Sind alle Leute, die sich töten, psychisch krank?

vom 31.01.2014, 04:44 Uhr

Normalerweise heißt es immer, dass Menschen, die sich selber töten wollen, psychisch krank seien. Wer Suizidgedanken äußert, kann dafür in eine Klinik eingewiesen werden. Menschen, die erfolglos einen Suizidversuch durchführen, kommen danach auch automatisch in die Psychiatrie. Auch im internationalen medizinischen Klassifikationssystem für Krankheiten kommt das Thema vor. Unter R45.8 findet man "Suizidalität", wozu alle Gedanken über eine Selbsttötung zählen, egal, ob die Person sich tatsächlich töten möchte, oder nicht, unter Z91.8 "Suizidversuch". Der Wunsch von Menschen, ihrem Leben selber ein Ende zu setzen, wird also gewöhnlicherweise als krank oder unnormal betrachtet. Menschen, die diesen Wunsch äußern, wird oftmals die Zurechnungsfähigkeit abgesprochen.

Aber sind Menschen, die ihr Leben beenden wollen, immer krank? Kann es Gründe geben, bei denen die Entscheidung, sterben zu wollen, als völlig gesund klassifiziert wird? Erkennt die Medizin diese Fälle auch als gesund an, oder werden sie offiziell auch als krankhaft klassifiziert, und gibt es da medizinisch keinerlei Unterscheidungen?

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» Wawa666 » Beiträge: 7277 » Talkpoints: 23,61 » Auszeichnung für 7000 Beiträge



Die Frage finde ich äußerst interessant, zumal ich vor kurzem einen Bericht gesehen habe, in dem gesagt würde, das fast alle Jugendlichen mal diesen Gedanken hatten. Eigentlich ist es ja ein Ausweg suchen, außer einer Situation, in der man denkt nicht mehr raus zu kommen. Ich selber hatte auch des Öfteren solche Gedanken.

Jetzt kann man natürlich sagen, das es immer Lösungen für Probleme gibt, aber scheinbar sehen es die Menschen, in dieser Situation anders. Ein Bekannter hat sich vor kurzem im Wald erschossen, und niemand wusste so richtig warum, Frau und große Kinder hatte er. Seine Schwägerin berichteten, das er wohl zu viel Druck auf der Arbeit hatte. Andere Menschen würden sich krank schreiben lassen, er hat sich umgebracht.

Ich denke schon, das es im Hintergrund immer psychische Probleme gibt. Es gehört sehr viel Mut zu solchen Taten. Ich denke ein völlig gesunder Mensch, würde nicht daran denken, sich umzubringen.

» laraluca » Beiträge: 1068 » Talkpoints: 9,76 » Auszeichnung für 1000 Beiträge


In meinem Freundeskreis hat sich vor zwei Wochene erst eine Freundin das Leben genommen. Die Nachricht von ihrem Tod hat mich total schockiert und überfordert, da sie garantiert nicht zu den Menschen gehört, die ich als psychisch krank bezeichnen würde, die sich irgendwie so verhalten hätten, alsdass man es hätte merken können.

Sie war Ende zwanzig und hatte keinerlei familiären Probleme. Sie hatte ein tolles Studium mit anschließender Buchveröffentlichung ihrer Arbeit, einen tollen besten Freund zum Pferde stehlen und einen Job in leitender Funktion. Sie war ein rundum fröhlicher Mensch, der wahnsinnig intelligent war und auch so immer eine positive Aura hatte.

Aus diesen Gründen war ihr Tod für alle total schockierend. Keiner hat etwas gemerkt und in ihrem Abschiedbrief schrieb sie, dass sie auch genau das nicht wollte. Sie war mit ihrem Leben unzufrieden, mit ihrem Job und wollte dem ein Ende setzen. Trotzdem behaupte ich, dass sie nicht psychisch krank war. Nein sie war nicht krank, sondern schlichtweg unzufrieden und sah keinen anderen Ausweg.

Ich denke, dass man die Menschen, die Suizid begehen, nicht über einen Kamm scheren oder klassifizieren kann. Sicherlich ist ein Teil von ihnen wirklich psychisch krank und hat ernsthaft Probleme, aber es gibt es auch die "Gesunden", die einfach nicht mehr zurecht kommen mit ihrer Situation und die den Tod als einzige Alternative sehen.

