Verständnis für Camgirls die dann auf 'Depressiv machen'?

vom 22.03.2013, 14:19 Uhr

Ich habe neulich mal nachts im Fernsehen rumgezappt, weil meine Tochter nicht schlafen konnte und ständig auf der Matte stand. Dabei bin ich auf einen Sender gestoßen, der einen Bericht über Camgirls zeigte. Es ging darum, dass diese Camgirls nach einer gewissen Zeit der Arbeit in diesem Job depressiv werden, weil sich als Spielball für die Männer fühlen würden.

Ich muss ehrlich sagen, dass ich da überhaupt kein Verständnis habe, weil die Frauen sich ja den Job alleine ausgesucht haben und sich selber verkaufen, wenn auch nur in Bild und vielleicht auch in Wort. Habt ihr Verständnis, dass Camgirls depressiv werden durch ihre Arbeit? In dem Bericht haben sie richtig auf Mitleid gemacht und dass es ein so schlimmer Beruf ist. Ich muss sagen, dass sie doch selber Schuld sind, oder?

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» supermami » Beiträge: 2317 » Talkpoints: 0,00 » Auszeichnung für 2000 Beiträge



Vielleicht haben sie sich den Beruf ausgesucht, weil sie eben Geld verdienen wollten und keinen anderen Job gefunden haben. Wenn eine Reinigungskraft depressiv wird, weil ihr der Beruf keinen Spaß macht und herablassend behandelt wird, würde ich auch nicht sagen, dass es ihre eigene Schuld wäre. Sie hat sich ja auch den Beruf selbst ausgesucht, das stimmt, aber wenn sie es muss?

Natürlich muss keiner Webcamgirl werden und es gibt immer noch sehr viele Alternativen, aber solche Berufe sollten im Jahr 2013 eigentlich schon als normal angesehen werden. Viele Frauen fotografieren sich aufreizend und einige ziehen sich vielleicht vor der Kamera aus, was ist dabei? Mir kommt es so vor, als würdest du Menschen die so einen Beruf ausüben sofort verurteilen.

Das Geld lockt natürlich junge Frauen an und am Ende war es vielleicht ein Fehler, das stimmt schon, aber man macht eben nicht alles perfekt und bereut seine Entscheidungen auch später. Die Frauen können vielleicht gar kein normales Verhältnis zu Männern aufbauen, weil es bestimmt auch einige Zuschauer oder Fans gab, die vergeben waren und außerdem könnte ein zukünftiger Partner sie für ihre (damalige) Berufswahl auch ablehnen, weil er sie als billig empfindet. Das ist alles gar nicht so einfach und es gibt durchaus Gründe, wieso Camgirls depressiv werden. Keine Frau verkauft sich und denkt dabei, dass sie es sowieso nicht verkraften wird. Das ist wahrscheinlich einfach Selbstüberschätzung.

Man kann auch als Mutter depressiv werden oder als Manager, das ist eben so. Ich glaube, dass du einige Vorurteile hast und selbst noch einmal über dieses Thema nachdenken solltest. Ich möchte dich nicht wirklich überzeugen, weil ich das nicht kann. Leben und leben lassen.

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» soulofsorrow » Beiträge: 9239 » Talkpoints: 26,10 » Auszeichnung für 9000 Beiträge


Mich würde mal interessieren, wie du die Situation beurteilen würdest, wenn eine Putzfrau, Haushaltshilfe oder sonst jemand in der Art seinen Job als schrecklich und deprimierend bezeichnen würde. Auch diese Leute haben sich ihren Job selbst ausgesucht. Überhaupt kann man sagen, dass sich jeder in Deutschland seinen Job selbst aussucht. Natürlich scheitert eine bessere Tätigkeit oft an den fehlenden Qualifikationen, aber man hat es doch in weiten Teilen selbst in der Hand, was man beruflich macht. Ich habe daher auch den Eindruck, dass du manchen Leuten absprichst, in ihrem Job unglücklich sein zu dürfen – und das mit dem Hinweis darauf, dass diese sich den Job doch selbst ausgesucht hätten. Das finde ich auch nicht richtig.

