Wasser aus Weingläsern trinken kann Sucht-Rückfall auslösen?
Ich habe eben eine Diskussionsrunde gesehen, wo es um Alkoholismus geht. Eine prominente Person berichtete da von ihrem Alkoholentzug und verschiedenen Therapiekonzepten die es so gibt.
Eines der Therapiekonzepte ist wohl überdurchschnittlich streng. Dabei wird den Patienten sogar untersagt, reines Wasser aus Weingläsern und vermutlich auch anderen Gläsern für alkoholische Getränke zu trinken. Die Therapeuten gehen wohl davon aus, das dieses Wasser in dem falschen Gefäß schon einen Rückfall auslösen kann, obwohl es nicht alkoholhaltig ist.
Wie kann so etwas sein? Sind manche ehemalige Alkoholiker tatsächlich für solche Reize so empfänglich, dass man so etwas besser vorsorglich unterbinden sollte? Oder seht ihr das für übertrieben an? Wenn das tatsächlich eine Gefahr darstellt, frage ich mich, woran das liegt? Wie beeinflusst alleine das Halten eines Glases für Alkoholika den Menschen so stark?
Ich kann mir das schon ganz gut vorstellen. Gerade ein Weinglas löst doch gleich Assoziationen aus. Bei einem Whiskeyglas ist es wahrscheinlich weniger der Fall. Das ist einem normalen Saftglas ja recht ähnlich und man macht auch nichts besonderes damit. Aber ein Weinglas hält man elegant am Stiel, man schwenkt es, um das Bouquet des Weines einzufangen. Das gehört alles zum Ritual des Weintrinkens dazu.
Und somit gehört es auch für den Alkoholiker dazu. Das ist wahrscheinlich das, womit seine Sucht angefangen hat. Rituale beruhigen. Am Anfang geht es selten darum, sich einfach sinnlos Alkohol reinzukippen. Es geht darum, gestresst von der Arbeit zu kommen und sich erst mal ein schönes Glas Wein zu gönnen und dann geht es einem wieder gut. Und die Erinnerung an dieses Gefühl kommt dann zurück, wenn man Wasser aus einem Weinglas trinkt. Nur, dass sich das Gefühl mit Wasser nicht so recht einstellen will und dann möchte man wieder Wein.
Mit Alkohol aufzuhören ist bestimmt extrem schwer, weil so viele Leute um einen rum ihn so bedenken- und folgenlos konsumieren, was einem selbst nicht möglich ist. Da kann es bestimmt helfen, wenn man sich an solch strenge Regeln hält und nicht diese Erinnerungen aufkommen lässt.
Suchterkrankung haben meines Erachtens zwei Seiten. Zum einen die körperliche Abhängigkeit, zum anderen die psychische Abhängigkeit. Ein Weinglas löst vermutlich bei manchen eine Assoziation aus, die das Bedürfnis Alkohol zu trinken verstärkt oder anregt. Ich habe viele Bekannte, die beim Anblick einer Tasse Kaffee Lust auf eine Zigarette bekommen, auch wenn sie seit Jahren nicht mehr rauchen und das unabhängig davon, ob tatsächlich Tabakrauch in der Luft liegt. Ich gehe davon aus, dass das in Bezug auf Alkohol ähnlich ist. Wobei mit Sicherheit jeder diesbezüglich einen anderen Auslöser hat. Es muss nicht das Weinglas sein.
Die wenigsten Alkoholiker werden zu dem, was sie sind, durch Wein. Wenn ein Weinglas alleine schon in der Lage wäre, eine Therapie hinfällig werden zu lassen, wie soll das dann bei denjenigen gehen, die andere Getränke bevorzugt haben wie Bier, Wodka, Bacardi? Würde da alleine die Bierflasche schon in der Lage sein, einen Rückfall auszulösen? Ein Alkoholiker trinkt sicherlich sein Bier direkt aus der Flasche. Das Warten, bis er ein Glas hat und dieses voll geschüttet ist, wird ihm zu lange dauern.
So ganz überzeugt bin ich von dieser Annahme noch nicht. Dann müsste auch das Halten einer Wasserflasche und das Trinken daraus dazu führen können, einen Rückfall zu erleiden. Ist das nicht ein wenig zu weit hergeholt?
@Cid. Keine Therapieform ist immer für alle Patienten geeignet. Das mit dem Weinglas war von der Therapeutin sicher nur ein Beispiel unter vielen. Ich denke, es trifft vor allem auf weibliche Alkoholiker zu. Die fangen nämlich öfter mal einfach mit Wein an und am Anfang wird es auch noch im Glas konsumiert. Alkoholismus sind nicht nur versoffene, alte Männer, die auf der Straße leben. Da gibt es noch viele, viele andere Facetten. Und Weingläser zu meiden ist sicher auch nicht die ganze Therapie, sondern ein kleines Puzzleteil.
Ich finde das Verbot von einem Weinglas eigentlich gar nicht so dramatisch, da man seine Getränke auch aus anderen Gefäßen zu sich nehmen kann und es wirklich keinen Grund gibt, wieso man sein Wasser aus einem Weinglas trinkt. Selbst wenn ein Alkoholiker nur Weingläser Zuhause stehen haben sollte, was ja eigentlich sehr unüblich ist, normale Gläser sind nicht mehr teuer und wenn einem der Entzug am Herzen liegt, dann kann man sich auch darum kümmern. Menschen, die mit dem Rauchen aufhören wollen, sollten auch ihre Feuerzeuge und Aschenbecher verschwinden lassen, also wieso sollten es nicht die Weingläser beim Alkoholiker sein?
