Hirnschädigungen und Pflegeheim - Leben noch lebenswert?
In meiner Familie gab es vor etwa zwei Jahren einen Vorfall mit dramatischen Folgen. Und zwar hatte eine Person ein Aneurysma im Gehirn, welches eines Tages platzte. Der Krankenwagen war schnell gerufen, es folgte eine Not-Op. Die Schädeldecke wurde abgenommen und die Person anschließend ins künstliche Koma versetzt. Daraus erwachte sie dann irgendwann wieder. Sie konnte sich nicht mehr bewegen, nicht mehr sprechen oder schlucken und wurde künstlich ernährt. Sie reagierte anfangs auch nicht auf ihre Umwelt und es sah auch nicht danach aus, als würde der Zustand sich noch einmal bessern.
Allerdings fing sie irgendwann an, den Arm zu bewegen und die Menschen mit den Augen zu verfolgen. So gab man ihr dann Bausteine, um die Mobilität des Armes zu trainieren, was sie anfangs auch mit großer Mühe tat, jedoch dann wieder aufgab. Dennoch, ihr Sprachzentrum selber schien nicht so beeinträchtigt zu sein da sie offensichtlich verstand, was man ihr mitteilte. Also kauften wir ihr große Buchstaben aus Holz, um ihr die Möglichkeit zu geben, irgendwie zu kommunizieren. Das funktionierte zwar, aber nur sehr langsam. Inzwischen scheint sie sich selbst aufgegeben zu haben, liegt in einem Pflegeheim, wird immer noch mit einer Magensonde ernährt, macht aber keinerlei Anstalten irgendwie zu kommunizieren.
Wir haben in der Familie darüber gesprochen und für alle war klar, dass sie so nicht mehr "leben" wollen würden. Für die meisten war aber auch klar, dass die Pflege einer so schwer beeinträchtigten Person zuhause nicht in Frage kommt und man sie lieber in einem Pflegeheim unterbringt und sie alle paar Tage mal besucht. Ich für meinen Teil denke mir, dass das Einzige, was das Leben in so einer Situation noch lebenswert machen könnte, die Nähe zur Familie wäre. Diese Person ist ja offensichtlich bei Bewusstsein. Wie unendlich grausam muss es sein, in einem Pflegeheim zu liegen sich nicht mitteilen zu können, von Pflegern gewaschen und per Magensonde ernährt zu werden - woher soll denn der Lebensmut kommen, den man braucht, um wenigstens minimale Fortschritte zu machen?
Würdet ihr so noch leben wollen? Glaubt ihr, dass es besser gewesen wäre, hätte man den Krankenwagen nicht rechtzeitig gerufen und sie sterben lassen? Glaubt ihr, dass ein Mensch in einem Pflegeheim ohne die tägliche Liebe seiner Familie die Kraft und den Mut hat, um sein Leben zu kämpfen? Ist ein solches Leben lebenswert? Ist es überhaupt noch ein Leben?
Das muss eine sehr bedauernswerte Person sein. Ich sehe es mal so, dass sie anfangs noch geglaubt hat, mit Hilfe der Angehörigen in das vertraute Zuhause zu kommen, weil sie sich nach dem Erwachen aus dem Koma doch sehr viel Mühe gegeben haben muss, um zumindest wieder etwas beweglicher zu werden. Das hat bestimmt auch große Schmerzen verursacht.
Nachdem das Heim nun aber statt des Zuhauses für diese Person zum ständigen Aufenthaltsort wurde, gab es keine Hoffnung auf ein Heimkommen mehr und die Hoffnung verschwand. Mit ihr verschwand auch der Elan und die Zuversicht, durch gezielte Anstrengung zu einem guten Ergebnis zu kommen.
Wenn die Angehörigen alle paar Tage reinschauen, bringen sie ihre eigenen Probleme mit und diskutieren diese mit anderen. Das wird auch der Kranke mitbekommen und sich denken, dass es keinerlei Sinn mehr macht, sich Mühe zu geben, weil ihm ja nur gezwungenermaßen geholfen wird. Keiner hat mehrere Stunden Zeit, sich mit ihm zu befassen, Oder?
Der Kranke will sich vielleicht mitteilen, eben durch die angesprochenen großen Holzbuchstaben. Aber wer hat die Zeit von der Familie und hilft dabei? Wer hat die unendliche Geduld? Der Kranke wird es so sehen, wie es auch ist. Sein Leben, beziehungsweise das Dahinsiechen, ist nicht mehr lebenswert!
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