Wie definiert ihr die Sucht nach Glücksspielen?
Jeder kennt sie, fast jeder hat schon mal an irgendeiner Form des Glücksspiels teilgenommen und kaum einer hat dabei wirklich mal etwas gewonnen. Der Grund warum so viele Menschen sich auf das Glücksspiel überhaupt einlassen ist klar - Hohe Geldgewinne werden ausgeschrieben, wobei jedem aber eigentlich klar ist (oder auf jeden Fall sein sollte), wie gering die tatsächliche Chance auf den Hauptgewinn ist. Glücksspiel gibt es in vielen verschiedenen Formen, sei es nun im Casino am Automaten oder am Spieltisch, sei es die Lotterie, das Wettbüro oder die Spielrunde mit Freunden um Geld.
In meinem Freundeskreis hat es sich in den letzten Jahren, eigentlich seitdem wir ein festes Einkommen haben, irgendwie so eingewöhnt, dass wir hin und wieder mal alle beisammen sitzen und auch um einen "Pott" spielen, wobei wir dies aber nicht öfter als alle zwei bis drei Monate mal tun. Jetzt habe ich aber auch Freunde, die vom zocken einfach nicht genug bekommen können und regelmäßig ins Casino fahren und auch während der Woche nach der Arbeit öfter in der Kneipe am Spiele-Automaten sitzen, etc. Ich höre dann immer wieder, wie diese untereinander berichten, wie viel Geld sie dort gelassen hätten, dass sie es aber einfach nicht sein lassen könnten, weiter zu spielen.
Ich verstehe das irgendwie nicht so ganz und muss mich ernsthaft schon fragen, ob einige meiner Freunde vielleicht Süchtig nach Glücksspielen sind? Ich würde gerne einfach mal von euch hören, wie ihr überhaupt die Spielsucht definieren würdet? Ist man süchtig, sobald man im Monat einen bestimmten Geldbetrag in diese Spiele investiert? Oder ist man erst süchtig, wenn man nicht mehr aufhören kann zu spielen? Kann man eurer Meinung nach überhaupt vom Glücksspiel süchtig werden?
Süchtig ist man immer, wenn man es nicht mehr lassen kann und nicht ohne auskommt. Also würde ich sagen man braucht es so ziemlich jeden Tag oder eben sehr oft. Dazu kommt, dass man bei einer Spielsucht meistens Geld ausgibt, was man eigentlich gar nicht mehr hat, sich welches leiht oder eben Schulden macht. Man muss sich aber nicht unbedingt verschulden, es reicht denke ich schon, wenn das eigentliche Leben darunter leidet. Also man auf Treffen mit Freunden oder der Familie verzichtet, um zu spielen und die Gedanken sich nur noch um das Spielen und die Gewinne dreht.
Glücksspiele gibt es ja in den verschiedensten Formen und Variationen. Nun muss man tatsächlich mal unterscheiden ab wann jemand als Spielsüchtig gilt oder eben nicht. Macht es die Menge des Geldes aus die man verspielt oder ist es die Häufigkeit anhand von Tagen gezählt? Lotto ist ja auch ein Glücksspiel, wird vermutlich von der Hälfte der Bevölkerung hier in Deutschland gespielt und findet zwei oder dreimal die Woche statt. Würde man aber jemanden als Spielsüchtig beschreiben der Lotto spielt obwohl das auch mehrmals die Woche stattfindet und immer einen bestimmten Einsatzbetrag voraussetzt? Ich glaube eher weniger.
Ich für meine Begriffe würde vermutlich nicht mal die Häufigkeit davon abhängig machen, sondern eher wie weit jemand dafür geht um zu spielen. Wenn jemand nicht mehr in der Lage ist sich um seine Fixkosten zu kümmern, Obdachlosigkeit provoziert oder den Strom abgestellt bekommt weil der Abschlag nicht mehr kommt und das alles nur damit ich ein paar Euro mehr in den Kasten schmeißen kann, dann würde ich sagen liegt definitiv ein Problem vor.
