Ab wann liegt eine Eigengefährdung vor?
Auf der Arbeit hatte ich kürzlich eine Patientin, welche mich zum Nachdenken brachte. Für mich ist es normal und bekannt, dass ich einschreite, wenn Patienten der Psychiatrie mit ständiger Sichtung versuchen sich zu verletzen. Dies beginnt eben auch schon damit, wenn sich gekratzt wird. Oft werden hier Wunden wieder aufgekratzt, oder eben neue gekratzt. Natürlich werden auch andere Dinge versuch, aber oft ist es das Kratzen.
Auch meine Patientin kratzte sich zunehmend und ließ sich nicht davon abbringen. Ich hielt dann ihre Hand fest und rief an um Bescheid zu geben, dass die Patientin sich Wunden wieder blutig kratzt. Es war auch ehrlich gesagt wirklich eklig anzusehen muss ich gestehen. Und dann erhielt ich am Telefon die Aussage mit der ich nicht gerechnet habe. Sie habe die Erlaubnis dazu, sie dürfe sich nur nicht umbringen. Gut es ist eine Anweisung und ich folgte ihr und ließ die Patientin fortfahren.
Allerdings kannte ich solch eine Verhaltensweise bisher noch nicht und suchte später noch einmal das direkte Gespräch. Da wurde mir dann von Pflegerin sehr nett mitgeteilt, dass es keine Anweisung dazu gäbe und bei ihr keine Eigengefährung sondern Suizidgefahr besteht. Für mich war dies bisher dasselbe, denn letzteres wollen sie fast alle erreichen. Aber hier wird wohl unterschieden und es kann sich im Laufe der Zeit eben ändern, aber noch musste ich sie nur von dem Suizid und sonst nichts abhalten.
Allerdings stellt sich mir dann die Frage. Wo liegt die Eigengefährung und wo beginnt der Suizid. Für mich ist bisher immer klar gewesen, dass Patienten von allen Verletzungsmöglichkeiten abgehalten werden sollen. Doch scheinbar ist dies bei dieser Person nicht so. Ihre Wunden sind ihre Sache. Vielleicht weiß Jemand von euch ab wann eine Eigengefährdung vorliegt, oder was denkt ihr ab wann sollte man intervenieren? Ich habe meine Patientin später anders davon abgebracht sich zu verletzten weil ich es einfach nicht anschauen konnte.
Ich finde da gibt es einfach zu viele Optionen und Möglichkeiten. Selbst schädigendes Verhalten, denn das ist das Aufkratzen von Wunden ja auch, kann so vieles sein und irgendwie wird alles unterschiedlich bewertet oder betrachtet.
Ich selbst habe ja Borderline und verletzte mich auch selbst. Während diverser Klinikaufenthalte gab es dann mit mir Vereinbarungen, die immer mit Borderline-Patienten getroffen werden. Unter anderem muss man nach selbst verletzendem Verhalten eine Verhaltensanalyse schreiben und hat eine 24stündige Therapeutensperre. Irgendwie ist aber nicht wirklich klar definiert, was selbst verletzendes Verhalten ist. Sich mit dem Messer oder Klingen oder anderen Gegenständen Schnittwunden zu fügen, das ist zumindest klar. Ich kaue aber zum Beispiel auch Nägel, rauche zu viel, esse zu viel und so weiter. Auch das ist eigentlich selbst verletzendes Verhalten. Was aber keinen stört, beziehungsweise wird manches auch gefördert. Wenn ich mit meiner Hand gegen eine Wand haue, bis ich eine leichte Prellung habe oder so, da würde auch keiner was zu sagen und ich bräuchte wohl auch keine Verhaltensanalyse schreiben.
