"Schneeberger Krankheit" - durch Radon verursacht

vom 10.06.2014, 10:35 Uhr

Silberfunde waren der Grund, dass das Erzgebirge besiedelt wurde. Die Bergleute im Erzgebirge starben in jungen Jahren. Das Einatmen von Staub vermutete man als Grund. Paracelsus beschrieb schon die „Bergsucht“. Später dann wurde festgestellt, dass Gase, die inhaliert wurden, Lungenkrankheiten verursachen.

Marie Curie entdeckte dann das Radon, das später durch Messungen im Bergwerk nachgewiesen wurde. Die beiden Ärzte Hesse und Härting stellten in Unkenntnis von Radon und radioaktiver Strahlung fest, dass Arsenstaub die Lungenkrankheit auslösen würde, durch die die Bergleute in Schneeberg so jung starben. Überall in den Stollen und Gruben im Erzgebirge wurde Radon nachgewiesen, aber auch in anderen Gegenden Deutschlands. Nach den Gruben in Schneeberg wurde die Lungenkrebserkrankung nun „Schneeberger Krankheit“ genannt, siehe hier.

Es ist eine Entschädigungspflichtige Berufskrankheit der Bergleute. Zur Zeit der sowjetischen Besatzung hatte die Sowjetunion auch die Bergwerke im Erzgebirge übernommen und die Wismuth AG gegründet. Die Zahl der Bergleute wurde erhöht und jede Menge Uran gefördert. Innerhalb von 32 Jahren erkrankten 5.000 Bergleute an Lungenkrebs. Bis 2020 werden nach Hochrechnungen 18.000 Lungenkrebserkrankungen bei der Wismuth erwartet.

So entsteht die „Schneeberger Krankheit“ durch Einatmung von Radon und Arsenstaub. Es ist natürlich furchtbar für die Menschen, die dort arbeiten in den Gruben und genau wissen, was sie erwarten kann. Kennt ihr Bergleute, die in den Schneeberger Gruben arbeiten? Mich würde interessieren, ob man durch Vorsorgeuntersuchungen der Lunge den Bergleuten vielleicht helfen kann, bevor die Krankheit so schlimm wird, dass nichts mehr zu machen ist?

» Cid » Beiträge: 20027 » Talkpoints: -1,03 » Auszeichnung für 20000 Beiträge



Die Schneeberger Krankheit ist ein Lungenkrebs, bis man den bekommt und auch erkennen kann vergehen etliche Jahre. Wenn es soweit ist dann ist es in den meisten Fällen auch zu spät, diese Leute erleben in der Regel auch nicht mehr die Anerkennung ihrer Berufskrankheit weil es dann so schnell geht. Auch ist es so dass neben familiärer Vorbelastung auch noch andere Faktoren eine Rolle spielen die das Risiko einer Erkrankung erheblich erhöhen, zum Beispiel das Rauchen. Auch wird der Schnaps „Kumpeltot“ sicherlich jedem etwas sagen, exzessives Trinkverhalten der Kumpel ist beziehungsweise war dort sehr verbreitet um die Schwere der Arbeit einigermaßen zu ertragen. Das steht zwar nun nicht in unmittelbarem Zusammenhang mit dieser Krankheit, aber es gibt ja viele Wege sein Leben zu verkürzen oder sich anfälliger gegenüber von Krankheiten zu machen.

Natürlich gibt es etliche Vorsorgemöglichkeiten. Unter Tage muss ordentlich bewettert und befeuchtet werden, aber ganz kann die Strahlung nie beseitigt werden. Die Strahlung ist einfach überall, es handelt sich um Folgeprodukte des Urans. Auch gibt es Vorsorgeuntersuchungen und eine gewisse Lebenszeitdosis die zulässig ist. Momentan liegt die bei 1000 mSV und bei der Jahresdosis 20 mSv. Als Vergleich, für die Bevölkerung gelten Werte von 1 mSV pro Jahr.

Was viele nicht wissen, Radon ist ein echtes Problem auch für die Leute die dort wohnen und ihre Häuser direkt auf alte Abraumhalden oder Schächte gebaut haben. Auch das Jahrhunderte lang verwendete Baumaterial ist davon betroffen. Inzwischen gibt es umfangreiche Forschungen zu diesem Thema und man hat auch Sanierungsempfehlungen dafür entwickelt. Es ist aber sehr schwierig nachträglich so ein altes Gebäude zumindest im Keller gasdicht zu machen, A und O ist aber immer das ständige Lüften um die permanenten Ausgasungen unter Kontrolle zu halten. Dass solche nachträgliche Sanierungen Unsummen verschlingen dürfte jedem klar sein, bei Neubauten ist es aber noch erschwinglich.

