Antidepressivum absetzen nur auf ärztliches Anraten?
Kann man eigentlich ein Antidepressivum auch ohne ärztliches Anraten einfach absetzen? Hier fragte ich ja schon
Wie lange Antidepressivum einnehmen? . Meine Bekannte will aber jetzt einfach die Medikamente absetzen und nicht mehr nehmen. Was kann da im schlimmsten Falle passieren? Sie ist nicht zufrieden mit dem Arzt und meint, dass er sowieso niemals zustimmen wird, die Tabletten abzusetzen. Aber kann man die Tabletten einfach so absetzen? Ratsam ist es sicher nicht, oder?
Man sollte Antidepressiva NICHT eigenständig absetzen! Das hat zum Einen den Grund, dass man als Patient nicht weiß, wie AD abzusetzen sind, nämlich schleichend, darauf sollte unbedingt geachtet werden. Ansonsten sind krasse, langwierige "Entzugserscheinungen" nicht auszuschließen bzw. diese sind dann garantiert vorprogrammiert. Also lieber immer weniger dosierend einnehmen und letzlich unter ärztlicher Aufsicht komplett absetzen, falls man wirklich absetzen möchte bzw. darf, denn meist ist es so, dass die Beschwerden innerhalb kürzester Zeit wieder auftreten.
Darüber hinaus sieht es bei den Antidepressiva so aus, dass sie normalerweise lebenslang eingenommen werden können, weil sie im Gegensatz zu den Benzodiazepinen keine Abhängigkeit nach sich ziehen. Lediglich mit den Nebenwirkungen wird man zu kämpfen haben, bei weiblichen Patienten ist es primär die Gewichtszunahme (wobei bei Fluoxetin diese NW nicht auftritt!).
Was aber für die Wirkung entscheidend ist, ist, dass man nicht sofort aufhört, nachdem man das Medikament erst 3-4 Tage zuvor angefangen hat einzunehmen. Die Wirkung entfaltet sich nämlich meist nach 1-3 Wochen, darüber sollten die Patienten ebenfalls aufklärt werden. Viele meinen nämlich, dass die Wirkstoffe in den ersten Tagen nicht wirken und so den Effekt in Frage stellen. Eine Latenzzeit von 1-3 Wochen ist üblich für Antidepressiva und sollte den Patienten nicht verunsichern.
Also ich weiß aus meiner Zeit in der Psychiatrie, dass die Ärzte und Psychologen immer über die Patienten geschimpft haben, die ihre Tabletten auf eigene Faust abgesetzt haben. Das hatte sehr oft zur Folge, dass die Patienten sehr schnell wieder zurückgekommen sind, weil sie unerwartet wieder aus dem Gleichgewicht geraten sind.
Viele Menschen nehmen Antidepressiva nicht, weil gerade ein guter Freund gestorben ist oder weil sie arbeitslos geworden sind. Das sind alles Dinge, bei denen man traurig sein darf und das auch über Wochen und Monate lang. Da muss man keine Antidepressiva nehmen. Viele nehmen es, weil ihnen einfach einige wichtige Stoffe im Körper fehlen, zum Beispiel Serotonin oder auch Dopamin. Antidepressiva ist in vielen Fällen ein Medikament wie Insulin oder wie Blutdrucktabletten, bei denen würde man auch nicht auf die Idee kommen, sie einfach abzusetzen, weil uns der Verstand genau sagt, dass es dann wieder schlechter wird,
Bei Antidepressiva ist es ganz oft oder meistens sogar dasselbe. Mit fühlen sich die Leute schon oft müde und nehmen je nach Medikament sogar zu, aber die Depressionen sind gut unter Kontrolle gebracht, viele haben weiter gar keine Nebenwirkungen und sobald es ihnen lange gut geht, setzen sie auf eigene Faust ab, weil sie denken: mir geht es doch gut, wozu dann noch diese Chemie, diese Tabletten? Ja, aber dass das an den Stoffen aus den Tabletten liegen könnte, die der eigene Körper nicht hat, daran denken sie nicht!
Und wieso? Weil z.B. Insulin etwas Altbekanntes und Greifbares ist. Jeder kennt das Problem Diabetes, es ist auch ein anerkanntes Problem. Mit psychischen Problemen wie Depressionen sind wir jedoch noch nicht so vertraut und verstecken diese, sogar vor uns selbst. Viele Patienten wollen ihre Krankheit nicht wahrhaben und dann wird alles ohne nachzudenken abgesetzt,weil es einfach am Verständnis fehlt, dass auch Depressionen von körperlichen Dingen wie etwa zu wenig Serotonin und Dopamin, dafür zu viel Melatonin im Gehirn(!) herrühren können. Und dann kommt ganz schnell die Retourkutsche und die Depressionen kommen zurück. Dann fängt man wieder an, den Körper an die Medikamente zu gewöhnen und dann hat man wieder dieselben Nebenwirkungen, die bei Beginn der Therapie auftreten können. Oft sind die Patienten dann wieder enorm frustriert, weil es für sie ganz klar ein herber Rückschlag ist.
