Stufen Versicherungen die Pflegestufe bewusst falsch ein?
Ich möchte hier keine rechtlichen Belange oder etwas in dieser Art diskutieren, sondern nur Euren Erfahrungswerten folgen sowie euren Einschätzungen mehr Interesse zu wenden, weil es jetzt schon zwei mal einen Fall in meiner Familie gab, der mich an die Ehrlichkeit der Versicherungen zweifeln lassen.
Mein Vater ist nun verstorben. Schon vor wenigen Wochen, aber das Thema beschäftigt die gesamte Familie, so frisch, natürlich noch immer. Er war vier Wochen vor seinem Tod ins Krankenhaus eingeliefert worden, weil er Atemnot hatte und Schluckbeschwerden. Er ging davon aus, dass er krank ist, obwohl wir seinen körperlichen Abbau immer stets bemängelt haben.
Muss allerdings dazu sagen, er ist die alte Schule gewesen und ging erst zum Arzt, wenn es im wahrsten Sinne des Wortes zu spät war. Nun stellte man im Hals einen riesigen Tumor fest, der auf die Halsschlagader drückte, nicht mehr operable war und die Chemo nur bedingt helfen würde. Nach vierzehn Tagen bekam er jedoch die Chemo und die Pflegestufe 1!
Das kann ich bis heute nicht nachvollziehen. Mein Vater war bereits einseitig stark durch Lähmungen gehindert, welche er von einem Schlaganfall bekam. Er ist zudem ohne Hilfe nicht mehr in der Lage gewesen, sich zu waschen oder auf die Toilette zu gehen.
Der Tumor hat seine körperliche Verfassung im letzten Jahr deutlich weiter eingeschränkt, aber er nahm das als klassische Alterserscheinungen und zwischenzeitliche Erkältung so hin. Es kam jeden Tag morgens, mittags und abends dann ein Sozialarbeiter vorbei, welcher ihn waschte, die Kanüle zum atmen im Hals reinigte, wechselte usw.
Ich frage mich, ob bewusst von Versicherungen die Pflegestufe gering gehalten wird, weil man Geld sparen möchte oder eben das Pflegepersonal? Das ist nur ein Teil dessen, was passiert ist, aber sagen wir es so, mein Vater war nicht in der Lage ohne Hilfe zu laufen, er lag sonst nur auf einer Seite ,meine Mutter konnte ihn nicht drehen, füttern usw.
Das dort dreimal nur für etwa fünf Minuten jemand kommt, das empfand ich für ein Witz! Ein ähnliches Szenario gab es mit meiner Tante und ihrem Ehemann. Sie hat ihn letzten Endes gepflegt, aber damals konnte ich das noch auf die Zeit schieben, habe ich mir jedenfalls immer so von meiner Tante sagen lassen.
Nun wüsste ich echt gerne einmal, wie ihr die Einstufungen der Pflegestufen seht? Ist das manchmal wirklich gerecht oder kommt es euch sogar vor, dass man absichtlich die jeweiligen Stufen niedrig hält, um weniger Arbeitsaufwand zu haben?
Was hat die Pflegestufe 1 damit zu tun, dass eine Fachkraft von außen nur für 5 Minuten kommt? Mit der Pflegestufe 1 ist ein Pflegebedarf von 90 Minuten pro Tag anerkannt worden, wovon mindestens 46 Minuten auf die Grundlage entfallen.
Das ganze besagt aber nicht, wer diese Pflege leistet. Das können auch komplett die Angehörigen übernehmen. Oder sie buchen nur die Dinge, die sie selbst nicht bewältigen können oder wollen. Übrigens hat das Reinigen und Wechseln des Schlauchs zur Beatmung nicht mit der Pflegeversicherung zu tun. Das ist Behandlungspflege, die zahlt die Krankenversicherung.
Es tut mir sehr leid, dass es bei deinem Vater so grauenvoll gelaufen ist. Aber hattet ihr denn kein ausführliches Beratungsgespräch mit dem Pflegedienst, welche Versorgung nötig und machbar ist? Normalerweise läuft das gut. Zumal Pflegedienste keine Veranlassung haben, Leistungen nicht zu erbringen. Jede Leistung bringt Geld und wird gerne übernommen. Dafür setzen sie sich auch gleich mit der Versicherung zusammen.
Wir haben bisher mit dem MDK nur gute Erfahrungen gemacht. Es wurde vernünftig eingestuft und es gab mehr Hilfsmittel, als wir gedacht hatten. Als pflegender Angehöriger hat man schließlich wenig Ahnung, was es überhaupt gibt, um den Alltag leichter zu machen. Auf Pflegedienste haben wir verzichtet und die Arbeit selbst gemacht.
Ich bin in dem Thema so blutjung, also nicht vom Alter, sondern Erfahrungswert. Er kam ins Krankenhaus wo direkt ein Dienst eingeschaltet wurde, der die Pflege danach übernehmen sollte. Wir waren anfänglich total begeistert, dass man uns das direkt von der Hand nahm, weil der ganze Schock des Krebses tief saß.