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» Schleiereule » Beiträge: 827 » Talkpoints: 3,58 » Auszeichnung für 500 Beiträge



Ich bezeichne mich selber immer als "suizidal veranlagt". Ich weiß ganz genau, dass, wenn die Probleme einfach zu schlimm werden würden, ich mit dem Gedanken spielen würde. Als Jugendliche habe ich auch zwei Versuche unternommen. Bei beiden habe ich dann aber zwischendrin aufgehört und mir überlegt, dass ich doch noch mal schaue, ob es wieder besser wird. Also wenn ich währenddessen noch so denken kann, würde ich mein jugendliches Ich damals nicht als psychisch krank bezeichnen.

Meiner Meinung nach muss man die Sache ganz anders betrachten. Suizid ist in religiösen Gesellschaften als Sünde verpönt. Aber wir sind lange nicht mehr so religiös. Ich bin es gar nicht. Durch einen Selbstmord erwarte ich keinerlei negative Auswirkungen. Mein Leben ist vorbei, aber ich habe keine Gelegenheit mehr, diese Entscheidung zu bereuen. Was spricht gegen eine Entscheidung, die man nicht mehr bereuen kann?

Es ist einfach eine Abwägung. Die Probleme, die man gerade hat - Job, Familie, Krankheit - oder einfach alles beenden und dann ist da Nichts mehr. Man verzichtet auf die guten Dinge, die vielleicht noch kommen könnten, aber man verzichtet auch auf all die schlechten Dinge. Meiner Meinung nach kann das eine sehr nüchterne, gut überlegte Entscheidung sein. Das einzige, woran man denken muss, sind die Angehörigen und die Freunde. Aber wenn es um das eigene Leben geht, muss man auch mal egoistisch sein.

Es gibt natürlich auch die psychisch kranken oder diejenigen, die einfach überfordert sind und gar keinen klaren Gedanken mehr treffen können. Aber ich würde keinesfalls sagen, dass alle Selbstmörder zu 100% psychische Probleme hatten.

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» Bienenkönigin » Beiträge: 9448 » Talkpoints: 19,93 » Auszeichnung für 9000 Beiträge



Auch ich finde diese Fragestellung äußerst interessant und schwer zu beantworten. Es kommt wohl auch darauf an, wie man "krank sein" definiert. Ich kenne bisher niemanden persönlich, der sich umgebracht hat und ich bin natürlich auch ziemlich froh darüber. Aber ich kenne auch viele in meinem Umfeld, die schon negative Gedanken gehabt haben und sogar geäußert haben, dass sie einen Selbstmord in Erwägung ziehen. Aber das waren so Leute, die unbedingt im Mittelpunkt stehen wollten und in Wahrheit nicht wirklich die Absicht hatten, einen Selbstmord zu begehen.

Ich denke, es kommt hier auf die eigene Psyche an, wie man mit dem Leben umgeht. Und wenn man eine schwache Psyche hat wird man eher als "krank" angesehen als Leute, die eine starke Psyche haben. Leute, die die Neigung zu Selbstmord haben, oder wie Bienenkönigin schreibt "suizidal veranlagt" sind, sind für mich aber auch nicht gesund. Es tut mir einfach nur Leid, wenn man Selbstmord als letzten Ausweg sind. Und ich denke, wenn man "nur" unzufrieden ist führt das auch nicht dazu, dass man sich umbringt. Man sieht dann einfach keinen Sinn im Leben mehr. Wenn man sein Leben besser im Griff hat versucht man immerhin, etwas an dieser Unzufriedenheit zu ändern.

Ich bin gespannt, was andere zu diesem Thread meinen, da mich die Meinungen der anderen User hier durchaus interessieren. Vor allen Dingen sind auch jüngere hier unterwegs und auch wie laraluca habe ich bereits einen Bericht gelesen, dass rund 70-80% der Jugendlichen einen Suizidgedanken geäußert haben. Vielleicht kann da jemand von sich oder seinem Freundeskreis berichten.

» cupcake03 » Beiträge: 1152 » Talkpoints: 29,50 » Auszeichnung für 1000 Beiträge


cupcake03 hat geschrieben:Es kommt wohl auch darauf an, wie man "krank sein" definiert. ... Leute, die die Neigung zu Selbstmord haben, oder wie Bienenkönigin schreibt "suizidal veranlagt" sind, sind für mich aber auch nicht gesund.

