Mit einer multiplen Persönlichkeitsstörung "leben"

vom 29.12.2011, 00:46 Uhr

Wie bereits in einem anderen Thread erwähnt, stieß ich heute über die Erkrankung multiple Persönlichkeitsstörung. Ich habe bereits hier Wie entsteht eine multiple Persönlichkeitsstörung? grob beschrieben, um was es an sich geht. Klar mag das auf den ersten Blick echt spannend klingen. Leider können die Betroffenen aber das Switchen zwischen den Persönlichkeiten nicht steuern.

Wie lebt man wohl mit der Erkrankung? Gerade wenn einen selbst das nicht wirklich bewusst ist. Man sicherlich auch von anderen darauf hingewiesen wird, dass man sich am Vortag ganz anders verhalten hat oder so. Oder wenn eine der Persönlichkeiten halt "Mist" baut und man dann damit konfrontiert wird. Ich stelle mir das nicht so toll vor. Kennt jemand vielleicht jemand der diese Erkrankung hat und wie derjenige damit lebt?

» LittleSister » Beiträge: 10426 » Talkpoints: -11,85 » Auszeichnung für 10000 Beiträge



Ich hatte diese Krankheit traurigerweise selbst einmal, aber zum Glück "nur" für etwa eineinhalb Monate. Das hat mir aber schon absolut gereicht und ich hoffe nur, dass es sich nicht irgendwo im Unterbewusstsein verborgen hält und irgendwann wieder auftaucht! Ich war heilfroh, als es endlich wieder verschwunden war. Ursprünglicher Auslöser war übrigens ein schwerer Unfall mit viel Blutverlust, Gehirnerschütterung, und eben auch diesem, vermutlich durch den Schock bedingten, psychischen Schaden.

Bei mir war es so, dass ich vom Personenwechsel wusste. Es war vom Gefühl her so, als sei die eine Person ich, und die zweite Person eine andere, die mit mir zusammen in meinem einzigen Körper wohnt. Mal hat sie quasi die Kontrolle über meinen Körper ergriffen, sich für mich bewegt und für mich geredet, und ich konnte dabei nur zuschauen. Das war grauenvoll, wenn die Person dann nämlich gerade etwas tat, was mir eigentlich gar nicht so gefiel. Wobei ich da immerhin das Glück hatte, dass nie etwas wirklich Schlimmes geschah. Die "zweite Person" war übrigens eine andere Person, die mit mir zwar Alter und Geschlecht teilte, die allerdings charakterlich irgendwie unfreundlicher und auch etwas gehässiger war, als ich sonst. Auch einige Geschmacksunterschiede gab es zwischen uns. Aber auch, wenn es nicht arg war, dieses Gefühl, man schaut hilflos im eigenen Körper zu, während jemand Anderes ihn kontrolliert, ist einfach nur schlimm.

Neben dieser Angst, dass die "zweite Person" Mist anstellen könnte, oder etwas Gefährliches tun könnte, war aber auch der Zeitpunkt des Wechsel sehr schwierig zu verarbeiten. Er war manchmal mit einer kleinen Amnesie, die sich für einige Minuten zog, verbunden. Das heißt, ich stand plötzlich da, als ich wieder die Kontrolle hatte, wusste nicht, wo ich war, wie ich da jetzt eben hingekommen war, und auch, was ich soeben noch gesagt hatte, wusste ich nicht mehr. Gerade, wenn es mitten im Satz einen Wechsel gab, das war mir schon sehr peinlich, denn erzählt mal anderen Leuten, gerade im Teenie-Alter, dass ihr eine multiple Persönlichkeitsstörung durchlebt. Ich war damals knapp 14 Jahre alt, und da ist man ja als Mensch, der "anders" ist, in einigen Kreisen sowieso schnell ausgegrenzt, und bei psychischen Krankheiten wird man leider Gottes sowieso schnell gemobbt. Abgesehen davon, dass viele wohl keinerlei Wissen gehabt hätten, was eine multiple Persönlichkeitsstörung überhaupt ist. Viele hätten wohl behauptet, ich würde sie anlügen, und so etwas könne es gar nicht wirklich geben. Ich wusste es damals übrigens auch nicht, was ich hatte. Ich habe es erst Jahre später erfahren, nachdem ich zufällig einen Fernsehbericht zu diesem Thema gesehen hatte und bemerkte, dass es mir damals ja genauso gegangen war.

