Demenzkranke Menschen in ihren Geschichten bestätigen?
Ich habe an der Arbeit mit demenzkranken Menschen zu tun. Nun habe ich keine Ausbildung in der Pflege gemacht und deswegen entstehen immer mal ein paar Fragen, welche ich natürlich auch an das Pflegepersonal dort richte. Heute möchte ich auch mal euch fragen, was ihr machen würdet. So gibt es in der Einrichtung beispielsweise einen demenzkranken Mann. Ich bringe ihm immer sein Frühstück, wünsche ihm einen Guten Morgen und rede kurz mit ihm. Nun ist er immer wieder der Meinung, dass es abends wäre oder er in einem anderen Land ist. An sich keine schlimme Sache, nun weiß ich nicht, ob ich ihm sagen sollte, dass es eben morgens ist und er in Deutschland ist, als Beispiel, oder ich es lassen sollte.
Bisher habe ich dann immer gesagt, dass es morgens ist, die Sonne gerade aufgegangen ist und er ja auch aus dem Fenster schauen kann um das zu sehen. Ich habe ihm dann auch erklärt, dass er sein Essen ja zum Morgen bekommt und ich ihm somit einen guten Appetit wünsche. Dennoch hat er es ja nicht eingesehen und nicht verstanden, was ich auch nicht schlimm finde, weil es für ihn eben richtig ist. Sollte ich nun gleich sagen, dass er Recht hat oder soll ich weiterhin die Wahrheit sagen? Man muss dazu sagen, dass ich ihn nicht berichtige, wie man das vielleicht bei einem Kleinkind machen würde, sondern versuche das ins Gespräch einzubauen, dass er sich geirrt hat.
Mein Opa war auch an Demenz erkrankt und ich kenne deine Darstellung der Situation sehr gut. Auch wir wussten anfangs nicht, wie wir damit umgehen sollten und haben lange mit unserem Hausarzt darüber diskutiert. Wir sind dann gemeinsam zu dem Schluss gekommen, dass es das Beste ist ihn in seinem Glauben zu lassen und ihn in seiner Welt leben zu lassen, da er auch erhöhten Blutdruck hatte und sich schnell in Rage redete.
Es kostet die pflegenden Menschen sehr viel Kraft, die demente Person aus seiner Welt zu reisen und der Demente kämpft mit seinem Glauben dagegen an. Das ist ein Kampf, der einem sehr viel Kraft und Nerven rauben kann. Nachdem wir ihn in seinem Glauben ließen und seine Welt sozusagen respektiert hatten war das Zusammenleben um einiges einfacher und harmonischer.
Man kann wohl nicht sagen, dass es die beste Methode gibt, wie man mit dementen Menschen umzugehen hat. Es hängt von den Rahmenbedingungen sowie der Reaktion des Patienten ab. Grundsäzlich sagt man jedoch, dass Bestätigung der Patienten durchaus sinnvoll sein kann, um auch ihr Vertrauen zu gewinnen. Demente Menschen können nämlich je nach Stadium auch depressiv bzw. agressiv sein, dann sind natürlich sämtliche Berichtigungen im Sinne der Wahrheitsvermittlung Fehl am Platze - damit würde man als Pfleger, Arzt oder Angehöriger schnell das Vertrauen des Patienten verlieren, was für den weiteren Verlauf natürlich nicht gerade produktiv ist.
Ich kann aus eigener Erfahrung berichten, dass demente Menschen auf Aussagen, die ihnen gar nicht passen und die ihr Weltbild zu zerstören vermögen, sehr impulsiv reagieren. Mein Opa beispielsweise wollte seine Demenz nicht wahrhaben, auch entsprechende Medikamente nicht regelmäßig einnehmen (die effektive Wirkung sei mal dahin gestellt) und reagierte auf entsprechende Aussagen sehr aggressiv. Hat man ihn jedoch in seinen Erzählungen (die ja durchaus der Realität entsprachen!) und seinen Ansichten bestätigt, war er sehr gesprächig, offen und wirkte interessiert.
Ich verstehe nicht, was es bringen sollte, mit einem demenzkranken Menschen darüber zu streiten, welcher Wochentag oder welche Tageszeit gerade ist. Das bringt den Betroffenen doch nur noch mehr durcheinander, und merken kann er oder sie es sich sowieso nicht mehr. Meine Großmutter wusste gegen Ende ihres Lebens nicht einmal mehr so genau, wie alt sie denn nun ist und hat sich optimistisch auf 65 geschätzt, obwohl sie schon fast 90 Jahre alt war. Wir haben sie auch nicht korrigiert, weil sie die Erkenntnis, dass sie schon ein "altes Weib" war, wie sie selbst gesagt hat, nur zusätzlich verwirrt hat.
Meiner Erfahrung nach ist es oftmals einfacher und "gnädiger", Menschen mit fortgeschritteneren Demenzerkrankungen ihre Vorstellungen zu lassen und darauf einzugehen. Es nützt ja nichts, die Betroffenen ständig wieder zu verunsichern und darauf aufmerksam zu machen, dass mit ihnen offensichtlich etwas nicht stimmt.
Meine Großmutter hatte auch schon mit demenzkranken Menschen zu tun und sie meinte, dass man ihnen immer Recht geben sollte, da sie sonst sehr wütend werden können und außerdem sehen sie es auch nicht ein, wenn etwas eben nicht so ist, wie sie es denken. Meine Großmutter meinte außerdem, dass es für beide Seiten okay ist, denn immerhin gibt man dem Demenzkranken ein halbwegs vernünftiges Gefühl und korrigiert diesen nicht ständig, auf der anderen Seite macht man sich selbst auch weniger Arbeit. Um ehrlich zu sein weiß ich gar nicht wie ich selbst mit Demenzkranken umgehen würde, da ich soweit ich weiß noch nie einen Menschen mit Demenz getroffen habe.
