Nervös werden, wenn andere einem zusehen
Ich habe dieses Phänomen schon seit etwa vier Jahren. Erstmals aufgetreten ist es völlig überraschend, als mein damaliger Chef neben mir stand und ich etwas in eine Zeile in den Computer eingeben sollte. Plötzlich zitterte meine Hand. Ich war so erschrocken darüber, weil ich so etwas vorher noch nie erlebt hatte. Seitdem hat sich die Angst davor, dass so etwas wieder passiert, bei mir so stark manifestiert, dass es mir immer wieder passiert. Nicht bei allen Menschen, aber bei bestimmten. Und ich kann jetzt nicht mal sagen, bei welchen, ob nun große, kleine, dicke oder dünne, Frauen oder Männer. Es passiert einfach.
Besonders schlimm ist es, wenn ich vorher eine Zigarette geraucht habe. Gut, das Nikotin erhöht ja bekanntlich die Herzfrequenz und kann auch ein Zittern auslösen, aber auch das kannte ich vorher nicht. Ganz schlimm ging es mir mal, als ich bei einer Personalvermittlungsfirma war. Ich bin zuvor fünf Etagen hochgelaufen, weil ich nicht alleine Fahrstuhl fahren wollte. Oben angekommen, setzte sich eine recht auffällig aussehende und große Dame mit mir an einen Tisch und ich sollte einen Personalbogen ausfüllen. Plötzlich war es wieder da, aus heiterem Himmel, ich hatte nicht mal daran gedacht vorher.
Es war, wie ein Blackout, ich konnte nichts schreiben. Ich hatte mich dann herausgeredet und ihr gesagt, dass ich auf der Hinfahrt beinahe einen Autounfall hatte und deswegen noch nervös bin. Sie füllte dann den Bogen mit meinen Angaben aus und glaubte mir das auch. Nach diesem Vorfall war ich noch erschrockener und die Angst, dass so etwas wieder passiert, ist allgegenwärtig. Es hat sich so eingebrannt, dass ich oft schon nervös werde, wenn jemand zu mir ins Büro kommt und mich bittet, mal auf etwas am Computer zu klicken. Da muss ich ja die Mouse anfassen und es könnten mir schon wieder die Hände zittern.
Oder wenn es mal ein Glas Sekt auf der Arbeit gibt. Ich habe immer Angst, das Glas anzuheben, mit der linken Hand geht es komischerweise besser. Während dieser Nervosität oder vermutlich auch Panikattacke habe ich auch Herzklopfen und meine Hände werden nass. Allerdings habe ich das nur, wenn mir jemand zusieht oder mir auf die Finger sieht. Und auch nicht bei jedem, bei Freunden, Familienmitgliedern oder Leuten, die ich schon lange kenne, habe ich das natürlich nicht. Ich hatte mich mal zu dem Thema belesen und dadurch erfahren, dass es sich dabei um eine so genannte Sozialphobie handeln könnte.
Wenn wir auf der Arbeit unsere Dienstbesprechung haben, bin ich auch nervös und sage kaum etwas, weil ich immer Angst habe, dass es jemandem nicht passen könnte, was ich sage. Als ich noch in der Ausbildung war, muss es auch schon da gewesen sein, denn immer, wenn es hieß, jemand gibt ein Frühstück aus, bekam ich auch Herzklopfen und habe meistens nichts gegessen. Damals habe ich es noch darauf geschoben, dass ich ständig abnehmen und deshalb nichts essen wollte, aber mittlerweile glaube ich, dass ich einfach nur nicht wollte, dass mir jeder zusieht, wie oder was ich esse.
So etwas kann einen schon sehr belasten, daher würde mich mal interessieren, ob es hier auch jemandem so geht und was man dagegen tun kann. Sicherlich gibt es wohl Psychopharmaka, aber so etwas möchte ich nicht nehmen, weil die Nebenwirkungen echt heftig sein können und man diese Mittel dann ein Leben lang nehmen muss.
