Wie hilft man Leuten, die sich selber verletzen richtig?

vom 03.05.2013, 20:08 Uhr

Wie kann man Menschen helfen, die sich selber verletzten? Die Freundin meiner Nichte ritzt sich an den Armen und auch am Oberschenkel und meine Nichte war darüber sehr erschrocken, als sie es gesehen hat. Sie hat ihre Freundin ein paar Wochen nicht gesehen und ihr ist es vorher nicht aufgefallen. Meine Nichte weiß nicht, wie lange sie das schon macht und will ihr unbedingt helfen. Aber wie hilft man einem Menschen, der sich selber verletzt richtig ohne ihn zu erschrecken?

Was kann meine Nichte machen, damit sie ihrer Freundin helfen kann. Sollte sie sich da überhaupt einmischen? Sollte sie der Freundin nur sagen, dass sie für sie da ist und sich zurück halten? Wie würdet ihr euch verhalten?

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» supermami » Beiträge: 2317 » Talkpoints: 0,00 » Auszeichnung für 2000 Beiträge



Ich habe auch einen Freund, der sich geritzt hat. Das ist nicht gerade leicht mit anzusehen, aber man kann da auch nicht besonders viel machen. Bei mir war es so, dass ich lange Zeit gesagt habe, dass es ihm doch nichts bringt und er es gefälligst lassen soll. Das hat nichts gebracht und im Nachhinein war das auch ziemlich blöd von mir. Irgendwann habe ich ihn dann gebeten, dass er sich doch einfach mal Hilfe suchen soll und das hat er dann auch gemacht. Weiterhin habe ich ihm jederzeit meine Hilfe angeboten und dass wenn er ein Problem hat, mich jederzeit anrufen kann. Das tat er auch, sogar nachts. Wir haben dann lange geredet und ich habe mit ihm dann solange geredet, bis er wieder in normaler Verfassung war.

Mittlerweile geht es ihm dank der Therapie und meiner verbalen Hilfe wieder gut. Er ritzt sich nicht mehr. Ein Patentrezept gibt es da aber sicherlich nicht und es wird auch schwer sein, den Weg so zu gehen, wie wir es gemacht haben und deswegen kann ich das so auch nur bedingt empfehlen.

Ich denke, dass man hier eine Therapie vorschlagen sollte und dann eben für die Person da sein sollte. Sicherlich kann man da ohne weitere Kenntnisse nicht so viel machen und deswegen muss sich die Person in professionelle Hände geben. Man kann als beistehender Mensch immer nur für die betreffende Person da sein, was einen selber aber auch an die Grenzen bringen kann und wofür man sich ganz bewusst selber entscheiden muss.

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» Ramones » Beiträge: 47758 » Talkpoints: 8,52 » Auszeichnung für 47000 Beiträge


Ich denke am allerwichtigsten ist, dass man der Person das Gefühl gibt sie zu verstehen und zu akzeptieren. Selbstverletzung entsteht durch eine veränderte Selbstwahrnehmung. Durch die Selbstverletzung versucht die erkrankte Person diese Wahrnehmung durch Schmerz wieder zu aktivieren.

Auch ich habe mich Jahre lang selbst verletzt und kann dir sagen, dass es wirklich ein sehr langer Weg ist zur Heilung. Mit persönlich haben Personen in meinem Umfeld sehr gut getan, welche mich einfach in der momentanen Situation akzeptiert haben. Es hilft leider nichts, wenn man für jeden neuen Schnitt Vorwürfe bekommt. Besser ist es, einfach in den Arm genommen zu werden und wieder langsam lernt seinen Körper anders zu spüren, als durch Schmerz.

» Caralia » Beiträge: 312 » Talkpoints: 24,68 » Auszeichnung für 100 Beiträge



Das ist nicht leicht und ich denke nicht, dass es den einen richtigen Weg gibt, wie man damit umgehen kann oder sollte. Wichtig ist, es mehr oder weniger zu akzeptieren und die Person nicht unter Druck zu setzen. Sätze wie "Hör doch einfach auf damit!" und ähnliche bringen rein gar nichts. Ebenso sollte man nicht ständig mit dem Thema anfangen und auf die Person einreden. Ich denke dass es für den Anfang wichtig ist der Person zu zeigen, dass man Bescheid weiß und für sie da ist, wenn etwas ist.

