschlechterrollen daher nicht nur für die Frauen, sondern auch oder gerade für Männer modernisieren und ändern sollte.
Dass sich das Männerbild in den letzten Jahren geändert hat, ist sicher offensichtlich. Dass es sich in den nächsten Jahren auch weiter ändern wird, denke ich auch. Aber ich frage mich gerade, ob sie wirklich recht hat: Leiden wirklich so viele Männer unter ihrer ihnen zugedachten Männerrolle?
Wie macht sich das bemerkbar? Wie seht ihr das als Frau oder als Mann oder als was immer ihr seid? Würdet ihr das außerhalb des Internets offen zugeben? Oder zieht ihr vor, dazu zu schweigen, weil das zu peinlich ist, dass das so ist? Und ist diese Peinlichkeit darüber zu sprechen für die Männer vielleicht der Grund für die heftig negativen Reaktionen auf diese Rede? Kennt ihr Männer, die das Leiden euch gegenüber schon zum Ausdruck gebracht haben? Was an der Männerrolle wollen denn die Männer verbessert haben?
Ich bin mir ziemlich sicher, dass es auch Männer gibt, die mit dem Klischee, das sie ihrem Geschlecht zufolge idealerweise vertreten sollten, unzufrieden sind. Bei Frauen gibt es das schließlich auch, sehr oft sogar und mit zunehmender Tendenz wollen viele Frauen nicht einfach nur ein dekoratives Püppchen oder eine gute Hausfrau und Mutter sein, wie es eine lange Zeit von ihnen erwartet wurde.
Den Männern gegenüber sind die Ansprüche natürlich anders. Aber auch da gibt es sicherlich viele, die nicht immer stark und dominant sein wollen, und die es ganz und gar nicht gut finden, dass sie wegen Sprüchen wie "Männer weinen nicht!" ihre Gefühle nicht zeigen dürfen, beziehungsweise, wenn sie es doch tun, als Weicheier oder Schwächlinge verspottet werden. Also ja, Männer, die darunter leiden, dass sie immer "stark" sein sollen, gibt es sicherlich viele.
Für diese Männer, wie für jeden Menschen, die dem Rollenbild seines Geschlechts nicht entspricht und dafür ausgegrenzt wird, wäre eine Öffnung der Geschlechterrollen natürlich eine Verbesserung der Situation. Egal, ob es um Jungen geht, die gerne Ballett tanzen wollen oder sich für Handarbeiten interessieren, oder um Mädchen, die "burschikos" sind und sich für Fußball, Autos und Technik interessieren. Wer sagt, dass das heute doch gar kein Problem mehr sei, sollte sich mal wirklich an einer normalen deutschen Schule umhören. Da wird über solche "Außenseiter", die dem Geschlechterklischee nicht entsprechen, tatsächlich zumindest getuschelt, wenn sie nicht sogar deswegen gemobbt werden. Also ja, es gibt Ausgrenzung gegenüber "unmännlichen" Jungen und "unweiblichen" Mädchen.
Und da habe ich auch kein Problem, das so offen anzusprechen. Ich habe mir mit meiner Art auch schon viele Anfeindungen anhören müssen. Aber ich weiß, nicht ich bin irgendwie falsch, krank oder verrückt, sondern die Umstände, dieses strenge Geschlechterklischee-Korsett, das die Menschen einschränkt und ihnen ihre Eigenheiten mit Gewalt austreiben will, das ist verkehrt. Es sollte doch wichtig sein, dass jeder Mensch sein und tun kann, was er oder sie will, sofern die Person damit keinem anderen Lebewesen schadet. Und das ist bei Fußball spielenden Mädchen und mit Puppen spielenden Jungen ja nun echt nicht der Fall. Auch, wenn einige Konservative da gleich den Untergang der Zivilisation wittern.
Ich glaube aber nicht, dass das der Grund für die feindliche Reaktion auf Emma Watsons Rede war. Denn sie hat sich ja eigentlich dafür ausgesprochen, dass auch Jungen und Männer sich endlich von den Klischees befreien dürfen sollten. Also die, die sich bisher dadurch eingeschränkt fühlten, die sollten eigentlich eher Emma Watson zustimmen und sich über ihre Äußerung freuen. Die, die nun Probleme mit der Rede haben, dürften die konservativen, ewiggestrigen Meckerer sein, die im Gegenteil bloß nicht wollen, dass sich an den bisherigen Rollenbildern etwas ändert.
Bei Kindern ist mir das nicht neu. So etwas sehe ich ständig bei den Altersgenossen meiner Kinder. Manchmal habe ich mich auch schon gefragt, warum gerade Kinder diese Klischees so zelebrieren.
Aber bei erwachsenen Männern wundert es mich dann eben doch. In unserer Generation Männer hat sich ja schon viel getan. Das wäre früher zu Zeiten meiner Oma beispielsweise undenkbar gewesen, dass die Männer in Elternzeit gehen. Heute sind das doch zumindest ein paar. Auch wenn ich von mindestens einem weiß, dass der dann enorm von seinen Kollegen in einem Handwerksbetrieb als weibisch angefeindet wurde. Ich verstehe nur nicht, warum da so eine Dynamik entsteht.
