Warum Therapien für die Vergangenheitsbewältigung?

vom 15.08.2013, 13:32 Uhr

Ich habe nun schon oft gelesen, dass jemand mit der Vergangenheit nicht klar kommt und deswegen in Therapie ist. Ich muss sagen, dass ich vielleicht noch zu jung dafür bin um das so richtig zu verstehen. Eine Bekannte ist gerade mal 30 und muss zu einer Therapie damit sie die Vergangenheit bewältigen kann. Sie hat eine gescheiterte Beziehung hinter sich. Damit müssen ja viele klar kommen. Aber ich kenne gerade aus meiner Familie sehr viel alte Leute, die bestimmt einiges mehr mitgemacht haben und sind so damit fertig geworden und sind auch soweit "normal", wenn man überhaupt einen Menschen als "normal" empfinden kann.

Warum machen aber so viele Therapien für die Vergangenheitsbewältigung? Unsere Bekannte meinte, dass es sehr schwer ist deswegen einen Termin zu bekommen und der Psychologe hat sich auf Vergangenheitsbewältigung spezialisiert. Neulich habe ich auch gelesen, dass die meisten, die so eine Therapie mitmachen zwischen 20 und 30 Jahre sind. Was denkt ihr über solche Therapien und warum macht man so was? Habt ihr schon eine Therapie für die Bewältigung der Vergangenheit mitmachen müssen?

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» MissMarple » Beiträge: 6786 » Talkpoints: 0,00 » Auszeichnung für 6000 Beiträge



Es kommt gar nicht so sehr darauf an, was man erlebt hat, sondern wie man damit umgeht. Sicherlich haben gerade ältere Leute, die noch den Krieg mit erlebt haben, viel schrecklichere Dinge erlebt als die meisten jüngeren Menschen, aber sie haben auch ganz anders gelernt, damit umzugehen. So kann es schnell sein, dass jemand schon mit einer relativ normalen Lebenssituation nicht fertig wird. Es wäre aber unfair zu sagen: "Das ist schon nicht so schlimm, stell dich nicht so an, du bekommst keine Therapie".

Die Spezialisierung eines Psychotherapeuten auf Vergangenheitsbewältigung halte ich aber eher für einen Marketingzug. Es liegt in der Natur der Dinge, dass man bei emotionalen Problemen einen Bezug zur Vergangenheit herstellen kann.

» Weasel_ » Beiträge: » Talkpoints: Gesperrt »


Warum man so etwas macht, hast du ja schon selbst beantwortet: es gibt Erlebnisse und Erfahrungen aus der Vergangenheit, die man noch nicht aufgearbeitet hat und die einen belasten. Dass andere auch oder größere Probleme haben ist für mich ein merkwürdiges "Argument": Natürlich haben auch andere Menschen Probleme, das ändert aber nichts an der Tatsache, dass man vielleicht mit den eigenen nicht klar kommt und es verringert oder beseitigt die eigenen Probleme nicht. Im Grunde kann es sogar bei Kindern schon notwendig sein, die Vergangenheit aufarbeiten zu müssen. Es hat also weder etwas mit dem Alter zu tun, ob so etwas nötig ist, noch damit, wie Andere die eigenen Probleme einschätzen. Von außen betrachtet sehen die Probleme von Anderen immer kleiner aus als die Eigenen ;)

Es kommt halt immer drauf an, was man in seiner Vergangenheit erlebt hat und vor allem auch, welche Strategien man beigebracht bekommen hat oder entwickelt hat, um mit Problemen und Traumata umzugehen. Es gibt Menschen, die kommen mit den schlimmsten Erfahrungen nach einiger Zeit gut zurecht, Andere wiederum überfordern schon kleinere, alltäglichere Probleme. Man muss auch erst lernen, richtig mit solchen Dingen umzugehen. Da können Therapien gut helfen, weil ein geschulter Außenstehender sachlicher, unvoreingenommener und konstruktiver auf den betroffenen Menschen eingehen kann.

Man kann Tipps bekommen, wie man was bewältigt und vor allem auch mit schlechten Erfahrungen umzugehen. Menschen, die einem nahe stehen können meist keine objektiven Ratschläge geben, da sind viele Emotionen im Spiel, oft werden Probleme heruntergespielt und manches traut man sich vielleicht auch gar nicht zu Jemandem zu sagen, den man kennt. Ich denke, dass nur der Betroffene selbst sagen kann, ob und wann er eine solche professionelle Hilfe in Anspruch nehmen muss/will. Wenn Jemand schon der Meinung ist, er hat das nötig, dann ist das oft auch so.