Ich finde es interessanter darüber zu reden, was denn gesund ist. Warum ist es denn gesünder, sein Leben aufrechtzuerhalten und sich durchzumogeln, obwohl man unzufrieden ist? Denn letztlich erwartet einen doch sowieso am Ende der Tod. Durch den Selbstmord erreicht man also keinen unnatürlichen Zustand wie z.B. durch Drogenkonsum oder Selbstverletzung.

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» Bienenkönigin » Beiträge: 9448 » Talkpoints: 19,93 » Auszeichnung für 9000 Beiträge


Interessante Frage. Ich persönlich vertrete die Auffassung, dass tatsächlich nahezu alle Menschen, die den Wunsch hegen, ihr eigenes Leben zu beenden, psychisch krank sind. Daran glaube ich einfach aus dem Grund, dass alle lebenden Organismen darauf ausgerichtet sind, den Körper möglichst gesund zu halten und jegliche Schäden zu verhindern, soweit dies eben möglich ist. Das macht sich ja unter Anderem dadurch bemerkbar, dass der Körper die Stoffwechselfunktion herunterfährt, sobald ein Mensch zu wenig Nahrung zu sich nimmt. Damit bleibt gewährleistet, dass die Funktionen aller Organe weiterhin ausgeführt werden können und das ist nur eines von zahlreichen Beispielen. Folglich ist auch jede Form des selbstschädigenden bzw. selbstverletzenden Verhaltens als "krank" zu betrachten, und Suizid gehört da natürlich definitiv dazu.

Damit vertrete ich nun aber auch nur meine eigene Meinung, ich weiß nicht, ob es wirklich der Fall ist. Mindestens eine Ausnahme kann man meiner Meinung nach aber dennoch ziehen: Nehmen wir mal einen Menschen, der an einer schweren Krankheit leidet und womöglich täglich mit Schmerzen zu kämpfen hat. Ich finde es auf eine gewisse Art und Weise durchaus nachvollziehbar, wenn ein solcher Mensch irgendwann nicht mehr dazu bereit ist, zu kämpfen, und sich eigentlich nur noch den Tod als seine Erlösung wünscht. Vielleicht hegt derselbe Mensch auf der anderen Seite aber eigentlich den viel größeren Wunsch auf ein Wunder, das ihn wieder gesund macht und ihm seine Lebensfreude zurückgibt - wer weiß? In einem dieser Fälle, in dem die Lebensfreude tatsächlich überhaupt nicht mehr vorhanden ist, könnte man natürlich auch wieder von einer Depression und somit von einem Wunsch nach Suizid aufgrund von psychischer Krankheit sprechen, aber wer weiß schon, was für Gedanken in den Menschen vorgehen können. Letztendlich bleibt es mir einfach ein Rätsel.

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» porcelain » Beiträge: 1071 » Talkpoints: 5,47 » Auszeichnung für 1000 Beiträge



porcelain hat geschrieben:Ich persönlich vertrete die Auffassung, dass tatsächlich nahezu alle Menschen, die den Wunsch hegen, ihr eigenes Leben zu beenden, psychisch krank sind. Daran glaube ich einfach aus dem Grund, dass alle lebenden Organismen darauf ausgerichtet sind, den Körper möglichst gesund zu halten und jegliche Schäden zu verhindern, soweit dies eben möglich ist.

Und deswegen tragen Menschen gesundheitsschädliche Mode und benutzen gesundheitsschädliche Sachen als Schminke. ;) Ich habe das schon in einem anderen Thread hier geschrieben: Es gibt Schminke, die Krebs erregende Stoffe beinhaltet, und zu früheren Zeiten hat man sich ein bestimmtes Gift in die Augen getropft, weil das die Pupillen so schön groß und glänzend macht. Und zwar, obwohl man wusste, dass dieses Gift ab einer bestimmten Konzentration sogar tödlich wirkt. Korsetts waren auch mal groß in Mode, haben die Organe gequetscht und die Atemfähigkeit eingeschränkt, bis hin zur Bewusstlosigkeit, und die heutigen hochhackigen Schuhe sind auch nicht gut für die Füße.

