Erfahrungen mit alters-starrsinnigen Menschen gesucht

vom 14.03.2012, 12:35 Uhr

Eine Bekannte von mir pflegt ihre Eltern bei sich zu hause. Beide Eltern sind schon weit über 80 Jahre alt und meine Bekannte meint, dass alte Leute wie kleine Kinder werden. Sie werden starrsinnig und wollen noch lange nicht dass, was sie sonst immer für vernünftig hielten machen. Sie ist im Moment ein wenig überfordert, weil mittlerweile nicht nur ihre Mutter so ist, sondern ihr Vater sich das anscheinend bei ihrer Mutter abschaut und es mitmacht. Wie Kinder eben.

Wie geht man mit alters-starrsinnigen Menschen um und welche Erfahrung habt ihr mit diesen Menschen gemacht? Wie kommt so ein Alterstarrsinn überhaupt zustande? Warum werden alte Menschen so starrsinnig?

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» Diamante » Beiträge: 41749 » Talkpoints: -4,74 » Auszeichnung für 41000 Beiträge



Die Oma von meiner Frau wohnt mit uns in unserem Haus, sie hat im letzten Jahr ihren 90. Geburtstag gefeiert. Sie war schon immer sehr dominant und im Alter hat sich das noch extrem verstärkt so dass man auch von Altersbosheit bei ihr sprechen kann. Sie ist geistig noch recht rege, körperlich auch noch ganz gut zusammen, aber starrsinnig wie ein Esel. Wie gesagt, das war sie schon immer, nur ihre Meinung ist richtig und wie andere etwas machen ist immer falsch und sie macht überhaupt keine Fehler. Ich bin tagsüber immer aus dem Haus und bekomme da auch nicht alles mit weil meine Frau diese alltäglichen Nicklichkeiten nicht weiter thematisiert, aber sie tut mir schon Leid und meine Schwiegermutter auch weil sie alle Eskapaden ausbaden müssen.

Nur mal ein paar Beispiele. Ich höre im Bad wenn das Wasser bei ihr in der Küche läuft und läuft. Gehe ich dann rüber sehe ich dass niemand in der Küche ist. Ich stelle das Wasser ab und weise sie darauf hin, es kommt die Antwort dass sie gerade erst rüber gegangen ist. Total sinnlos die Antwort, natürlich auch keine Schulderklärung oder Entschuldigung, aber sie muss es ja auch nicht bezahlen. Sie schläft im Wohnzimmer und lüftet jeden Tag stundenlang während sie sich in der Küche aufhält, dabei steht aber grundsätzlich die Tür ganz weit auf und das ganze Haus kühlt im Winter sofort aus. Schließt jemand von uns die Tür oder man sagt etwas dann kann man ziemlich sicher sein die Tür nach ein paar Minuten wieder offen steht. Hier unterstelle ich absolute Absicht. Überhaupt die offenen Türen, was ich da schon gepredigt habe.

Sie kocht gerne und zu den unmöglichsten Zeiten viel mit Zwiebeln und ähnlich stark riechenden Zutaten, dabei wird aber nicht das Fenster geöffnet sondern die Küchentür damit auch alle etwas davon haben. Wenn sie weiß dass sie abgeholt wird dann öffnet sie eine halbe Stunde vorher ganz weit die Haustür damit derjenige nicht Klingeln muss. Dass im Flur unsere ganzen Schlüssel liegen und jeder sie wegnehmen kann und dass es kalt wird ist für sie kein ausreichendes Argument. Ältere Damen sind ja zuweilen auch etwas undicht, so auch sie. Als ich sie darauf aufmerksam machte dass sie jeden Tag eine Pinkelspur von ihrem Zimmer bis in unser Bad legt dann war sie das auch nicht. So könnte ich noch ewig weitere Beispiele aufzählen.

Ich habe kapituliert, meine Frau auch, ebenso die Schwiegermutter. Ich weiß auch wirklich nicht wie man da gegen steuern kann wenn jemand sich so verhält. Vielleicht nützt es was wenn man mit dem Altersheim droht, aber ich denke dass das meine Kompetenzen übersteigt wenn ich ihr das androhen würde. Meine Frau spricht kaum noch mit ihr und ignoriert sie praktisch weil sie doch nur Beleidigungen als Antworten bekommt und ich sehe das auch nur als einzigen Weg. Es ist ja absehbar dass diese Situation nicht von Dauer ist, aber das hatten wir uns vor zwanzig Jahren auch schon gesagt.