Wenn man gegen eine Sucht kämpft und alles was dazu gehört einfach wegräumt oder wegschmeißt, dann kann es einen weiterbringen. Suchtkranke räumen bei einem Entzug meistens komplett ihr ganzes Leben auf, da werden auch fragwürdige Bekanntschaften und Freunde "ausgemistet" oder Situationen oder Orte gemieden, in denen man mit seinem Suchtstoff in Kontakt kommt, also bei einem Alkoholiker zum Beispiel eine Kneipe. Da kann man auch in den eigenen vier Wänden mit dem Aufräumen anfangen, finde ich.
Ich habe die Talkrunde mit Lanz auch verfolgt. Es ging um Jenny Elvers, die das erzählte. Aber sie sagte auch gleichzeitig, dass es für jeden Menschen individuelle Strategien gibt, nicht mehr rückfällig zu werden. Für manche ist das Weinglas vielleicht schon zu viel, weil es Assoziationen weckt, andere wiederum können später sogar in Maßen wieder Alkohol trinken. Es ist also je nach Person völlig unterschiedlich. Sie hat auch gesagt, dass ein Rückfall in ihrem Alter sogar wahrscheinlich ist. Aber auch mit vereinzelten Rückfällen kann man lernen umzugehen - mit Hilfe von erfahrenen Therapeuten.
Ich bin froh, sagen zu können, dass ich aus persönlicher Erfahrung nur wenig zum Thema Alkoholsucht beitragen kann. Allerdings finde ich es durchaus logisch, gerade bei einem so gefährlichen Suchtmittel wie Alkohol, das ja noch dazu an jeder Ecke legal zu bekommen ist, eine erfolgreiche Therapie darauf abzielt, möglichst viel "Abstand" auch auf geistiger Ebene zu erzeugen.
Je konsequenter man um alles einen Bogen macht, was auch nur entfernt Assoziationen zum Suchtmittel auslöst, desto besser kann man als Patient einem Rückfall widerstehen. Und gerade Wein- oder Whisky-Gläser erinnern viele Betroffene wohl zu stark an den üblichen Inhalt. Jemandem, der sich früher Drogen intravenös verabreicht hat, drückt man ja auch keine Einwegspritze zum Rumspielen in die Hand, auch wenn sie nur Salzlösung enthält.
Es stimmt, es war die Talkshow von Markus Lanz. Es stimmt auch, dass es da hieß, dass es eine Möglichkeit der Therapie unter vielen ist und das mit den Gläsern logischerweise nicht das einzige Therapieelement ist. Wenn aber diese Therapie als eine mögliche existiert, heißt das im Umkehrschluss, dass es Leute geben muss, die beim Benutzen eines Weinglases mit Wasser schon gefährdet sind, einen Rückfall zu erleiden.
Ich wollte einfach nur wissen, ob das tatsächlich so ist, oder ob die Therapie möglicherweise etwas übertrieben streng ist. Da ich selbst da zum Glück keine Erfahrungen habe (weder persönlich noch in der Familie) dachte ich, dass das vielleicht trotzdem bekannt ist. Mir war das nämlich neu. Ich hätte bislang immer nur gedacht, dass trockene Alkoholiker mehr Probleme mit Gerüchen oder verstecktem Alkohol in Lebensmittel haben, als mit Gefäßen als Auslöser.
Es gibt so viele verschiedene Theorien zu Sucht wie Sand am Meer. Die von Dir genannte gehört mit zu den gefährlichsten für die Betroffenen. Denn sie blendet jene schlichte Tatsache aus die von keinem Menschen bis heute widerlegt werden konnte:
Sucht ist eine körperliche und geistige Erkrankung.
Es reicht also nicht aus die Finger vom ersten Schluck zu lassen. Vielmehr ist es unbedingt erforderlich sich mit der geistigen Einstellung zum Suchtmittel auseinander zu setzen.
Ich habe manche Menschen kennen gelernt die darauf vertrauten, dass die Titeltragenden schon wissen würden Was sie an Vorschriften so mit auf den Weg geben. Dann kamen sie über kurz oder lang dann doch in eine Situation in der sie einen Gegenstand der mit Alkohol zu tun hat konfrontiert waren. Und bumm!!! fingen sie wieder an. Denn die Titeltragenden hatten es sich einfach gemacht und sich um die Arbeit an der Psyche gedrückt. Diese ist unerlässlich.
Ich bin jetzt 26 Jahre trocken, sprich ich lebe seit 26 Jahren in Frieden mit meiner Suchterkrankung. Ich habe keine ärztliche Unterstützung gehabt. Mein Umfeld bestand - teilweise mit Gewaltanwendung - darauf dass ich weiter konsumiere. Drei Monate nach meinem letzten Glas Alkohol bekam ich zu Weihnachten sehr viele durchaus edle Tropfen von der Kundschaft geschenkt. Ich habe mich über die Mühe und die teilweise hohen Ausgaben gefreut, über die schönen Verpackungen und dann die Geschenke weiter verschenkt.
Titeltragende interessieren sich nicht für solche Erfahrungen. Das ist traurig aber nachweisbar. Ihre Patienten zahlen den Preis für diese Ignoranz.
Das sind vielleicht für Menschen welche sich mit der Thematik nicht auskennen harte Worte. Ich habe allerdings zu viel Elend gesehen um mich zu solchen Anweisungen anders auszudrücken. Es gibt sie. Neben vielem anderen Unsinn den unsere Krankenkassen bezahlen. Wir haben neun Millionen Alkoholkranke in unserem Land.
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