Ist der Tod bald besiegt?
Neulich habe ich einen Artikel über einen US-Arzt gelesen, der behauptet das perfekte Mittel gegen den Tod gefunden zu haben: die Kälte. Die Methode an sich ist nicht neu, wohl aber der Einsatzbereich: Wird beispielsweise ein Patient mit einem Herzstillstand in eine Notaufnahme gebracht, wird dessen Körpertemperatur mittels Eis-Packs drastisch herabgesenkt, wodurch die Geschwindigkeit aller chemischen Prozesse in dem Körper auf ein Minimum reduziert werden soll. Dies ist erforderlich, da trotz Richtlinien oftmals sehr viel Zeit vergeht, bis ein Notfallpatient in ein Krankenhaus gebracht wird.
Eine Zeit, in der im Falle eines Herzstillstandes irreversible Gehirnschäden entstehen können, die normalerweise bei Rehanimation des Patienten eine dauerhafte Behinderung zur Folge hätten. Durch die unmittelbare Anwendung von Kälte soll genau das verhindert werden. Der Arzt spricht gar von vollständiger Genesung bei Anwendung "seiner" Methode und schon jetzt haben zahlreiche Krankenhäuser in den USA Vorkehrungen getroffen um die besagte Methode realisieren.
Die Methode ist dabei - wie schon gesagt - nicht neu. Sie ist bei bestimmten Arten von Operationen lange Gang und Gäbe. Bei besonders kritischen Eingriffen wird die Körpertemperatur eines Patienten auf bis zu 15°C herabgesetzt um diesen quasi vorübergehend zu "konservieren". Doch nicht nur das unterstreicht die Sinnhaftigkeit der Idee. Auch einer Betrachtungsweise aus der biochemischen Sicht scheint die Methode simpel wie genial: so besagt die sogenannte RGT-Regel, dass eine Erhöhung der Temperatur eine Verdreifachung der Geschwindigkeit eines chemischen Prozesses zur Folge hat.
Umgekehrt verlaufen also bei Erniedrigung der Temperatur alle chemischen Prozesse langsamer auch im menschlichen Körper. Im konkreten Fall bedeutet bedeutet das: Sämtliche neuronalen Zellen die normalerweise aufgrund des gestoppten ATP-Systems sehr rasch absterben würden - können dank der Kälte über einen längeren Zeitraum hinweg von der im Blut noch verfügbaren Glukose zehren, sodass eine Nekrose erst sehr viel später auftreten kann. Der besagte Arzt sprach von ganzen acht Stunden, die durch die Kühlung gewonnen werden können. Und andere Prozesse wiederum, die letztlich zur Nekrose führen würden, werden stark verlangsamt.
Ich finde die Idee des Arztes wirklich genial, so simpel sie auch ist. Man fragt sich doch: warum hat man nicht schon viel früher für eine Verbreitung der Methode gesorgt? Wieviele Menschenleben und Schicksale hätten dadurch wohl gerettet werden können. Anscheinend funktioniert es ja tatsächlich, sonst hätte sich die Idee nicht so verbreitet.
Glaubt Ihr auch dass die Methode funktioniert? Haltet Ihr auch meinen Erklärungsansatz für plausibel?
Ich sehe nicht, dass der Tod dadurch besiegt sein sollte. Während der Zeit, in der man abgekühlt ist, findet ja kein bewusstes Leben satt. Wenn man wieder auf Normaltemperatur ist, altert man ja normal weiter. Man hat also nur ein Stückchen Tod zeitlich von hinten nach vorne gelegt.
Die meisten Tode sind ja andere als die eines Herzstillstands. Wenn ich einen Autounfall oder Krebs habe, nützt es mir nichts, tiefgefroren zu werden.
Das Problem bei der Methode ist doch die zeitliche Begrenzung. Auch wenn die Körperfunktionen verlangsamt sind, kann man das nicht beliebig lange in die Länge ziehen. Und wie anlupa schon sagt, ist es auch nur für eine begrenzte Anzahl an Krankheiten geeignet. Aber sicher können dadurch ein paar Tote verhindert werden und in der Masse wahrscheinlich sogar recht viele.