Mein Großvater ist auch dement und redet manchmal wirres Zeug. Er verdreht alles und weiß oft nicht wo er ist oder wie alt er ist. Einmal lag er im Krankenhaus wegen Blutdruckproblemen und er wollte die ganze Zeit flüchten, weil er angeblich zu Hause irgendwelche Kartoffeln ausgraben musste. Er schien nicht mal zu registrieren, dass er im Krankenhaus war, trotz Fusion und allem. Er dachte sogar, wir wären noch gar nicht in Deutschland, sondern in der früheren Heimat. Dabei sind wir schon über 20 Jahre hier und haben uns gut integriert.
Daher kann ich aus Erfahrung sagen, dass es sehr schwer ist, als Angehöriger einen derartigen Verfall in so kurzer Zeit mitzuerleben. Das ist echt nicht leicht. Anfangs haben wir auch immer widersprochen und ihn verbessert. Aber dann haben wir gemerkt, dass er viel entspannter ist, wenn man einfach in seine Welt mit eintaucht und einfach darauf einsteigt, was er sagt.
Ich schließe mich meinen Vorredner an und sehe ebenso keinen Sinn darin, mit dem Dementkranken zu diskutieren. Mein Großvater hatte immer vergessen, dass seine Frau schon verstorben war. Hätten wir ihn immer an den Schmerz erinnern sollen? Nein, die Oma war nur kurz draußen und kommt gleich wieder.
Es ist doch für den Kranken überhaupt nicht mehr von Belang, da er das Gespräch sowieso gleich wieder vergessen wird. Gerade die Wochentage verlieren doch wirklich jede Bedeutung, wenn das Gedächtnis keine 24 Stunden lang hält. Bevor man da ständig eine negative Atmosphäre aus Verneinungen und Verbesserungen erzeugt und immer wieder seine Welt in Frage stellt und zusammenbrechen lässt, gestaltet man es doch lieber positiv und gibt ihm Recht.
Ich habe bisher noch nicht mit demenzkranken Menschen zu tun gehabt, so was habe ich nur im Fernsehen gesehen und das, was ich da gesehen habe, überzeugt mich eigentlich davon, dass es besser ist, wenn man diese Menschen in ihrem Glauben lässt. Angenommen es würde sich um eine Person handeln, die auf einmal Auto fahren möchte oder eine andere Person sucht, die aber schon längst verstorben ist. Dann muss man schon irgendwie handeln. Bei dem Auto muss man die Sache aufklären um nicht zu riskieren, dass die demenzkranke Person einen Unfall baut. Bei der verstorbenen Person wäre ich selbst ein bisschen überfordert. Vielleicht ist es sogar da besser, dem Patienten zu erklären, dass die Person gerade nicht im Haus ist, weil man weiß, dass der Patient es ohnehin schnell wieder vergessen hat. Würde man ihn erst wieder darüber aufklären, dass die Person tot ist, würde das Überraschung, Trauer und Schmerz auslösen.
Ich denke daher, dass man das Leben eines demenzkranken Patienten schon eher damit erleichtert, wenn man ihm nicht widerspricht. Wenn er einem gerade irgendwas erzählt, was seiner Meinung nach erst vor kurzem passiert ist oder so, dann würde ich normal mit ihm reden und ihn in dem Glauben lassen, dass es genauso war. Die Person würde sich freue und in wenigen Stunden wäre es ohnehin wieder vergessen. Ich habe damit zumindest nichts schlechtes bewirkt. Wenn ich aber erstmal Vorträge darüber halten würde, dass das alles gar nicht stimmt und dass die Person krank ist, dann würde das nur Verwirrung auslösen und wäre sehr stressig für den Patienten. Das kann man vermeiden.
Link dieser Seite https://www.talkteria.de/forum/topic-233477.html
Ähnliche Themen
Weitere interessante Themen
- Junge Generation kennt deutsche Wörter nicht mehr 4058mal aufgerufen · 18 Antworten · Autor: anlupa · Letzter Beitrag von Wibbeldribbel
Forum: Alltägliches
- Junge Generation kennt deutsche Wörter nicht mehr
- Ungerechte / ungleiche Freundschaft 2170mal aufgerufen · 6 Antworten · Autor: merlinda · Letzter Beitrag von Hufeisen
Forum: Alltägliches
- Ungerechte / ungleiche Freundschaft
- Welche Bindung habt oder hattet ihr zu euren Urgroßeltern? 1391mal aufgerufen · 6 Antworten · Autor: Ampelmännchen · Letzter Beitrag von Verbena
Forum: Familie & Kinder
- Welche Bindung habt oder hattet ihr zu euren Urgroßeltern?
- Angst haben, bei Texten für Uni versehentlich zu plagiieren? 4181mal aufgerufen · 11 Antworten · Autor: Prinzessin_90 · Letzter Beitrag von pattyblack
Forum: Schule, Ausbildung & Studium
- Angst haben, bei Texten für Uni versehentlich zu plagiieren?
- Spazieren - In der Stadt oder auf dem Land? 2705mal aufgerufen · 19 Antworten · Autor: damomo · Letzter Beitrag von bambi7
Forum: Freizeit & Lifestyle
- Spazieren - In der Stadt oder auf dem Land?