Ich wurde durchaus schon sehr nervös oder hatte auch Panikattacken, wenn ich mich sehr unter Druck gesetzt gefühlt habe. Das ist meist vermehrt der Fall, wenn mich jemand beobachtet oder ich das Gefühl habe, gestresst zu sein, selbst wenn die Person, die mir "zuschaut" gar nicht diesen Eindruck vermittelt. Da spielt mein eigener Perfektionismus eine große Rolle. Bei mir sind die Symptome allerdings nicht so stark ausgeprägt wie es in deiner Beschreibung klingt.
Die generellen Panikattacken würde ich immer mit einer professionellen Verhaltenstherapie angehen. Direkt zu Psychopharmaka zu greifen löst das Problem leider selten langfristig. Eine gute Therapie löst das Problem von Innen heraus. Sicherlich spielen auch Faktoren wie Nikotin eine Rolle. Gerade wenn man schon einen Hang dazu hat, ist es besser diese Faktoren zu eliminieren. Geraucht habe ich noch nie aber auch Alkohol trinke ich inzwischen seit Jahren nicht mehr. Ich hatte exakt diese Probleme, dass ich beispielsweise nach Sekt immer Herzrasen und auch Druck im Kopf hatte. Dabei hat mir Sekt noch nicht einmal geschmeckt.
Die Gedanken bezüglich des "richtig die Hand anheben" klingen auch ziemlich nach Zwangsgedanken beziehungsweise Ängsten, die durch irgendetwas mal ursprünglich getriggert wurden. Wirklich herausfinden kann das allerdings nur ein Psychologe und auch wenn der Start einer (neuen) Therapie nie einfach ist, bei diesen Symptomen wird langfristig ein ziemlicher Leidensdruck abfallen und Medikamente sind dabei in der Regel gar nicht unbedingt notwendig.
Für mich klingt das nach einem größeren und vor allem sehr belastenden Thema, das sich kaum noch nebenbei im Alltag wegdrücken lässt. Ich kann gut nachvollziehen, wie einschränkend das sein muss, wenn selbst alltägliche Dinge wie Schreiben, Klicken mit der Maus oder ein Glas anheben plötzlich Stress auslösen. Das ist nichts Kleines mehr, sondern etwas, das Dir ständig im Hinterkopf sitzt und Dich permanent unter Spannung hält.
Was mir dabei auffällt: Das wirkt weniger wie ein körperliches Problem, sondern sehr stark wie etwas, das sich über die Jahre festgesetzt hat. Oft hängen solchen Reaktionen alte Erfahrungen, Unsicherheiten oder Situationen aus der Vergangenheit nach, auch wenn man sie nicht mehr konkret greifen kann. Dein Körper reagiert dann schneller als Dein Kopf, und genau das verstärkt die Angst immer weiter. Dieses „Was, wenn es wieder passiert?“ ist aus meiner Sicht ein ganz zentraler Punkt.
Im Alltag stelle ich mir das extrem schwer umsetzbar vor, ohne dass es Dich dauerhaft belastet. Deshalb wäre mein Ansatz ganz klar, nicht zu warten, bis es noch enger wird, sondern aktiv an Dir selbst zu arbeiten. Eine Therapie halte ich hier für sehr sinnvoll, nicht weil mit Dir „etwas nicht stimmt“, sondern um Selbstbewusstsein und Selbstvertrauen wieder aufzubauen und diese Angstspirale zu durchbrechen. Das ist nichts, was man einfach mit Willenskraft abstellt.
Ich würde auch nicht sofort zu Tabletten greifen. Klar, es gibt Medikamente, aber die bekämpfen oft nur Symptome und nicht die Ursache. Viel hilfreicher finde ich es, Schritt für Schritt die eigene Komfortzone zu erweitern, auch wenn das unangenehm ist. Kleine Situationen bewusst aushalten, sich danach reflektieren und merken, dass nichts Schlimmes passiert ist. Das ist anstrengend, aber langfristig wirksamer.
Unterm Strich: Für mich wirkt das wie etwas, das ernst genommen werden sollte, nicht aus Angst, sondern aus Selbstfürsorge. Sich Unterstützung zu holen, ist kein Zeichen von Schwäche, sondern davon, dass Du Dein Leben nicht von dieser Angst bestimmen lassen willst.
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