Das große Schweigen der Ärzte

vom 22.01.2014, 23:41 Uhr

In diesem Thread veranlasste mich der Beitrag einer Userin, nachfolgendes zu schreiben:

Warum können Ärzte nicht zugeben, dass sie auch Fehler machen können? Jeder Handwerker versemmelt mal irgendein Teil. Selbst wenn er es später wieder so gut wie möglich repariert, gibt er zu, dass er sich vermessen hat oder sonst irgendwie vertan hat. In diesem Sinne sind auch Ärzte Handwerker, die mit ihren Händen versuchen, kranken Menschen wieder auf die Beine zu helfen, egal durch welche Maßnahme. Gelingt das nicht auf Anhieb, müssen sie nacharbeiten, um so gut wie möglich alles wieder in Ordnung zu bringen.

Jeder Mensch hat dafür mehr Verständnis, wenn der Arzt ihm sagen würde, dass leider ein kleines Missgeschick passiert ist, das er aber wieder in Ordnung bringt, als wenn er den Patienten im Unklaren lässt. Erst dann wird der Patient wütend und macht Vorwürfe und geht auch weiter. Einen Anstreicher, der eine Tür nur unzureichend gestrichen hat bittet man, die Tür nochmals zu streichen, ohne ihm Vorwürfe zu machen. Genauso würde es bei einem Arzt sein, der einen Fehler begangen hat. Warum trifft man auf eine Mauer des Schweigens? Warum darf ein Arzt nicht die Wahrheit sagen? Würde das sein Dienstende bedeuten?

Patienten leiden unter dem Schweigen der Ärzte und die Ärzte selbst? Sie scheinen auch zu leiden. Die Belastungen, denen Ärzte ausgesetzt sind, sind groß. Schuld daran ist in vielen Fällen eine falsche Organisation des Krankenhauses. Kein Arbeitnehmer muss so viel Stunden hintereinander abarbeiten wie ein Arzt. Und das geht auch nicht, denn es geht auf Kosten der Patienten und auf Kosten der Nerven und Gesundheit des Arztes. Je mehr ein Arzt gearbeitet hat, je müder und nervöser er wird, desto schneller können Fehler passieren.

» Cid » Beiträge: 20027 » Talkpoints: -1,03 » Auszeichnung für 20000 Beiträge



Ich denke mal, das liegt daran, weil sie fürchten das Vertrauen der potentiellen Patienten zu verlieren. Wenn ein Handwerker einen Fehler macht und beispielsweise einen Stuhl falsch zusammensetzt, dass dieser nicht haltbar ist, dann kann es zwar passieren, dass der Stuhl nachgibt, wenn man sich draufsetzt, was aber nicht wirklich Lebensbedrohlich ist. Der Fehler ist also korrigierbar und kostet keine Menschenleben im Normalfall. Bei einem Ingenieur sieht das natürlich anders aus.

Einem Arzt muss man allerdings vertrauen können, wenn man sich beispielsweise von ihm operieren lassen muss. Wenn allerdings bekannt ist, dass er schon diverse Behandlungsfehler zu verbuchen hat, sinkt natürlich das Vertrauen, sodass ich mir schon vorstellen kann, dass Ärzte Fehler nur ungern zugeben, aus Angst, dadurch berufliche Nachteile zu bekommen. Schließlich können schon durch einen kleinen Fehler eines Arztes erhebliche Nachteile entstehen, die unter Umständen auch zum Tode führen können.

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» Olly173 » Beiträge: 14700 » Talkpoints: -2,56 » Auszeichnung für 14000 Beiträge


Gerade als Arzt ist es ja wichtig, einen guten und unbefleckten Ruf zu haben. Wie schon gesagt wurde, würde ein Fehler sicher neue Patienten oder auch die bereits vorhandenen Patienten verschrecken. Wer möchte sich schon von einem Arzt behandeln lassen, der vielleicht einen gravierenden Fehler zum Leid des Patienten gemacht hat? Es besteht ja normal schon ein gewisses Vertrauensverhältnis zwischen Arzt und Patient.