Ich selber kann es an fünf Fingern abzählen wie oft ich im Leben mal so einen Kasten bedient habe. Wobei ich sagen muss, von den vielleicht fünf bis sechs Mal die ich an so einem Kasten verbracht habe, habe ich zwei mal mit zwei Mark über 100 Mark rausgeholt. Ich hatte also weit mehr als über die Hälfte wieder von dem draußen, was ich je in solch einen Kasten geworfen habe. Das verbuche ich aber einfach als Anfängerglück. Wenn ich mich davon hätte leiten lassen, sehe das heute sicher anders aus.
Süchtig ist man, wenn man nicht aufhören kann, obwohl man es möchte und obwohl es einem schadet. Das ist der Unterschied zu einem Hobby. Ein Hobby kann man ja auch sehr extensiv ausführen, aber es tut einem gut. Eine Sucht schadet einem immer. Bei Glücksspielsucht empfindet man Reue und verliert viel. Wenn man merkt , dass man nach einem Gewinn weiterspielen möchte, dann sollte man sich nie mehr in einen Spielhalle begeben, denn dann wird es gefährlich. Oder wenn man meint, nach einem Verlust diesen wieder hereinholen zu müssen, dann ist auch eine große Suchtgefahr gegeben. Es zeigt auch, dass man das System des Glücksspiels nicht verstanden hat. Ab und zu zu spielen macht nichts, wenn man damit umgehen kann, also Verluste hinnimmt und sich über Gewinne freut, ohne sie gleich wieder einzusetzen.
Glücksspielsucht verläuft in Phasen: Es geht los mit Neugier, vielleicht wird man von Bekannten oder Freunden in ein Spielcasino mitgenommen und probiert aus Neugierde, wie sich Glücksspiel anfühlt. Auch ich wurde mal in ein Spielcasino mitgeschleift, obwohl ich da allein nie freiwillig rein gegangen wäre. Wenn man schon mal da ist, probiert man natürlich auch aus, ob das Spaß macht. Erste Gewinne werden realisiert. Mir hat das keinen Spaß gemacht, also hab ich es gelassen. Mir ist nix passiert.
Bekannten von mir ging es anders. Es gibt Menschen, denen macht es Spaß, wenn die Automaten geheimnisvoll leuchten und verheißungsvolle Geräusche von sich geben, wenn der Adrenalinpegel hochgeht, die Spannung steigt und dann auch noch Geld ausgezahlt wird. Wer auf Glücksspielerlebnisse oder Glücksspielautomaten mit einem hohen Adrenalinpegel reagiert, dieses Erlebnis als positiv empfindet und möglichst bald wieder erleben will, weitermachen will, der ist in der Anfangs- oder Gewinnphase angekommen. In dieser Phase fällt es noch leicht, aufzuhören, wenn erkannt wird, dass es sich bei Glücksspiel um eine selbstzerstörerische Freizeitbeschäftigung handelt.
Da Casinos und Gewinnspielautomaten keine barmherzigen Geldautomaten sind, sondern den Menschen, die mitmachen, das Geld aus der Tasche ziehen sollen, tritt (Programm bedingt) nach der Gewinnphase sehr bald die Verlustphase ein. Jetzt entscheidet sich, ob Glücksspielsucht entsteht. Wer auch in der Verlustphase weitermacht (weil es ja so spannend und interessant ist, wenn der Adrenalinpegel hochgeht) und die schmerzhaften Verluste und Frustgefühle durch erneutes Spielen ausgleichen will, hat ein Problem. Die Milchmädchenrechnung "Verluste durch Gewinne ausgleichen" geht evt. an der Börse auf, aber nicht im Spielcasino. Manche Spieler glauben, sie bräuchten nur genug Erfahrung, um herauszufinden, wie der Automat oder das Casino funktioniert und wären aufgrund ihrer hohen Intelligenz fähig, Automat oder Casino auszutricksen.
Das ist ein folgenschwerer Irrtum, der durch Programm bedingte Zwischengewinne und den kleinen Entscheidungsspielraum entstehen kann, den der Automat dem Spieler lässt . Die Kontrolle über die Höhe des Gewinns liegt beim Programm des Automaten, nicht beim Spieler. Handelt es sich um ein reines Glücksspiel, ist es ebenso wenig möglich, das Spiel positiv zu beeinflussen. Nach durchlaufener Anfängerphase ist die einzige Möglichkeit, durch Erfahrung zu gewinnen, bei Spielen, die einen sehr hohen Anteil an Strategieelementen und einen niedrigen Anteil an Glücksspielelementen aufweisen (wie es bei manchen Gesellschaftsspielen der Fall ist ). Diese Spiele haben allerdings kaum etwas mit Glücksspielen gemeinsam. Wer beim Glücksspiel versucht, Verluste und daraus entstandenen Frust durch erneutes Spielen auszugleichen, befindet sich in der kritischen Phase oder Verlustphase.