Wenn man merkt, dass der eigene Job einen unglücklich macht, muss man sich umorientieren. Ich bin mir sicher, dass das nicht jeder in der gewünschten Weise hinbekommt. Aber man sollte es versuchen. Das gilt für Camgirls, Putzfrauen, aber auch für Anwälte, Ärzte oder Manager in gleicher Weise. Ich habe Verständnis dafür, dass jemand nach einer Weile feststellt, dass er in seinem Job nicht glücklich ist. Ich kann es nur nicht nachvollziehen, wenn jemand ausschließlich jammert, aber nichts tut, um seine Situation zu verändern. Das gilt dann aber auch für alle Jobs und Berufe gleichermaßen.

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» Cologneboy2009 » Beiträge: 14210 » Talkpoints: -1,06 » Auszeichnung für 14000 Beiträge



Erst mal hoffe ich, dass du das weggeschaltet hast, wenn deine Tochter in den Raum kam. Ich bin der Meinung, dass man in jedem Beruf depressiv werden kann und was man vielleicht am Anfang als super klasse Job erachtet, kann einen nach einiger Zeit in eine Depression stürzen. Es gibt durchaus auch depressive Manager, Putzfrauen und auch Kindergärtnerinnen. Depressionen halten sich an keine bestimmte Branche.

Ich kann mir vorstellen, dass viele Webcamgirls nur auf das schnelle Geld aus sind und dann eben auch irgendwann erkennen, dass diese lockende Welt nicht so toll ist. Auch ist man irgendwo ein bisschen perspektivlos, wenn man erkennt, dass man vielleicht einen Fehler gemacht hat. In einer Bewerbung macht sich das sicherlich nicht so gut. Für manche ist das vielleicht die letzte Rettung und dann erkennt man irgendwann, wie doof das war. Jedoch kann man überall depressiv werden.

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» Ramones » Beiträge: 47758 » Talkpoints: 8,52 » Auszeichnung für 47000 Beiträge



Du findest, sie sind selbst Schuld an was? Das sie ein Problem mit dem Job haben oder das sie es für Notwendig erachten, einem Job nachzugehen? Leider glaubt hier ein immer größerer Teil der Bevölkerung das Märchen von der persönlichen Selbstentfaltung durch einen bezahlten Job und auch das jeder seines Glückes Schmied ist. Das ist schlicht gelogen und in der Gesellschaft in der wir leben gibt es eben immer "Verlierer" (zwangsläufig). Das ist ein bisschen wie in der Fußballbundesliga: auch hier gibt es definitiv immer nur einen Meister und es gibt - egal wie sehr sich alle anstrengen - immer auch Absteiger. Darauf beruht das ganze Spiel!

Natürlich haben die Frauen sich für den Beruf entschieden. Aber letztlich nicht weil sie sich den persönlichen Kick erhofft haben, sondern weil sie Geld dafür bekommen haben, welches sie zur Existenzsicherung benötigen. Und damit kommen sie schon in einen Kreislauf der Abhängigkeit, welcher natürlich auch dazu führt, dass sie sich gefangen fühlen. Wenn nun die Depression aufkommt auf Grund der Tatsache, sich hier als Objekte verkaufen zu müssen, dann erscheint alles ohne Ausweg.

Das verhält sich übrigens bei anderen Jobs genau so. Keiner würde seinen Job machen, wenn es keine Bezahlung gäbe. Ich hoffe jedenfalls, dass die Menschen noch so weit "normal" sind, dass sie - wenn sie nicht für Geld arbeiten müssten - auch sonst mit der Lebenszeit was anzufangen wüssten. Irgendwas, was jenseits von bezahlter Arbeit steht.

» derpunkt » Beiträge: 9898 » Talkpoints: 88,55 » Auszeichnung für 9000 Beiträge


Ich glaube man muss hier zwei Typen von Camgirls unterscheiden. Zum einen gibt es die Mädels, die das ganze von sich aus und auch mit Begeisterung machen und zum anderen gibt es die, für die das ganze wahrscheinlich eine letzte Rettung darstellt. Wer keine Möglichkeit mehr sieht und jetzt so einem "Job" nachgehen muss, weil er keine andere Wahl hat steht nun mal schlecht da. Das man hier mit der Zeit depressiv wird kann ich mir gut vorstellen, denn das ganze ist nicht jedermanns Sache. Wenn einem der Beruf so auf die Nerven geht muss man halt sehen, dass man sich nach einem anderen umschaut. Man nimmt diesen Job ja eher mal vorübergehend auf, denn dauerhaft können hier nur wenige bestehen.

