Ehrenamt: Umschreibung um für Leistung nichts zu zahlen?

vom 25.12.2012, 15:11 Uhr

Eine Bekannte sucht seid einiger Zeit einen Minijob oder Teilzeitjob. Bei uns in der Gegend leider gar nicht so leicht zu finden. Ehrenämter allerdings sind haufenweise zu bekommen. Egal in welche Richtung es geht. Für die Buchhaltung wird in einer Gemeinde jemand gesucht. Allerdings eben ehrenamtlich. Für Schreibarbeiten und Sortierarbeiten wird in einer anderen Gemeinde in der Nähe jemand gesucht, allerdings ehrenamtlich. Das schlimme ist aber, dass in den Anzeigen erst mal nichts von dem Ehrenamt steht und als meine Bekannte sich beworben hat und dort auch vorstellig wurde, wurde ihr mit dem Satz "Sie müssen doch auch mal was wiedergeben" ein schlechtes Gewissen eingeredet, weil sie sich nicht unter "Wert verkaufen" will. Sie braucht auch das Geld.

Meine Bekannte fragte mich dann, was wohl der Satz bedeutet, dass sie auch mal was wiedergeben soll. Sie hat in ihrem Leben so viel Mist erlebt, den ich nicht erleben möchte und sie braucht bestimmt niemanden etwas wiedergeben. Sie wurde geschlagen und gedemütigt. Sicher hat sie auch eine Zeit lang Hilfe vom Staat bekommen. Aber sie hat sich immer bemüht Arbeit zu bekommen. Nun ist sie seid einiger Zeit wieder glücklich mit einem Mann zusammen.

Findet ihr in mancher Hinsicht auch, dass ein Ehrenamt eine nette Umschreibung dafür ist, dass die Leute für eine Leistung nichts bezahlen müssen? Wer kann sich heutzutage denn noch leisten wirklich unentgeltlich irgendwo arbeiten zu gehen? Gerade bei der Gemeinde sehe ich es so, dass man dann schon einen kleinen Betrag verdienen sollte, wenn man dort arbeitet. Und ich finde es schon nicht schön, wenn einem dann ein schlechtes Gewissen eingeredet wird, wenn man diesen Job nicht annehmen will. Arbeitet ihr ehrenamtlich? Was macht ihr und wie viel Stunden macht ihr es? Könnt ihr euch das wirklich leisten diese Stunden nichts zu verdienen?

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» Ampelmännchen » Beiträge: 1310 » Talkpoints: 0,00 » Auszeichnung für 1000 Beiträge



Mit dem Ehrenamt ist das so eine Sache, weil ich jemanden kenne der einmal für die Stadt gearbeitet hat und sich um das Abmischen von Musik gekümmert hat, sogar dafür bezahlt wurde jedoch trotzdem ehrenamtlich tätig war. Letztendlich musste er permanent Überstunden machen, was vom Ehrenamt einfach nicht mehr gedeckt war und musste sich noch anhören das er nurdas Nötigste macht. Dann kamen auch noch blöde Sprüche als Dank.

Allerdings halte ich ein Ehrenamt nicht für sinnvoll, wenn derjenige wirklich Geld benötigt, dann sollte er so ein Angebot wirklich ablehnen. Zudem halte ich es für sehr fragwürdig, wenn ein Ehrenamt in der Zeitung als mögliches Jobangebot inseriert wird und dem Leser vorgaukelt, er könnte da Geld verdienen. Ich würde dieses Inserat auf jeden Fall der Zeitung melden. Es ist ja gar kein richtiges Jobangebot und gehört woanders hin.

Ich könnte es mir selber nicht leisten für nichts arbeiten zu gehen, allerdings könnte ich mir das vorstellen, wenn es um karitative Zwecke geht, wie zum Beispiel das Austeilen von Essen an Bedürftige oder um die Pflege von alten Menschen, da würde ich natürlich auf das Geld verzichten. Weiterhin wäre auch ein Job in der Obdachlosen Hilfe denkbar, bei welcher man Menschen auf der Straße helfen kann oder etwas Vergleichbares.

» Newsjumper » Beiträge: 598 » Talkpoints: 0,35 » Auszeichnung für 500 Beiträge


wurde ihr mit dem Satz "Sie müssen doch auch mal was wiedergeben" ein schlechtes Gewissen eingeredet, weil sie sich nicht unter "Wert verkaufen" will. Sie braucht auch das Geld.

Klar ist das ganz schön erpresserisch, wenn jemand Ehrenämter schönredet und dann mit solchen Sprüchen an den guten Willen appelliert. Mir ist es auch schon einmal passiert, dass ich mich im sozialen Bereich irgendwo beworben habe und erst etwas später erfahren habe, dass dies eine ehrenamtliche Tätigkeit ist. Ich habe dann aber erstmal nichts dazu gesagt und brav zugehört, obwohl mir klar war, dass ich das nicht machen werde. Und dann habe ich mich eben dann nicht nochmal gemeldet. Das war eine elegante Methode, sich aus der Affäre zu ziehen und ich musste mir keine Gewissensbisse einreden lassen.

