Schlechte Medizin - warum bessert sich nichts?

vom 02.04.2015, 22:28 Uhr

Vor einigen Jahren ist das Buch ''Schlechte Medizin'' von Dr. med. Gunter Frank herausgekommen, eigentlich auch nur eines von vielen Büchern, denn auf die Missstände in der Medizin hatten vor ihm schon viele Autoren verwiesen, auf die natürlich keiner hören wollte. Ich selbst war über viele der Missstände erschrocken und konnte vieles auch gar nicht glauben, allerdings bekam ich es durch bekannte Mediziner, Pharmazeuten und anderen Akademikern aus Familie und Umfeld alles bestätigt. Im Grunde bedeutet dies ja nur, dass alle wissen, dass da gehörige was schief läuft, aber es offenbar nicht ändern können.

Der Autor wirft den Pharmakonzernen und Medizinern falsche finanzielle Reize vor, da viele Studien von den falschen Leuten gesponsert werden und die Lehrstühle ebenfalls. Wenn ein Konzern etwas herausbringen möchte, dann muss er nur die richtigen Leute schmieren und nicht wie in anderen Ländern, evidenzbasierte Studien veröffentlichen. Darüber lacht sich die Pharmaindustrie selbst kaputt und nennt Deutschland inzwischen den ''Eminenz Belt'' im Gegensatz zum ''Evidence Belt''. Das sollte einem doch zu denken geben.

Weiterhin kommt es häufiger vor, dass Ärzte ihre eigenen Fähigkeiten selbst überschätzen und sich meist mehr zutrauen, als sie eigentlich können. Dadurch wurden bereits zahlreiche Studienergebnisse stark verfälscht. Es hat ebenfalls dazu geführt, dass sich viele falsche Studien gehalten und in den Köpfen der Menschen festgefressen haben, wie beispielsweise die Tatsache, dass Obst, Gemüse und Vollkornprodukte gesund sein sollen, was bisher noch keiner nachweisen konnte und wovon übrigens auch sehr viele Leute lediglich nur Blähungen und Durchfall bekommen. Wirklich sehr gesund.

Der Autor nennt aber auch zahlreiche Lösungsansätze für diese Missstände. Zum Beispiel möchte er, dass in Deutschland offengelegt wird, wer welche Beziehung zu Pharmakonzernen, Universitäten und Lehrstühlen hat. In den USA gibt es dieses Modell bereits teilweise. Besonders Institute die medizinische Produkte von Pharmakonzernen beurteilen, sollte nicht von diesen gesponsert werden, sondern unabhängig sein. Abgesehen davon soll es auch ein neues Vergütungssystem geben nach dem es nicht mehr von Vorteil ist möglichst viele Medikamente und Therapien zu verordnen, sondern lediglich die richtigen.

Besonders wichtig war dem Autor auch, dass Hightechmedizin erst angewandt wird, nachdem es gute evidenzbasierte Studien zu dem Thema gibt. In Deutschland haben wir Hüftgeschädigte im 3-4 stelligen Bereich, da eine Methode für Hüftoperationen vorher nicht gut genug getestet worden ist. Der Autor fordert ebenfalls, dass es verboten werden sollte, dass Mediziner ihre Studien selbst auswerten. Es sollte eine verbindliche Pflicht eingeführt werden, nach der Statistikexperten diese Studien auswerten müssen. Ebenfalls sei es ihm wichtig, dass Fortbildungen nicht mehr von Pharmakonzernen gesponsert werden dürfen, auch dies habe ich bereits in einem anderen Thread erwähnt: Fortbildungen für Ärzte in Deutschland wirklich sinnvoll?.