Außerdem rauchen viele Menschen, obwohl sie wissen, dass das gesundheitsschädlich ist. Für Alkohol gilt dasselbe. Von illegalen Drogen, die teilweise den Körper wirklich komplett ruinieren, muss man gar nicht anfangen.

Menschen neigen eben nicht dazu, ihren Körper gesund zu erhalten. Sie nehmen Schädigungen für verschiedene Dinge, wie Rausch, Mode oder Schönheit, in Kauf. Wenn ein Organismus, der selbstschädigende Dinge tut, automatisch psychisch krank ist, dann betrifft das wohl 99% der Menschheit. Trotzdem käme nun aber keiner auf die Idee, zu sagen, alle Raucher und alle Menschen, die ab und zu Alkohol trinken, seien psychisch gestört, oder? Und von Frauen, die hochhackige Schuhe tragen, würde das wohl auch keiner behaupten.

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» Wawa666 » Beiträge: 7277 » Talkpoints: 23,61 » Auszeichnung für 7000 Beiträge


porcelain hat geschrieben:Ich persönlich vertrete die Auffassung, dass tatsächlich nahezu alle Menschen, die den Wunsch hegen, ihr eigenes Leben zu beenden, psychisch krank sind. Daran glaube ich einfach aus dem Grund, dass alle lebenden Organismen darauf ausgerichtet sind, den Körper möglichst gesund zu halten und jegliche Schäden zu verhindern, soweit dies eben möglich ist.

Ebenso ist eigentlich jeder Organismus dazu ausgelegt, sich fortzupflanzen. Dennoch gibt es Menschen, die das nicht wollen und die würde ich auch nicht als psychisch krank bezeichnen. Wir haben uns einfach zu weit vom natürlichen Ideal entfernt, um solche Dinge noch so einseitig zu bewerten. Mittlerweile spielen gesellschaftliche Normen eine viel größere Rolle. Und die Norm, dass Selbstmord zu ewiger Verdammnis führt, gibt es eben in unseren Breitengraden seit geraumer Zeit nicht mehr.

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» Bienenkönigin » Beiträge: 9448 » Talkpoints: 19,93 » Auszeichnung für 9000 Beiträge


Ich würde erstmal nicht davon ausgehen, dass ein Selbstmörder psychisch krank ist. Was mir spontan für Gründe einfallen:

  • Unlösbare finanzielle Probleme
  • Verlust des Partners ohne den man nicht weiter leben will
  • Schmerzhafte Krankheit mit schlechter Prognose
  • Religiöse Überzeugung

Interessante Frage. Ich persönlich vertrete die Auffassung, dass tatsächlich nahezu alle Menschen, die den Wunsch hegen, ihr eigenes Leben zu beenden, psychisch krank sind. Daran glaube ich einfach aus dem Grund, dass alle lebenden Organismen darauf ausgerichtet sind, den Körper möglichst gesund zu halten und jegliche Schäden zu verhindern, soweit dies eben möglich ist

Naja normalerweise werden auch alle Organismen, die keinen gesunden Körper haben von Fressfeinden oder gar dem eigenen Rudel aussortiert. Beim Menschen ist das nicht der Fall. Also muss er sich selbst aussortieren. Ein krankes Tier wird in der Regel von seinem Rudel verstoßen oder getötet, verhungert dann oder fällt Fressfeinden zum Opfer. Oft töten auch Mütter ihre Jungtiere, wenn sie für diese keine ausreichenden Überlebensmöglichkeiten sehen.
Aber der Mensch muss sich dann eben selber umbringen. Vor ein paar Tausend Jahren war das aber noch anders.

Und wenn der Mensch daran interessiert ist seinen Körper gesund zu halten, warum raucht er dann, trinkt, wird fett und bewegt sich nicht? Als ich schwer krank war habe ich auch überlegt ob ich mich irgendwann umbringen muss. Ich hatte die Befürchtung, dass ich nie arbeitsfähig werde und dann mein restliches Leben auf Hartz IV Niveau leben muss. Da habe ich mich schon gefragt, ob der Tod dann nicht angenehmer ist, als sein Leben in Armut zu verbringen.

» Sternenbande » Beiträge: 1860 » Talkpoints: 70,16 » Auszeichnung für 1000 Beiträge


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