Aber ich finde es, wenn man es "großräumig" betrachtet, gar nicht so erstrebenswert. Natürlich hilft es Familie Meier, wenn Opa Hans nicht mit 70 an einem Herzinfarkt stirbt. Aber abgesehen von den Einzelschicksalen, finde ich 70 kein schlechtes Alter zum Sterben und erst recht nicht 80 oder 90. Wie würde unsere Welt aussehen, wenn man durch die Medizin den Tod immer weiter hinausschiebt? Das bringt jetzt schon Probleme ohne Ende. Überfüllte Altenheime, Menschen, die jahrelang in Krankenhausbetten vor sich hinvegetieren, weil man sie nicht sterben lassen will und darf, der Tod als Tabuthema.
Das klingt vielleicht hart. Aber ich sehe diese Entwicklung sehr negativ. Wenn man alt ist, sollte man einfach sterben dürfen. Ich persönlich würde es nicht anders wollen. Es gehört zum Leben dazu und ist ganz natürlich. Wir sollten die Menschen viel mehr bei diesem Weg begleiten, als sie so künstlich lange am Leben zu erhalten, was dann gar kein Leben mehr ist.
Wenn ein junger Mensch einen Unfall hat, ist es natürlich umso schlimmer und schwerer zu akzeptieren und da verstehe ich auch, dass mehr versucht wird, um den Tod zu verhindern. Aber auch das sollte Grenzen haben. Wenn ich nach 10 Jahren Wachkoma erwachen würde, würde meine Familie enorm Ärger bekommen, dass sie die Maschinen nicht nach einem Jahr abgeschaltet haben. Und auch schwerstbehindert möchte ich nicht leben. Dann will ich lieber am Unfallort versterben.
Ich kann mich nur voll und ganz der Meinung von Bienenkönigin anschließen! Zwar gewinnt man durch diese "neue" Methode ein paar Stunden, jedoch ist dies, so wie ich das bis hierhin verstanden habe" noch nicht in der Praxis erprobt worden, weshalb es noch nicht feststeht, ob und inwiefern diese Methode zum Überleben des Menschen beipflichtet. Prinzipiell kann ich aber auf solche Methoden verzichten, denn ich glaube kaum, dass man durch das bloße Herabkühlen des Körpers die Zeit so verlangsamen kann. Rein physikalisch gesehen haben Zeit und Temperatur ja eigentlich herzlich wenig mit einander zu tun.
Zwar gibt es einen Zusammenhang zwischen Geschwindigkeit und Temperatur, jedoch kann ich mir beim besten Willen nicht vorstellen, dass die Zellen im Gehirn sich so lange von der Glucose im Blut "ernähren" können. Letzten Endes ist ja ein Energiebedarf da.
Aber nun gut, nehmen wir mal an eine solche Methode würde in der Praxis so funktionieren. Wie würde das mit den Kosten aussehen? Könnten die Krankenkassen die Kosten einer solchen Behandlungsmethode beziehungsweise Therapie decken? Wie würde es aussehen, wenn immer mehr Menschen "länger" leben möchten? Was ist mit den Nebenwirkungen dieser "Einfrier"-Methode? Letzten Endes handelt es sich hier nicht um eine Frage der Möglichkeit, sondern viel mehr um eine Frage der Moral und der Umsetzung.
Ich würde, wenn ich wählen könnte, viel lieber am Unfallort versterben, als mich mit siebzig, achtzig oder gar neunzig Jahren noch einer solchen Maßnahme zu unterziehen, die mir beim besten Willen nur ein paar Jahre mehr schenkt, welche ich aber aufgrund der Risiken, Nebenwirkungen beziehungsweise der Folgen der Methode und aufgrund meines Alters sowieso nicht großartig nutzen kann. Dann löse ich halt zwei Jahre länger Sudoku- und Kreuzworträtsel, spektakulär finde ich ein solches Leben aber nicht, weshalb ich viel lieber "auf die andere Seite" gehen würde, um zu erfahren was da denn so abgeht! ![]()
Ich finde manches, was MasterOers schreibt, nicht so richtig nachvollziehbar.
