Gespaltene Persönlichkeit - wie entsteht sowas?

vom 22.09.2012, 21:42 Uhr

Im Fernsehen sieht man so oft, dass es auch Menschen mit gespaltener Persönlichkeit gibt. Sie merken nicht, wer gerade die Macht in ihrem Körper haben. Es sind Menschen, die mal denken jemand anderes zu sein, als sie wirklich sind. Wenn solche Filme kommen, dann denke ich immer, dass es etwas frei erfundenes ist. Meine Freundin meinte aber, dass es so was auch wirklich gibt. In ihrer Verwandtschaft ist wohl eine Frau, die deswegen schon Jahre lang in einer psychologischen Klinik ist.

Wie entsteht so eine gespaltene Persönlichkeit? Was geschieht im Körper, wenn die Persönlichkeit gespalten ist?

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» MissMarple » Beiträge: 6786 » Talkpoints: 0,00 » Auszeichnung für 6000 Beiträge



Es heißt ja oftsmals im Volksmund, dass Schizophrene gespaltene Persönlichkeiten sind, das stimmt in dem Sinne nicht so richtig. Diejenigen haben keine festen Personen in sich drin, die immer wieder aufrufbar sind. Schizophrene sind wahnhaft und glauben in ihrem Wahn oftmals, jemand anderes zu sein. Dann sehen sie die Welt für eine gewisse Zeit aus dem Blickwinkel dieser Person, z.B. hatte ich mal einen Patienten, der eines Tages dachte, er wäre Spion der AOK. Das hielt eine Zeit lang an und war dann wieder vorbei. Irgendwann ist er dann davon ausgegangen, ein "Kaltblüter" zu sein, wie er sagte, der die Eigenart aufweist, drei Herzen, drei Hoden, aber nur eine Niere zu besitzen. Dafür hatte er dann seine Erklärungen und irgendwann war dann auch das wieder vorbei.

Dann gibt es aber noch multiple Persönlichkeiten, Menschen mit dissoziativer identitätsstörung. Zu diesem Krankheitsbild gehören viele unterschiedliche Formen, aber am schlimmsten ist es eben, wenn derjenige anfängt, viele feste Persönlichkeiten auszubilden, die abwechselnd die Kontrolle übernehmen und immer wiederkehren. Manchmal sprechen diese Personen auch in unterschiedlichen Tonlagen und haben alle ihren unterschiedlichen Blickwinkel zu meist ein und derselben Geschichte. Alle diese Personen haben eine Sache erlebt, haben aber unterschiedliche Charaktere, die das unterschiedlich wiedergeben. Der eine ist zum Beispiel ängstlich und weint, wenn er davon berichtet, der andere ist tapfer und hat es für die ängstlichen durchgestanden, weil er die Kraft dazu hatte. Oft wissen die Persönlichkeiten aber voneinander nicht genau, was die anderen tun. Um an eine bestimmte Situation aus "der Geschichte" zu erfahren, muss man sich quasi "durchfragen".

Daraus ergibt sich, wie so etwas entsteht: durch traumatische Erlebnisse, die jemand eigentlich nicht verkraften kann. Hinzu kommt, dass derjenige dieses traumatische Erlebnis weitgehend alleine durchstehen musste, ohne, dass er irgendwo Hilfe bekommen hat. So ein Erlebnis ist in vielen Fällen schwerer, sexueller Missbrauch, besonders Kindesmissbrauch und der geht oftsmals über lange Zeitabschnitte. Auch andere Formen von vor allem häuslicher Gewalt zählen dazu, z.B. wenn ein Kind immer wieder mitansehen muss, wie z.B. der Vater die Mutter schlägt oder missbraucht. Da würde sich jeder wegwünschen oder?! Logisch. Kinder können sowas aufgrund ihrer Fantasie natürlich am besten. Es muss irgendetwas passiert sein, dem sich das Kind nicht entziehen konnte, was es erleben musste oder wo es zusehen musste.

Besonders, wenn die Betroffenen noch sehr klein waren bei solchen Erlebnissen, können solche Abspaltungen der Persönlichkeit entstehen. Klar, Kinder sind dann eigentlich fast immer alleine in solchen Situationen, da so etwas meistens im Familienkreis passiert - und wer ist dann noch da, wenn es bereits die Familie ist, die einem Kind so etwas antut: niemand mehr. Dadurch, dass Kinder ihre Persönlichkeit erst nach und nach entwickeln, ist dieser Prozess leicht störanfällig. Kommt dann so ein Erlebnis dazu oder sagen wir ständig wiederkehrende Erlebnisse, dann ist das so traumatisch für ein Kind, dass es das überhaupt nicht alleine durchstehen kann, das ist dann logischerweise einfach zo viel!

Manche Kinder sind dann fähig, sich zu helfen, indem sie selbst gedanklich ganz weit flüchten, wenn das passiert und anfangen, jemanden zu schaffen, der das "für sie erledigt". Sie trennen sich dann zum Schutz innerlich von sich selbst und da man das Bewusstsein nicht einfach ausschalten kann, schaffen sie neue Persönlichkeiten, sozusagen imaginäre Freunde, die oftmals Vorbildfunktion haben und eben so stark sind, dass sie das für einen selbst aushalten können.

Und je schlimmer und häufiger und Zeit einnehmender die Dinge sind, die einem passieren, sage ich jetzt mal, desto mehr Persönlichkeiten entstehen. Es findet sich immer wieder jemand, der fähig ist, das in dem Moment auszuhalten und die anderen, vor allem die eigene, ursprünglich einzige Person, davor zu schützen, was jetzt gerade wieder passiert. Und das schleift sich dann mit der Zeit ein in die noch "weiche Persönlichkeit" des Kindes. Das wird dann Gewohnheit, Normalität und natürlich auch zu einem Erfolgskonzept in diesen schlimmen Situationen und dann bleibt das. Das ist im Erwachsenenalter niemals mehr wegzukriegen, man kann es nur besseren und demjenigen helfen, alles zu verstehen und unter Kontrolle zu behalten.

Solche Menschen sind also nicht verrückt, wenn man so will und sollten auf keinen Fall so behandelt werden. Sie haben einfach in jungen Jahren einen besonderen Schutzmechanismus entwickelt, der sich aufgrund der Schwere der Erlebnisse und des damaligen Alters und natürlich der "unterlassenen Hilfe" möglicher anderer Personen manifestiert hat. Man kann also davon ausgehen, dass diese Verwandte in deinem Fall etwas derartig Katastrophales erlebt hat.

» Mandragora » Beiträge: 1763 » Talkpoints: 0,49 » Auszeichnung für 1000 Beiträge


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