Die eigene Kreativität unterdrücken - Ein Gesundheitsrisiko?

vom 26.07.2013, 21:36 Uhr

Seit Siegmund Freud wird es immer wieder diskutiert, wie problematisch es für die Psyche eines Menschen ist, wenn dieser Mensch sexuelle Triebe nicht auslebt.Um Sexualität soll es hier aber bitte nicht gehen. Es ist nur ein Beispiel um das Anliegen meines Threads zu erläutern.

Dieser kam dadurch in meinem Kopf zu Stande, da derzeit hier viele Threads zum Thema Autorschaft im Allgemeinen entstehen. Ich frage mich, ob es erforscht ist, was mit der Psyche einzelner Menschen passiert, wenn sie einen anderen ziemlich natürlichen Trieb ständig unterdrücken müssen: Die eigene Kreativität. Wenn man eben aus Vernunftgründen lieber den geregelten Lebensweg geht und dafür beispielsweise in einer Versicherung arbeitet, statt ein Buch zu schreiben. Oder wenn man lieber keine Bilder malt und statt dessen beruflich in anderen, kunstfernen Branchen arbeitet. Oder weil man sich schlicht nicht für gut genug hält, an die Öffentlichkeit zu gehen. Oder vielleicht, weil man eine Familie ernähren muss und das Risiko schlicht nicht eingehen kann und seinen Ruf als solider Ehemann und Familienvater nicht durch künstlerische Eskapaden riskieren will. Oder man hat einen Lebensgefährten, den man zwar liebt, der aber mit "kreativen Spinnereien" nichts anfangen kann und man will die Beziehung nicht gefährden. Vielleicht hat man sogar selbst noch nicht erkannt, wonach man sich eigentlich sehnt und was einem fehlt?

Führt man so ein permanentes Leben entgegen der eigenen Bedürfnisse, was passiert dann? Gibt es dazu Forschungen und Forschungsergebnisse? Woran erkennt man selbst vielleicht, ob man selbst oder ein kreativer Bekannter genau in so eine gefährliche Situation geraten ist und sich dadurch schadet? Kennt ihr da Fälle, die das untermauern könnten? Erklärt das vielleicht, warum manche Menschen im fortgeschrittenen Alter plötzlich die eigene Kreativität entdecken und sehr tatkräftig werden?

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» trüffelsucher » Beiträge: 12446 » Talkpoints: 3,92 » Auszeichnung für 12000 Beiträge



Ich für meinenTeil bin der Meinung, dass hierfür nicht unbedingt eine Untersuchung notwendig ist. Ich sehe jeden Tag Menschen, die Dinge tun um Geld zu verdienen oder andere glücklich zu machen. Jedoch finden sie selbst meist keinen großen gefallen daran. Wenn man nun ständig diese eigenen Neigungen unterdrückt und versucht andere Dinge zu unternehmen, wird man ganz schnell sehr unglücklich und unzufrieden mit seinem Leben.

Aus eigener Erfahrung kann ich sagen, dass es sehr wichtig ist, sich nicht zu verstellen und zu seinen eigenen Gefühlen und Einstellungen und auch Tätigkeiten zu stehen. Sich zu verstellen heißt für mich auch seine Charaktereigenschaften und Lebenseinstellungen zu verstellen. Und Kreativität ist definitiv eine Charaktereigenschaft und dazu eine sehr starke.

Auf jeden Fall ist es sehr auffällig, wenn ein Mensch sich andauernd verändert und nicht zu sich steht und dies sollte man dann schnellstmöglich ändern. Ich denke eine Forschung darüber wäre jedoch sehr interessant.

» Zockel » Beiträge: 98 » Talkpoints: 7,42 »


Also zunächst Einmal muss man eines anmerken: Nach Freud entladen sich unterdrückte sexuelle Impulse in Form von anderweitiger Tatkraft. Er geht gar so weit, und sagt, dass alle "künstlerischen Verdienste" unterdrückten Trieben zu verdanken sind. Diesen Effekt nennt er "Sublimierung". Falls diese Theorie zutrifft, so könnte man Ähnliches von der Kreativität behaupten, nämlich, dass sie sich in anderer Form entladen könnte. Da die Kreativität jedoch eher als Geisteszustand denn Trieb anzusehen ist, halte ich eine mit der "Sublimierung" vergleichbare Dynamik für wenig denkbar.

