Fortbildung der Ärzte unter Einfluss der Pharmaindustrie

vom 18.05.2014, 23:00 Uhr

Ärzte sind verpflichtet, 250 Punkte zu sammeln, und zwar in fünf Jahren. Diese Punkte bekommen sie unter anderem durch Fortbildungs- und andere Kurse und Vorträge. Im Oktober letzten Jahres besuchte aufgrund eines Hinweises ein Beobachter von der Berliner Ärztekammer diesen Vortrag.

In fünf der insgesamt neun Vorträgen stellten die Referenten die Medikamente und deren Wirkung nicht objektiv dar. Die Vorträge waren von den Pharmafirmen gesponsert. Nun will die Ärztekammer mehr aufpassen und überlegt, den Ärzten die Fortbildungspunkte zu entziehen. Das wäre aber zu wenig. Der Sponsor darf die Maßnahme nicht beeinflussen, aber wer bitte hält sich daran? Die Mitarbeiter der Ärztekammern sind bei 340.000 Ärztefortbildungen völlig überfordert.

So bleibt die Gefahr bestehen, dass Referenten verzerrte Informationen präsentieren. Der Sponsor bezahlt Seminare, Übernachtungen und selbstverständlich das Essen. Auf diese Weise wollen die Pharmafirmen Einfluss auf die Verschreibungen der Ärzte nehmen. Patienten kann das schaden. Neue Präparate bringen oft keinen Zusatznutzen, haben aber mehr Nebenwirkungen und sie sind teurer.

Ärzte halten sich persönlich für immun gegen Beeinflussung, auch meinen sie, sich nicht manipulieren zu lassen durch Geschenke der Pharmaindustrie, das meinten 94%. In den USA belegen Studien das Gegenteil. Unbewusst werden auch deutsche Ärzte sich erkenntlich zeigen.

In bis zu 10 Jahren soll auch hier einiges geändert werden. Es soll dann eine industriefreie Fortbildung geben. Aufgrund einer Ahnung der Industrie haben sich die Pharmafirmen in Europa zusammengeschlossen. 2016 wollen sie Zahlungen an Ärzte offenlegen. Dann werden Ärzte ihre Fortbildung selbst bezahlen müssen.

Patienten sollen gesundes Misstrauen entwickeln, wenn sie ein bewährtes Medikament haben und das durch ein neues ersetzt werden soll. Ist euch das schon passiert, dass ihr ein neues Medikament verschrieben bekamt, obwohl euer altes gut war? Würdet ihr euch melden, wenn der Arzt das so machen würde? Oder würdet ihr den Arzt wechseln?

» Cid » Beiträge: 20027 » Talkpoints: -1,03 » Auszeichnung für 20000 Beiträge



Ich habe auch Verwandte, die im medizinischen Bereich tätig sind und die machen solche Weiterbildungen immer höchst unfreiwillig. Das ist für die meisten eine lästige Pflicht, sie setzten sich da rein, hören sich das an und futtern sich durch die bereitgestellten Speisen, aber wirklich lernbereit sind sie nicht. Zumindest ist das bei meinen Verwandten so und da ich von Pflichtweiterbildungen auch nicht sonderlich erfreut wäre, kann ich das total nachvollziehen.

Wenn man eh schon unmotiviert irgendwo hingeht, dann nimmt man sicherlich den Inhalt nicht so wichtig und noch weniger Lust hätte man dazu, das auch noch selber zu bezahlen. Ich denke, dass das Sponsoring durch Pharmafirmen dazu beiträgt, dass die Ärzte die Weiterbildungen wenigstens wahrnehmen und nicht dagegen revoltieren oder sich nur autodidaktisch weiterbilden (das geht nämlich auch). Man muss nicht immer überall gleich eine Verschwörung wittern.

» Zitronengras » Beiträge: » Talkpoints: Gesperrt »


Gerade in der Pharmaindustrie wird einfach sehr viel Geld umgesetzt und die Politik erlaubt und fördert im Grunde die Tatsache, dass sich Ärzte zusätzlich bereichern, indem sie den Kunden (früher auch Patienten genannt) zusätzliche Dienstleistungen und Medikamente verkaufen, die sie nicht brauchen aber welche der Arzt zu seinen Gunsten abrechnen kann. Das mag keine feine Art sein, aber ein Niedergelassener Arzt ist letztlich auch nur ein Unternehmer, welcher seinem Unternehmen einen maximalen Gewinn verschaffen will. Das Kunden gesund bleiben, ist dabei ein angenehmer Nebeneffekt.