Alleine kann man da gar nichts machen, aber viele haben auch Angst davor sich jemandem anzuvertrauen oder gar eine Therapie zu machen. Ich würde der Person wohl erst mal sagen, dass ich da bin und wenn sie reden möchte, kann sie es gerne tun. Erst wenn sich die Person mir gegenüber öffnet würde ich wohl das Thema professionelle Hilfe ansprechen. Man kann sich anbieten bei der Suche nach einem Therapeuten mit zu helfen oder auch mit zugehen.

Auf gar keinen Fall sollte man anfangs andere Personen mit einweihen. Also deine Nichte sollte nicht zur Mutter der Freundin rennen. Das wäre für mich der allerletzte Schritt, wenn sich die Freundin gar nicht helfen lässt und ich befürchten würde, dass sie sich schlimmeres antut.

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» Nana_2011 » Beiträge: 2250 » Talkpoints: 0,21 » Auszeichnung für 2000 Beiträge



supermami hat geschrieben:Was kann meine Nichte machen, damit sie ihrer Freundin helfen kann. Sollte sie sich da überhaupt einmischen? Sollte sie der Freundin nur sagen, dass sie für sie da ist und sich zurück halten? Wie würdet ihr euch verhalten?

Wenn sie ihrer Freundin wirklich helfen möchte, dann sollte sie sie überzeugen, sich professionelle Hilfe zu holen. Das Ritzen ist nämlich ein Hilfeschrei und die Freundin scheint grössere psychische Probleme zu haben. Schönreden wird da nicht viel helfen, aber deine Nichte kann ihrer Freundin natürlich zur Seite stehen, das wird ihr auch viel helfen.

Die Tochter meiner Freundin hatte sich vor einigen Jahren auch geritzt und zwar richtig tief. Bei ihr half alles gute Zureden nichts und meine Freundin hat ihre Tochter dann in eine Jugendpsychiatrie einweisen lassen. Bei uns gibt es eine kleine übersichtliche Klinik, die sich auf solche Fälle spezialisiert hat und mittlerweile geht es der Tochter wieder richtig gut und bis auf ein paar optische Narben ist alles wieder in Ordnung. Sie hat aber auch einen langen Weg bis zum heutigen Punkt hinter sich gebracht und sie stand auch sehr oft davor, das ganze abzubrechen.

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» EmskoppEL » Beiträge: 3423 » Talkpoints: 20,21 » Auszeichnung für 3000 Beiträge


Das Ritzen hat ja viele Gründe. Meistens geht es um den starken Impuls und um die Aggressionen, denen man in seiner Hilflosigkeit und Ausweglosigkeit nachgeht. Man fühlt sich tot, nicht lebendig, man spürt sich nicht und ist nicht mehr ich-zentriert, man scheint zu schweben und nicht mehr bei sich zu sein.

Es kann auch als ein stiller Hilferuf verstanden werden. Jedenfalls ist es wichtig, sich anzuhören, wie es der Person geht und nicht auf die Frage erpricht sein, weshalb sich die Person ritzt. Es geht nicht um die Frage, weshalb sich jemand ritzt, sondern um jene, wie es einem seelisch und innerlich geht.

Die Umstände spielen da eine große Rolle. Ist die Schule stressig, ist da viel Druck, gibt es ein aggressives Konkurrenzverhalten unter den gleichaltrigen Freunden, geht es um Anerkennung und Zuneigung? Worum geht es und was ist wirklich für die betreffende Person von Bedeutung bzw. von überlebenswichtiger Bedeutung.

Vielleicht sollte man fürs erste in eine Beratung gehen und nicht in eine Therapie. In der Beratung geht es um die Eruierung und Informationsgabe des wahren Ist-Zustands der betroffenen Person und um die (Neu-)Orientierung. Meist ist es so, dass der Betroffene/Leidende gehört werden will bzw. Aufmerksamkeit braucht.