MasterOers hat geschrieben:Wird beispielsweise ein Patient mit einem Herzstillstand in eine Notaufnahme gebracht, wird dessen Körpertemperatur mittels Eis-Packs drastisch herabgesenkt, wodurch die Geschwindigkeit aller chemischen Prozesse in dem Körper auf ein Minimum reduziert werden soll. Dies ist erforderlich, da trotz Richtlinien oftmals sehr viel Zeit vergeht, bis ein Notfallpatient in ein Krankenhaus gebracht wird.
Eine Zeit, in der im Falle eines Herzstillstandes irreversible Gehirnschäden entstehen können, die normalerweise bei Rehanimation des Patienten eine dauerhafte Behinderung zur Folge hätten. Durch die unmittelbare Anwendung von Kälte soll genau das verhindert werden.
Mir erschließt sich nicht ganz, wann laut des amerikanischen Arztes mit der therapeutischen Hypothermie begonnen werden soll. Während der Mensch einen Herzstillstand hat oder nach Reanimation, während des Transport oder in der Notaufnahme?
In einer Notaufnahme wird man heute zu effektiveren Maßnahmen zur Temperaturabsenkung als zu Eis-Packs greifen. Generell wird man an Orten, wo massenweise Eis-Packs vorrätig sein können, wohl auch in der Lage sein, andere bewährte Oberflächenkühlsysteme wie z.B. Kühldecken bereit zu halten. Außerdem bezweifle ich stark, dass man nur mit Eis-Packs die Körpertemperatur sinnvoll senken kann. Wenn man bedenkt, dass es bei einer Absenkung der Körpertemperatur mittels eines endovaskulären Kühlsystems, wie es heute häufig zum Erreichen einer therapeutischen milden Hypothermie verwendet wird, auch bei gleichzeitiger Infusion kalter Infusionslösungen über 4 ½ Stunden dauern kann, bis die Körpertemperatur von 33° C bei einem erwachsenen Menschen erreicht ist, wie lange dauert es dann wohl, einen Menschen mittels Eis-Packs herunterzukühlen? Außerdem kommt es durch Eis-Packs in jedem Fall zu einer ungleichmäßigen Abkühlung: An einigen Körperstellen wird die Abkühlung unzureichend sein, an anderen könnte es zu Erfrierungen kommen, wenn das Pflegepersonal nicht ganz genau aufpasst. Im Fahrzeug oder Hubschrauber, mit dem man den Patienten in eine Klinik bringt, erscheint mir eine Sturzinfusion einer 4° C kalten Infusionslösung bei aufrechterhaltenem Kreislauf auch praktikabler und effektiver, als die Verwendung von Eis-Packs. Damit erreicht man immerhin kurzfristig sicher eine Absenkung der Körpertemperatur um 1 bis 2 Grad für eine gewisse Zeitspanne. Beim reanimierten Patienten wirkt sich diese Methode zudem positiv auf die Herzaktion aus.
MasterOers hat geschrieben:Bei besonders kritischen Eingriffen wird die Körpertemperatur eines Patienten auf bis zu 15°C herabgesetzt um diesen quasi vorübergehend zu "konservieren".
In der Neurochirurgie wird das Gehirn manchmal unter strengster Indikationsstellung in eine tiefe Hypothermie von bis zu 20° C gebracht. Ohne strengste Überwachung und maximalem Einsatz von medizinischen Hightech (ab einer Körpertemperatur von etwa 28° C kommt beim Menschen der Kreislauf aufgrund von Kammerflimmern zum Erliegen) könnte es da über kurz oder lang leicht zum Exitus kommen, denn ab etwa 18° C zeigt das EEG ebenso wie das EKG eine Nulllinie!
MasterOers hat geschrieben:so besagt die sogenannte RGT-Regel, dass eine Erhöhung der Temperatur eine Verdreifachung der Geschwindigkeit eines chemischen Prozesses zur Folge hat.