Weiterhin wäre es sinnvoll, wenn es ein unabhängiges Institut gäbe, bei dem man sich beschweren könnte, wenn man den Verdacht hat, dass eine Studie oder eine Leitlinie nicht korrekt erstellt worden ist. Ein Vorbild dafür ist bereits das IQWiG, dass bereits zahlreiche Studien widerlegt hat. Die Ergebnisse sollten ebenfalls für jeden öffentlich einsehbar im Internet stehen. Auch sei es für eine gute Medizin unabdingbar, dass man sich neue Kriterien für die Besetzung von Lehrstühlen sucht, momentan ist dies nicht selten der Umstrittene Impact Factor. Die Publikationen sollten stattdessen gewissenhaft und gründlich geprüft werden und nicht nur danach bewertet werden, wie oft sie zitiert worden sind.

Außerdem wäre die Veröffentlichung einer medizinischen Fachzeitschrift sinnvoll in der man Studien veröffentlicht, die die Ausgangshypothese nicht bestätigen konnten. Darin wären beispielsweise Studien zu sehen wie ''Ballaststoffe beugen Darmkrebs vor'', ''Obst und Gemüse schützt vor Krankheiten'' oder ''Übergewicht ist ungesund und führt zu mehr Herzkrankheiten''. Dadurch würde auch eine öffentliche Debatte zu diesen wichtigen Themen gefördert und die Verantwortlichen könnten sich dann nicht mehr dauernd hinter der ''bösen Industrie'' verstecken.

Zuletzt wünscht der Autor sich aber auch, dass vorsätzliche Verstöße juristisch bestraft werden sollten. Momentan gibt es sehr viele gefälschte und wissenschaftlich nicht haltbare Studien auf dem Markt, die alle Menschen glauben und die auch zu Leitlinien in der Medizin geführt haben. Inzwischen vermutet man, dass in der EU allein 450.000 Menschen dadurch sterben, dass sie ohne Notwendigkeit Medikamente bekommen haben, deren Nebenwirkungen zum Tode geführt haben.

Als ich mir das alles so durchgelesen habe, war ich ehrlich gesagt eher entsetzt darüber, dass diese Dinge in Deutschland nicht selbstverständlich sind. Deutsche lachen gerne über die USA und andere Gesundheitssystem, weil dort Menschen im schlimmsten sterben müssen, wenn sie sich lebensnotwendige Operationen nicht leisten können. Dabei sehen wir selbst nicht, dass in diesen Ländern keine Medikamente zugelassen würden, die bei uns verschrieben werden, weil sie dort direkt als Verstoß gegen korrektes, evidenzbasiertes Arbeiten gelten würden.

Denkt ihr, dass sich in der deutschen Medizin jemals etwas bessern wird, oder werden wir weiterhin den Weg der Pfuscher und Sponsoren gehen, die jeden schmieren können, der sich ihnen in den Weg stellt? Warum läuft es bei uns in Deutschland so schief und warum interessieren sich so wenige dafür? Glaubt ihr an eine baldige Verbesserung oder besteht diesbezüglich für euch keine Hoffnung mehr?

» Crispin » Beiträge: 14916 » Talkpoints: -0,43 » Auszeichnung für 14000 Beiträge



Soweit ich weiß warst du doch diejenige, die die wissenschaftliche Kompetenz von Medizinern stark angezweifelt hat. Und jetzt bist du dir sicher, dass der Autor, der ja offensichtlich Mediziner ist, die absolute Wahrheit wiedergibt?

Ich glaube eher, dass der Herr einfach einen Hass auf die Pharmaindustrie hat und die Wahrheit nur verzerrt wiedergibt. Sicherlich hat das Gesundheitssystem seine Schwächen und die Pharmaunternehmen ihre Interessen, aber das heißt noch lange nicht, dass alles so schlecht ist, wie es dargestellt wird.

Ich glaube viel mehr, dass der Autor versucht, seinen Bekanntheitsgrad mit der Verbreitung populistischer Thesen zu erhöhen. Im Endeffekt hat er auch erst einmal das Interesse, möglichst viele Bücher zu verkaufen. Das ist ein rein finanzielles Interesse, genauso wie es bei den Pharmakonzernen der Fall ist.

» Weasel_ » Beiträge: » Talkpoints: Gesperrt »


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