Könnte der Mensch ohne Bindungen existieren?

vom 13.11.2017, 06:30 Uhr

Ein Professor ist der Ansicht, dass der Mensch soziale Beziehungen dringend zum Überleben braucht und ohne gar nicht existieren könnte. Mag sein, dass das zu Zeiten von Jägern und Sammlern noch der Fall war, weil man nur gemeinsam als Kollektiv überleben konnte und das damals eben vorteilhaft war. Aber lässt sich diese These auch auf den Menschen des 21. Jahrhunderts übertragen, der durch die Digitalisierung alles online ordern könnte, was er braucht und theoretisch gar nicht vor die Tür gehen bräuchte?

Wie seht ihr das? Braucht der Mensch des 21. Jahrhundert immer noch soziale Beziehungen um zu existieren oder geht das problemlos auch ohne, weil man durch das Internet ja alles bestellen und bekommen kann, was man möchte? Wie definiert ihr überhaupt "soziale Beziehungen"? Ist damit eurer Ansicht nach schon der kurze Small Talk an der Supermarktkasse gemeint oder meint man damit engere Verbindungen wie zu Freunden, Partner oder Familie?

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» Täubchen » Beiträge: 33305 » Talkpoints: -0,78 » Auszeichnung für 33000 Beiträge



Das ist eine wirklich spannende These, die du hier aufstellst. Es gab ja früher Experimente mit Säuglingen, wo diese gut gepflegt wurden aber keinerlei körperlicher Kontakt, außer der nötige aufgewendet wurde. Viele Kinder sind aufgrund der mangelnden Zuwendung gestorben.

Ich bin der Meinung, dass es schwer wird ohne jegliche "echte" Kontakte langfristig bei bester geistiger Gesundheit zu bleiben. Ich persönlich bin jemand, der auf Arbeit sehr viel Umgang mit Menschen hat und als ich einmal Urlaub hatte und meine Freundin beruflich 2 Wochen verreist war, hab ich versucht möglichst viel Zeit für mich zu haben und keinen Kontakt zu meiner Familie und Freunden zu haben.

Die ersten Tage waren sehr angenehm für mich, doch bereits das erste Wochenende wurde langweilig und eintönig. Mitte der zweiten Woche habe ich es dann abgebrochen. Aus eigener Erfahrung möchte ich also deine Frage mit nein beantworten.

» Bassaufdreher » Beiträge: 393 » Talkpoints: 6,32 » Auszeichnung für 100 Beiträge


Sicherlich gibt es Menschen, die alleine am besten klarkommen, aber dennoch kann ich mir nicht vorstellen, dass man so ganz ohne soziale Bindungen als Mensch existieren kann. Das ist so ja auch gar nicht richtig möglich, da man ja doch immer irgendwie mit anderen Menschen in Kontakt tritt. Soziale Bindungen ergeben sich doch da automatisch. Meiner Meinung nach braucht es den Austausch mit anderen Personen um geistig stabil zu bleiben.

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» Ramones » Beiträge: 46693 » Talkpoints: 11,45 » Auszeichnung für 46000 Beiträge



Die Thesen meiner Vorredner finde ich sehr interessant. Die Geschichte von den Säuglingen kenne ich auch. Wilson, der Volleyball als Ersatzpartner für den Mann auf der einsamen Insel oder die Buschmänner in der Kalahari- Wüste, die 1,60 Meter hoch sind, einen Bock schießen und dann einen ganzen Tag lang ohne Wasser, ich weiß nicht, wie weit durch den Sand rennen, das Tier geschultert- zurück in ihr Dorf. Die reden dann unterwegs auch mit Personen, die nicht da sind. Also sie fangen an, das zu tun, was in Beipackzetteln bestimmter Psychopharmaka beschrieben ist. Wahrscheinlich wegen der extremen Anstrengung aber bei denen ist das normal. Und eben "So weit die Füße tragen": "Reden Sir mit Büschen... mit Bäumen, wenn es sein muss. Damit Sie ihre Sprache nicht verlieren." Aber warum dieses?

Tatsächlich fürchte ich jedoch, das man ohne jegliche, menschliche Kontakte auskommen könnte. Wenn man nur alt genug ist und sich bestimmte Dinge zurechtlegen kann, würde das sicher funktionieren. So könnte ich zum Beispiel mit jemandem chatten, der überhaupt kein Mensch ist, sondern eine Maschine, die von netten Menschen programmiert wurde. Ich bin ganz sicher, dass diese Maschine, wenn sie nur genug über mich "wüsste" sehr gute Gespräche mit mir führen könnte.

Da fällt mir jetzt spontan wieder "real humans" ein. Eine schwedische TV- Serie, bei der es um humanoide Roboter geht. Da läuft es mir irgendwo auch kalt den Rücken hinunter (im Nachhinein) vor allem, wenn ich daran denke, was der Fernsehsender ARTE ausgestrahlt hat und was in der DVD Version fehlt.

» Rehbock » Beiträge: 42 » Talkpoints: 20,02 »



Gerade frage ich mich etwas überrascht, welche Denkweise man haben muss, um soziale Bindungen nur über den Zweck des Warenaustauschs in Form von Verkäufern oder anderen Dienstleistern zu definieren. Natürlich gibt es soziologisch auch diese kleinen Mikro-Bindungen, wie man gerade durch die Pandemie jetzt feststellen konnte und auch, welchen Mehrwert diese für den einzelnen Menschen haben. Aber ich denke, der besagte Professor wird die nicht gerade bahnbrechende Aussage schon aus einer psychologischen oder soziologischen Perspektive hinsichtlich echter Bindungen getätigt haben.

Existieren über einen längeren Zeitraum kann man auch in einem Erdloch, wo einmal täglich jemand einen Korb mit Lebensmitteln herablässt. Aber Leben ist ja hoffentlich noch mehr als nur das pure Überleben und existieren. Auch psychische Gesundheit hat einen hohen Wert, wenn nicht sogar einen der höchsten. Nicht umsonst ist selbst in Gefängnissen die dauerhafte Einzelhaft ohne Kontaktmöglichkeiten für längere Zeiträume verboten.

Und jene, die die totale Autonomie für sich reklamieren und sich selbst als Einzelkämpfer sehen, tun das meistens aufgrund der stärksten Verletzungen in der Geschichte ihrer Bindungserfahrungen. Dort waren die Enttäuschungen und Entbehrungen so groß, dass man irgendwann komplett dicht gemacht hat und nichts mehr erwartet, weil man sowieso nichts bekommen hat.

» Verbena » Beiträge: 4544 » Talkpoints: 3,36 » Auszeichnung für 4000 Beiträge


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