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» kleineAmsel » Beiträge: 205 » Talkpoints: 0,57 » Auszeichnung für 100 Beiträge


Gut gemeintes Einreden hilft bei derlei psychischen Störungen herzlich wenig. Bestenfalls schafft man den Betroffenen vielleicht noch zu überreden, sein selbstverletzendes Verhalten einzudämmen, allerdings ändert das nichts an der Ursache. Und die Ursache ist bei sowas das Ausschlaggebende.

Selbstverletzungen beruhen meist auf inneren Konflikten, einer gestörten Körperwahrnehmung oder auch Traumata und sonstigen seelischen Beschwerden. Diese können meistens nur mit therapeutischer Hilfe beseitigt werden.

» MasterOers » Beiträge: 348 » Talkpoints: 1,16 » Auszeichnung für 100 Beiträge



Dass therapeutische Hilfe sehr nützlich und in sehr vielen Fällen auch notwendig ist, ist klar. Aber trotzdem sollte man bei Betroffenen nicht mit der Tür ins Haus fallen. Stellt Euch doch mal vor, Euch geht es schlecht, Ihr wollt Verständnis von einer Freundin und vielleicht einfach nur einmal erzählen, was Euch aktuell bedrückt, und dann bekommt Ihr ein "Du bist krank! Mach eine Therapie!" an den Kopf geknallt. Gerade, wenn eine Person sich sowieso unverstanden fühlt und depressiv ist, kann so eine Reaktion besonders kränkend wirken und das selbstverletzende Verhalten sogar noch verschlimmern.

Wenn man also überhaupt eine Therapie empfehlen möchte, sollte man diese Empfehlung erst mit der Zeit geben. Und man sollte sie so gut wie möglich zwischen den Zeilen aussprechen, vielleicht auch eher als Frage formuliert, und nicht als Ratschlag, der mitunter eher wie ein Befehl klingt. Oder würde "Mach' eine Therapie!" auf Euch sonderlich ermunternd und tröstlich, ober überhaupt freundlich, klingen?

Der erste Schritt wäre meines Erachtens auf jeden Fall, der Person zu sagen, dass man für sie da ist, und anzubieten, über die Probleme zusammen zu sprechen, wenn die Person darüber sprechen möchte. Die meisten nehmen meiner Erfahrung nach dieses Angebot sehr dankbar an. Und bei Betroffenen in der Pubertät kann allein schon dieses Gefühl, verstanden und akzeptiert zu werden und jemanden zum Reden zu haben, die gesamte Problematik schon sehr positiv beeinflussen. Bei einigen hört das selbstverletzende Verhalten schon nach einigen Wochen oder Monaten solcher vertraulicher Gespräche vollständig auf, ohne dass eine psychiatrische Behandlung, vor der sich so viele fürchten, überhaupt fällig wird. Jedenfalls habe ich das persönlich in mehreren Fällen erlebt.

Meines Erachtens sollte eine, vor allen Dingen stationäre, psychiatrische Therapie sowieso nur erfolgen, wenn es anders nicht geht. Ich kenne Mädchen und Frauen, die so etwas durchlebt haben. Damit mag ich vielleicht eine unkonventionelle Meinung vertreten, aber bei vielen von ihnen habe ich das Gefühl, hätten sie einfach nur echte Freunde gehabt, wären sie auch gesund geworden. Dazu hätten sie nicht für mehrere Monate in einer Einrichtung landen müssen, fernab von Familie und Freunden, wo es vielen noch dreckiger ging, als vorher schon. Mal von den Ausfällen in der Schule oder Ausbildung und deren Folgen mal ganz abgesehen. Ich kenne sogar eine Frau, die damals, mit 16 Jahren, deswegen in ihrer Traum-Ausbildung nicht mehr mitkam und diese daher abbrechen musste. Sie ist darüber bis heute traurig und findet es ziemlich schade, dass ihre Eltern ihr ihren Berufswunsch durch die aufgezwungene Therapie zunichte gemacht haben.

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» Wawa666 » Beiträge: 7277 » Talkpoints: 23,61 » Auszeichnung für 7000 Beiträge


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