Narben und Wunden anderer sehen und verarzten können?
Ich muss sagen, dass ich eher zweigeteilt bin, was Verletzungen und Narben bei anderen Personen angehen. Bei meinem Partner hat es mir damals nichts ausgemacht, seine doch sehr große und frische Narbe mit Salbe zu behandeln. Sie sah auch nicht blutig oder sonst wie besonders schlimm aus.
Wenn Blut dabei eine Rolle spielt, fällt es mir doch schon schwerer die Wunde zu verarzten. Ich weiß, dass es bei einem Bekannten mal zu einem Arbeitsunfall kam und er sich tief in die Hand geschnitten hatte. Der Kollege, der ihn verarzten sollte, fing wohl sehr an zu zittern und konnte keinen notdürftigen Verband anlegen. So, dass mein Bekannter das dann noch irgendwie selbst machen musste, bevor er dann zum Arzt fahren konnte.
Ich musste schon häufiger meine Haustiere mal verarzten und Wunden oder Abszesse versorgen. Ich denke, dass dies auch schon etwas abhärtet. Wie ist es denn bei euch? Macht es euch etwas aus, bei anderen Personen Wunden oder Narben zu versorgen? Könnt ihr das immer oder ist das auch abhängig von der Verletzung oder Narbe?
Ich glaube, dass ich das so pauschal nicht sagen kann. Die Situation spielt auf jeden Fall eine entscheidende Rolle bei dem Ganzen. So würde ich es unterscheiden in eine schon da gewesene Verletzung und eine eben erst entstandene Verletzung. Bei der längeren Verletzung ist es kein Problem diese auch adäquat zu versorgen, bei einer neuen Wunde stelle ich mir das komplizierter vor.
Um eine frische Wunde zu haben, muss man einen Unfall gehabt haben. Das wiederum heißt, dass ich wahrscheinlich als danebengehender Beobachter unter Schock stehe und deswegen würde ich nicht davon ausgehen in so einer Situation richtig zu handeln. Da spielt auch Erfahrung eine Rolle. Bei mir gab es bisher noch nie so einen Fall und deswegen würde ich wahrscheinlich im Schock nicht gut handeln, wenn man das aber schon ein paar Mal gesehen hat, spielt das sicherlich keine Rolle mehr wie geschockt man ist.
Das man in so einer Situation Berührungsängsten ausgesetzt ist, dürfte aber normal sein. Gerade, wenn man die Person nicht so gut kennt oder nicht so intim kennt wie den Partner, sind da einfach auch Ängste vorhanden. Das ist normalerweise kein Problem, wenn man dann aber etwas an der Person machen muss um zu helfen schon.
Eine Creme irgendwo draufschmieren finde ich aber nicht schlimm und das könnte ich in jedem Fall erledigen ohne Bedenken dabei zu haben, selbst wenn es nicht um meinen Partner geht.
Bei Narben gibt es normalerweise nicht mehr viel zu versorgen. Außerdem habe ich selber welche, und ich finde auch nicht, dass Narben so besonders abstoßend oder was auch immer wirken. Wenn ich damit ein Problem hätte, müsste ich praktisch meine ganze Familie nicht in Unterwäsche sehen können, weil jeder irgendwo eine schrumplige rosa Linie hat. Da würde ich jederzeit Salbe drauf schmieren oder was auch immer, wenn der Besitzer oder die Besitzerin der Narbe selber nicht hin kommt. Gleiches gilt für Haustiere.
Wenn Blut im Spiel ist, sieht es bei mir zumindest ganz anders aus. Ich habe weder die Ausbildung noch die Routine, frische Verletzungen zu versorgen. Außerdem weiß ich ja nicht, ob der oder die Verletzte vielleicht eine Krankheit hat, die über Blutkontakt übertragbar ist. Ich würde also auch nicht heroisch, aber ahnungslos, und am Ende noch un-behandschuht andere Leute verarzten, wenn es über ein Heftpflaster hinaus geht. Unabhängig von meinen eigenen Gesundheitsbedenken möchte ich zudem auch nicht schuld daran sein, dass sich eine Verletzung auf Grund meines stümperhaften Herumgedoktere verschlimmert oder infiziert.
Dass Leute kein Blut sehen können, ist meines Wissens ein relativ verbreitetes Phänomen. Schließlich hat Blut auch eine Schockfarbe und vermutlich reagieren wir instinktiv darauf, dass es ganz und gar kein gutes Zeichen ist, wenn irgendwo rotes Zeug heraus kommt. Aber glücklicherweise kann ich nicht behaupten, dass mir beim Anblick von Blut alleine schon schwindlig oder schlecht wird.
Wenn ich aus der Fassung gerate, dann eher aus Mitgefühl für den Betroffenen. So empathiefähig bin ich dann doch noch, dass sich auch bei mir alles zusammen zieht, wenn jemand anders offensichtlich verletzt ist, aber normalerweise kann ich mich dann noch halbwegs zusammen reißen und zumindest Verbandmaterial suchen gehen.
Bei mir bestanden diesbezüglich eigentlich nie Ängste oder Abneigung, da ich schon seit früher Kindheit in der Familie dafür zuständig war. Meine Mutter hatte einen schweren Unfall und verlor den Großteil ihrer Haut also ich 9 oder 10 war. Als sie aus dem Krankenhaus kam, konnte sie über Monate hinweg gar nichts tun und ich musste ihr täglich alle verbrannten Stellen einsalben, sowie die Stellen wo Haut entnommen wurde für Transplantate, neu verbinden.