Natürlich werden Ärzte beeinflusst von "Außendienstmitarbeitern" der Pharmakonzerne. Da sind aber solche Fortbildungen nur die Spitze des Eisbergs. Man könnte sich auch Vorstellen, dass solche Vertreter die Ärzte zu solchen Pflichtveranstaltungen auch einladen und alle Kosten (inkl. des Rahmenprogramms) übernehmen. Um jetzt eine Möglichkeit der Kontaktpflege zu nennen. Immerhin ist es ja so, dass ein Kunde (bzw. Patient) bei einem verschriebenen Medikament nur in Ausnahmefällen in der Apotheke nach einem günstigeren Ersatzmedikament fragt. Da ist es schon ein Vorteil für Pharmariesen, möglichst viele Ärzte zu haben, die ihnen wohlgesonnen sind und eben die teuren "Markenprodukte" verschreiben. Trotz bestehender billiger Alternativen.

Zitronengras hat geschrieben:Man muss nicht immer überall gleich eine Verschwörung wittern.

Aber wer eine Interessensvertretung wittert, der sieht noch lange nichts, was einer Verschwörung gleicht. Warum sollte z.B. ein Vertreter der von Pfizer bezahlt wird, bei so einem Vortrag über Medikamente von Novartis oder La Roche referieren?

» derpunkt » Beiträge: 9898 » Talkpoints: 88,55 » Auszeichnung für 9000 Beiträge



@Zitronengras, dein Thread über deine eigene Fortbildung hat mir schon gezeigt, dass du Fortbildungen nicht positiv gegenüber stehst und sie einfach nicht möchtest. Hier geht es aber darum, für die eigenen Patienten etwas zu tun. Es gibt immer mal wieder Neuerungen, die man als Arzt schon kennen muss. Grundlegendes in der Medizin ändert sich manchmal schnell. Ist man nicht auf dem Laufenden, können die eigenen Patienten nicht von diesen Neuerungen profitieren. Deshalb ist es auch vorgeschrieben, dass solche Veranstaltungen und Kurse besucht werden müssen. Es ist die Pflicht des Arztes, sich fortzubilden. Es geht lediglich um die fehlende Neutralität der Pharmareferenten.

Ärzte und Psychotherapeuten müssen die Punkte sammeln, sofern sie Kassenpatienten behandeln. Zu der Fortbildung gehört auch die Online-Fortbildung, das Lesen von Fachliteratur und Kongressbesuche. Diese Pflicht erfüllen die Ärzte mit über 99%. Tun sie es nicht, müssen sie damit rechnen, Honorareinbußen hinzunehmen von 25%. Langfristig würde ihnen die Zulassung entzogen. Welcher Arzt wünscht sich das? Aber auch ohne diese Zwangsmaßnahmen bin ich überzeugt, dass jeder Arzt selbst daran interessiert ist, sich weiterzubilden.

» Cid » Beiträge: 20027 » Talkpoints: -1,03 » Auszeichnung für 20000 Beiträge



Du hast schon recht; ich halte nicht viel von Weiterbildungen, zumindest nicht von denen, die mich betreffen, denn in meinem Bereich gibt es kaum Neuerungen und wenn, dann kann ich das online nachlesen, anstatt mein Wochenende für eine Weiterbildung zu vergeuden. Aber ich meine hier ja nicht mich. Ich habe Bekannte und Verwandte, die in medizinischen Bereichen arbeiten; Psychotherapeuten, Ärzte und Krankenschwestern.

Die Krankenschwestern müssen – ähnlich wie die Ärzte – Weiterbildungen absolvieren und bestimmte Weiterbildungsstunden nachweisen. Meist verlangen das die Kliniken. Häufig sind die Weiterbildungen auch klinikintern, manchmal aber auch durch Pharmafirmen gesponsert und da gibt es dann richtige Kongresse, zu denen die Krankenschwestern fahren müssen/ sollen.

Und was ich dann da so gehört hab, klingt nicht nach wirklichem Interesse daran. Sie hat mir berichtet, dass viele Vorträge langweilig waren und ein Referent sehr unterhaltsam war, an das konkrete Thema konnte sie sich aber gar nicht mehr erinnern. Mehr interessiert haben sie sie kostenlosen Buffets, die es gab (vermutlich gesponstert) und die Give-Aways, die man mitnehmen konnte. Von ihr habe ich auch zig Kulis mit irgendwelchen Medikamentennamen darauf.