Vielleicht noch als Kuriosum aus längst vergangenen Zeiten. Früher gab es direkt Radon-Trinkkuren und Wannenbäder. Auch gab es „strahlende Zahnpasta“ auf Radonbasis. Neben den speziellen Trinkkuren der Heilbäder wurden auch für den Hausgebrauch sogenannte Trinkkuren angeboten und diese Altlasten machen heute noch jede Menge Ärger bei jeder Schrottannahmestelle die eine Eingangskontrolle auf ionisierende Strahlung durchführt. In diesen Trinkkuren wurde eine Radiumquelle eingebaut die permanent vor sich hin strahlt. Der Anwender sollte dann über Nacht dort Wasser einfüllen und dieses dann am nächsten Tag zum Baden oder Trinken benutzen. Ich hatte neulich die Gelegenheit solch ein Gerät aus den Dreißigern zu sehen und es sah optisch sehr ansprechend aus mit viel Chrom und den kleinen Hähnen aus Kupfer. Leider war die Strahlung immer noch so intensiv dass man das Gerät nur maximal 15 Minuten in Körpernähe halten durfte um nicht einem zu hohen Gesundheitsrisiko ausgesetzt zu werden.

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» hooker » Beiträge: 7218 » Talkpoints: 50,84 » Auszeichnung für 7000 Beiträge


Heute wird im Erzgebirge kein Uran mehr abgebaut. Auch die Wismut gibt es so nicht mehr, das ist inzwischen nur noch eine Art Verwaltungsgesellschaft, die sich um die alten Stollen kümmert. D.h. es gibt da heute keine Leute mehr, die in Gruben arbeiten und wissen, was sie erwarten könnte. Oder stellst du dir wirklich vor, dass im Erzgebirge noch wie vor 60 Jahren mit Bohrhämmern Uran abgebaut wird?

Das würde sich überhaupt nicht lohnen, Uran wird in China oder Afrika abgebaut, in riesigen Bergwerken und nicht in kleinen Stollen im Erzgebirge. Deutschland darf gar keine Atomwaffen haben und wird wohl auch kein Uran an andere Länder verkaufen.

Die Bergwerke wurden geschlossen oder teils auch - wenn sich das lohnte - touristisch als Schaubergwerk erschlossen. Einige wenige Regionen bauen Mineralien ab, aber dann sind das Schwerspat oder spezielle Mineralien für die Keramikherstellung.

» Zitronengras » Beiträge: » Talkpoints: Gesperrt »



Das ist alles sehr interessant, was du schreibst, hooker. Also ist es wohl nicht möglich, durch Vorsorgeuntersuchungen gegenzusteuern, wenn die Menschen schon zu krank sind, wenn sie es merken?

Bei den Häusern soll das Radon aus der Erde und dem Gestein in das Haus kriechen und durch Wasserleitungen, sonstige Rohre oder einfach nur das Mauerwerk nach oben ziehen in jede Etage und dort langsam die Menschen angreifen. Auf Seite 4 ist hier eine Karte, wo die hauptsächlich betroffenen Gebiete eingezeichnet sind. Über dieses Problem kann man in diesem Thread mehr nachlesen.

» Cid » Beiträge: 20027 » Talkpoints: -1,03 » Auszeichnung für 20000 Beiträge



Der Bund übernahm die Sanierung der Wismuth AG und gründete im Dezember 1991die Bundeseigene Wismuth AG. Wie ich gerade gelesen habe, sollte im zweiten Halbjahr 2012 der letzte Schacht der Wismuth AG stillgelegt werden. Die Firma allerdings gibt es noch und mehrer Mitarbeiter sind immer noch dort tätig. Mindestens noch 30 Jahr müssen dort Überprüfungen stattfinden, wahrscheinlich aber länger.

