Trauma durch Unfall von Angehörigen möglich?
Dass Menschen bei emotional sehr belastenden Erlebnissen traumatisiert werden können, ist mittlerweile weit bekannt. Dabei ist es auch egal, ob jemand selbst von einem schweren Unfall oder von einem Verbrechen heimgesucht wird, oder aber, ob jemand Augenzeuge eines solchen Vorfalls wird. In beiden Fällen allerdings sehe ich die Gemeinsamkeit, dass die betroffenen Menschen sich am Ort des Vorgangs befanden und den Vorgang auch tatsächlich selbst gesehen oder gefühlt haben. Sie haben den Vorgang unmittelbar erlebt, und nicht erst durch Berichte davon erfahren.
Ich habe mich nun gefragt, ob es auch möglich ist, dass Angehörige von Personen, die von einem schweren Unfall oder Verbrechen betroffen sind, traumatisiert werden können, und zwar allein dadurch, dass es ihren Angehörigen getroffen hat, dem sie emotionale nahe stehen. Ich meine gezielt Angehörige, die beim Vorfall nicht vor Ort waren, sondern die "nur" durch einen Anruf oder durch irgendeinen anderen Bericht davon erfahren haben, dass beispielsweise ihrem Partner oder ihrem Kind etwas Schlimmes passiert ist.
Wenn dies möglich ist, was ich nicht bezweifle, ist die Art der Traumatisierung dann anders, als bei Augenzeugen oder selbst betroffenen Personen? Und was ist der genaue Auslöser? Ist es die Sorge um den betroffenen Angehörigen oder vielleicht auch die Angst, dass die gemeinsame Zukunft zerstört sein könnte?
Tatsache ist ja, dass Menschen, die selbst nicht vor Ort waren und die von einem Geschehnis nur, zum Beispiel, gelesen haben, normalerweise keineswegs traumatisiert sind, sofern sie keine persönliche Bindung zum Opfer des Verbrechens oder Unfalls haben. Man mag traurig oder erschüttert sein, es mag einen verunsichern oder auch Angst machen, je nach Vorfall, aber so ein wirkliches Trauma kommt wohl eher selten raus, wenn man keinen direkten persönlichen Bezug zum Vorfall hat.
Außerdem frage ich mich gerade noch eine weitere Sache, wenn Angehörige tatsächlich traumatisiert werden können, obwohl sie bei einem schweren Unfall ihres Angehörigen nicht selber dabei waren: Wie behandelt man das Trauma in diesem Fall? Unterscheidet sich das? Schließlich war die Situation, in der die Person Kenntnis von dem schlimmen Ereignis erhalten hat, ja in beiden Fällen unterschiedlich. Während der selber betroffene Mensch möglicherweise auf einem Bahnhof angeschossen wurde, saß der Angehörige vielleicht im Wohnzimmer am Telefon, als er vom schockierenden Ereignis erfahren hat. Es wird also ein anderer Ort und eine andere Situation mit dem Schock verbunden, denke ich mal.
Mich würden auch diverse allgemeine Informationen zu diesem Thema interessieren. Also falls sich hier jemand mit dem Themenbereich auskennt, würde ich mich wirklich sehr über Informationen darüber, egal in welche Richtung, freuen.
Generell kann ein Angehöriger auch ein Trauma erleiden wenn er nicht dabei war. Ob jemand ein Trauma erleidet hängt von vielen Faktoren ab, unter anderem die eigenen Vorerfahrungen und die aktuelle Stimmung. Unsere Fähigkeit der Empathie und unsere Vorstellungskraft ist es die uns anfällig machen kann für solche Traumen, und teilweise kann der Angehörige ein größeres Trauma davontragen als der Betroffene selbst, weil der weiß was passiert ist während der Angehörige sich tausend Horrorszenarien vorstellen kann. Steht der Angehörige dann noch unter Stress dann kann sich diese Befindlichkeit mit der aktuellen Vorstellung verknüpfen; der Körper weiß nicht dass das Szenario nur eingebildet ist, er weiß nur dass da Bilder sind die mit einer Hormonausschüttung einhergehen. Für den Körper ist es egal was als erstes da war, die Panikstimmung oder die Bilder. Er verbindet sie miteinander und fortan reicht eins um das andere zu bewirken. Das Trauma selbst kann alle möglichen Verhaltensstörungen, Zwangshandlungen oder Phobien zur Folge haben.