Wie du siehst kann ich dir leider auch keine Ratschläge geben sondern nur zeigen dass es anderen auch so geht und wie wir versuchen damit umzugehen. Vielleicht hilft es doch ein bisschen. Bei uns war die Oma schon immer so in ihrem Wesen, deshalb wundert mich das bei ihr auch nicht wirklich. Ich sehe aber bei meinen Eltern es derzeitig auch so dass sie wirklich alle gutgemeinten Ratschläge ablehnen. Ich habe keine Ahnung wie sich so etwas entwickelt, ich vermute aber das sie ihre eigene Erfahrung der vielen Lebensjahrzehnte einfach überschätzen und eben vieles schon immer so gemacht haben wie sie es jetzt eben auch machen aber eigentlich nicht mehr in der Lage sind. Ein Punkt wäre vielleicht der fehlende kommunikative Austausch. Wer noch im Arbeitsleben steht der weiß dass er täglich mit vielen unterschiedlichen Meinungen und Befindlichkeiten konfrontiert wird mit denen man sich auseinandersetzen muss. Das fehlt einfach im hohen Alter. So wie du schreibst nimmt der Vater auch das Wesen seiner Frau an, vielleicht auch weil er nur noch täglich Umgang mit seiner Frau hat.

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» hooker » Beiträge: 7218 » Talkpoints: 50,84 » Auszeichnung für 7000 Beiträge


Mein Opa war zwar nicht wirklich starrsinnig, ab ließ sich auch nicht einfach etwas aufs Auge drücken. Man einfachsten konnte man ihn quasi lenken, wenn man ihm das ganze als Vorschlag unterbreitet hat. Die Zustimmung kam immer, aber man ihm eben suggeriert, dass er ja entscheiden darf. Und ich vermute, dieser Trick dürfte bei vielen älteren Menschen klappen.

Es ist für sie halt ein Problem, wenn sie nicht mehr Alles allein geregelt bekommen. Wenn man dann aber sagt, du musst das so oder so machen, dann stellen sie eben erst recht auf stur. Daher den Umweg nehmen und den älteren Leuten das was man erreichen will, nur als Vorschlag unterbreiten. Damit lassen sie sich, meiner Meinung nach, leichter überzeugen.

» Punktedieb » Beiträge: 17970 » Talkpoints: 16,03 » Auszeichnung für 17000 Beiträge



Werd du mal 80 Jahre alt. Mit 80 sollte man der King in dieser Gesellschaft sein, weil man alles erlebt hat - vom Krieg angefangen, bei 40 Jahren Arbeit noch lange nicht endend. Man hat alles gesehen, verfügt über ein riesiges Spektrum an Wissen, wenn man nicht gerade von Demenz betroffen ist (aber das ist kein Grund, nicht der King zu sein) und was bekommt man hier zu Lande für all diese Dinge anstelle von Bewunderung, Ehre und Unterstützung? Ein bisschen läppische Rente, die Empfehlung fürs Altersheim und auf jeden Fall wird man an den Rand der Gesellschaft gedrängt anstatt, dass man fest in der Mitte integriert wird. Deutschland geht mit seinen ältesten und treusten Bürgern um wie mit Asozialen. Das würde niemandem gefallen. (In anderen Kulturen ist das anders.)

Alte Leute machen ein bisschen mehr Arbeit, weil sie alt sind und nichts mehr so einfach alleine geht wie man selber gerne möchte, aber darauf nimmt keiner Rücksicht, alle meckern und meutern nur herum. Als alter Mensch müsste jeder von uns befürchten, jederzeit ins Heim abgeschoben zu werden, weil schon mal unser Gesetz Angehörigen oft keine Wahl lässt. Wie viel darf man unterstützte Auszeit nehmen zur Pflege eines Angehörigen, ein halbes, ein ganzes Jahr? Lächerlich im Angesicht dessen, dass man heutzutage 80, 90, 100 Jahre alt wird und der Prozess bis zum Tod ewig dauert.