Hinzu kam noch meine Oma, der sie ein Bein abnehmen mussten. Die spätere Pflege übernahm ich, da sie sich mit der Situation nicht abfinden konnte und so tat als wäre das Bein noch da. Solche, leichtere aber auch schwerere Verletzungen hatten wir eigentlich immer in der Familie und ich war dafür zuständig, obwohl ich nicht die geringste Ahnung davon habe. Es hat mir nicht gefallen, aber es war notwendig, daher gab es hier keinen Raum für Ängste.
Das erste Mal richtig Hemmung zeigte ich dann bei meinem geliebten Hund. Nach einer OP musste er versorgt werden, da er aber die Notwendigkeit dafür nicht verstand und Schmerzen hatte, tat mir das sehr leid. Es fiel mir schwer ihn zu versorgen und kostete mich viel Überwindung. Bei meinem Sohn ist es nun das Gleiche. Bei kleinen Kratzern ist es noch nicht so wild, aber als ich in den Kindergarten gerufen wurde, weil ihn ein anderes Kind mit einer Schere die Augenbraue aufgeschnitten hat, musste ich all meine Kräfte zusammen nehmen um ruhig zu bleiben und nicht in Ohnmacht zu fallen.
Erst gestern habe ich mich über mich selbst gewundert. Er hatte wohl einen kleinen Unfall mit einem der Fahrzeuge im Kindergarten. Ich dachte erst es sei nicht so wild, da er nur ein kleines Pflaster um den Finger hatte, aber als das Pflaster runterkam, wurde mir ganz anders. Es fehlt nur ein Stück Haut und er hat auch keinen großen Aufstand deswegen gemacht, aber sowohl ich als auch mein Partner hatten das Gefühl, der halbe Finger fehlt. Das Verarzten fiel dann auch dementsprechend umständlich aus.
Ich fühle eigentlich grundsätzlich mit meinen "Patienten", aber desto hilfloser sie sind oder desto weniger sie verstehen, was ich tun muss, desto näher geht es mir. Trotzdem würde ich mich immer überwinden das Nötige zu tun, einzig bei Verletzungen die ich nicht mehr einschätzen kann oder für zu gefährlich erachte, würde ich eher nicht anfassen. Da ich befürchten würde, den Schaden noch zu vergrößern.
Ich kann es gar nicht so pauschal beantworten, denn bei mir kommt es auch darauf an, wen ich verarzten muss. Dabei ist es schon so, dass ich nähere Angehörige besser versorgen kann, als Bekannte. Vielleicht ist dabei mein Mitleid einfach noch eine Spur größer. Aber bei mir kommt es immer auch auf die Tagesform an. An manchen Tagen macht es mir nicht viel aus, Blut sehen zu müssen, aber an anderen dafür umso mehr.
Mein Mann hat sich vor einigen Jahren ziemlich tief in den Finger geschnitten, mit der Kreissäge, die er gerade erst einen Tag hatte. Das musste wohl zur Einweihung sein. Er kam also zu mir in die Küche und hielt seinen blutigen Finger hoch. Ihm selber wurde es dann recht bald schummerig.
Ich habe total cool reagiert, habe mir alles zurecht gelegt und ihn verarztet. Ohne Probleme. Ich weiß nicht mehr, wie lange es gedauert hat, aber es waren auf jeden Fall etliche Minuten. Als ich fertig war, wollte ich ins Bad, um mir die Hände zu waschen und bin keine zwei Meter gekommen. Da musste ich mich dann vorsorglich auf den Boden legen, weil ich fast in Ohnmacht gefallen bin.
Ich fand´s erstaunlich, wie gut ich funktioniert habe, als es notwendig war. Ich musste mich nicht zusammenreißen oder habe auch nur einen Gedanken daran verschwendet. Umso überraschter war ich über die verzögerte Reaktion, aber dafür hatten wir ja dann Zeit.
Ähnliche Themen
Weitere interessante Themen
- Beziehung mit dem Vorhaben eingehen, den anderen zu ändern? 2622mal aufgerufen · 10 Antworten · Autor: Prinzessin_90 · Letzter Beitrag von Phynx
Forum: Liebe, Flirt & Partnerschaft
- Beziehung mit dem Vorhaben eingehen, den anderen zu ändern?
- Sich für die Ausmaße seiner Sammlungen schämen müssen? 1617mal aufgerufen · 11 Antworten · Autor: Prinzessin_90 · Letzter Beitrag von Verbena
Forum: Alltägliches
- Sich für die Ausmaße seiner Sammlungen schämen müssen?
- Junge Generation kennt deutsche Wörter nicht mehr 4379mal aufgerufen · 18 Antworten · Autor: anlupa · Letzter Beitrag von Wibbeldribbel
Forum: Alltägliches
- Junge Generation kennt deutsche Wörter nicht mehr
- Ungerechte / ungleiche Freundschaft 2406mal aufgerufen · 6 Antworten · Autor: merlinda · Letzter Beitrag von Hufeisen
Forum: Alltägliches
- Ungerechte / ungleiche Freundschaft