Zitronengras, ich stelle mir gar nichts vor! Mir ging es um die Bergleute, die auch jetzt noch lange nicht außer Gefahr sind. Wenn sie einige Jahre in den Gruben gearbeitet haben, kann es sein, dass sie die Krankheit, um die es mir in diesem Thread ging, bereits in sich tragen und diese eines Tages ausbricht. Selbst wenn sie nun nicht mehr unter Tage arbeiten heißt das noch lange nicht, dass sie gesund sind. In diesem Thread geht es nicht um Atomwaffen noch um den Uranverkauf an andere Staaten.

Wenn du schon glaubst, das Thema sei erledigt, dann denke bitte mal daran, dass es noch andere Menschen auf der anderen Seite der Grenze gibt, die ebenfalls durch ihre Bergmannstätigkeit betroffen sind oder waren. Ob da noch im Bergwerk gearbeitet wird, ist mir nicht bekannt.

» Cid » Beiträge: 20027 » Talkpoints: -1,03 » Auszeichnung für 20000 Beiträge


@Cid: Nur mal so als geschichtliche Richtigstellung. Das Erzgebirge befand sich schon in der Besiedlung, als es die ersten Silberfunde gab. Das war im heutigen Freiberg, wobei es eben damals wirklich nur eine Siedlung war. Dass man später immer mehr Bodenschätze entdeckte, wo es sich lohnte sie abzubauen, ist einfach der Entwicklung der Menschheit geschuldet.

Aber selbst ohne schädliche Gase war die Arbeit unter Tage über Jahrhunderte ein Kochenjob. Von Unfällen einmal abgesehen, die es auch oft genug da unten gab, sind die Bergleute allgemein nicht sehr alt geworden.

» Punktedieb » Beiträge: 17970 » Talkpoints: 16,03 » Auszeichnung für 17000 Beiträge


@Punktedieb: Ich war leider in der Vergangenheit nie im Erzgebirge. Zu der Zeit, als ich viel in Deutschland herumgereist bin, war das nicht möglich. Denn meistens habe ich mich immer etwas über die Gegend schlau gemacht, wo ich in Urlaub gefahren bin, egal ob In- oder Ausland. Nett von dir, dass du mich aufklärst. Ich hatte das so in einem Artikel gelesen. Vielleicht hat der Autor gedacht, dass eine kleine Siedlung in Freiberg nicht erwähnenswert war.

Ja, der Beruf eines Bergmannes ist und war nicht ohne Gefahren verschiedenster Art. Dort unten im Stollen, tief unter der Erde kann immer Unvorhergesehenes passieren. Wie viel Menschen sind schon dort gestorben. Natürlich gibt es neben den Unfällen und dem Lungenkrebs auch noch andere Krankheiten, mit denen ein Bergmann rechnen muss, wie eine Staublunge. Ich hätte nie Bergmann werden können. Ich wäre vor Angst unten in der Erde im Stollen schon gestorben.

» Cid » Beiträge: 20027 » Talkpoints: -1,03 » Auszeichnung für 20000 Beiträge



@Cid: Diese geschichtlichen Dinge wurden auch erst in den letzten Jahren genauer beleuchtet. Daher sind sie vielleicht auch nicht unbedingt allen Menschen bekannt. Wobei hier dann auch Geschichte und Medizin aufeinander treffen und wenn die medizinischen Aspekte beleuchtet werden, dann sind die geschichtlichen Details vielleicht nicht ganz so wichtig.

Aber aus eigener Erfahrung kann ich dir sagen, dass man im Bereich Johanngeorgenstadt, wo ja auch Uran abgebaut wurde und was nicht weit weg von Schneeberg ist, den Menschen schon die Einflüsse angesehen hat. Sie waren nicht wirklich degeneriert entwickelt, aber irgendwie sahen sie eben doch anders aus.

» Punktedieb » Beiträge: 17970 » Talkpoints: 16,03 » Auszeichnung für 17000 Beiträge


Für mich wäre eine Arbeit unter Tage auch nichts, die Atmosphäre ist schon recht bedrückend. Ich war schon ein paar Mal im ehemaligen Atom-Endlager in Morsleben unter Tage und da war ich immer wieder froh wenn ich das Tageslicht sehen konnte. Aber Wismut war damals der größte Arbeitgeber in einer Gegend wo es nicht viele Alternativen gab und die schon traditionell seit Jahrhunderten als äußerst arm galt. Die Leute wurden mit für DDR-Verhältnisse Spitzenlöhnen und einigen Privilegien wie zum Beispiel einem sehr frühen Rentenbeginn geködert.