Eine mir bekannte Psychotherapeutin geht zu einem Qualitätstreff, da unterhalten sich die Therapeuten über ihre Arbeit und bekommen dafür auch Weiterbildungspunkte. Sie schwänzt aber oft und geht gerade so oft in, dass sie das als Weiterbildung anerkennt bekommt, um keine echte Fortbildungen machen zu müssen bzw. nicht so viele.

Das klingt nicht gerade nach Begeisterung. Sicherlich mag es Mediziner geben, die sich wirklich für die Themen interessieren und das auch machen würden, wenn Sie es nicht müssen. Aber die mir bekannten Fälle gehen nur zur Weiterbildung, weil sie müssen. Sie freuen sich drüber, dass es da ein paar kostenlose Speisen und Geschenke gibt, sonst wäre die Motivation vielleicht noch mieser.

Wenn sich nun aber die Teilnehmer gar nicht so wahnsinnig für die Themen interessieren, ist es dann wahrscheinlich, dass sie sich beeinflussen lassen? Wir sind überall umgeben von Werbung; Werbung kommt im TV, im Radio, steht auf zig Internetseiten und gehört irgendwie zu unserem Leben dazu. Wir können auch unterscheiden, was Werbung ist und was Information und hören bei Werbung meist weg. Ich denke, die Ärzte sind sich schon dessen bewusst, dass der Vertreter von Firma X auch nur zu den Produkten von Firma X spricht.

Nun kann man ebenso fragen, welchen konkreten Nachteil denn der Patient hat, wenn er bei Beschwerden ein Präparat A bekommt, obwohl Firma B das gleiche etwas günstiger herstellt. Die Wirkung sollte sich ja nicht sonderlich unterscheiden. Und die 10 EUR muss man ohnehin nachzahlen, da ist es egal, ob die Krankenkasse dann noch 200 oder 250 EUR dazu bezahlt.

Ich bin etwa ganz froh darüber, dass mein HNO-Arzt, bei dem ich eine De-Sensibilisierung gegen meine Allergie mache, die Tabletten auch immer kostenlos von einer Firma bekommt und dann kostenlos an mich weitergibt. Denn wenn er mir das verschreiben würde, müsste ich immer die 10 EUR dazu bezahlen. Hier profitieren alle, die Firma wird das los, der Arzt gibt es weiter und ich muss nichts bezahlen. Ist doch schön.

Wenn die Kassen sparen wollen, dann sollen die die Pharmaunternehmen dazu bringen, die Kosten für die Medikamente zu reduzieren. Mediziner zu bestrafen, indem es kein Sponsoring mehr gibt, finde ich unfair. Das muss nicht sein.

» Zitronengras » Beiträge: » Talkpoints: Gesperrt »


Ich kenne es auch aus meinem Beruf in der Apotheke, dass viele Fortbildungen von Firmen gesponsert sind und dort dann natürlich fast nur Präparate der entsprechenden Firmen vorgestellt werden und diese selbstverständlich auch hochgelobt werden. In meinem Beruf muss ich nicht zwingend so viele Fortbildungen machen, sondern nur mindestens eine im Jahr. Da es nicht nur Fortbildungen gibt, die von Firmen gesponsert werden, fällt es mir nicht schwer, etwas passendes zu finden. Ich habe aber eben auch schon solche Fortbildungen besucht, die von einer Firma finanziert wurden.

Dabei ist es doch schon sehr auffällig, wie die eigenen Präparate angepriesen werden und wie einem erklärt wird, warum man diese unbedingt empfehlen sollte und die anderen Dinge eben nicht. Eigentlich finde ich es ganz amüsant, solchen Fortbildungen zu lauschen. Aber ich kann mir schon vorstellen, dass es viele Teilnehmer gibt, die danach wirklich vermehrt diese Produkte empfehlen und damit lohnt es sich sicher für die Firmen.

Genauso wird es bei den Fortbildungen für Ärzte eben auch sein und ich habe es auch schon von Kunden gehört, dass ein Arzt ihnen plötzlich ein neues Präparat verordnet hat, obwohl sie mit dem alten Arzneimittel doch zufrieden waren. Ich würde in einer solchen Situation sicher mal nachfragen, warum der Arzt das macht. Wenn er mir keine gute Erklärung bieten würde, würde ich vielleicht auch den Arzt wechseln.