So was kennt man vor allem von manisch-depressiven Patienten. Die setzen ihre Medikamente sehr oft ab, wenn sie gerade in einer Manie stecken, weil es ihnen dann blendend und super geht. Das hat zur Folge, dass sie ihre Hochs und Tiefs ein Leben lang überhaupt nicht unter Kontrolle bekommen und immer wiederkehrende Gäste in der Psychiatrie sind und bleiben.
Was ich nun abschließend sagen will, du solltest deiner Freundin raten, die Tabletten auf keinen Fall auf eigene Faust abzusetzen. Niemand will sie unnötig mit Chemie belasten, aber manches ist einfach notwendig. Wenn sie mit dem Arzt nicht zufrieden ist, soll sie sich lieber erstmal eine zweite Meinung und ein zweites Gutachten von eben einem anderen Arzt einholen, bevor sie irgendetwas an der Medikation verändert. Es wäre einfach schade um sie. Es wäre schade, sollte es ihr jetzt ganz gut gehen, wenn sie das auf' s Spiel setzt, um dann wieder genauso tief zu fallen, wie sie eben erst mit großer Mühe aus diesem Loch herausgestiegen ist.
Wenn sie mit den Nebenwirkungen nicht klarkommt, also wenn sie ungewöhnlich müde ist, enorm Gewicht zunimmt oder unter Kopfschmerzen oder Übelkeit leidet, dann sollte sie das ebenfalls dem Arzt mitteilen und fragen, ob es Ersatzmedikamente gibt, irgendwelche anderen Stoffe, die vielleicht besser verträglich für sie sind. Es gibt kaum Medikamente, die man nicht austauschen kann, jeder verträgt ein Medikament etwas anders, besser oder schlechter.
Ich würde auf keinen Fall die Antidepressiva zu früh absetzen, sondern immer genau nach Verordnung des Arztes handeln. Wenn ich dem Arzt gegenüber misstrauisch wäre, würde ich den Arzt wechseln. Zusätzlich zur Medikamenteneinnahme sollte man ja bei Depressionen auch einen Psychotherapeuten aufsuchen.
Mit diesem sollte man über seine Bedenken reden. Aber bei Depressionen sollte man nicht eigenmächtig handelt. Die Depressionen könnten wieder auftreten, schlimmer werden und bis zum Suizid führen. Depressionen haben sehr häufig körperliche Ursachen. Der Stoffwechsel im Gehirn stimmt nicht. Das kann man nur mit Medikamenten in den Griff bekommen.
Auch hier ist Fakt, dass man keine allgemeingültige Aussage treffen kann und wir alle keine Mediziner sind. Das sollte an sich auch jedem klar sein. Und ich frage mich, ob irgendjemand auf die Idee käme, ohne Absprache mit einem Arzt ein Herzmedikament oder Insulin abzusetzen. Deshalb verstehe ich die Frage ehrlich gesagt nicht wirklich. Und ich persönlich würde da auch keine Freundin oder Bekannte fragen, ob ich ein Medikament absetzen kann. Vor allem wenn klar ist, dass die Freundin oder Bekannte keine Ahnung von dem Thema hat und selbst gar keine Ärztin ist.
Generell ist es ja so, dass man mit Antidepressiva eine niedergeschlagene Stimmung die krankhaft ist auszugleichen. Wobei da sicherlich auch noch äußere Faktoren dazu kommen. Generell ist sicherlich in einem solchen Fall noch zu einer Therapie bei einem Therapeuten zu raten. Aber wenn man die miese Stimmung mit Medikamenten ausgleicht und die äußeren Punkte nicht stimmen und man setzt das Medikament einfach ab, ist ein Rückfall vorprogrammiert. Ich gehe mal davon aus, dass die wenigsten Patienten das wollen.
Oftmals ist es auch so, dass manche Psychopharmaka einem erst mal vorgaukeln, dass nun alles besser ist. Also setzt man das Medikament ab. Auch hier ist ein Rückfall vorprogrammiert. Auch nicht Sinn der Sache oder?
Da auch gefragt wird, was im schlimmsten Fall passieren kann. Im schlimmsten Fall kann das sogar tödlich sein. Was man aber im Vorfeld nicht wissen kann. Aber ein Arzt weiß, wie man Psychopharmaka am besten absetzt. Wobei ich das Wissen am ehesten noch einem Psychiater zutraue. Klar riskieren die auch, dass sie ein Medikament von heute auf morgen komplett absetzen. Dann passen aber entweder alle Faktoren oder der Patient bleibt in irgendeiner Form unter Aufsicht.
Und wie in deinem anderen Thread schon angemerkt, kommt es auch auf die Dosis an. Wenn man eh die Minimaldosis nimmt, macht es weniger aus, wenn man eben ab morgen keine Tablette mehr nimmt. Wenn man aber bei der Maximaldosis ist (oder gar drüber), wird man das wahrscheinlich innerhalb der ersten 24 Stunden extrem merken. Und das mit viel Pech nicht nur an kleinen Absetzerscheinungen.