Trotzdem scheinen sie immer Nachwuchssorgen gehabt zu haben. Ich kann mich an meine Schulzeit erinnern wo in der 10. Klasse landesweit agierende Werber aufgetaucht sind und einen Vortrag hielten wie toll es sei Bergmann zu sein. Ein Schüler aus meiner Klasse mit problematischen Familienverhältnissen ging auf das Angebot ein, er bekam bereits als Lehrling 800 Euro bei freier Kost und Logis ausgezahlt, das erhielt ich noch nicht einmal zehn Jahre später nach meinem abgeschlossenen Ingenieurstudium. Auch wurde ihm vertraglich zugesichert nur zehn Jahre unter Tage zu arbeiten und dann 15 Jahre über Tage, dann wäre er mit 41 Lebensjahren Rentner geworden. Er stellte später auch selber fest dass diese Arbeit nichts für ihn ist und er verpflichtete sich für 15 Jahre zur Armee. Diese Zeit hätte man dann auf seine Untertagezeit angerechnet wenn nicht die Wende so plötzlich gekommen wäre.

Diese Begrenzung auf zehn Jahre unter Tage passt dann auch wieder mit der von mir weiter erwähnten Lebenszeitdosis, wahrscheinlich wurde die je nach Grube dann schon nach zehn Jahren erreicht. Beim Bronchialkrebs ist es leider so dass Jahrzehnte vergehen bis von der damaligen Exposition diese Krankheit entsteht. Mit den Vorsorgeuntersuchungen konnte man in erster Linie nur Veränderungen in der Lunge feststellen. Der Feinstaub sorgte dafür dass es sehr häufig zur Lungenfibrose kam, also dass Lungengewebe in nutzloses Bindegewebe umgewandelt wurde. Damit war die Funktion der Lunge enorm eingeschränkt und es wurden dann auch prophylaktische Arbeitsplatzwechsel durchgeführt. Aber nicht wegen dem Bronchialkrebs, der zeigte sich wie gesagt erst sehr viel später und war vorher auch nicht feststellbar.

Es gibt etliche Studien zu diesem Thema und aus dieser Region. In einer hatte ich einmal gelesen dass die meisten Bronchialkrebse bei den Bergarbeitern auftauchten die bis ungefähr 1955 bei der Wismut eingestellt wurden. Danach gibt es einen kontinuierlichen Abfall der Fälle. Das klingt auch durchaus plausibel. So kurz nach dem Krieg hatte man andere Sorgen, dann begann man sich auch für den Arbeitsschutz zu interessieren der im Laufe der Zeit auch immer wirksamer wurde.

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» hooker » Beiträge: 7218 » Talkpoints: 50,84 » Auszeichnung für 7000 Beiträge


@Punktedieb, dass ist ja schlimm zu lesen, wenn man den Menschen schon ansah, dass etwas nicht stimmte. Alle werden sie ja nicht unter Tage gearbeitet haben. Aber sein kann, dass das Radon sich durch die Erde in die Häuser gekrochen hat und dort die Menschen krank machte. Denn das ganze Erdreich scheint ja in der Gegend zu strahlen und Radon freizusetzen. Wenn es sich dann noch um alte Bauernhöfe und ältere Bauten handelt, haben die eine Bauweise, die jede Art Strahlung durchlassen wird.

@Hooker, ja, Arbeitsschutz wie zum Beispiel bessere Belüftung werden dazu beigetragen haben, dass es etwas besser wurde. Aber im Grunde hätten die Bergleute nur mit Sauerstoffmasken dort arbeiten dürfen. Nur lässt sich das nicht durchführen. Vielleicht war auch die bessere ärztliche Versorgung mit daran beteiligt, dass es den Leuten besser ging.

Wusste dein damaliger Schulkamerad denn, was ihn im Bergbau erwartete? Wenn man dann trotzdem ein solches Angebot annimmt, kann es doch nur aus großer Not heraus sein. Denn wer gibt sich freiwillig in eine solche Gefahr? Wenn er sich nur für 10 Jahre verpflichtet hatte, musste er damit rechnen, dass er nach dieser Zeit die Krankheit dann schon im Körper hatte. Vielleicht war ihm das Geld damals wichtiger. Hast du je wieder etwas von ihm gehört?

» Cid » Beiträge: 20027 » Talkpoints: -1,03 » Auszeichnung für 20000 Beiträge


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