Handeln Patienten heutzutage immer mehr souverän?

vom 04.11.2014, 20:49 Uhr

Ich habe mich im Rahmen eines Projektes in der letzten Zeit mit dem Thema Krankenhäuser, Kliniken, Patienten und Ärzten beschäftigt. Dabei habe ich mit meiner Gruppe, mit der ich das Projekt bearbeitet habe, auch Umfragen durchgeführt und hatte zunehmend das Gefühl, dass Patienten heutzutage immer souveräner und eigenständiger handeln und gar nicht mehr so viel Wert auf die Meinung des Arztes legen.

Es ist zwar immer noch so, dass die meisten Patienten dem Arzt vertrauen, aber viele informieren sich bereits vorher über Krankheitsbilder im Internet und glauben dann manchmal auch, genauso viel zu wissen wie der Arzt. Außerdem informieren sie sich auch im Falle eine Zuweisung über mögliche Kliniken und bringen dann ihre eigene Meinung mit ein, obwohl die Ärzte ja meistens ihre festen Kliniken haben, welchen sie ihre Patienten zuweisen, wenn sie selbst sie nicht weiterbehandeln können.

Ist euch auch schon aufgefallen, dass Patienten immer souveräner und eigenständiger werden? Seht ihr das vielleicht auch an euch selbst, weil ihr euch mittlerweile vor einem Besuch beim Arzt mit dem Internet über eure Krankheit informiert? Oder ist die Meinung des Arztes für euch immer noch die wichtigste?

» *sophie » Beiträge: 3506 » Talkpoints: 1,38 » Auszeichnung für 3000 Beiträge



Also der Arzt an sich wird heute einfach nicht mehr wie der liebe Gott angesehen. Allgemein denke ich, dass die Menschen viel selbständiger geworden sind und schon längere Zeit auch im Handel als Kunden anders auftreten und ihre Rechte besser kennen als es früher einmal der Fall war. Auch Lehrer kriegen heute von Eltern mehr contra als früher.

Deshalb ist es eigentlich auch nur logisch, dass Menschen sich in Bezug auf ihre Gesundheit auch selbst mit der Thematik auseinander setzen. Gerade in einer Zeit wo Ärzte immer mehr zu Verkäufern mutieren, sehe ich das auch eindeutig gerechtfertigt an. Natürlich geht das durch Dr. Internet mitunter auch in völlig falsche Bahnen, aber das ist halt der Fluch und der Segen einer Informationsgesellschaft.

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» Bellikowski » Beiträge: 7700 » Talkpoints: 16,89 » Auszeichnung für 7000 Beiträge


Ich kann jetzt nur eine Antwort aus Arztsicht geben, weil ich da einiges mitbekommen habe. Die Ärzte können dieses: " Ich habe das und das habe ich gelesen, es muss genau das sein." nicht mehr hören. Die Patienten werden nicht souveräner, sondern treten mit einem Haufen Halbwissen gegen ärztliches Fachwissen an.

Es gibt immer mehr Patienten, die mit einer Diagnose hineinkommen und nur noch ein Rezept wollen, das kann doch nicht sein. Von souverän kann man nicht sprechen, weil auch jeder im Internet irgendeinen Mist hinschreiben kann, jeder kann einen auf Oberarzt Müller im Internet machen und schon glaubt man ihm.

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» Ramones » Beiträge: 47758 » Talkpoints: 8,52 » Auszeichnung für 47000 Beiträge



Ich habe es leider auch schon anders erlebt. Im November 2005 waren Ärzte der Meinung bei mir einen Verdacht auf eine Borderline-Persönlichkeitsstörung zu äußern und mich auch deswegen zu behandeln. Als ich von den Ärzten dazu Informationen haben wollte, sagte man mir, ich hätte doch Internet und soll mir meine Informationen dort suchen. Ach ja ich war damals als teilstationäre Patient dort.

Bis heute hat sich da sicherlich einiges geändert, aber ich kannte Borderline, zumindest dem Namen nach, damals schon. Und ich wusste damals schon, wenn ich da anfange zu suchen, kommen mehr unseriöse Seiten als seriöse Webseiten. Das ist heute zwar anders, aber an der Aussage knabbere ich heute noch.