Nach einiger Zeit gewöhnt sich das Gehirn an die üblichen Glücksspielreize (also Geräusche, Lichter, Geldeinsatz) und giert nach mehr. Also wird die Zeit, die mit dem Spielen verbracht wird, erhöht. Es ist kein Zufall, dass viele Spielcasinos 23 Std. täglich geöffnet haben. Auch der Geldeinsatz wird erhöht, um höhere Gewinne realisieren zu können, was den Adrenalinpegel in neue Höhen treibt. Logisch, dass auf diese Weise viel Geld ins Glücksspiel "investiert" wird und je nach monatlichem Verdienst das Geld knapp wird. Viele plündern in dieser Phase ihre finanziellen Reserven, manche machen Schulden in der Hoffnung, Verluste durch höhere Gewinne wieder hereinzubekommen. In dieser Phase wird das Tun des Spielenden für ihn selbst peinlich, was er versucht zu vertuschen.
Er schämt sich für den Geldverlust, für seinen anrüchigen Zeitvertreib, für kleine Schulden bei Freunden und fängt an, sein Tun zu beschönigen: alles normal und unter Kontrolle. Um die ursprüngliche Identität als nichtsüchtiger Mensch, der keine Hilfe benötigt, weiter aufrecht erhalten zu können, verlagert er seinen Standpunkt so, dass er sein Tun als noch normal empfinden kann. Früher war es für ihn undenkbar, einen Großteil der Freizeit in Casinos zu verbringen und das hart verdiente Geld in Automaten zu stecken, nun empfindet er das als normal. Er verbiegt sogar vor sich selbst die Realität, glaubt seine Beschönigungen selbst und glaubt, dass alles noch im grünen Bereich wäre. Zu diesem Zweck vergleicht er sich mit Hardcore-Spielern, die bereits im gesellschaftlichen Abseits stehen, um selbst gut dazustehen.
Er sagt sich, solange ich noch Freunde habe, noch andere Interessen habe, noch finanzielle Reserven habe, ist alles ok. Um das angeschlagene Selbstvertrauen zu stützen, prahlen manche in dieser Phase mit ihren Gewinnen, verschweigen jedoch, wieviel genau sie verloren haben und welche Probleme durch ihr Tun entstanden sind. Wer in dieser Situation seine Nächsten belügt, die ausweglose Lage und die finanziellen Probleme vertuscht, riskiert, dass Beziehungen und Freundschaften zerbrechen. Merkt der Betroffene, was er sich antut, versucht er sein Tun einzuschränken. Einfach nur weniger spielen funktioniert nicht, da es sich in der Verzweiflungs-Phase um eine Sucht handelt. Wer sich bereits in Verzweiflungs-Phase befindet, muss komplett aufhören. Dazu braucht er Hilfe, z.B. durch eine Selbsthilfegruppe für Spielsüchtige, die in jeder Großstadt zu finden ist.
Wer herausfinden will, ob bereits eine Sucht besteht, kann probeweise 6 Monate auf alle Arten von Glücksspielen zu verzichten; der Wunsch zur Veränderung muss vom Spieler selbst kommen. Wem keine unterbrechungsfreie Pause von 6 Monaten gelingt oder nach der Pause nach einer Übergangsphase wieder die gleichen Probleme hat, also aus eigener Kraft den Absprung nicht schafft, sollte Kontakt zu einer Selbsthilfegruppe aufnehmen. Freunde können Süchtige nicht ändern, können sich jedoch vom Tun des Spielers distanzieren, sollten kein Geld leihen. Erst wenn dem Spieler klar wird, dass er ein Problem hat und selbst gerne aufhören möchte macht es Sinn, ihm die Telefonnummer einer Selbsthilfegruppe zu geben.
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