Die Krankenschwester erkälte uns, dass dann immer jemand zu meiner Mutter nach Hause käme, dreimal am Tag, ihn reinigt, die Medikamente verabreicht, die Spülung des Metalldingens da im Halse übernimmt, aussaugt und meiner Mutter unter die Arme greift.
Das war meist in fünf bis zehn Minuten pro Tag gegessen, also erledigt. An dem Tag als er vier Wochen nach der Diagnose zu Hause war, kam auch wieder der Pfleger, reinigte das Röhrchen, fragte ob alles Okay ist und war offensichtlich nicht einmal in der Lage festzustellen, dass er an diesem Tag seltsam gesprochen hat, er sein sowieso gehindertes rechtes Bein (durch Schlaganfall) jetzt gar nicht mehr bewegen konnte und es hinterher zog, als sei es zehn Kilogramm schwer.
Uns, als Familie fiel das auf und ihm irgendwie nicht. Abends starb er dann, nachdem der Notarzt die Kanüle im Hals noch intensiver reinigen musste, alles war voller Blut und er bekam einen zweiten Schlaganfall während dessen oder schon im Vorfeld, worauf die Symptome wohl sprachen.
Wir sind nur so erstaunt, dass man sich, wenn man Pflegestufe 1 hat, wir dachten eben, dass man 90 Minuten Anspruch hat, nach maximal zehn Minuten verschwand. Man auch offensichtlich sich nicht richtig gekümmert hat usw.
Es ging bei uns alles etwas durcheinander zu. Das Krankenhaus hat teilweise nicht richtig Auskunft gegeben, aber sofort den Pflegedienst kontaktiert. Das wiederum fanden wir nett. Der zweite Tumor wurde uns, im Übrigen auch verheimlicht und erst gesagt, als er fast entlassen wurde. Das war wirklich ein hammerhartes Unterfangen hier, wovon wir uns in Moment nur schwer erholen können.
Ich hatte mich daher nur die ganze Zeit gefragt, wieso man etwa 90 Minuten Pflegestufe 1 zugesprochen bekommt, aber maximal 30 Minuten davon am Tag wirklich genutzt wurden. Den Rest hat meine Mutter gemacht oder eher notgedrungen. Sie konnte ihn ja selber kaum drehen, den Hintern reinigen, aber wollte ihn eben auch nicht ins Hospiz abschieben.
Vielleicht ist das in Moment auch nur so, dass wir das so heftig sehen, weil wir selber betroffen sind und dazu keinen Abstand gewinnen. Nett behandelt wurden wir im Krankenhaus nicht, aber der Pfleger und manchmal die Pflegerin waren trotzdem sehr nett, nur irgendwie zeitlich knapper bemessen, als mein Vater es gebraucht hätte. Den Rest hat man eben meiner Mutter zugesprochen ohne, dass sie dazu im Ansatz im hohen Alter in der Lage gewesen wäre.
Das Problem ist, dass der Zeitrahmen die Zeit meint, die ein Angehöriger benötigt, um die Hilfe zu leisten. Und selbst diese Zeiten sind knapp bemessen. Nehmen wir ein komplettes Bad im Bett mit Anziehen und Wechseln der Bettwäsche.
Ich habe dafür trotz zunehmender Übung immer etwa eine Stunde benötigt. So viel wird dafür aber nicht angesetzt. Eine Fachkraft schafft das in 20 Minuten noch schneller, ohne grob oder nicht gründlich zu sein. Als Angehöriger schaut man sparsam und fühlt sich unwohl.
Zumal bei der ambulanten Pflege natürlich immer Zeitdruck da ist und viele Dinge, die sein müssten, nicht gehen. Wenn nur zweimal oder dreimal täglich jemand kommt, bleiben manche Dinge auf der Strecke. Wenn Angehörige die Vorlagen nicht wechseln können, bleibt der Betroffene in Kot und Urin liegen. Das Lagern alle zwei Stunden entfällt.
Es kann einfach immer nur das erledigt werden, was zur Zeit des Besuchs anfällt. Gemessen an der Lange eines Tages ist das leider sehr wenig. Aber, das darf man nie vergessen, die meisten Patienten nehmen diese Einschränkungen in Kauf, wenn sie nur in ihrer gewohnten Umgebung bleiben können.
Der Schock, wenn ein Mensch stirbt, ist immer riesig. Meine beiden Onkel sind an Tumoren in Hals und Speiseröhre gestorben. Das ist kein schönes Leiden, leider. Bei ihnen hat es jeweils nicht zur Pflegestufe gereicht, obwohl sie in den letzten Monaten Hilfe benötigen. Nur war es eben noch nicht genug. Anfangs konnten sie ihre Magensonde noch selbst versorgen, dann ging es viel zu schnell, um noch groß Pflege zu organisieren. Die Familie konnte das zum Glück leisten.
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