Ich lese mir Informationen zu Krankheiten eher weniger an. Ich habe Sorge dann eher hypochondrisch zu wirken. Aber irgendwie speichert mein Kopf da enorm viele Randinformationen. So habe ich an sich schon lange gesagt, dass ist nicht unbedingt eine Borderline-Persönlichkeitsstörung und ich bin noch dazu depressiv. Beides habe ich mehrfach in der Klinik vor Ort angebracht.

Auskunft des behandelndes Oberarztes: Das ist alles Borderline. Besonders happy war ich dann, als ich die Antibabypille genommen habe, allerdings sollte das eher für die Psyche sein und der Frauenärztin eben nur die Borderline-Diagnose nannte. Ich hatte die tollsten Nebenwirkungen und das verstärkt. Die besagte Pille war bei Depressionen kontraindiziert. Seit dem achte ich darauf.

Die Therapeutin der Klinik war ähnlicher Meinung. Auf meinen Einwand, dass absolut nie eine richtige Diagnostik statt gefunden hat, meinte sie nur, sie macht die Testung nicht, das sei ihr zu aufwendig. Mir wäre mit der Diagnostik viel Leid erspart geblieben.

Mittlerweile behandelt mich ambulant eine Ärztin, die nach den ersten Gesprächen schon klar sagte, dass ich eindeutig depressiv bin und über meine Erzählungen nur den Kopf schüttelte. Die Ärztin ging sogar so weit, die Borderline-Diagnose anzuzweifeln. Sie hat mit mir eine Testung gemacht, obwohl ihr Chef das eigentlich nicht gerne sieht. Das Ergebnis hat es in sich und widerspricht eben auch der Meinung der Kollegen.

Mir würde es in meinem Fall trotzdem wenig bringen, mir da weitere Informationen anzulesen. Würde ich allerdings eine stationäre Reha-Maßnahme machen wollen, dann würde ich bewusst nach einer Klinik suchen, die darauf spezialisiert ist, damit so Sachen wie in der Akutklinik vor Ort nicht mehr passieren. Würde mich aber auch nicht mehr davon blenden lassen, das die Klinik als besonders toll gilt. Da sind mir andere Punkte wichtiger und die meisten Informationen bekommt man eben im Internet dazu.

» LittleSister » Beiträge: 10426 » Talkpoints: -11,85 » Auszeichnung für 10000 Beiträge



Natürlich ist kein Patient mehr das Dummchen von vor der Zeit des Internets. Wenn irgendetwas anfällt informiert man sich selbstverständlich und möchte wissen, was man gegen dieses oder jenes machen kann, also welche Hausmittelchen wohl helfen würden. Findet man nichts oder es handelt sich um etwas Schlimmeres, fragt man selbstverständlich den Arzt. Denn dafür ist er ja Arzt.

Mir ist es schon passiert, dass mir eine gravierende Nebenwirkung als banal hingestellt wurde. Da ich das aber mehrmals gelesen hatte und das für mich schlimm geworden wäre, habe ich um andere Tabletten gebeten, weil es die ja gab. Nicht bei Krankheitssymbolen, aber bei Tabletten bin ich vorsichtig geworden. Jedenfalls habe ich festgestellt, dass längst nicht alle Nebenwirkungen im Zusammenhang mit anderer Medizin bekannt sind. Zwei Ärzte haben mir kurz hintereinander etwas Verschiedenes gesagt. Ich sehe ein, dass nicht jeder Arzt alles wissen muss. Aber wenn ich die Möglichkeit schon habe nachzusehen, dann tue ich es.

Natürlich sind die Patienten eigenständiger geworden. Nun da sie die Möglichkeit des Nachsehens im Internet haben, wäre es dumm, sie nicht zu nutzen. Niemand will das Wissen der Ärzte und ihre Kompetenz anzweifeln. Aber das, was sie uns oft erzählen, ist nur ein Teil der Wahrheit und alles wird manchmal nicht verstanden. Da ist es schon ganz gut, das Internet befragen zu können. Auch wenn dort Laien ihre Ansicht wiedergeben, man muss ja nicht nur einen Bericht lesen. Bei mir ist es so, dass es mir zum besseren Verständnis hilft. Das heißt nicht, dass ich dem Arzt nicht vertraue. Aber kein Arzt hat heute mehr Zeit und dementsprechend kurz fällt das Gespräch aus. Man ist also darauf angewiesen, sich den nicht gesagten Rest aus dem Internet zu holen.