Klar ist das Aufkratzen von Wunden Selbstverletzung. Jede Verletzung die man sich zufügt, ist im Endeffekt Eigengefährdung. Aber auch zu viel Essen, zu viel Rauchen, Nägelkauen und so weiter, sind durchaus auch Handlungen, die als Eigengefährdung angesehen werden können. Klar gefährdet man mit einem Suizid oder einem Suizidversuch auch sein Leben. Aber nicht jeder Selbstverletzung und somit Eigengefährdung ist eine Handlung, die einen Suizid als Ziel hat. Wenn die Patientin in einer Klinik ist, weil Suizidgefahr besteht, wird man Eigengefährdung durch Aufkratzen von Wunden eher als nebensächlich sehen.
In der Klinik an meinem Wohnort ist es so, dass die quasi nur das Behandeln, wofür man sie beauftragt hat. Sprich wenn ich als Patientin da hin gehe und zum Beispiel wegen Suizidgedanken behandelt werden will, interessiert sich keiner für eine vorhandene Essstörung. Was nun ein harmloses Beispiel war. Hier werden auch Alkoholentzüge gemacht. Da macht man aber nur den reinen Entzug und kann nach etwa einer Woche wieder gehen. Die Auslöser der Alkoholsucht, wie zum Beispiel eben psychische andere Erkrankungen, werden in der Regel nicht behandelt.
LittleSister hat geschrieben:Ich selbst habe ja Borderline und verletzte mich auch selbst. Während diverser Klinikaufenthalte gab es dann mit mir Vereinbarungen, die immer mit Borderline-Patienten getroffen werden. Unter anderem muss man nach selbst verletzendem Verhalten eine Verhaltensanalyse schreiben und hat eine 24stündige Therapeutensperre.
Im offenen oder im geschlossenen Bereich? So etwas kenne ich nämlich nicht, allerdings agiere ich ja auch nur im geschlossenen Bereich. Bei uns gibt es keine Verhaltensanalyse. Je nach Art und Härte der Verletzung gibt es erst mal ein Gespräch mit der Pflege und die versuchen den Zustand des Patienten einzuschätzen. Verschlimmert sich der Zustand wird in Richtung Fixierung überlegt. Mit Verschlimmern meine ich aber, dass die Patienten schon Gewalt anwenden um eben die Selbstverletzung durchführen zu können. Von einer Therapeutensperre weiß ich hier nichts. Meistens wird dann eher versucht mit dem Patienten zu überlege, welche Skills möglich wären, wie der Druck gemindert werden kann, was man machen kann. Aber die Therapien wie Ergo und so gibt es trotzdem alle weiterhin. Es sei denn der Patient ist zu verletzt.
LittleSister hat geschrieben:Irgendwie ist aber nicht wirklich klar definiert, was selbst verletzendes Verhalten ist. Sich mit dem Messer oder Klingen oder anderen Gegenständen Schnittwunden zu fügen, das ist zumindest klar. Ich kaue aber zum Beispiel auch Nägel, rauche zu viel, esse zu viel und so weiter. Auch das ist eigentlich selbst verletzendes Verhalten. Was aber keinen stört, beziehungsweise wird manches auch gefördert. Wenn ich mit meiner Hand gegen eine Wand haue, bis ich eine leichte Prellung habe oder so, da würde auch keiner was zu sagen und ich bräuchte wohl auch keine Verhaltensanalyse schreiben.
Das stimmt natürlich, auch so etwas kann selbst verletzend sein. Beim Rauchen wird bei uns mal gesagt, dass der Patient vielleicht weniger rauchen könnte, aber die meisten Patienten, die viel rauchen haben nicht die Absicht sich damit zu verletzten. Bei anderen Patienten werden die Zigaretten rationiert, allerdings liegt das darin begründet, dass diese ihre Zigaretten an einem Tag wegrauchen würden und sich keine mehr leisten könnten für den Rest der Woche. Wenn bei uns ein Patient gegen die Wand haut, sich gegen die Wand fallen lässt, oder dergleichen und ich habe die Anweisung, dass bei ihm keine Art Verletzungen durchgelassen werden, dann wird auch hier das Bescheid gegeben und die Pfleger kommen, denn auch solch ein selbst verletzendes Verhalten ist eben körperlich direkt verletzend.
