Was von eurem Schulwissen könnt ihr heute noch brauchen?

vom 27.10.2019, 15:24 Uhr

So Sprüche wie „Du lernst für das Leben und nicht für die Schule oder uns“ oder ähnliches habe ich während meiner Schulzeit immer wieder zu hören bekommen. Und auch ich selbst höre mich das immer öfter sagen, wenn ich mit meiner Tochter über den Sinn des Lernens von Schulhefteinträgen diskutieren muss. Die Frage ist nur, ob da wirklich etwas dran ist. Also wie viel Wissen aus der Schulzeit braucht der "Otto-Normalverbraucher" noch?

Deutsch
Klar, es ist undiskutabel, dass man Lesen und Schreiben können sollte. Dazu gehören für mich sowohl Grammatik und Rechtschreibung als auch das Schreiben, Lesen und Text-Verstehen. Argumentation mit Pro& Contra ist sicherlich im Alltag auch nicht schlecht. Trotzdem frage ich mich ob es nicht wichtiger wäre einen Brief an Versicherung & Co. bzw. eine gute Bewerbung schreiben zu lernen, als ein Gedicht von Goethe oder Schiller zu interpretieren?

Mathe
Im Gegensatz zu Deutsch begegnen wir Mathe schon häufiger im Alltag. Es ist schon sinnvoll beim Einkaufen den Überblick zu behalten (die Grundrechenarten/Runden) bzw. auch die Prozente selbst ausrechnen zu können. Aber muss man wirklich wissen wie viel Umfang ein Trapez hat oder was das Volumen eines Quaders ist? Braucht man Statistik und Wahrscheinlichkeitsrechnung wirklich im Alltag?

Kunst/Musik/Werken
Wenn man sich für das Thema interessiert und eine Begabung dafür hat ist es sicher auch im Erwachsenenalter noch eine entspannende Freizeitbeschäftigung. Im Prinzip also nicht schlecht, wenn man die Grundlagen dafür in der Schule erlernt. Allerdings trotzdem nicht immer nur mit Spaß verbunden, wenn man einfach kein Talent dafür hat.

Fremdsprachenunterricht
Die Zweitsprache - gerade Englisch - ist in unserem Alltag fast nicht mehr wegzudenken. Es ist ja auch wissenschaftlich erwiesen, dass sich Kinder beim Erlernen neuer Sprachen um einiges leichter tun als Erwachsene. Leider sehe ich gerade bei meiner Tochter - die gerade Französisch neu erlernt -, dass in den Schulbüchern oft Themen/Vokabeln behandelt werden, die man in Alltagsgesprächen nicht wirklich verwendet. Man sollte sich auch da meiner Meinung noch ein bisschen mehr auf alltagstaugliches Wissen konzentrieren.

Physik & Co.
Was habe ich Physik, Chemie und Biologie früher gehasst. Bis auf wenige praxisnahe Inhalte wie Ernährungsthemen oder auch Sexualkunde (wobei das eher peinlich war ;-)) gab es viele Themen die für mich völlig uninteressant waren. Gerade in Physik und Chemie könnte man da meiner Meinung noch praxisorientierter arbeiten. Man könnte zum Beispiel mal über Fleckenbehandlung reden und auch Versuche dazu machen. So ein Thema gab es bei uns zumindest nie.

Erdkunde, Geschichte und Sozialkunde
Zum Teil sicher alltagstauglich. Gerade wenn man gerne reist, sollte man schon ein bisschen über die Welt und seine Länder/Kontinente Bescheid wissen. Auch gewisse Themen der Geschichte und Informationen über das eigene Land (Regierungsform, Wahlen etc.) sind alltagstauglich. Und trotzdem gibt es auch hier einige Inhalte im Lehrplan die meiner Meinung nach nicht wirklich wichtig fürs zukünftige Leben sind.

Von welchem Schulfach bzw. Schulthema profitiert ihr im heutigen Alltag am Meisten? Welches Wissen könnt ihr heute noch gut brauchen?

» EngelmitHerz » Beiträge: 2104 » Talkpoints: 42,12 » Auszeichnung für 2000 Beiträge



Am meisten profitiere ich im Alltag zweifellos von meinem Schulwissen aus den Sprachen. Englisch nutze ich nicht nur zur Verständigung auf Reisen, sondern auch beruflich und hobbymäßig regelmäßig, wenn ich beispielsweise internationale Fachliteratur studiere oder mir einen Film im Originalton ansehe. Da ich neben dem Schulenglisch auch immer für mich noch zusätzlich viel mit der Sprache gearbeitet und mich sehr dafür interessiert habe, kann ich auf ein recht hohes Niveau zurückgreifen, das mir vieles ermöglicht und erleichtert. Weitaus weniger Kenntnisse sind mir vom Französisch- und Spanischunterricht übriggeblieben, aber nichtsdestotrotz kann ich auch damit viele Konversationen und Texte verstehen und mich zumindest grob verständigen.