Ich sehe es sogar so, dass das Internet der Krankenkasse Gebühren erspart, weil man dann nicht so oft zum Arzt muss.

Wenn ein Arzt zu einer bestimmten Klinik in einer auswärtigen Stadt rät, fragt man sich oft warum. Da habe ich mal gehört, dass zwischen Klinik und Arzt eine mündliche Übereinkunft besteht, die den Ärzten, die einen Patienten überweisen, einen Bonus zusichert. Ob das stimmt, weiß ich nicht. Bei meiner Hausärztin ist mir das noch nicht passiert, aber beim Orthopäden

» Cid » Beiträge: 20027 » Talkpoints: -1,03 » Auszeichnung für 20000 Beiträge


Ich sehe diese Sache etwas zwiegespalten. Einerseits hat man heutzutage durch das Internet viele Möglichkeiten, die man früher nicht hatte. So war man früher darauf angewiesen, dem Arzt zu vertrauen. Man konnte nicht so einfach recherchieren, ob die Diagnose richtig war, die der Arzt da gestellt hat. Das ist heute doch einfacher möglich. Allerdings würde ich es auch nicht unbedingt als souverän bezeichnen, wenn man schon mit einer fertigen Diagnose zum Arzt kommt.

Wenn diese Diagnose von dem Patienten selbst gestellt wurde, weil sie eben zu dem passt, was der Patient im Internet gelesen hat, dann kann ich es auch verstehen, dass einem Arzt das nicht gefällt. Immerhin wird diesem die eigene Diagnostik dann nicht gerade einfacher gemacht und wenn der Arzt dann die gleiche Diagnose stellt, ist der Patient davon überzeugt, dass es absolut richtig war, die Diagnose aus dem Internet für voll zu nehmen. Es kann aber genauso gut auch mal falsch sein.

Bei der Überweisung des Arztes würde ich ihn dann einfach mal fragen, warum er diese Klinik bevorzugt, weil man vielleicht schon von verschiedenen Menschen mit ähnlichen Problemen eine andere Klinik empfohlen bekommen hat. Allgemein finde ich aber die Möglichkeiten des Internet gut, weil die Ärzte einfach nicht mehr so viel Zeit haben wie früher. Man bekommt eine Diagnose gestellt und keine genaue Erklärung, was diese bedeutet. Dafür ist das Internet dann optimal, wenn man auch darauf achten muss, auf einer seriösen Seite nachzusehen.

» Barbara Ann » Beiträge: 28946 » Talkpoints: 58,66 » Auszeichnung für 28000 Beiträge


Das ist der Trend unserer Zeit an sich und das Konzept heißt "Selbstermächtigung". Und das betrifft nicht nur den Medizinbereich. Jeder, der vermeintlich was zu sagen hat, stellt sein Wissen ins Internet oder bewertet irgend welche Vorgänge und viele Leser profitieren vermeintlich davon, weil sie keinen Experten mehr aufsuchen müssen, weil sie nun selbst ein Experte sind. Das Obrigkeitsdenken fällt immer mehr weg, das sieht man ja auch in anderen Bereichen wie zum Beispiel bei den Kirchen. Ich finde aber, dass das gerade bei schweren und komplexen Krankheiten nicht annähernd das fundierte Wissen eines studierten und erfahrenen Experten ersetzen kann.

Es stimmt schon, dass das Internet immer mehr Informationen liefert, bei denen sich der Patient vorab informiert und mit seinem Wissen nun zum Arzt marschiert, um sich entsprechend medizinisch versorgen zu lassen. Bei kleineren, nicht allzu schlimmen Krankheiten mag das ja auch ausreichen und vielleicht sogar den Arztbesuch ersparen, weil man sich selber therapieren kann. Das entlastet dann auch das Gesundheitssystem. Aber wenn man eine schlimme Diagnose hat, dann kann das erworbene Halbwissen den Arzt nicht ersetzen. Da können viele Missverständnisse passieren.

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