Allein aufgrund dieser Angst lohnt es sich, starrsinnig zu werden. Hinzu kommt die eigene Enttäuschung darüber, dass eben nichts mehr so geht, wie man sich das vorstellt. Sicher ist es vielen unangenehm, um Hilfe zu bitten. Dauernd um etwas bitten müssen, was man vorher alleine gemacht hat - das macht starrsinnig! Das kennt man von Leuten, die durch einen Unfall in den Rollstuhl gedrängt werden, die sind oftmals auch erstmal ziemlich trotzig und das nicht, weil sie zornig auf ihre helfenden Mitmenschen sind, sondern weil sie enttäuscht und zornig vom Leben und vom Verlauf für sie selbst sind. Ist gut nachvollziehbar oder. Wenn man sich mal in die Lage reinversetzt und sich nicht immer nur als der gütige Helfer sieht?!

Das sollte man sich nicht dauernd annehmen, das sollte man überhören und trotzdem irgendwie versuchen, den Menschen hinter diesem Trotz zu sehen. Ich habe schon viele Heimbewohner und Patienten gehabt, die starrsinnig, stur und auch verletzend waren, darunter sämtliche Altersgruppen, sämtliche Diagnosen, sämtliche Geschichten und Biografien. Das ist belastend, das gebe ich zu, aber es bringt rein gar nichts, auch auf stur zu stellen. Und in dem Moment, wo jemand im Akutzustand des Trotzes ist, beispielsweise als "Sckockreaktion" auf eine fürchterliche Diagnose, dann nützt auch kein "So können Sie nicht mit mir umgehen." etwas. Dann helfen nur unermütliche Freundlichkeit und Aufrichtigkeit und viel Geduld.

Man muss weitermachen. Und irgendwann, ich bin sicher, wenn der Jemand merkt, dass man wirklich da ist und nicht weggeht und ihn nicht nur als Last sieht, dann lässt das ganz oft nach und etwas ganz Neues entsteht, nämlich eine sehr vertrauensvolle Bindung. Manchmal braucht das aber Kraft, die gerade Angehörige allein oft nicht haben, weil sie auch noch andere Dinge erledigen müssen.

Da kann ich nur raten, sich mit Partnern, Enkeln und sonstigen Angehörigen zu "verbünden" und quasi ein Netz miteinander zu schaffen, das sowohl die einzelnen Angehörigen als auch den alten Menschen auffängt. Auf Liebe und Halt kommt es an, man muss ein Team werden, sonst kann man so eine große Aufgabe wie den eigenen Alltag organisieren und die Oma oder den Opa betreuen nicht meistern. Einer allein ist überfordert, das ist klar. Das wäre auch jede professionelle Pflegekraft, wir schaffen vieles auch nur als Team, aber wenn das gut und fest ist, dann wird auch die Betreuung gut.

Je nachdem, ob Oma und Opa bereits eine Demenz haben oder nicht, kann man sich sicherlich auch mal in Ruhe zusammensetzen und darüber reden. Aber wohl bemerkt: in Ruhe. Zwischen Tür und Angel Vorwürfe machen, zählt da nicht dazu. Man darf sich nicht wie viele tun als Fronten sehen: wir gegen die Oma. Das merkt jede Oma, kannste drauf wetten, egal wie hochbetagt sie ist. Das merkt sogar die demente Oma. Das verhärtet diese Fronten nur noch mehr.

Es ist wichtig, dass man gemeinsam mit dem alten Menschen klärt, wie man alles organisiert, welche Aufgabe jeder übernimmt, was jeder so für Vorstellungen hat. Ich denke nämlich, dass sich viele auch übergangen fühlen. Viele hätten gerne mehr Mitspracherecht wie alles gestaltet wird - logisch, als mittelalter Mensch ist das für jeden selbstverständlich, dass er mitentscheidet.

Und allein zu sagen: 'Ich bin aber der Helfende, die Oma muss sich nach mir richten', das geht nicht. Das entmündet den alten Menschen und das ist für jeden Menschen, ganz gleich wie er orientiert ist, ein Grauen und ein absoluter Grund für Starrsinnigkeit. Starrsinnigkeit ist in meinen Augen eine Art Verteidigung. Was will denn so jemand auch machen, wenn er Hilfe braucht und alle aber alles über seinen Kopf hinweg entscheiden. Ich wäre selber aber sowas von zornig und verbittert irgendwann!

Und dass, obwohl ich eigentlich dankbar bin. Ich denke, da muss man sich mal reinversetzen. Ich glaube nämlich auch, dass in einem ruhigen Gespräch, in dem man mit der Oma ist und nicht gegen sie, oftmals herauskommen wird, dass die Oma eigentlich gar nicht so böse sein will. Ich denke, dass sie außer dem, was ich schon angesprochen habe, gar keine Missstände benennen kann, die ihr nicht gefallen. Natürlich ist sie dankbar, aber sie will nicht an den Rand geschoben und übergangen werden. Sie will gefragt und beteiligt werden - so wie immer, so wie es 70 Jahre lang gewesen ist. Warum soll es mit 80 auf einmal aufhören, nur weil sie alt geworden ist? Weil die Angehörigen im Stress sind? Oh ich denke, dass man das im Gespräch klären kann, dass das kein Grund ist.

