Gelenkoperationen - sollten Übergewichtige selbst zahlen?

vom 02.04.2015, 23:19 Uhr

Obwohl es keine evidenzbasierten Studien in Deutschland oder irgendwo anders auf der Welt gibt, die einwandfrei belegen könnten, dass normales Übergewicht schädlich ist, war es eine Zeit lang in Diskussion, dass Übergewichtige ihre Gelenkoperationen selbst zahlen sollten. Bei Übergewichtigen reden wir hier übrigens von dem Großteil der Bevölkerung der normal moppelig ist und nicht von Extrembeispielen aus den USA.

Heute weiß man, dass die meisten Gelenkoperationen nicht bei Übergewichtigen durchgeführt werden, sondern bei Sportlern. Nicht nur bei Leistungssportlern, sondern bei ganz normalen Hobbysportlern, die mal Fußball spielen oder Joggen gehen. Diese bekommen überdurchschnittlich häufig Probleme mit Gelenken und der Hüfte und müssen daher auch häufig operiert werden.

Wie erklärt ihr euch die Tatsache, dass Übergewichtige ohne jeglichen erkennbaren Grund in unserer Gesellschaft derart diskriminiert werden? Sollte man vielleicht noch ihre Beiträge zur Krankenkasse erhöhen wo doch erst kürzlich eine Studie herausgekommen ist, dass Übergewichtige in der Regel länger leben als Normalgewichtige? Schließlich muss die Kasse ja dann auch länger zahlen? Oder sollten wir sie am Besten ganz aus Deutschland verfrachten und auf eine kleine Insel verbarrikadieren wo sie ihr (überdurchschnittlich langes und gesundes) Leben fristen können?

» Crispin » Beiträge: 14916 » Talkpoints: -0,43 » Auszeichnung für 14000 Beiträge



Dass Übergewichtige länger leben, gilt meines Wissens nach aber nur für moderates Übergewicht, also für Leute mit einem BMI zwischen 25 und 30. Wer noch dicker ist, der hat meistens dann eine geringere Lebenserwartung. Na da habe ich aber nochmal Glück gehabt. ;)

Ich finde generell, dass man die Leistungen der Krankenkassen nicht beständig zurückfahren sollte. Denn wofür zahlen wir denn die Beiträge? Damit wir immer größere Anteile aus eigener Tasche entrichten dürfen? Und wenn man dann anfängt, scheinbare Risikopatienten zu bestrafen, dann geht das nicht mehr mit meiner Vorstellung einer solidarischen Versicherung konform.

Da könnte man auch alle, die einen verletzungsintensiven Sport machen, alle Raucher, alle die gerne mal ein Bierchen zu viel trinken, Menschen mit angeborenen Fehlstellungen usw. mit höheren Beiträgen strafen.

» Zitronengras » Beiträge: » Talkpoints: Gesperrt »


Was macht man mit den Übergewichtigen, die das Übergewicht erworben haben durch die Einnahme von durch den Arzt verschriebenen Medikamenten? Sie müssen die Medikamente nehmen, um nicht wesentlich kränker zu werden.

Gerade las ich in diesem Forum in einem Beitrag, dass Betablocker für eine gewisse Gewichtszunahme sorgen können. Der Patient hätte somit die Wahl, keine Betablocker zu nehmen und in absehbarer Zeit vielleicht tot umzufallen oder Betablocker nehmen, davon dicker werden und mehr an Geld für die Krankenversicherung aufbringen, falls ein solches Gesetz überhaupt möglich werden könnte.

Da hat Zitronengras recht, dass das keine Solidarität mehr wäre.

» Cid » Beiträge: 20027 » Talkpoints: -1,03 » Auszeichnung für 20000 Beiträge



Ich sehe das genauso wie die zwei vor mir. Das Krankenkassensystem baut nun mal auf Solidarität auf. So bekommt jeder medizinische Versorgung, wenn er sie nötig hat. Zum einen hilft das den Patienten ganz direkt. Zum anderen hilft es allen anderen, weil sie auf die gleiche Behandlung hoffen können, wenn sie sie brauchen.

Vor allem kommt es aber doch uns allen zugute, wenn man Patienten nicht alleine lässt. Nicht jeder könnte sich die Operation an den Gelenken leisten. Dann bräuchte er irgendwann einen Rollstuhl. Soll den die Krankenkasse dann auch nicht zahlen? Dann haben wir zig Leute, die ihre Wohnung nicht mehr verlassen können. Irgendwann können sie auch nicht mehr auf die Toilette und andere Dinge. Bekommen sie dann eine Pflegekraft zugeteilt oder lassen wir sie einfach in ihrer Wohnung verrecken?

Das klingt jetzt vielleicht etwas extrem, aber wo sollen wir denn die Grenze ziehen. Wenn man die Behandlung selbstverschuldeter Krankheiten selbst bezahlen muss, könnten die Kassen sogar versuchen, bei einigen Patienten Brustkrebs als stressbedingt zu unterstellen. Und letztlich müssen wir dann alle in einer Gesellschaft leben, in denen es vielen Menschen richtig dreckig geht, weil sie kein Geld haben. Das wäre ein enormer Rückschritt in unserer gesellschaftlichen Entwicklung.

Wie erklärt ihr euch die Tatsache, dass Übergewichtige ohne jeglichen erkennbaren Grund in unserer Gesellschaft derart diskriminiert werden?

Ich denke, das liegt daran, dass Übergewicht als Schwäche angesehen wird. Wenn die Person mehr Disziplin und Stärke zeigen würde, könnte sie abnehmen. Das ist in einer Leistungsgesellschaft so. Sportler sind zwar gefährdeter und somit teurer für das System, aber sie zeigen Leistung. Fußball zu spielen ist somit eine legitimere Freizeitbeschäftigung als Essen.

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» Bienenkönigin » Beiträge: 9448 » Talkpoints: 19,93 » Auszeichnung für 9000 Beiträge



Man sollte bei Gelenkerkrankungen doch nicht nur das Gewicht des Patienten sehen. Denn viele Erkrankungen kommen auch durch den Job. Wer normales Gewicht hat, aber einen Job hat, der sehr auf die Knie geht, wie zum Beispiel Fliesenleger, der wird eher Probleme bekommen, als andere Menschen. Auch der frühere Schulsport spielt bei vielen Menschen eine Rolle, dass sie Probleme mit den Knien und somit Gelenken haben.

Das habe ich selbst durch und wurde schon mit Mitte 20 am rechten Knie operiert. Und trotz etwas Übergewicht habe ich seit dem nur selten mal Probleme. Einfach weil die entsprechende Belastung der Gelenke durch den Sport weggefallen ist. Und so gibt es noch viele andere Ursachen als nur das Gewicht, welche Gelenkprobleme mit sich bringen können.

Wie will man da differenzieren, wer das selbst verursacht hat und wer von einer Zuzahlung oder einer kompletten Eigenzahlung befreit wird. Und was wäre mit den Patienten, die sich dann eine Operation nicht leisten könnten? Da kämen zwangsläufig weitere Erkrankungen dazu, weil man durch die Probleme in den Gelenken auch Fehlhaltungen entwickelt.

» Punktedieb » Beiträge: 17970 » Talkpoints: 16,03 » Auszeichnung für 17000 Beiträge


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