Etwas verpassen, wenn man Jugendliebe heiratet?
Ich finde bei solchen Fragen immer etwas merkwürdig, dass oft so getan wird, als gäbe es den einen perfekten Weg, bei dem man nichts verpasst. Aber den gibt es doch gar nicht, man verpasst immer etwas, in beide Richtungen. So verpasst natürlich jemand, der mit 18 seinen späteren Ehepartner kennenlernt und bis 80 mit ihm zusammenbleibt, eine Menge Erfahrungen. Andere Beziehungen, andere Menschen, andere Dynamiken, andere sexuelle Erfahrungen. Alles andere zu behaupten, wäre etwas blauäugig. Und sexuelle Erfahrungen mit unterschiedlichen Menschen sind schon mehr als nur variabel geformte Geschlechtsteile. Ganze Welten können zwischen zwei verschiedenen Beziehungen oder Affären liegen.
Aber zurück zum Eingangsgedanken: Andererseits verpasst auch jemand, der zehn Beziehungen hatte genauso etwas. Nämlich die Erfahrung, gemeinsam mit einem Menschen über Jahrzehnte seit der Jugend an zu wachsen, alle Lebensphasen miteinander zu durchlaufen und eine sehr tiefe Vertrautheit aufzubauen. Dazu kommt noch, dass ich diesen Gedanken hinsichtlich einer "Probierphase" etwas seltsam finde, weil das Leben doch meistens gar nicht so funktioniert. Die wenigsten Menschen setzen sich mit 18 hin und denken: "So, jetzt habe ich erstmal drei kurze Beziehungen zum Üben, dann zwei längere und mit 32 heirate ich." Meistens verliebt man sich einfach in jemanden und hofft, dass es hält. Und oft tut es das dann wider Erwarten nicht.
Was ich allerdings schon beobachtet habe: Manche Menschen, die sehr jung in ihre erste und einzige Beziehung geraten sind, fangen irgendwann mit Mitte 30 oder 40 an zu grübeln, ob sie etwas verpasst haben. Das heißt nicht, dass alle das tun, aber das Phänomen gibt es durchaus. Gerade der sexuelle Aspekt, aber nicht nur jener, scheint dabei für manche Leute eine nicht ganz unwichtige Rolle zu spielen. Da wird dann plötzlich hinterfragt, wie es wohl gewesen wäre, andere Erfahrungen zu machen. Um mal aus dem Nähkästchen zu plaudern: Als ich Mitte 20 war, war ich schon acht Jahre mit meinem damaligen Freund zusammen und konnte beobachten, welch wildes und bewegtes Leben meine Freundinnen so führten. Da kam schon der Gedanke auf, bestimmte Erfahrungen zu verpassen, denn ein neuer Partner offenbart ja nicht nur die Sensation des sexuell Neuen, sondern eine ganz andere Lebenspalette.
Ich finde das schon eine spannende Frage und bin mir auch ehrlich gesagt nicht sicher, ob nicht selbst bei sehr stabilen und glücklichen Langzeitbeziehungen mal so ein Gedanke aufkam und viele das einfach nicht zugeben wollen/können, weil es sich "nicht gehört". Ich bin nämlich der Meinung, dass jeder Mensch sich mal die Frage stellt oder sich Gedanken darüber macht, ob er vielleicht was verpasst hat in seinem Leben oder einen anderen Weg einschlagen hätte sollen und dann gehört das Thema Liebe und Beziehung meiner Meinung nach auch dazu.
Ich bin auch in einer 22-jährigen Beziehung mit meinem Partner und hatte in meiner Jugend außer ein paar Kuscheleien und "pubertären Schwärmereien" vorher keine Erfahrungen in der Liebe und sexuellen Themen. Und auch in meinem Bekannten- bzw. Freundinnenkreis gibt es solche Langzeitpartnerschaften bzw. Ehen und diese Frage war schon öfter Thema.
Ich bin zum Beispiel auch völlig übergangslos von meinem Elternhaus in die Wohnung meines Partners gezogen. Ich war damals 19 und er 21 Jahre und für uns beide war es das erste "Alleineleben", was es dann im Endeffekt ja gar nicht war. Wir hatten sozusagen nie eine Phase in unserem Leben, in der wir mal nur für uns gewohnt haben und machen konnten was wir wollten, ohne auf jemanden anderen Rücksicht zu nehmen. Nicht ganz 1 1/2 Jahr später sind wir dann sogar Eltern geworden und schwups war sogar die reine Paarphase ziemlich schnell beendet.
Meiner Ansicht nach liegt diese Fragestellung gar nicht an mangelnder Liebe, sondern an ganz natürlichen gesellschaftlichen Mechanismen. Im Vordergrund steht meiner Meinung nach tatsächlich der Punkt der fehlenden Vergleichsmöglichkeiten. Wer immer nur eine einzige feste Beziehung hatte und damit verbunden nur einen Intimpartner, dem kann man es eigentlich nicht übel nehmen, wenn er eine gewisse Neugier entwickelt, das ist in meinen Augen echt menschlich. Ob das jetzt rein sexuelle Fragen sind oder vielleicht auch die, ob man auch mit einem anderen Charakteren eine Beziehung führen hätte können oder ob man einen ganz anderen familiären oder beruflichen Weg eingeschlagen hätte, wenn man nicht so früh gebunden gewesen wäre. Ich denke dabei ist einem aber trotzdem früher oder später auch bewusst, dass jeder Weg, den man gegangen wäre, irgendwo seine Sonnen- und Schattenseiten gehabt hätte.
Letztendlich ist dieses Gefühl etwas verpasst zu haben für mich also kein wirkliches Infragestellen des ganzen Lebensweges bzw. der Beziehung, sondern ein Gedanke den man durchaus mal durchspielen und zulassen darf, vielleicht sogar auch mal traurig darüber sein und das Ganze offen und ehrlich mit dem Partner besprechen.
Und nur weil man jung zusammengekommen ist, bedeutet das nicht, dass die persönliche Entwicklung und das Entdecken neuer Facetten aufhören müssen. Es ist alles eine Frage der Kommunikation, des Vertrauens und der Offenheit. Viele Paare zeigen heute, dass man den eigenen Horizont – auch den sexuellen – gemeinsam erweitern kann, ohne die Basis der Beziehung infrage zu stellen. Ob das nun mit bewussten Absprachen, das Ausleben von Fantasien, Swingerclub-Besuche oder sogar Konzepte wie eine offene Ehe geschieht, da gibt es viele Wege. Ein klassisches Beispiel ist auch das Bedürfnis, bisher verpasste gleichgeschlechtliche Erfahrungen nachzuholen. Wenn das Fundament aus Vertrauen steht und man ehrlich miteinander spricht, lassen sich auch solche Wünsche oft in die Partnerschaft integrieren.
Ich würde also abschließend sagen, am Ende verpasst man also nicht wirklich etwas, nur weil man mit der Jugendliebe zusammenbleibt. Man muss nur den Mut haben, die Beziehung mitwachsen zu lassen, offen und ehrlich miteinander reden und einen festgefahrenen Alltag ablegen.
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