Von daher denke ich als Mutter schon lange, dass es als nächstes eine Entwicklungswelle geben müsste, wo vor allem Jungen und Männer aus den Klischees befreit werden. Bei meinen Töchtern hat nie jemand irgend etwas gesagt, wenn ich ihnen Autos oder Technikbaukästen geschenkt habe. Wehe aber ich würde einem Sohn ein Filly Pferd oder eine Fee schenken. Dann fielen mir schon ein paar Verwandte ein, die da Sturm liefen. Das ganze zieht sich dann auch weiter bis zu den Klamotten. Bei einem Mädchen ist es egal, was man dem anzieht, hauptsache es ist sauber und witterungstauglich. Bei Jungen mischen sich sofort selbst Passanten und nicht nur konservativere Verwandte ein, dass genau das Teil angeblich nicht für Jungen tauglich sei oder dass man ja gar nicht erkenne, dass das ein Junge sei. Bei kleinen Jungen ist ziemlich offensichtlich, wie die Tradition sie einschränkt.
Nur, ich dachte bislang eher nicht, dass die Männer darunter leiden, sondern, dass sich das die meisten Männer freiwillig als Tradition so hoch halten, weil sie es gut finden. Schließlich könnten sich Männer da freiwillig als Erwachsene von verabschieden, was sie stört. Wer sollte sie davon abhalten? Von daher erstaunt es mich schon das Gegenteil zu hören.
trüffelsucher hat geschrieben:Nur, ich dachte bislang eher nicht, dass die Männer darunter leiden, sondern, dass sich das die meisten Männer freiwillig als Tradition so hoch halten, weil sie es gut finden. Schließlich könnten sich Männer da freiwillig als Erwachsene von verabschieden, was sie stört. Wer sollte sie davon abhalten?
Gesellschaftliche Konventionen, Angst vor Ausgrenzung und Mobbing. Sicher mag das vor allen Dingen bei jüngeren Menschen ein Problem sein, aber Erwachsene werden ja durchaus auch von Kollegen im Beruf gemobbt. Da gibt es leider keine Altersgrenze.
Und selbst, wenn es nicht gleich Mobbing ist: Es gibt ja offensichtich einige Leute, die diese Geschlechterklischees arg zelebrieren. Ich denke sogar, ein großer Teil der Männer dürfte so sein. Die, die nicht mitziehen, werden ausgegrenzt. Klar kann man sich nun fragen, wieso man bitteschön solche Leute als Freunde haben will, die einen aufgrund des Andersseins nicht leiden können und auch nicht akzeptieren wollen. Aber ich glaube, viele Menschen, egal, ob Mann oder Frau oder Angehörige welchen Geschlechts auch immer, tendieren dazu, mit dem Strom zu schwimmen. Es ist einfacher. Man hat mehr "Freunde". Und mit Kontakten kommt man wohl gesellschaftlich oftmals auch besser vorwärts, Stichwort Vetternwirtschaft.
Ja, also für solche Vorteile, oder einfach, um nicht ausgegrenzt und einsam zu sein, schwimmen sie dann eben mit dem Strom. Und sind insgeheim vielleicht tottraurig damit, weil sie merken, dieses Verhalten entspricht eigentlich nicht dem, was sie innerlich eigentlich sind und wie sie eigentlich leben wollen. Das kann ich mir jedenfalls sehr gut vorstellen.
Und was jetzt pure Äußerlichkeiten betrifft: Mein Ex-Freund hatte langes, hellblondes Haar. Er ist regelmäßig in der Bahn von wildfremden Leuten als "Schwuchtel" oder "Weib" beschimpft worden, obwohl er niemandem etwas getan hat. Die Pöbler waren nicht nur irgendwelche bornierte Jugendliche, sondern teilweise auch Leute, die schon dreißig, vierzig, fünfzig Jahre alt waren, also Erwachsene, von denen man eigentlich eine gewisse Reife und einen gewissen Intellekt erwarten sollte. Trotzdem gab es solche Vorfälle hier, im schönen Berlin, doch regelmäßig. Ich kann mir gut vorstellen, dass einige Leute das ganz einfach nicht auf Dauer mitmachen wollen, und sich die "weibischen" Haare dann halt "männlich" kurz schneiden.
Und von Problemen bei der Arbeitssuche will ich gar nicht erst anfangen. Es mag absurd klingen, wenn man bedenkt, dass wir im 21. Jahrhundert leben, aber mein Freund hat mehr als einmal bei Bewerbungsgesprächen die Forderung gehört: "Wenn die langen Haare wegkommen, dann nehmen wir Sie! Ansonsten können wir Sie für eine Tätigkeit mit Kundenkontakt nicht gebrauchen." Wohlgemerkt in der IT-Branche, was es besonders lächerlich macht. Alles erlebt.
Ich denke als Mann schon, dass manche Frauen dies auch schamlos ausnutzen und Männern die schwierigeren Aufgaben zuschustern. Als Mann sollte man auch bestimmte Schwächen besser nicht zugeben.
Es ist immer noch so, dass man als Mann immer Stärke zeigen soll und wenn dies wegen gesundheitlicher Einschränkungen nicht mehr so geht, wird dies weniger beachtet. Als Mann soll man eben immer die schweren Sachen heben oder die handwerklichen Sachen erledigen auch wenn man keine Ahnung davon hat. Das fällt mir doch schon auf.
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