» Barbara Ann » Beiträge: 28946 » Talkpoints: 58,66 » Auszeichnung für 28000 Beiträge


Cid hat geschrieben:In bis zu 10 Jahren soll auch hier einiges geändert werden. Es soll dann eine industriefreie Fortbildung geben. Aufgrund einer Ahnung der Industrie haben sich die Pharmafirmen in Europa zusammengeschlossen. 2016 wollen sie Zahlungen an Ärzte offenlegen. Dann werden Ärzte ihre Fortbildung selbst bezahlen müssen.

Die Frage ist doch aber wie finanzierbar so ein System ist. Hier wird ja relativ abstrakt geschrieben und nur wenige kennen wirklich Fakten. Hier wird rumgemosert, dass Referenten alles bezahtl kriegen und dann gibt es noch falsche Informationen.

Man darf aber nicht vergessen, dass bei einer Fortbildung, bei der vielleicht 9 Referenten alles bezahlt bekommen auf der anderen Seite dann auch 50 oder 100 Ärzte sitzen, die ihre Fortbildung selber bezahlen inklusive Anreise, Unterkunft und teilweise Verpflegung. Wer selbständig tätig ist, zahlt es eh aus eigener Tasche und auch angestellte Ärzte bekommen oftmals nur einen Teil oder gar nichts von ihrem Arbeitgeber bezahlt.

Und jetzt muss man erstmal auf 250 Punkte in 5 Jahren kommen. So gibt es zum Beispiel Kurse die kosten fast 1000 Euro und bringen dann nicht ganz 50 Punkte. Klar gibt es auch kleinere Fortbildung wie im Ärzteblatt die kostenlos sind, wenn man sich da einen Artikel durchliest und dazu Fragen beantwortet. Aber das ist oftmals für viele Ärzte fachfremd. Für gute Weiterbildungen muss man also schon in der oben genannten Größenordnung in die Tasche greifen. Dabei reden wir aber auch da schon über subventionierte Weiterbildungen mit Industrieausstellungen, damit man nicht nochmal 500 Euro mehr bezahlt.

Mich würde mal interessieren, wie groß der Aufrschrei wäre, wenn man sowas für alle anderen Berufe auch einführen würde. Verpflichtende Weiterbildungen, bei denen man im Jahr einen halben Monatslohn oder mehr los wird.

Sicher ist nicht von der Hand zu weisen, dass es keinesfalls dazu kommen sollte, dass Fortbildungen zu Kaffeefahrten verkommen, aber das ist ja nun lange nicht so. Man muss dann eben auch immer kritisch hinterfragen, ob das referierte auch tatsächlich so stimmt. Aber man muss eben auch überlegen, wenn man die Industrie quasi aussperrt, ob man weiter Fortbildungen auf hohem Niveau erwarten kann, wenn diese dann komplett selbst finanziert werden müssen.

» Klehmchen » Beiträge: 5497 » Talkpoints: 1.016,89 » Auszeichnung für 5000 Beiträge



Diese Fortbildungen sind wichtig das steht ja gar nicht zur Debatte. Dennoch finde ich es eine Frechheit, wenn man dann von den Ärzten verlangt diese Kosten auch noch selber zu bezahlen. Immerhin sind sie eh schon unterbezahlt und diese Fortbildungen sind zwar wichtig, aber dennoch eben irgendwo etwas, was eben ich mit Stress verbunden ist. Ich meine, wenn man schon Überstunden schiebt, die nicht aufgeschrieben werden dürfen und zig Stunden Schichten schiebt bin ich der Meinung, dass man da jemanden finden müsste, der das zahlt.

Ich finde es nicht gut, wenn die Vorträge beeinflusst wirken, aber man muss denjenigen doch auch eine gewisse Intelligenz zusprechen. Man muss doch selber sehen auf welche Veranstaltung man geht und wie dann der Redner eben auch reden wird. Das ist ja nun nichts Neues und ein bisschen muss man auch selber nachdenken. Der Ärztenachwuchs wird ja durchaus auch anders beeinflusst, im Krankenhaus oder durch ältere Ärzte. Da muss sich aber auch jeder selber eine Meinung bilden.

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» Ramones » Beiträge: 47758 » Talkpoints: 8,52 » Auszeichnung für 47000 Beiträge


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