Es war jedenfalls eine sehr ängstliche Phase. Ängstlich, weil man sich fragte, was die "andere Person" als nächstes anstellen würde, denn es erschien einem ja irgendwie alles möglich, auch gefährliche Dinge, wobei ich heute glaube, dass es doch irgendwie alles Grenzen gehabt hätte, also, dass ich körperlich doch eigentlich die ganze Zeit eher in Sicherheit war, auch, als ich gerade das Gefühl hatte, mich kontrolliere eine unberechenbare, fremde Person. Aber man hatte eben auch beispielsweise ein großes Unbehagen, weil man sich um die Reputation bei seinem Umfeld fürchtete. Das war gerade in dem Alter auch sehr belastend. Demnach bin ich sehr froh, dass es so schnell wieder vorbei war.

Wie das sein muss, wenn man das jahrelang hat, wenn keinerlei Heilungserfolg in Sicht ist, oder auch, wenn man von seiner eigenen Persönlichkeitsspaltung gar nichts weiß, das möchte ich mir kaum vorstellen. Das muss in seiner Intensität und Grausamkeit noch um Einiges schlimmer gewesen sein, als das, was ich erlebt habe, und das war ja schon schlimm. Wenn das auch, auch, wenn das vielleicht ein wenig merkwürdig klingen mag, aus heutiger Sicht irgendwie eine faszinierende Erfahrung war, die ich kaum mehr missen möchte. Es ist eben ein Einblick in die menschliche Psyche, die mich immer sehr interessiert hat, den die wenigsten Menschen je gewährt bekommen. Vielleicht auch zum Glück, da es ja schon schmerzlich ist und enorm belastend. Aber ich habe es überstanden, fühle mich heute gesund, gut und glücklich, und demnach kann ich wohl schon sagen, dass es für mich eine interessante Erfahrung war, an der ich, da es mir ja wieder gut geht, jetzt auch nichts mehr auszusetzen habe. Ich akzeptiere es einfach als einen Teil meines Wesens, als Teil meiner Geschichte, und das nehme ich jetzt einfach so hin. Und ich hoffe, dass vielleicht auch andere Menschen aus meinen Berichten über diese schwere Zeit profitieren können. Dann hat es noch eine gute Sache mehr an sich, was mich dann schon irgendwie freut.

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» Wawa666 » Beiträge: 7277 » Talkpoints: 23,61 » Auszeichnung für 7000 Beiträge


Ich habe letztens auf einer Internetseite ein Video über eine Frau gesehen, die diese Krankheit hatte. Sie hatte auch noch eine Tochter, wo ich mir dachte "Das muss hart sein für sie, mit "mehreren" Müttern aufzuwachsen". Mich hat vorallem auch die Stärke der Tochter beeindruckt und wie einfach sie das hingenommen hat. Sie hat erzählt, dass sie alle Seiten ihrer Mutter liebt, einige eben mehr und einige weniger. Ich weiß nicht, ob ich damit zurecht kommen würde, wenn ich zum Beispiel mit meiner Mum über etwas ernstes reden möchte und sie dann plötzlich zu einer 4-jährigen oder ähnlichem wird.

Bei der Mutter war es so, dass wahrscheinlich eine Vergewaltigung im Kindesalter zu dieser Krankheit geführt hat. Daher hat sie auch in einer ihrer Persönlichkeiten Bilder gemalt, die alle einen Teddy enthalten. Wie genau es für die Mutter war, hat man allerdings nicht erfahren, zudem auch jeder ihrer Personen anders auf das Thema reagierte. Aber wie gesagt ich fand es wirklich mutig, wie die Tochter damit umgegangen ist.

» ChocoBiscuit » Beiträge: 10 » Talkpoints: 3,12 »



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