» TheDutchess » Beiträge: 537 » Talkpoints: 0,67 » Auszeichnung für 500 Beiträge



Ich liebe diese Sprüche ala ach der und der hat viel Schlimmeres erlebt und brauchte keine Therapie. Ich frage mich, ob das nur die immer noch herrschende Scham ist, die manche solche Sprüche schreiben lässt oder ob es Neid oder Missgunst ist? Oder was sonst die Beweggründe sind.

Ich habe eine psychische Erkrankung. Mein Bruder ist gesund. Obwohl meine Erkrankung ziemlich eindeutig durch das Elternhaus entstanden ist. Das selbe Elternhaus, in dem auch mein Bruder aufgewachsen ist. Der manches sicherlich genauso wie ich erlebt hat, aber der daran eben nicht zerbrochen ist. Kann daran liegen, dass er anders behandelt wurde. Kann aber auch daran liegen, dass er einfach anders damit umgeht. Kann auch daran liegen, dass bei ihm andere Einflüsse das anders geregelt haben und so weiter. Kann auch sein, dass er einfach ein Gen oder sonst was hat, dass anders ist als meine. Eine wirklich schlüssige Erklärung hat die Medizin noch nicht zu bieten.

Ich habe auch Bekannte gehabt, die genauso alt sind wie ich. Die aber gesund sind. Und wenn man mal näher zu hört, bekommt man doch mit, dass da auch nicht alles glatt gelaufen ist. Nur gehen da eben manche anders damit um. Auch hier weiß die Medizin nicht wirklich warum.

Es gibt bei vergewaltigten Frauen sicherlich auch welche, die das locker flockig weg stecken. Sollen deshalb die Frauen, die darunter leiden, auf eine Therapie oder andere Hilfe verzichten? Das vergewaltigte Frauen lässt sich mit Sicherheit noch durch andere Schicksale austauschen. Zum Beispiel Mütter von Sternenkindern und so weiter.

Früher galt es als verpöhnt, sich professionelle Hilfe zu suchen. Das ist mit Sicherheit ein Grund, warum gerade ältere Menschen eben nicht so oft professionelle Hilfe gesucht haben. Beziehungsweise war der Umgang mit psychischen Beschwerden generell anders. Heute sind auch generell die Möglichkeiten anders.

Viele Therapieformen beschäftigen sich mit der Vergangenheit. Zumindest wird, egal welche Therapieform man wählt, Fragen zu der Vergangenheit gestellt. Ob man die Themen dann weiter behandelt, hängt vom Patienten, dem Therapeuten und der Therapieform ab. Bei vielen Erkrankungen wird sich im hier und jetzt bewegt. Ich für meinen Teil halte es aber durchaus für wichtig, die Vergangenheit in irgendeiner Form verarbeiten zu können. Gerade wenn dadurch Probleme entstehen.

» LittleSister » Beiträge: 10426 » Talkpoints: -11,85 » Auszeichnung für 10000 Beiträge



Wenn eine Beziehung gescheitert ist, würde ich nicht das große Wort "Vergangenheitsbewältigung" verwenden, denn das klingt so dramatisch. Das Scheitern von Beziehungen gehört zum Alltag und ist nichts Außergewöhnliches. Sicherlich kann das jemanden eine Weile lang herunterziehen oder traurig machen, aber ob man dann immer gleich einen Psychologen braucht? Schließlich kann man nun mal nicht immer happy und fröhlich sein und das ist dann keine psychische Störung. Die Krankenkassen bezahlen den Psychologen doch nur dann, wenn wirklich eine Störung vorliegt. Ansonsten ist es eher eine Art Coaching und die muss man selber entrichten. Vielleicht erwarten manche einfach zu viel vom Leben, nämlich dauernde Zufriedenheit und rennen dann zum Psychologen, weil sie diese nicht finden. Das ist aber nicht der Sinn der Sache.

» Zitronengras » Beiträge: » Talkpoints: Gesperrt »


Jeder sollte für sich selber entscheiden, ob ihm ein Psychologe gut tut oder nicht. Wer das Geld dafür ausgeben möchte, soll das ruhig tun. Die Krankenkasse zahlt ja nur bei Krankheit, also Depressionen oder anderen psychischen Störungen. Manchen Leuten tut es bestimmt gut, die Vergangenheit noch einmal aufzuarbeiten, für andere ist die Verdrängung besser. Jeder reagiert da anders. Ich selber bin ein Verdrängungskünstler und bin bis jetzt ganz gut damit gefahren. Ich schaue auch lieber in die Zukunft als in die Vergangenheit, die man eh nicht mehr ändern kann.

» anlupa » Beiträge: » Talkpoints: Gesperrt »


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