LittleSister hat geschrieben:In der Klinik an meinem Wohnort ist es so, dass die quasi nur das Behandeln, wofür man sie beauftragt hat. Sprich wenn ich als Patientin da hin gehe und zum Beispiel wegen Suizidgedanken behandelt werden will, interessiert sich keiner für eine vorhandene Essstörung. Was nun ein harmloses Beispiel war. Hier werden auch Alkoholentzüge gemacht. Da macht man aber nur den reinen Entzug und kann nach etwa einer Woche wieder gehen. Die Auslöser der Alkoholsucht, wie zum Beispiel eben psychische andere Erkrankungen, werden in der Regel nicht behandelt.
Das kenne ich bei uns nicht ganz so. Hier wird auch bei Borderline Patienten darauf geachtet was diese essen und ob diese essen. Das ist mir schon stark aufgefallen. Aber da habe ich auch hier im Haus das Gefühl, dass dies je nach Pfleger sein kann. Ich kenne aber viele Pfleger hier, die sehr gründlich sind und sehr aufmerksam. Da wurde ich dann auch schon von Pflegern einmal darauf hingewiesen, dass es zwar nicht dem offiziellen Bogen entspräche, aber ich bitte doch nebenbei auch protokollieren soll was der Patient isst und trinkt, damit sie dies nachvollziehen können.
Es ist allerdings sehr spannend, wenn ich von dir höre wie es bei dir abläuft. Ich höre ja auch immer das was hier im Büro gesagt wird und weiß daher wie alle darüber nur klagen können das das Personal fehlt, dass das Geld fehlt und vielen das Herz blutet, weil sie so nicht mehr tun können. Psychiatrien sind wirklich oft nur noch Gelddruckmaschinen und das ist schade.
Es ist allerdings sehr spannend, wenn ich von dir höre wie es bei dir abläuft. Ich höre ja auch immer das was hier im Büro gesagt wird und weiß daher wie alle darüber nur klagen können das das Personal fehlt, dass das Geld fehlt und vielen das Herz blutet, weil sie so nicht mehr tun können.
Ich finde den Austausch an sich auch interessant und ich finde es gut, dass man auch mal ohne Vorwürfe kommunizieren kann. Das ist etwas, was ich halt aus Sicht der Patienten erlebe.
Unsere Klinik wurde vor nicht all zu langer Zeit privatisiert. In dem Zusammenhang erzählte mir jemand aus der Führungsebene der Psychiatrie, dass die Psychiatrie eine der wenigen Abteilungen sei, die keine roten Zahlen schreibt. Er war da total stolz drauf. Ich saß nur da und dachte so, ja aber auf Kosten der Patienten. Denn ich bekomme natürlich auch mit, an welchen Stellen gespart wird.
Ich kenne das mit den Verhaltensanalysen nur aus aus den offenen Bereichen. Sowohl in Rehaeinrichtungen, Psychiatrien und auch ambulant. Wobei zumindest hier nur in seltenen Fällen direkt nach der Selbstverletzung mit den Patienten gesprochen wird. Das bewusst das Gespräch gesucht wird durch das Personal habe ich persönlich noch nie erlebt. Wobei ich auch nur sehr selten direkt danach um Verbandszeug oder Wundreinigung bitte. Ich nehme mein Verbandszeug mit, beziehungsweise lasse ich Wunden eher selten versorgen. Das Selbstverletzung statt gefunden hat, bekommt die Pflege eher selten mit.