Meine naturwissenschaftlichen Kenntnisse in Biologie, Physik und Chemie haben mir vor allem in den ersten Semestern meines Studiums sehr viel Zeit- und Lernaufwand erspart und erweisen sich im Job bis heute als sehr nützlich. Allerdings helfen sie auch bei Alltagsproblemchen am Auto, in der Küche oder in anderen Lebenslagen. Auch Mathematik ist und bleibt ein täglicher Begleiter beim Einkauf, bei der Steuererklärung oder bei der Berechnung von Medikamentendosierungen, und ist zweifellos wichtig und nützlich. Weniger praktisch hilfreich ist das, was ich in Fächern wie Geschichte, Erdkunde, Deutsch und Kunst gelernt habe. All dieses Wissen - von den Rechtschreib- und Grammatikregeln mal abgesehen - sehe ich eher in der Kategorie „Allgemeine Bildung“, was natürlich auch nicht verkehrt ist, aber seltener gebraucht wird.

Rein gar nichts hat mir lediglich der Sportunterricht gebracht, außer vielleicht einer erhöhten Frustrationstoleranz angesichts der Situation, beim Völkerball immer als letzte gewählt zu werden. Wir haben im Sport nie richtig an der Technik gefeilt, nichts über die korrekte und falsche Belastung des Körpers gelernt und keine medizinischen Basiskenntnisse besprochen. Es ging immer nur darum, zwei Schulstunden irgendwie mit Beschäftigung zu füllen, was mir leider auch viele potentiell sehr attraktive Sportarten madig gemacht hat.

» MaximumEntropy » Beiträge: 7401 » Talkpoints: 913,49 » Auszeichnung für 7000 Beiträge


Der Herr "Otto-Normalverbraucher" hat in der Regel ja eine Ausbildung oder ein Studium absolviert, hat Hobbys und pflegt einen sozialen Umgang mit anderen Menschen. Deshalb lernt man natürlich für das Leben nach der Schule. Es mag zwar nett sein wenn dir dein Chemielehrer erklärt wie Fleckenentferner funktionieren, aber wenn du später in dem Bereich arbeiten willst wird halt vorausgesetzt, dass du rechnen kannst.

Ich kann eigentlich fast alles in irgendeiner Weise gebrauchen, was ich in der Schule gelernt habe. Vieles ist halt einfach sogenanntes Allgemeinwissen, das jetzt nicht zwingend nötig wäre aber dafür sorgt, dass ich bei vielen Themen grob weiß, um was es geht. Und es ist im Job teilweise auch ein großer Vorteil wenn man einen gebildeten Eindruck erweckt und ein bisschen darauf eingehen kann wenn der Geschäftspartner private Interessen anklingen lässt. Und man weiß halt nicht, ob man es irgendwann mal mit jemandem zu tun bekommt, der sich für römische Geschichte interessiert oder für moderne Architektur schwärmt.

Ich würde wohl auch den Sportunterricht als Fach wählen, in dem ich so gut wie gar nichts gelernt habe und nichts von dem wenigen, was ich gelernt habe, heute anwenden kann. Das wenige sind grob die Regeln von Mannschaftssportarten, für die ich mich aber nie interessiert habe. Alles, was ich heute über Sport weiß, habe ich mir selber angelesen oder von Trainern und anderen Sportlern gelernt.

Leider sehe ich gerade bei meiner Tochter - die gerade Französisch neu erlernt -, dass in den Schulbüchern oft Themen/Vokabeln behandelt werden, die man in Alltagsgesprächen nicht wirklich verwendet.

Das Problem hatte ich allerdings auch. Ich kam da mit meinem Schulfranzösisch an, das im Urlaub immer gut gereicht hat, und habe hier im Alltag an der französischen Grenze dann erst mal nur Bahnhof verstanden. Zumindest in den höheren Klassen müsste man den Fokus mehr auf Umgangssprache legen und die Schüler auf mit der Tatsache konfrontieren, dass der durchschnittliche Franzose einfach deutlich schneller spricht als der durchschnittliche deutsche Französischlehrer.

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» Cloudy24 » Beiträge: 25235 » Talkpoints: 74,42 » Auszeichnung für 25000 Beiträge



EngelmitHerz hat geschrieben:Braucht man Statistik und Wahrscheinlichkeitsrechnung wirklich im Alltag?

