Berufsübergreifende Fortbildungen für Ärzte einführen?
Durch meine Arbeit als Physiotherapeut und Schmerztherapeut, in Vergangenheit auch in leitender Funktion in diversen Krankenhäusern, bin ich viel rumgekommen, habe viele Ärzte kennen gelernt und auch deren Arbeitsweise. In einer vorübergehenden Nebenbeschäftigung in einem Klinikum, dessen Namen ich nicht nenne, gab es jedoch Zustände, die ich so krass noch nie erlebt habe und die so nicht zumutbar sind.
In einem Krankenhaus müssen viele verschiedene Berufsgruppen miteinander arbeiten, Schwestern, Pfleger, Physiotherapeuten, Ergotherapeuten, Logopäden, Sozialtherapeuten, viele mehr und natürlich ganz oben am Ende der Nahrungskette die Ärzte. Für eine optimale Behandlung des Patienten ist es notwendig, dass alle Hand in Hand arbeiten, was größtenteils funktioniert. Nicht gut, nicht schlecht, es funktioniert.
Doch die Zustände, die ich erleben musste, haben mich tief nachdenklich werden lassen. Denn Patienten, die eine physiotherapeutische Nachbehandlung nach einer Operation erhalten sollten, bekamen eine Verodnung, doch es standen dort Dinge drauf, die grundweg falsch waren. Es wurden von Ärzten Dinge verordnet und Schemata festgelegt, die so falsch waren, dass wir eine riesen Diskussion mit der Leitung des gesammten Unternehmens veranlassen musste, in denen wir das Problem schilderten und tatsächlich einen großen Erfolg verbuchen konnten. Da wir beweisen konnten, dass diese Einzelfälle inzwischen die Regel sind, veranlasste die Unternehmensgruppe des Krankenhauses, dass Ärzte sich in Zukunft in berufsübergreifenden Fortbildungen weiterbilden müssen.
Das heißt im Klartext: Ärzte müssen Seminare besuchen, in denen sie lernen, was nach aktuellem Wissensstand passieren sollte, nachdem sie an den Patienten "herumgedoktort" haben. Oder Weiterbildungen, in denen Dinge gezeigt werden, die Ergotherapie ermöglichen. Dieses Projekt läuft zwar erst seit wenigen Wochen, aber es gibt bereits ein erstes positives Feedback von der gesamten Belegschaft, selbst von den Ärzten.
Ich habe mitbekommen, dass es gehäuft vorkommt. In sehr vielen Kliniken Deutschlandweit. Denn nach dem Medizinstudium, in dem die Nachbehandlung noch durchgesprochen wird, bilden sich viele Ärzte nur noch in den medizinischen Dingen weiter, vernachlässigen jedoch die anderen Aspekte, der an ihren Patienten arbeitenden Berufsgruppen. Ich bin der Meinung, dieses Modell der berufsübergreifenden Weiterbildungen mit so und so großem Anteil pro Jahr sollte in das gesamte Gesundheitssystem übernommen werden. Die Behandlungen wären effektiver, es würde weniger Stress geben und man könnte besser zusammen arbeiten. Das beste daran ist, dass der Patient die bestmögliche Behandlung erhalten würde.
Wie seht Ihr diesen Vorschlag oder das Modell als solches? Macht es in Euren Augen Sinn? Wäre es sinnvoll, es pflichtmäßig einzuführen? Habt Ihr eventuell als Arbeiter oder als Patient ähnliche Erlebnisse gehabt? Und kann man das Modell eventuell auch auf andere Berufe ausweiten, in denen es sinnvoll ist? Denn meiner Erfahrung nach, gibt es so etwas nicht.
Ich stell jetzt einfach mal die Frage in den Raum, was soll ein Arzt denn noch alles lernen? Ein Arzt brauch 12 Jahre Studium, bis er Facharzt ist, das heißt, er lernt sehr viel und sehr lange. Klar er kann dann nicht alles wissen und gerade ältere Ärzte sind oft stur, was ihre Weiterbildung angeht, allerdings muss man im Studium allein schon sehr viel lernen.
Ich finde daher eine Weiterbildung für Ärzte, damit sie mehr Wissen über eine Nachbehandlung bekommen, auf der einen Seite zwar gut, aber dafür gibt es doch auch Personal. Man müsste sich eben besser absprechen mit den Ärzten. Das sollte möglich sein und ist bei uns im Krankenhaus auch der Fall. Wenn man mal sieht, wie viel Ärzte in Krankenhäusern arbeiten müssen und das sie sich so auch noch weiterbilden müssen, frage ich mich, wann sie noch für eine weitere Weiterbildung Zeit finden sollen. Ärzte machen bereits Überstunden, die sie nicht aufschreiben, und arbeiten mehr als andere. Ich denke die Kommunikation zwischen Physiotherapeut und Facharzt sollte besser sein, aber ich denke nicht, dass man pauschal sagen kann, dass Ärzte keine Ahnung von dem haben, was sie tun. Sie sind ja nur bedingt für die Nachsorge zuständig und an dem Kommunikationsmodell sollte man arbeiten.