Ich war nur selten im geschlossenen Bereich. Beim letzten Mal wurden klar meine Sachen durchsucht. Ich war allerdings recht offen und hatte von mir aus die Sachen, die mir spontan einfielen, abgegeben. Habe auch offen zur Pflege gesagt, dass sie mich gerne abtasten können und so weiter. Habe später, als sie noch am durchsuchen waren, auch angeboten, ob ich helfen kann, weil ich ja weiß, wo man wenn noch was findet. Der Pfleger sagte von oben herab zu mir, er würde alles finden. Als ich am nächsten Tag meine Sachen wieder bekam, habe ich die restlichen Sachen raus geholt und abgegeben. Freiwillig. So viel zum Thema man findet alles. Ähnliches kenne ich auch aus Erzählungen anderer Patienten. Alkoholikern, die bis zur Entlassung ihren Schnaps noch in ihrer Reisetasche haben, die an sich erst mal die Pflege zur Durchsicht bekommt.
Mir ist da einiges abgenommen worden, was ich für absolut daneben empfand. Zum Beispiel eine Bluse, die sie für einen Schal hielten und damit könnte man sich ja erdrosseln oder jemand anderen verletzten. Ich hatte im Endeffekt nichts mehr zur Selbstverletzung. Und auf der anderen Seite reicht mir, wenn ich es darauf anlegen würde, auch ein Blatt Papier und Bücher würde man mir nicht abnehmen. Dafür alle anderen Dinge, mit denen ich mich ablenken könnte. Auf einer offenen Station wollte man mir mal die Häkelnadel abnehmen.
Sprich ich hatte nichts zur Selbstverletzung. Somit weiß ich nicht, wie dann gehandelt worden wäre. Da ich aber wusste, es gibt eine 24 Stunden Therapeutensperre, hätte ich mich eh nicht selbst verletzt. Die Therapeutin kam von einer anderen Station und war im Endeffekt die einzige Person, die überhaupt mit mir geredet hat und das waren die einzigen "Highlights". Und da ich weder wusste wann sie kommt, noch wie lange sie kommt und so weiter, hätte ich diese kurzen Momente nicht dadurch kaputt machen wollen. So dachte ich damals.
Heute bereue ich es, dass ich alles abgegeben habe. Allerdings bezweifle ich, dass jemand es mit bekommen hätte, wenn ich mich selbst verletzt habe. Nach dem ich bei der Verlegung darum bat, mein Verbandszeug behalten zu können, um meine vorhandene Wunden versorgen zu können, nahm man mir trotzdem mein Verbandszeug ab, ich könnte mit Binden ja jemand erdrosseln. Nach der Wundversorgung oder den Wunden generell hat aber auch keine gefragt. Und ich habe mich nicht getraut zu fragen, nach dem ich schon nach meinen Standardmedikamenten betteln musste.
Das mein Essverhalten vom Team beobachtet wurde, fiel mir zumindest nicht auf. Klar gab es Pfleger, die mir einen Nachschlag verweigern wollten. Dann aber eher in der herablassenden Art. Mich hat mal eine Oberärztin aus einer ambulanten Skillsgruppe entfernt. Als ich später das Gespräch dazu noch mal suchte, zog sie sich daran hoch, dass ich ab und an EIN Stück Schokolade als Skill esse. Steht eigentlich auch auf jeder Skillliste. Sie meinte zu mir, dass jedes Stück was ich mir in den Mund stecke ja selbst schädigendes Verhalten sei, immerhin habe ich ja eine Essstörung oder ob ich das nicht wüsste.
Klar war mir die Essstörung bekannt. Sie war aber vorher nie in dieser Klinik thematisiert worden. Weder von mir, noch vom Team. Die Therapeutin, die mich im stationären Bereich behandelte, schaute mich mit großen Augen an, als ich ihr das mal erzählte und meinte zu mir: Was Frau LittleSister, Sie haben eine Essstörung? Konnte sie nicht glauben. Wenn ich an die Situation denke, frage ich mich allerdings auch, wo die Therapeutin ihre Augen hat, da mein BMI sich bei um die 30 rum bewegt. Und man das erstens sieht und zweitens steht ja auch in jeder Akte mein Gewicht und meine Körpergröße.
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