Heute geht man davon aus dass vor allem der Stress bestimmt ob sich ein Trauma festigt. Jemand, der die Kontrolle über eine Situation hat und sich später daran erinnern kann was er anders hätte machen können, hat ein geringeres Risiko als jemand der einer Situation hilflos ausgeliefert ist. Deshalb können viele Sportler oder auch Motorradfahrer nach einem Unfall schnell wieder anfangen; sie haben das Risiko selbst auf sich genommen und meist können sie hinterher sagen wo der Fehler lag und wie sie einen Unfall in Zukunft vermeiden können. Der Stresspegel ist zwar während und kurz nach dem Unfall hoch, legt sich aber schnell wieder und wird auch nicht mit "Was wäre wenn"-Szenarien verknüpft. Dagegen kann die Ehefrau zu Hause, die von dem Motorradunfall erfährt, anfangen sich Dinge auszudenken. Was, wenn noch ein Auto gekommen wäre und ihn überfahren hätte? Was, wenn er unter der Leitplanke die Böschung hinuntergefallen wäre? Was, wenn ihn niemand rechtzeitig gefunden hätte? Alles, was wir denken, wird auch in Bilder umgesetzt und je mehr wir uns in dieser Zeit ausmalen können, die Straße, die Leitplanke, das auslaufende Motorenöl und sein Geruch, die Wälder in der Umgebung - umso mehr Haken hat das Trauma sich festzusetzen.
Wenn nun der Angehörige die Möglichkeit hat den Stress abzubauen, z. B. weil er Sachen für das Krankenhaus zusammenpacken muss, die Versicherung anrufen, sich mit dem Abschleppunternehmen und der Polizei in Verbindung setzen, Bekannte informieren, dann hat er eine gewisse Chance dass das Trauma akut bleibt und durch die Handlungen sozusagen überschrieben wird. Statt der hilflosen Bilder bleiben die Bilder der Tat, der Kontrolle. Die "gesunden" Reaktionen auf Stress sind Flucht oder Kampf, sie verbrauchen das Adrenalin und zurück bleibt ein erschöpfter Mensch, der aber der Gefahr entkommen ist und Kontrolle über sein Leben hat.
Die Kontrolle können nicht alle übernehmen. Wer schon früher traumatisiert wurde kann in alte Muster zurückfallen. Die "ungesunde" Reaktion auf Stress ist das Einfrieren. Die meisten Tiere, die das Einfrieren als Schutzreaktion betreiben, haben kaum Regulatoren gegen Stress. Sie stehen unter Dauerstress weil einmal nicht aufgepasst bedeutet dass sie gefressen werden. Sie sind immer wachsam. Für sie ist das der normale Zustand, aber nicht für einen Menschen. Die Feinde früher Menschen waren durch Einfrieren nicht zu täuschen. Wenn ein Mensch einfriert dann wird er hilflos, er weiß nicht was er tun soll. Er weiß dass der Angehörige im Krankenhaus Kleidung und Waschzeug braucht, er weiß dass er mit der Polizei sprechen sollte und dass viele wichtige Dinge anstehen, aber er kann nicht anfangen. Er ist in den Bildern gefangen, mal sich ein Was-wäre-wenn nach dem nächsten aus und bald erscheint es ihm so als wäre es ihm selbst passiert, so wie in einem Alptraum in dem jemand weglaufen möchte aber es nicht kann.
Während der Motorradfahrer im Krankenhaus liegt und sich nur darüber ärgert dass er das Gas nicht rechtzeitig weggenommen hat ist sein Angehöriger inzwischen das hundertste Szenario durchgegangen bei dem ein Auto, ein LKW, ein Düsenjet auf das Motorrad zurast und der Fahrer nichts tun kann um den Unfall zu verhindern. Wenn sich das so festgesetzt hat können auch spätere Gespräche kaum noch etwas ausrichten weil diese Bilder wie Blasen konserviert und durch Sprache nicht mehr erreichbar sind.
Moderne Therapien setzen auf die Erkenntnis dass Erinnerungen nicht festgeschrieben sind sondern verändert werden können. Jedesmal wenn wir ein Bild hervorholen dann verändert es sich. Es gibt heute verschiedene Therapieformen die helfen können solche Bilder hervorzuholen und sie zu verwischen. Während der Patient sich die Bilder vorstellt und die Gefühle dazu durchlebt wird er dabei "gestört", das kann durch Augenbewegungen passieren, durch Berührungen oder Konzentrationsaufgaben. Durch die Konzentration auf diese Störfaktoren werden die emotionalen Reaktionen abgemildert. Wird darauf das Bild wieder im Gedächtnis abgelegt ist die mit ihm verknüpfte emotionale Reaktion nicht mehr so stark. Beim nächsten Mal ist sie wieder schwächer und mit der Zeit kann sich der Patient die Bilder anschauen und sagen: "Ja, so hätte es sein können, aber so war es nicht".
Selbst von einem Unfall betroffenen kann man teilweise dadurch helfen dass man mit ihnen durchgeht wie sie hätten handeln können. Einem Fahranfänger der einen Autounfall hatte kann eine Fahrstunde helfen in der er verschiedene Reaktionen auf diese Situationen trainieren kann. Einem traumatisierten Angehörigen kann man nicht erzählen wie es war weil er dafür keine Bilder hat. Ihm kann man nur helfen die Bilder wieder von den Gefühlen der Machtlosigkeit abzukoppeln.
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