Sie hat in ihrem Leben so viel Mist erlebt, den ich nicht erleben möchte und sie braucht bestimmt niemanden etwas wiedergeben. Sie wurde geschlagen und gedemütigt. Sicher hat sie auch eine Zeit lang Hilfe vom Staat bekommen. Aber sie hat sich immer bemüht Arbeit zu bekommen. Nun ist sie seid einiger Zeit wieder glücklich mit einem Mann zusammen.

Na ja, dann immer gleich die eigene Lebensgeschichte auszupacken, halte ich aber auch für übertrieben. Mag ja sein, dass sie Schlimmes erlebt hat, aber das hat ja nun mit dem Thema Ehrenamt nichts zu tun und ich finde es falsch, dass man dann diese alten Sachen wieder hochholt, wenn man sich in einem ganz anderen Bereich mal ungerecht behandelt gefühlt hat. Das kann derjenige, der das Ehrenamt ausschreibt, zum einen nicht wissen und zum anderen hat das wirklich nichts mit der Stelle zu tun.

Findet ihr in mancher Hinsicht auch, dass ein Ehrenamt eine nette Umschreibung dafür ist, dass die Leute für eine Leistung nichts bezahlen müssen?

Es ist in vielen kleinen Gemeinden üblich, dass einige Stellen nur ehrenamtlich besetzt sind, es gibt mitunter sogar nur noch ehrenamtliche Bürgermeister. Und diejenigen, die diese Stellen anbieten, können ja nichts dafür, dass hier nichts gezahlt wird. Das sind meines Wissens nach bestimmte Landesgesetze, nach denen Gemeinden unterhalb einer bestimmten Größe einige Stellen nur noch ehrenamtlich besetzen können, weil sie kein Geld für die Bezahlung der Leute erhalten. Es bringt also in der Situation nichts, dem konkreten Ansprechpartner vor Ort Vorwürfe zu machen. Die Gemeinde kann nichts dafür und hat da auch kein Mitspracherecht.

Wer kann sich heutzutage denn noch leisten wirklich unentgeltlich irgendwo arbeiten zu gehen?

Vielleicht sollte man das im Einzelfall sehen. Ich übe auch ein Ehrenamt aus, in einem Gremium und ich mache da relativ wenig, fast nichts. Ich muss nur an vielleicht 2-3 Tagen einige Stunden dafür aufbringen und das mache ich auch noch daheim am PC. Dafür bekomme ich aber eine Aufwandsentschädigung von bis zu 150 EUR und die ist auch noch steuerfrei. Früher hab ich da etwas mehr gemacht und da waren es fast 300 EUR. Das finde ich gar nicht schlecht. Ich bin mir ziemlich sicher, dass man auch für die ehrenamtliche Tätigkeit in der Gemeindeverwaltung eine Aufwandsentschädigung bekommt.

Und wenn man dann bedenkt, dass bei Ehrenämtern ja auch nicht zu erwarten ist, dass man so streng wie bei einem richtigen Job kontrolliert wird, sondern dass die anderen da eher froh sind, jemanden zu haben, der die Aufgaben übernimmt, wenn auch nicht perfekt, dann ist das eigentlich ganz angenehm. Ich konnte dort vor Ort beispielsweise den PC fröhlich privat nutzen, privat surfen, Mails senden, Drucken (auch große Mengen) und kostenlos telefonieren etc. - da hat nie einer was gesagt bzw. die anderen haben es auch so gemacht. Zudem gab es ab und an leckeres kostenloses Essen und als Dank dann eben noch die Aufwandsentschädigung für ein paar Stunden mittelmäßiger Anstrengung. Wenn Ehrenamt so aussieht, dann kann das durchaus attraktiv sein und parallel zu einem Halbtagsjob oder auch einer Vollzeitstelle problemlos stattfinden.

» Zitronengras » Beiträge: 9393 » Talkpoints: 0,18 » Auszeichnung für 9000 Beiträge



Ehrenamt ist eine gute Sache, allerdings ist dies nicht überall der Fall. Ein richtiges Ehrenamt kann man in der Kirche, Jugendarbeit, Kinderheimen etc haben. Aber Buchhaltung in der Gemeinde ist schlichtweg kein Ehrenamt. Das ist einfach nur Geld sparen. Und ich finde es wirklich eine Frechheit, dass die Leute angelockt werden und man erst nach der Bewerbung erfährt dass es sich hierbei um ein Ehrenamt handelt. So etwas würde ich nicht mit mir machen lassen. Ich bin auch ehrenamtlich tätig, aber dies bin ich in der Jugendarbeit, und auch nur ein paar Stunden, so dass ich noch genug Zeit für mein Studium habe.