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» Zohan » Beiträge: 4398 » Talkpoints: 16,33 » Auszeichnung für 4000 Beiträge


Eine nächtliche Reportage im deutschen Fernsehen würde ich nun nicht gerade als allzu aussagekräftig ansehen. Letztendlich sagen die Darsteller in solchen Reportagen das, was die Produktionsfirma gern hören würde. Wenn in einem solchen Format also jemand "auf depressiv macht" so würde ich eher davon ausgehen, dass dies so im Drehbuch stand.

Ansonsten sind Depressionen eine ernste Erkrankung, die sich niemand aussucht. Ich glaube auch nicht, dass Depressionen in bestimmten Berufen häufiger vorkommen. Oder das man depressiv wird, weil man einen bestimmten Beruf ausübt.

Zudem arbeiten Camgirls in der Regel freiberuflich und meist von zu Hause aus. Selten ist dies das einzige Einkommen, dafür müsste man schon viele Voraussetzungen mitbringen, um davon gut leben zu können. Und selbst dann macht man diesen Job nicht ewig. Sondern es ist eher so, dass sich Frauen mit guten Aussehen und entsprechenden Fähigkeiten damit zum Beispiel ihr Studium verdienen oder es eben als Nebenerwerb ansehen.

In jedem Beruf, wo man mit Menschen zu tun hat, muss man sich auf diese einstellen. Die Kindergärtnerin könnte dann sagen, sie wird zum Spielball der Kinder, der Rechtsanwalt zum Spielball seiner Klienten, die Verkäuferin zum Spielball ihrer Kunden und der Arzt zum Spielball seiner Patientinnen. Es gibt so viele Berufe, wo man sich weit mehr nach seinen Kunden richten muss, als ein Camgirl.

Denn vor der Kamera entscheidet die Darstellerin, was sie machen und zeigen möchte. Natürlich sollte man auch auf seine Kunden eingehen, aber ich finde dabei ist man eher weniger eingeschränkt als in vielen anderen Berufen. Denn es gelten lediglich die gesetzlichen Vorgaben, während anderswo Vorgaben von viel mehr Stellen kommen, zum Beispiel hat man im Verkauf nicht nur den Kunden nach seiner Zufriedenheit zu beraten, sondern muss auch die Produkte des Geschäftes mit einbeziehen, muss den Wünschen und Anforderungen des Unternehmens und seinen Vorgesetzten gerecht werden.

Ich weiß nicht, ob Jobs und Krankheiten etwas mit Schuld zu tun haben. Wenn der Job komplett selbst gewählt wurde, dann stimmte vielleicht etwas mit der Selbsteinschätzung nicht. Natürlich kommen dabei Fehlentscheidungen vor. Manch einer bekommt einen Studienplatz in seinem Traumstudienfach und merkt dann im Studium, dass es doch nicht so ist, wie man es sich vorgestellt hat. Andere werden Bestatter und nach einiger Zeit entwickeln sich dann doch Probleme, weil man nicht mehr damit zurechtkommt, ständig mit Leichen zu tun zu haben. Andere sehen vor der Kamera einen leichten Nebenjob und merken dann vielleicht, dass es doch nicht so läuft, wie man es sich vorgestellt hat.

Verkauft man sich vor der Kamera selbst? Sehe ich auch nicht so. Man arbeitet mit seinem Aussehen. Aber auch das macht wohl jeder, der mit Menschen Kontakt hat. Die Managerin stylt sich auch allmorgendlich, macht sich zurecht, zwingt sich in ein Outfit und in hohe Schuhe, weil sie in ungeschminkt in einer Jogginghose weniger erfolgreich wäre- obwohl ihre Arbeitskraft dieselbe wäre.

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» Trisa » Beiträge: 3323 » Talkpoints: 38,55 » Auszeichnung für 3000 Beiträge



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