Außerdem kommt es auch auf die Art des Medikamentes an. Antidepressiva ist nicht gleich Antidepressiva. Die Unterschiede und die Art wie man die einzelnen Mittel am besten absetzt, weiß der Arzt, beziehungsweise Facharzt am besten. Ich würde da kein Risiko eingehen.
Wenn ich mit meinem Arzt nicht zufrieden bin, dann wechselt man den Arzt. Wenn man den Arzt nicht wechseln mag, dann kann man aber klar sagen, ich möchte das Medikament aus den und den Gründen nicht mehr nehmen. In der Regel kommunizieren Ärzte auch und wenn die Gründe gut sind, wird der Arzt einem auch helfen, das Medikament abzusetzen. Was aber in den seltensten Fällen von heute auf morgen geht.
Es geistern ja immer wieder Storys durch die Weltgeschichte, dass Antidepressiva ALLE abhängig machen. Das stimmt definitiv nicht. Reine Antidepressiva machen nicht abhängig. Hier wird von Entzugserscheinungen gesprochen. Einen Entzug kann es an sich nur von Sachen geben, die eben einen Suchtfaktor haben. Klar wird dem Körper aber was weggenommen, was er scheinbar braucht. Klar kann das auch Wirkung zeigen. Ich würde das aber eher als Absetzwirkungen bezeichnen. Und Anmerkung am Rande, die sind zum Teil, auch beim normalen Absetzen, nicht ohne. Ohne Arzt im Rücken würde ich das nicht einfach so machen.
Noch eine Anmerkung am Rande. Es gibt unzählige Antidepressiva auf dem Markt. Wenn man eines gefunden hat was hilft, sollte man es sich mit dem Absetzen gut überlegen. Hat man Nebenwirkungen oder es zeigt keine Wirkung, dann ist ein Absetzen, in Absprache mit dem Arzt, sicherlich sinnvoll. Da ist es dann aber auch sinnvoll, mit einem anderen weiter zu machen.
Es ist alles andere als gut, ein Antidepressivum und viele weitere Medikamente auf eigene Faust abzusetzen. Meine Vorredner haben dazu schon einige wichtige Anmerkungen gemacht, die ich nur unterschreiben kann. Die meisten Leute, die ihre Antidepressiva auf eigene Faust absetzen, werden bald wieder beim Arzt vorstellig, weil sich ihr Zustand wieder verschlechtert. Auch die Absetzung einiger Medikamente ist ein gravierender Eingriff und nicht zu unterschätzen.
Ich habe selbst auch schon psychisch kranke Menschen erlebt, die ihre Tabletten von einem auf den anderen Tag abgesetzt haben, weil es ihnen so gut ging. Dass sich ihr Zustand im Laufe der folgenden Wochen verschlechtert hat, haben einige nicht einmal verstanden. Letztendlich geht es den Leuten durch die Medikamente gut und in einer solchen Situation kommen manche auf die Idee, dass sie das Antidepressivum nicht weiter benötigen. Dass dieses aber ganz klar zu ihrem Wohlbefinden beiträgt, wird vergessen.
Wenn jemand seine Medikamente absetzen möchte, will das gut überlegt sein, damit der Mensch nicht wieder in seine Depression zurückfällt. Auf jeden Fall sollte so etwas mit dem Arzt abgesprochen werden und nicht mit irgendwelchen Bekannten, die vielleicht nicht einmal medizinische Grundkenntnisse haben. Wenn man das Medikament absetzen kann, sollte es ausgeschlichen werden, so wie Getku es bereits geschrieben hat. Bevor es so weit ist, sollte aber genau überlegt werden, ob der Patient ohne das Medikament zurechtkommen wird. Wenn ein Antidepressivum nur als vorübergehende Maßnahme eingesetzt wurde, sollte gewährleistet sein, dass der Patient insgesamt stabil genug ist, um auf das Medikament verzichten zu können.
Dass deine Bekannte das Medikament eigenständig absetzen will, weil sie ihrer Ansicht nach von ihrem Arzt in dieser Sache keine Unterstützung dabei erhalten wird, ist absolut unvernünftig und man kann sich eigentlich denken, wie das weitergeht. Wenn sie mit ihrem Arzt nicht zurechtkommt, sollte sie einen anderen Arzt aufsuchen. Wenn ihr mehrere Ärzte sagen, dass sie die medikamentöse Therapie auf keinen Fall zum jetzigen Zeitpunkt beenden soll, dann muss sie sich darüber vielleicht auch mal Gedanken machen. Es wird ja einen Grund haben, dass sie dieses Medikament einnimmt und ihr Arzt wird sicher wissen, warum er es ihr verordnet hat. Als Laie sollte man da nicht von sich aus einfach aufhören, die Tabletten zu nehmen.
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