Ich denke, wenn ich der Oma ruhig sage, dass ich leider die Fenster nicht heute putzen kann, weil ich aufs Amt muss und das stattdessen morgen mache, dann wird sie das verstehen, man muss miteinander Kompromisse finden und da mal die Oma fragen, wie sie sich das vorstellt, ob sie Lösungen hat, das schadet nicht und bringt möglicherweise den Erfolg mit sich. Möglicherweise muss man ein paar mal reden.

Ich hoffe nicht, dass miteinander Reden unmöglich geworden ist (in einer Gesellschaft, wo Ehepaare angeblich nur noch 7 Minuten pro Tag reden?). Das Gute und das zum Schluss kommt jetzt; eine Pflegedienstleiterin, die mich mal unterrichtet hat, sagte mal über den Starrsinn: "Altersstarrsinn ist keine Krankheit." Es gibt also leider keine Medikamente, aber es ist definitiv kein unlösbares Problem.

» Mandragora » Beiträge: 1763 » Talkpoints: 0,49 » Auszeichnung für 1000 Beiträge



Meine Oma war in ihren letzten Monaten sehr starrsinnig und manchmal wusste ich nicht mit ihr umzugehen. Auch weil es mir einfach weh tat zusehen zu müssen wie sie abbaute. So kannte ich sie gar nicht. Ich kannte sie immer als starken Menschen. Und dann meinte sie plötzlich, dass immer jemand bei ihr am Bett sitzen müsse. Das geht aber natürlich nicht. Ich hatte zu der Zeit Uni und war viel weg, Mama musste sich die Kinder meiner Schwester kümmern und mit den Hunden Gassi gehen. Sie hat sich wirklich Mühe gegeben alles unter einen Hut zu bringen, aber Oma verstand nicht, wieso nicht immer einer bei ihr sitzen konnte. Und erzählen durfte man auch nicht, selbst im Flüsterton war es ihr zu laut.

Mein erstes Erlebnis, wo sie richtig starrsinnig war, war, als ich bei ihr saß und sie mir plötzlich sagte, was der Mann da oben an der Decke mit dem Strick in der Hand wolle. Ich war im ersten Moment verwirrt und sie deutete auf eine Stelle an der Decke. Ich schaute hin, um ihr nicht das Gefühl zu geben, dass ich sie ignoriere oder für sonst was halte und meinte dann eben, dass ich da niemanden sehe. Und sie ranzte mich dann richtig an, dass ich dem gefälligst sagen soll, dass er gehen soll. Ich war so verwirrt und ratlos, dass ich Mama hochrief, die dann mit einem Handtuch auf den imaginären Mann los ging und die Decke mehr oder weniger vermöbelte. Sie hatte ähnliche Erlebnisse wohl schon vorher gehabt.

Es war irgendwann nicht mehr möglich mit ihr vernünftig zu sprechen. Sie beharrte felsenfest auf ihrer Meinung, und sei es nun noch so unrealistisch. Ich wusste auch nicht anders mit ihr umzugehen. Einmal warf sie uns vor, wieso wir sie eigentlich ständig in ein anderes Zimmer schieben würden oder wieso wir nachts ständig Leute in ihr Zimmer lassen würden. Ich hab ihr dann einfach mit ruhiger Stimme gesagt, dass sie immer noch im gleichen Zimmer ist und wir auch keine Leute reinlassen. Sie wollte dann noch, dass ich ihr das verspreche, was ich auch getan habe. Aber es ist einfach sehr schwierig und immer wieder unterschiedlich, sodass man dir vermutlich nicht viel raten kann.

Klar, man kann versuchen vernünftig mit ihnen zu reden und zu argumentieren. Nur muss das nicht klappen. Ich denke, man muss da erstens die älteren Menschen testen und so herausfinden was am besten klappt und man muss auch sich selbst testen. Mit der Zeit bekommt man ja Routine.

» musicality » Beiträge: 809 » Talkpoints: 1,77 » Auszeichnung für 500 Beiträge


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