Ich muss sagen, dass ich bisher einmal erlebt habe, dass ein Arzt einen Fehler zugegeben hat. Damals hatte ich noch so große Angst vorm Zahnarzt, dass ich mich nur unter Vollnarkose behandeln ließ. Es musste mehr gemacht werden, da ich lange nicht bei einem Zahnarzt war. Unter anderem sollte vor allem ein Zahn gezogen werden. Als ich dann aus der Narkose aufwachte und mit der Zunge gefühlt habe, war der Zahn dann allerdings noch da. Der Zahnarzt gab dann zu, diesen wirklich vergessen zu haben und hat mir eine weitere Behandlung unter Narkose auf seine Kosten angeboten. Das hat mich doch erstaunt. Aber ich fand es auch gut. Allerdings war der Arzt an sich etwas komisch und ich bin dann irgendwann zu einer anderen Praxis gewechselt.

Bei einem Tierarzt habe ich auch schon erlebt, dass er einen Fehler gemacht hat und dies dann auch auf seine Kappe genommen hat. Bei der Hündin meiner Eltern sollte bei der Kastration auch die Wolfskrallen entfernt werden und dies hatte er vergessen. Der Tierarzt hat dann die Kosten für eine kurze weitere Narkose übernommen, um die Krallen noch zu entfernen. Sicherlich ist ein Fehler bei einem Tierarzt nicht so vergleichbar mit denen von einem Arzt für Menschen, aber trotzdem hat auch dieser einen Ruf zu verlieren.

Leider ist es viel zu selten, dass ein Arzt mal einen Fehler zu gibt. Das endet vielleicht sogar vor Gericht und selbst dann geben viele Ärzte ihre Fehler nicht zu. Es wäre ja nicht das erste Mal das Operationsbesteck oder ein Tuch in einer Wunde vergessen wurden. Das ist schon traurig, dass selbst dann noch nicht zu einem Fehler gestanden wird. Aber bei solchen Fehlern, wird der Arzt natürlich an Patienten verlieren und versucht sicher noch irgendwie etwas zu retten.

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» Nelchen » Beiträge: 32238 » Talkpoints: -0,25 » Auszeichnung für 32000 Beiträge



Dass die Ärzte keinen Fehler zugeben, hat eine ganz einfache Ursache: Sie verlieren sonst ihren Versicherungsschutz und stehen allein da, wenn sie tatsächlich verklagt werden. Und damit muss man in der heutigen Zeit ja leider immer mehr rechnen. In den USA gibt es dagegen zumindest die Möglichkeit, dass die Ärzte selbst untereinander reden. Die haben sogar extra Besprechungen, sogenannte Mortalitätsbesprechungen, wo sie ihren Fall vorstellen und sich von den anderen Ärzten beraten lassen, was falsch gelaufen ist und was nächstes Mal besser laufen könnte.

Das hat den großen Vorteil, dass man eben auch aus den Fehlern lernen kann, sogar aus denen anderer Ärzte. Außerdem bekommt man vielleicht Trost, vor allem, wenn die anderen Kollegen einem dann sagen, dass sie auch nicht anders gehandelt hätten und es eben Schicksal war. Ich denke, solche Besprechungen wären auch hier mal ganz sinnvoll.

» rasenderrolli » Beiträge: 1058 » Talkpoints: 16,66 » Auszeichnung für 1000 Beiträge



Das Vertrauensverhältnis zu einem Arzt muss vorhanden sein, das ist richtig. Aber woher soll der Patient wissen, ob er dem richtigen oder falschen Mediziner vertraut? Vor allem ist nicht immer klar, wer operiert, das wird eingeteilt oder aber man ist Privatpatient. Das aber kann sich nicht jeder leisten. Spricht man vor einer OP mit dem Anästhesisten, der alle Bedenken ausräumen kann und einem ein gutes Gefühl vermittelt und man kommt in den OP, ist ein anderer für die Narkose zuständig. Das finde ich auch nicht gut.

