Nach Böhmermann-Sendung mehr Anzeigen gegen Hass im Netz?

vom 29.05.2022, 10:20 Uhr

Jan Böhmermann und sein Team haben ja letzte Woche wieder einen investigativen Coup gelandet. Vielleicht passt der Begriff Coup nicht so ganz, aber ich fand die Aktion sehr kreativ und aufschlussreich. Wer die Sendung nicht gesehen hat: Das Team vom ZDF Magazin Royal hat in allen sechzehn Bundesländern Hasspostings bei Facebook, Twitter und Co. direkt auf Polizeistationen angezeigt und Gedächtnisprotokolle dazu angefertigt. Auf manchen Revieren hat man das nicht ernst genommen und die Anzeigen erst gar nicht aufgenommen. Mehr dazu hier.

Ich hatte schon mal überlegt, einen bestimmten Post zu melden, tat es dann aber doch nicht. Ich wäre allerdings nicht auf die Idee gekommen, zur Polizei zu gehen und Anzeige zu erstatten, wenn ich nicht direkt betroffen gewesen wäre, sondern hätte es an hassmelden.de gemeldet. Ich wusste gar nicht, dass man sowas anzeigen kann, wenn man nicht direkt betroffen ist.

Wahrscheinlich ärgern sich viele Leute über Hasspostings, sind aber nie auf die Idee gekommen, das bei der Polizei anzuzeigen, es sei denn, sie werden direkt beschimpft. Ich kann mir vorstellen, dass die Polizei jetzt nach der Sendung mit Anzeigen überflutet wird, denn solche Postings wie in der Sendung beschrieben findet man ja zuhauf im Netz. Wird die Polizei jetzt endlich aktiver? Wie wird sie reagieren, wenn jetzt eine Flut von Anzeigen kommt? Wird sowas endlich mal auch zentral erfasst werden? Offensichtlich kochte da ja jede Polizei ihr eigenes Süppchen. Es mussten also sechzehn mal Ermittlungen stattfinden.

» blümchen » Beiträge: 4265 » Talkpoints: 10,50 » Auszeichnung für 4000 Beiträge



Ich sehe da aber auch das Problem bei dem persönlichen Empfinden der einzelnen Person. Die Kommentare, die Böhmermann zur Anzeige gebracht haben, waren ganz klare Hasskommentare mit verbotenen Zeichen und eindeutigem nationalsozialistischem Hintergrund. Aber es gibt auch Menschen, die wirklich sachlich kritisieren, die dann aber einer Person, sagen wir mal einem Influencer sauer aufstoßen.

Ist der Influencer eher dünnhäutig und interpretiert solche sachlichen Kommentare als Hass und bringt ihn dann zur Anzeige, dann sehe ich eine Flut an unnötigen Anzeigen auf die Polizei zukommen. Solche Kleinigkeiten klärt man am Besten mit den Kommentatoren oder benutzt die Blockliste. Ist klarer und reiner Hass ersichtlich, dann darf man es natürlich zur Anzeige bringen, genauso wie Psychoterror oder Stalking. Aber ich denke, dass man da schon abwägen sollte. Denn Kritik ist nicht gleich Hass und Hass ist nicht gleich Kritik.

Ob es jetzt nach Böhmermanns Beitrag mehr Anzeigen hageln wird, ich weiß es nicht. Bei Twitter hat man schon gemerkt, dass die Kommentare sich nur schwer nachverfolgen ließen, entweder weil die Kommentatoren Server aus dem Ausland verwendet haben oder sehr anonym arbeiteten. Twitter ist da ein komplizierteres Pflaster. Facebook ist da natürlich einfacher, besonders wenn die Personen so dumm sind und mit Klarnamen posten. Ansonsten denke ich, dass man darauf achten sollte, wie die Hasskommentare formuliert sind, denn ein sachlicher Kommentar hat vermutlich echt weniger Anzeigen-Erfolg als ein klar ersichtlicher Hasskommentar.

» Wibbeldribbel » Beiträge: 12026 » Talkpoints: 21,25 » Auszeichnung für 12000 Beiträge


Ähnliche Themen

Weitere interessante Themen

^