Die RGT-Regel ist eine grobe Faustregel und besagt, dass bei chemischen Prozessen die Reaktionsgeschwindigkeit auf den 2 bis 4fachen Wert ansteigt, wenn die Temperatur um 10° erhöht wird. Zwar gilt die RGT-Regel auch in vivo, ist aber natürlich nicht auf jeden Temperaturbereich übertragbar und gilt nur in engen Grenzen. Das nur kurz zur Vervollständigung.
MasterOers hat geschrieben:Sämtliche neuronalen Zellen die normalerweise aufgrund des gestoppten ATP-Systems sehr rasch absterben würden - können dank der Kälte über einen längeren Zeitraum hinweg von der im Blut noch verfügbaren Glukose zehren
Mit dem Ausdruck ATP-System kann ich in der Physiologie nichts anfangen, das ist für mich ein Begriff aus der Technik. Aber wenn du damit meinst, dass bei deinem Patienten keine Übertragung von Phosphatresten mehr stattfinden kann, nützt dem Gehirn die Glucose doch gar nichts, da dann keine Glycolyse möglich ist.
MasterOers hat geschrieben:Man fragt sich doch: warum hat man nicht schon viel früher für eine Verbreitung der Methode gesorgt? … Anscheinend funktioniert es ja tatsächlich, sonst hätte sich die Idee nicht so verbreitet.
Die therapetische milde Hypothermie von 33° C ist zur Prävention von hypoxischen Schäden im Gehirn nach Kammerflimmern oder auch Schlaganfall in der Medizin seit vielen Jahren bekannt. Erste Fallstudien in der Humanmedizin stammen aus dem Jahr 1958. Die Maßnahme ist auch in den Leitlinien zur kardiopulmonalen Reanimation, sowohl in den des European Resuscitation Council (ERC), als auch in den der American Heart Association (AHA), enthalten. Allerdings wird sie sinnvollerweise erst eingeleitet, nachdem der Mensch reanimiert ist. Auch Eis-Packs sind hierbei nichts Neues. So wurde 2002 eine australische Studie veröffentlicht, bei der bei Patienten nach Reanimation eine milde Hypothermie mittels Eis-Packs für 12 Stunden erreicht wurde. Einfacher und sicherer durchzuführen ist aber m.E. eine therapeutische Hypothermie, die mit einem endovaskulären Kühlsystem eingeleitet und aufrecherhalten wird.
Das Verfahren wird in der Medizin bis jetzt angewendet, damit reanimierte Patienten ohne Hirnschädigung aus dem Koma erwachen und nicht, um sie generell am Leben zu erhalten. Dazu ist sie meiner Erkenntnis nach auch nicht geeignet, da eine Absenkung der Körpertemperatur auf 33 ° C selbst zu lebensbedrohlichen Schäden führen kann.
Die Hypothermie soll laut dem Arzt in dem Krankenhaus eingeleitet werden, auch wenn es noch sinnvoller wäre schon während des Transports mit der Kühlung zu beginnen. Die Idee ist, den klinisch toten Patienten vor Gewebeschäden zu bewahren, in der Zeitspanne, in der noch keine Reanimationsmaßnahmen ergriffen werden.
Für mich hat es auch erstmal eigenartig geklungen, dass man dazu Kühl-Packs verwenden will, allerdings erfüllt es doch seine Funktion, wenn nur die Menge stimmt. Dann kann auch eine halbwegs gleichmäßige Kühlung gewährleistet werden und diese Methode ist wohl schon alleine aus Handhabungsgründen einer endovaskulären Kühlung vorzuziehen. Bis die ganze Kühlungsapparatur installiert ist, vergeht ja auch wieder Zeit und überhaupt stelle ich mir das viel aufwändiger vor. Du sprichtst außerdem von einer Kühlung um 1-2°C, die mit einer Infusion erzielt werden kann. Das wäre in so einem Fall wahrscheinlich noch zu wenig.
Es ist zu berücksichtigen, dass dieser Artikel auf Welt-Online in der Rubrik "Wissenschaft" erschienen ist, sodass man dort nur wenig konkrete Eckpunkte des Konzepts findet.
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