Die Muskelsucht als Pendant zur Magersucht?
Bei Frauen ist die Magersucht ein kontinuierlich zunehmendes Problem und wird in der Gesellschaft auch als solches wahrgenommen. Weniger bekannt scheint dagegen das Krankheitsbild der sogenannten "Muskelsucht" zu sein - sofern es sich denn um ein Krankheitsbild handelt.
Die Muskelsucht hat angeblich ähnliche Auslöser, wie die Magersucht bei der Frau, d.h. gestörte zwischenmenschliche Beziehungen - besonders zu den Eltern -, nicht zuletzt durch Medien bedingte Unzufriedenheit mit dem eigenen Körper sowie eine verzerrte Wahrnehmung der eigenen Physis. Als weiteres Kriterium der Muskelsucht wird eine pathologische Fokussierung auf eine Zunahme der Muskelmasse angesehen: alles was dem Muskelaufbau nicht zuträgt oder gar schadet, wird weggelassen bzw. bewusst gemieden, was auf Kosten der gesamten Gesundheit geht.
Zunächst könnte man natürlich glauben, hier würde stinknormaler Sport pathologisiert werden, jedoch erlauben die Kriterien m.E. schon eine recht deutliche Abgrenzung der Muskelsucht - auch Muskeldysmorphie genannt - zum gemäßigten Bodybuilding. Neulich erst sah ich in einem Supermarkt einen eher kleinen Herren, der sich dafür offenbar umso mehr in die Breite trainieren wollte. Er sah wahrlich wie ein riesiger Luftballon aus; sein Bizeps-Umfang muss mindestens die Hälfte seiner Körper-Höhe betragen haben.
An solchen Beispielen wird tatsächlich sehr deutlich, dass die Unzufriedenheit mit dem eigenen Körper (in diesem Fall mit der Körpergröße) hier in der Tat eine sehr große Rolle spielt. Auch sonst konnte ich schon oft beobachten, dass es immer die eher klein geratenen Männer sind, die sich durch 70kg Muskelmasse anscheinend zusätzliche Anerkennung verschaffen wollen. Andererseits ist es mit der "Unzufriedenheit" ja so eine Sache: wenn man mit seinem Körper vollkommen zufrieden wäre, würde man womöglich überhaupt nicht trainieren. Was haltet Ihr so von den Kriterien und wann wird sowas wohl tatsächlich pathologisch?
Die Abgrenzung zur Sucht ist wahrscheinlich schwieriger als bei der Magersucht, da der Zustand ja nicht unbegrenzt ausgebaut werden kann. Bei der Magersucht geht es soweit, bis man schließlich stirbt. Bei den Muskeln geht halt irgendwann nichts mehr - außer, wenn man verbotene Substanzen nimmt, was dann natürlich lebensgefährlich ist.
Ich kann mir vorstellen, dass Muskeln zur Sucht werden können. Aber alles, was intensiv betrieben wird, kann Hobby oder Sucht sein. Es ist sehr schwierig, da den Grenzstrich zu ziehen. Ein Verwandter von mir läuft Supermarathons, das heißt er läuft 24 Stunden am Stück. Ich finde das auch nicht sehr gesund, aber er lebt gut damit. Zu Sucht gehört auch dazu, dass die Gedanken sich nur um etwas Bestimmtes kreisen und alles andere vernachlässigt wird. Wenn das bei solchen Menschen der Fall ist, dann könnte man es vielleicht im Extremfall als Sucht bezeichnen.
Unzufriedenheit alleine macht noch keine Sucht aus, bzw. das Handeln aus einer Unzufriedenheit heraus. Denn dadurch, dass man selbst aktiv wird, versucht man diese Unzufriedenheit wegzukriegen, wie auch immer - wenn man allerdings irgendwann keinen Punkt definiert, wo die Unzufriedenheit in Zufriedenheit umkehrt und man die Situation erneut evaluiert, kann es schnell passieren, dass aus der anfänglichen Unzufriedenheit was ganz anderes wird, u.a. auch Sucht.
Allerdings ist das so, dass Sucht heutzutage inflationär benutzt wird. Das Grundlegende an der Sucht ist, dass eine gewisse Abhängigkeit besteht und dass man in Abwesenheit von X Entzugserscheinungen auftreten können. Ich beispielsweise mache auch sehr gerne Krafttraining, mindestens 2 Mal in der Woche versuche ich schon ins Fitnessstudio zu gehen. Ich würde mich aber bei allem Respekt nicht als süchtig bezeichnen, denn bei mir steht Sport und Muskelaufbau im Sinne der Gesundheit im Vordergrund - Menschen, denen das Optische primär wichtig ist, greifen ohnehin relativ früh zu verbotenen Substanzen. Aber auch bei denen ist es meist keine Sucht, sondern eine Art Selbstverwirklichung, ihr Ziel möglichst frühzeitig zu erreichen, am liebsten ohne was dafür zu tun.
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