Auf so etwas würde ich mich nicht einlassen, und schon gar nicht würde ich dann auch noch ein schlechtes Gewissen machen lassen, wenn ich für meine Arbeit in der Gemeindeverwaltung Geld erwarte. Also so etwas habe ich noch nie gehört und finde es wirklich unerhört. Eine Freundin von mir arbeitet bei uns in der Gemeinde, da werde ich mich einmal erkundigen, ob es dies in unserer Gemeinde auch gibt.

» llohv » Beiträge: 250 » Talkpoints: 0,39 » Auszeichnung für 100 Beiträge



llohv hat geschrieben:Und ich finde es wirklich eine Frechheit, dass die Leute angelockt werden und man erst nach der Bewerbung erfährt dass es sich hierbei um ein Ehrenamt handelt. So etwas würde ich nicht mit mir machen lassen.

Das sehe ich genauso. Ich finde das ziemlich unverschämt und ich frage mich, wie verbreitet und üblich diese Praxis eigentlich ist. Mir ist neu, dass so ein Detail wie ein Ehrenamt überhaupt verschwiegen wird und ich finde, dass es die Verantwortlichen nicht gerade im positiven Licht dastehen lässt.

Wahrscheinlich spekuliert man dann darauf, dass der Bewerber kurzfristig in den sauren Apfel beißt, auch wenn er eigentlich bezahlt werden möchte. Das ist echt eine fiese Masche und da würde ich mich definitiv beschweren und auch die Mitmenschen auf diese Masche hinweisen, damit das ein Ende hat.

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» Täubchen » Beiträge: 33305 » Talkpoints: -0,78 » Auszeichnung für 33000 Beiträge


Ehrenamt hat in meinen Augen immer etwas mit freiwillig zu tun und freiwillig hat etwas damit zu tun, dass man etwas tut, was man gerne mag. Die hier beschriebene Stellenanzeige ist einfach nur frech und erpresserisch. Es wird mit dem schlechten Gewissen der Bewerber gespielt, frei nach dem Motto, dass man ja durch seine Schreibarbeiten etwas an die Gesellschaft zurückgeben würde.

Ich war bis vor Kurzem in einem Ortsverband einer "blauen" Hilfsorganisation tätig und dort gibt es auch Schreibkräfte. Diese Schreibkräfte haben dies freiwillig gemacht, weil sie vielleicht nicht im aktiven Dienst so einsetzbar gewesen wäre, wie es gewünscht wäre. Aber sie bekamen eine Aufwandsentschädigung. An sich bekamen auch alle Helfer Fahrgeld für die Fahrt zum Dienst und Ähnliches.

Nun hat der Ortsbeauftragte aber entschieden, dass Beträge unter 9 Euro nicht mehr ausbezahlt würden, die Aufwandsentschädigung für die Verwaltungshelfer fiele weg und noch vieles mehr. Jetzt gibt es keine Verwaltungskräfte mehr in dem Ortsverein und auch deutlich weniger aktive Helfer. Da sind aber noch andere Sachen vorgefallen. Also Verwaltungsarbeiten im Ehrenamt sind teilweise echt undankbar, du bist halt die Bürotussi. Daher wäre ich bei solchen Stellenanzeigen auch extremst vorsichtig und ich finde es gut, dass nachgefragt wurde.

» Wibbeldribbel » Beiträge: 11978 » Talkpoints: 6,80 » Auszeichnung für 11000 Beiträge


Wenn man von einer regulären Stelle ausgeht und seine Zeit mit einer Bewerbung verschwendet und dann gesagt bekommt, dass man unentgeltlich arbeiten soll ist das natürlich unverschämt, aber so negativ wie du sehe ich ehrenamtliche Stellen nicht.

Aus meiner Arbeit als Fotografin für ein Tierheim kann ich dir sagen, dass es mehr Interessenten für ehrenamtliche Tätigkeiten gibt als wir überhaupt Bedarf haben. Und die Leute bieten die Arbeit von sich aus an, da wird niemand getäuscht. Es ist klar, dass du für einen Tag Büroarbeit oder Putzen nur mit Kaffee und Kuchen rechnen kannst oder was sonst so mitgebracht wird.

Und ja, das kann ich mir leisten, ziemlich problemlos sogar. Das ist ja meine Freizeit und ich verbringe nicht meine gesamte Freizeit damit nach Möglichkeiten zu suchen wie ich noch mehr Geld verdienen könnte. Wenn ich es mir leisten könnte in meiner Freizeit stundenlang auf einen Bildschirm zu starren kann ich es mir auch leisten durch ein Objektiv zu schauen und Bilder für ein Tierheim zu machen, meinst du nicht?

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» Cloudy24 » Beiträge: 26745 » Talkpoints: 130,74 » Auszeichnung für 26000 Beiträge



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