Es wird angenommen, dass in einem ziemlich jeden Menschen verborgene und unausgeschöpfte Fähigkeiten schlummern, z.B. kann ein Musiker auch gleichzeitig künstlerisch begabt und sehr wortgewandt sein (eine häufig anzutreffende Konstellation). Ich denke nicht, dass sich die - im beruflichen Sinne - unausgeschöpften Ressourcen irgendwie negativ bemerkbar machen, besonders dann, wenn man sich z.B. bewusst dafür entscheidet sich im Beruf nur auf einen bestimmten Tätigkeitsbereich zu spezialisieren. Und bei unentdeckten Talenten gilt sowieso: "Was ich nicht weiß, macht mich nicht heiß.".

Problematisch wird es, wenn sich der ergriffene Beruf oder die Lebenssituation als Stolperstein für das Ausleben bestimmter Impulse erweist. Von Franz Kafka weiß man z.B., dass er stark darunter litt, seine schriftstellerische Tätigkeiten in die Nacht verlagern zu müssen - auf Kosten des Schlafes. Am Tage hatte er sich dann wieder in der Rolle eines Juristen einzufinden, die er nach eigener Aussage zwar sehr gewissenhaft, jedoch ohne jegliche emotiononale Beteiligung erfüllte.

Es führt also vorwiegend eine Diskrepanz zwischen äußeren und inneren Ansprüchen zu derlei Konflikten. Handelt man jedoch nach dem eigenen Willen, macht es wenig aus, wenn man z.B. ein Hobby berufsbedingt auf den Abend verlagern muss o.Ä. Ich kenne z.B. einen Zahnarzt, der sehr erfolgreich eine Praxis führt, aber auch gleichzeitig passionierter Pianist ist. Es ist davon ausgehen, dass ihm an einem Arbeitstag für das Musizieren nicht viel Zeit bleibt. Einen unglücklichen oder unzufriedenen Eindruck macht er auf mich jedoch nicht!

» MasterOers » Beiträge: 348 » Talkpoints: 1,16 » Auszeichnung für 100 Beiträge



Ich habe immer das Gefühl, dass das Wort "Kreativität" von vielen Menschen falsch verstanden wird. Es geht immer nur um Kunst oder um Tätigkeiten, die irgendwo im künstlerischen Umfeld anzusiedeln sind, aber das ist doch nur ein ganz kleiner Teil von dem, was man unter Kreativität versteht. Man muss als Programmierer, Mathematiker, Ingenieur und so weiter sehr kreativ sein, ansonsten würde man nur das, was schon vorhanden ist, reproduzieren und es würde keine neuen Erfindungen, keine neuen Theorien, keine Weiterentwicklungen geben.

Bezogen auf deine Überlegungen, wenn jemand sich gegen einen Beruf im künstlerischen Bereich entscheidet oder nur wenig Zeit in ein künstlerisches Hobby investiert bedeutet das noch lange nicht, dass er keinen kreativen Beruf hat oder nicht auf andere Weise kreativ tätig ist.

Ich kenne viele Leute, die für ein künstlerisches Hobby irgendwann nicht mehr so viel Zeit hatten oder die eine Zeit lang auch einfach keine Lust mehr darauf hatten, das soll ja auch vorkommen, und ich hatte und habe bei niemandem das Gefühl, dass er sich in irgendeiner Gefahr befindet.

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» Cloudy24 » Beiträge: 27476 » Talkpoints: 0,60 » Auszeichnung für 27000 Beiträge



Ich kenne keine wissenschaftlichen Untersuchungen dazu, aber ich kann mir durchaus vorstellen, dass man durch die Unterdrückung von Kreativität psychische und damit auch körperliche Probleme bekommen kann. Wenn jemand gerne nach eigenen Ideen kocht und in seinem Beruf nur nach Anweisung und Rezepten kochen muss, wird er bestimmt darunter leiden. Andere mögen vielleicht monotone, vorgegebene Arbeit und sind glücklich damit. Für solche Leute wäre es ein enormer Stress, jeden Tag neue, selbst erfundene Gerichte zubereiten zu müssen.

Ich denke, dass jede unterdrückte Neigung belastend ist, sei es in der Sexualität, der Kreativität, der Bewegung oder des Fernwehs. Kreativität ist aber nicht nur im künstlerischen Bereich zu finden, sondern besonders stark im akademischen Bereich. Fast jeder, der studiert hat, muss kreativ sein, sei es als Lehrer, als Softwareentwickler oder als Physiker.

» anlupa » Beiträge: » Talkpoints: Gesperrt »


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