Das ist ja nun wirklich ein Beispiel für etwas, was man im Alltag braucht. Ohne das Verständnis für Statistik und Wahrscheinlichkeitsrechnung kann man leicht durch angeblich statistisch bewiesene Aussagen irregeführt werden. In vielen Zeitungsartikeln werden statistische Dinge aufgeführt. Ohne ein Verständnis für sowas, kann man das sehr schlecht einordnen. Für Glücksspiele ist man anfälliger, wenn man keine Ahnung von Wahrscheinlichkeitsrechnung hat.

Auch Umfang und Volumen sollte man berechnen und vor allen Dingen auseinander halten können, sonst fehlt einem jegliche Vorstellung davon, wenn man etwas über die Vernichtung von so und so viel Quadratkilometern Urwald liest. Wie kann ich zum Beispiel einen Waldbrand beurteilen, wenn ich überhaupt keine Vorstellung von der Fläche habe. Und ohne eine solche Vorstellung, brauche ich die Information gar nicht zu lesen. Wenn ich meine Wohnung streiche, muss ich doch die Menge der Farbe ausrechnen können, die ich brauche, also die Fläche von Wänden und Decken ausrechnen können.

Ich brauche eigentlich alles Schulwissen noch, wenn auch manchmal nur indirekt. Manche Gedichte und Dramen haben mir als Kinder auch nichts gesagt, aber im Unterbewusstsein ist ein gewisses Gefühl hängengeblieben, das einen vielleicht doch ein wenig prägt.

Latein hat mir sehr viel gebracht, obwohl es viele für unnötig halten. Latein ist zumindest in den ersten Klassen reine Grammatik und das hilft einem beim Verständnis von anderen Sprachen. Und wenn man Deutschunterricht gehabt hat, bekommt man es auch hin, einen Brief an eine Versicherung zu schreiben, was man übrigens auch im Deutschunterricht lernt. Zumindest wird da zwischen Sachtexten, Protokollen, Inhaltsangaben, Interpretationen und so weiter unterschieden.

» blümchen » Beiträge: 1065 » Talkpoints: 30,00 » Auszeichnung für 1000 Beiträge



Einige meiner damaligen Schulfächer gehörten sowieso zu meinen Lieblingsfächern, insbesondere Musik, Erdkunde und Biologie. Von diesem Unterricht habe ich eine Menge behalten, und selbst wenn ich es oft nicht unmittelbar praktisch anwenden kann, nützt mir das Wissen oft indirekt. Im übrigen bin ich ehrlich gesagt ganz froh, dass der Schulunterricht nicht nur zweckgebundenes Alltagswissen vermittelt, denn das fände ich persönlich zu einseitig und zu langweilig.

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» lascar » Beiträge: 2391 » Talkpoints: 472,06 » Auszeichnung für 2000 Beiträge


Meine Schulzeit ist schon ziemlich lange her und hat mich anscheinend auch nicht sonderlich nachhaltig geprägt. Manche Leute können noch nach 30 Jahren sagen, wie die Erdkundelehrerin in der 9. Klasse mit Vornamen hieß, ich weiß gerade so noch, welchen Knaben aus der Parallelklasse ich scharf fand.

Von daher kann ich auch nicht so genau sagen, welchen Wissensbrocken ich im Lauf meines Lebens wann und wo genau aufgeschnappt habe und finde auch, dass "brauchen" manchmal schwer einzuschätzen ist.

Beispielsweise musste ich seit der Schulzeit nie wieder einen Basketball ins Körbchen werfen, Jazz tanzen oder eine Parabel berechnen. Aber anhand dieser für mich völlig nutzlosen Bemühungen habe ich durchaus eine Menge "fürs Leben" gelernt. In Algebra beispielsweise, mich mit einem Minimum an Ahnung, sehr viel Hartnäckigkeit und ein paar Tricks durchzufuchsen, und in Sport, dass eben nicht jeder "alles sein kann, was er will".

All das und noch viel mehr unterschiedliche Erkenntnisse würde ich als "Schulwissen" verbuchen, auch wenn es mit Erdkunde, Latein und Physik erst mal nicht viel zu tun hat. Im Positiven kommt noch hinzu, dass ich meine Begabungen, Stärken und Interessen kennengelernt habe und auch die Erfahrung gemacht, dass Lernen interessanter ist als dumm zu bleiben und sich Einsatz zwar nicht immer lohnt, aber wenigstens immer wieder.

» Gerbera » Beiträge: 9032 » Talkpoints: 2,98 » Auszeichnung für 9000 Beiträge


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