Ich hatte wirklich Vertrauen, das mir der Anästhesist vermittelt hatte. Bei der ersten OP war das Vertrauen auch berechtigt. Doch bei der zweiten OP hatte ich das Pech, einen unerfahrenen, jungen Mediziner für die Narkose zu haben. Ist man im OP wird man automatisch unruhig, jedenfalls ich. So redete der Anästhesist bei der ersten OP beruhigend auf mich ein und ich fühlte mich geborgen. Der zweite jüngere Kollege guckte nur einmal und verschwand dann. Auf der Aufwachstation war es mir völlig übel und ich musste mich mehrmals übergeben. Es kam aber nur Blut, das hatte wohl in meinem Magen rebelliert.

Ich musste annehmen, dass etwas nicht in Ordnung war. So schickte man mir den jungen Anästhesisten später ans Krankenbett. Ich fragte ihn, was er verletzt hatte, zumal ich nicht schlucken konnte. Er meinte nur, das würde sich bald ändern und ansonsten wäre es meine Schuld, ich hätte mir den Schlauch aus der Nase gerissen. Ich war narkotisiert und kann dazu nichts sagen. Ich wurde dann in eine HNO-Klinik gefahren und untersucht. Dort erfuhr ich, dass alles in Ordnung sei und das Schlucken sich bald wieder geben würde. Nach einem halben Jahr konnte ich wieder richtig schlucken.

Der Chefarzt sagte mir noch, ich hätte Glück, dass meine Archillessehne nicht angegriffen war. Ein Jahr später stellte der Orthopäde aufgrund von Schmerzen per Ultraschall fest, dass die Archillessehne angeschnitten und anschließend genäht wurde. Soviel zum Vertrauen! Wäre es schlimm gewesen, wenn der Arzt statt seiner Äußerung über die heile Sehne mir sein Missgeschick über die wieder genähte Sehne mitgeteilt hätte? Ich hätte ihm keine Vorwürfe gemacht.

Was ich nicht in Ordnung finde, wenn es stimmt, dass die Versicherungen darauf bestehen, dass Ärztefehler nicht zugegeben werden dürfen, weil sonst der Schutz entfallen soll. Die Ärzte müssen für die Versicherungen sehr hohe Prämien zahlen. Dafür muss eine Versicherung dann ihren Teil erfüllen und darf nicht solche Auflagen machen. Denn immerhin ist es ein Versicherungsgeschäft wie jedes andere.

» Cid » Beiträge: 20027 » Talkpoints: -1,03 » Auszeichnung für 20000 Beiträge


Ich sehe es recht zwiegespalten. Eigentlich vertraue ich einem Menschen, der eher mal einen Fehler zugeben kann auch eher, als einem Menschen, der immer behauptet, recht zu haben. So ist es bei Ärzten eigentlich auch. Mir imponiert es mehr, wenn ich von Ärzten höre, die sich auch mal entschuldigen können. Meistens ist es leider wirklich so, dass die Ärzte nichts sagen, auch wenn sie mal einen Fehler gemacht haben. Natürlich sind Fehler menschlich, aber bei Ärzten können falsche Diagnosen und Behandlungen eben weitreichende Folgen haben. Das ist in den meisten anderen Berufen eher nicht der Fall.

Darum ist es für Menschen in anderen Berufen sicher leichter, Fehler zuzugeben und es direkt anzusprechen, wenn mal etwas nicht so gut gelaufen ist. Sicher ist es für Ärzte auch nicht so leicht, Fehler zuzugeben, weil sie um den guten Ruf fürchten. Natürlich finden es Menschen gut, wenn sich ein Arzt auch mal entschuldigen kann, aber auf der anderen Seite bedeutet diese Entschuldigung eben, dass etwas nicht so toll gelaufen ist. Wenn sich so etwas herum spricht und öfter vorkommt, hat der Arzt sich vielleicht Respekt verdient, aber Patienten verloren, weil sie sich vor falschen Diagnosen und Behandlungen fürchten. Von der Entschuldigung haben sie dann am Ende ja auch nichts, wenn Fehler passiert sind.

» Barbara Ann » Beiträge: 28946 » Talkpoints: 58,66 » Auszeichnung für 28000 Beiträge


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