Ich habe einen zukünftigen Arzt zu Hause sitzen, und wenn ich sehe, was er jetzt schon fürs Studium lernen muss, verstehe ich nicht, wie man noch mehr Fachwissen erzwingen will. Klar ist es wichtig, aber man kann doch nicht erwarten, dass ein Mensch alles weiß und wenn man sich das erzwingt, bleiben dann andere Dinge auf der Strecke. Der Physiotherapeut muss ja auch noch Arbeit haben. Wie gesagt bei uns im Krankenhaus stimmt die Kommunikation zwischen Arzt und Physiotherapeut und man bespricht sich auch wegen der Nachsorge. Man kann hier also nicht pauschalisieren.
Sicherlich haben Ärzte ihr langes Studium, aber sie haben es sich doch selbst ausgesucht und man weiß doch auch vor dem Studium, was auf einen zukommt. Geht man nun völlig naiv in das Studium, ist man fehl am Platz. Ich denke jedoch nicht, dass hier unbedingt das fachliche Wissen erweitert werden soll, sondern eher die Stellung des Arztes, das zwischenmenschliche Miteinander und auch die Kommunikationsfähigkeit, um eben einen optimalen Behandlungsplan zu erstellen.
Manche Ärzte sind wirklich wie die Halbgötter in weiß, und so sehr ich einen fachlichen Arzt auch schätze, umso wichtiger ist mir als Patient die zwischenmenschliche Komponente. Ein Arzt stellt an sich zwar eine Diagnose, aber hierbei kann auch schon mal eine Fehldiagnose und falsche Behandlungen zum Tragen kommen. Was das für den Patienten bedeutet, muss man sicherlich erst einmal nicht ausweiten, nicht wahr? Hier geht es ja auch um Menschen, denen man eigentlich weiterhelfen soll und nicht darum, ausschließlich mit seinem Wissen zu glänzen, was unter Umständen auch fehlerhaft sein kann.
Mit mehr Menschlichkeit, den Blick auch auf andere Dinge gerichtet, und wenn man als Arzt in einem Krankenhausteam arbeitet, auch mal andere Meinungen zuzulassen, kann durchaus schon ausreichend sein. Meiner Ansicht nach entwickeln nicht gerade wenige Ärzte so etwas wie ein Scheuklappenblick und mit den Seminaren werden andere Wege bestritten. Wie gesagt, es sind immer Menschen, mit denen man es zu tun hat und das sollte man niemals vergessen, schon allein für die sollte man auch Blicke in andere Arbeitsweisen erhalten.
Ich habe in meinem Leben schon einige Ärzte gesehen, die es fachlich zwar drauf haben, aber Probleme mit den sozialen Kompetenzen haben. Und ich denke, mithilfe solcher Einblicke kann man dafür sorgen, dass es eben auch etwas sensibler zugeht, ob nun innerhalb eines Teams oder eben auch dem Verhalten Patienten gegenüber. Fachwissen allein ist nicht alles. Zudem gibt es keinen Beruf, in dem man nicht auslernt, mit Beendigung des Studiums ist man niemals ausgelernt.
Ich finde dieses Modell nicht schlecht. Weiterbildungen gehören nach dem Medizinstudium ohnehin dazu. Es reicht nicht, wenn man studiert und sich dann auf dem Wissen ausruht, das man während des Studiums erworben hat. In dieser Zeit finden teilweise schon einige Neuerungen statt und Ärzte müssen da einfach am Ball bleiben. Das gehört zum Job dazu und wer sich nach der Ausbildung oder dem Studium nicht mehr mit Neuerungen (neuen Erkenntnissen, neuen Behandlungsmethoden, etc.) befassen möchte, ist in diesem Berufsfeld falsch. Übrigens studiert man nicht zwölf Jahre um Arzt zu werden, sondern in der Regel sechs Jahre. Darauf folgt zwar die Facharztweiterbildung, allerdings dauern diese Ausbildungen nicht alle sechs Jahre (die interessanteren schon, aber das ist halt so). Während dieser Zeit ist man aber kein Student, sondern arbeitet als Assistenzarzt. Doppelt belastet ist man natürlich dennoch. Das nur mal so nebenbei, weil hier der Eindruck entstand, dass man zwölf elendig lange Jahre die Uni-Bank drückt.
Selbst im Medizinstudium merkt man schon, dass manche Neuerungen auch relativ schnell in die Lehre mit einfließen. Zum Teil wird besonderer Wert auf Dinge gelegt, auf die man vielleicht vor zehn oder selbst vor fünf Jahren noch nicht so viel Wert während der Ausbildung gelegt hat. Die Medizin als allgemeiner Bereich, in dem Menschen geholfen wird (auf unterschiedliche Weise) ist so weit verzweigt, dass einfach verschiedene Berufsgruppen mitwirken. Da ist es sehr wichtig, dass man auch weiß, wo die Kompetenzen der einen Gruppe enden und wo die der nächsten Gruppe beginnen. Als Arzt sollte man dennoch einen groben Überblick darüber haben, was möglich ist und welche Behandlungen in welcher Situation ratsam sind.
Es geht doch gar nicht darum, dem Physiotherapeuten die Arbeit wegzunehmen. Die Umsetzung liegt doch weiterhin in dessen Obhut. Es ging bei dem, was der Threaderöffner geschrieben hat, lediglich darum, dass die Kompetenz der Ärzte gesteigert wird – und das wiederum ist immer gut. Natürlich spielt die Kommunikation eine große Rolle. Aber der Arzt muss dann auch genau in der Lage sein zu artikulieren, wo das Problem bei dem Patienten liegt und welche Behandlung er sich da vorstellt. Wenn diese dann gar nicht richtig durchdacht ist, ist das mehr als ein Kommunikationsproblem.
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